Handschriftliche Kostbarkeiten im Stadtarchiv Fulda

Geschichte hat viele "Gesichter". Akten, Urkunden, Siegel, Bilder sind Teil dieses kollektiven historischen Gedächtnisses. Hüter dieser je nach Perspektive mehr oder weniger kostbaren "Schätze" sind die Archive wie das Stadtarchiv Fulda. Was in ihren Tausenden von Regalkilometern Wertvolles schlummert, ist spätestens seit dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln der Öffentlichkeit schmerzhaft bewusst geworden.

Unikate
In Köln sind im Gegensatz zur Weimarer Anna Amalia Bibliothek unschätzbare "Unikate" verloren gegangen. Das wäre auch in Fulda der Fall, wenn zum Beispiel Ratsprotokolle verbrennen würden. "Denn sie gibt es nur einmal, so wie auch die Gründungsurkunde des Fuldaer Stadtrats von 1384, das älteste Gerichtsprotokoll der Stadt von 1494 oder das älteste Ratsprotokoll aus dem Jahr 1530″, sagt Archivleiter Dr. Thomas Heiler und beschreibt, was wäre, wenn es im Stadtarchiv zum Ernstfall kommen würde. Eine Gutenberg Bibel, so die schlichte Erkenntnis, sei ersetzbar, weil sie laut Heiler "weltweit glücklicherweise noch mehrfach vorkommt."

Umdenken
Die Geschichte hat viele Beispiele des Verlusts von bedeutendem Archivgut geliefert. In den Bauernaufständen haben marodierende Haufen zielgerichtet die adligen Archive verbrannt und damit den Nachweis ihrer Bringschuld gegenüber dem Lehnsherrn. Folglich standen Brandkatastrophen und die Beseitigung der Löschwasserschäden bislang stets im Focus des Interesses von Archivaren und zuständiger Stellen – weniger der Einsturz eines ganzen Gebäudes wie im tragischen Unglücksfall von Köln. Umdenken ist deshalb angesagt.

Erbe schützen
Seit 1961 gibt es ein Bundesprogramm zum Schutz kostbaren Kulturgutes. Der leitende Gedanke damals: Das Erbe der Republik vor dem Atomkrieg zu schützen und zu bewahren. Deshalb ist seiner Zeit "massenweise Archivgut verfilmt worden." Angefragt wurden jedoch nur die großen Archive. Das Fuldaer Stadtarchiv nicht, wie dessen Leiter bedauert. Die Archivalien der Fürstabtei und des Fürstbistums Fulda, die im Marburger Staatsarchiv lagern, sind verfilmt. Päpstliche und kaiserliche Privilegien sowie die Hammelburger Schenkungsurkunde von Karl dem Großen von 777 finden sich in diesen Beständen ebenso wie alle Protokollbände oder Akten, die die fürstäbtliche oder bischöfliche Verwaltung hervorgebracht haben. Somit sind sämtliche Quellen vor 1803 auf Film gesichert, von dem das Stadtarchiv jeweils eine Kopie besitzt.

Im Netz
"Highlights" dieser Bestände sind als Projekt des Marburger Staatsarchivs ins Netz gestellt worden, so exakt 2439 Urkunden des Fuldaer Reichsklosters aus der Zeit von 751-1837. Auch alle Fuldaer Urkunden vor 1803 mit Kurzbeschreibungen und hoch aufgelösten Bildern sollen in den nächsten Wochen folgen. Urkunden machen laut Heiler jedoch nur "ein Prozent der Bestände" aus. Die weitaus größere Menge bilden die Akten. "Sie sind oft nicht auf Mikrofilmen oder in digitalisierter Form gesichert", räumt der Leiter des Stadtarchivs ein.

Sichern
Ein zusätzliches Problem: Das papierlose Büro sei "ferner denn je", beschreibt Thomas Heiler die Entwicklung. Dem Stadtarchiv sei es dennoch gelungen, die Bestände der Stadt auf 40 Prozent ihres Volumens zu reduzieren, indem sie "durchforstet und auf die archivwürdigen reduziert worden sind." "Jetzt, wo wir das Archivgut bestimmt haben, müssen wir es durch Digitalisieren und Mikroverfilmen sichern." Das zumindest ist Heilers Wunsch. Und ein Projekt, das auf 10 Jahre angelegt wäre. Ansonsten drohe Gefahr für das wertvolle Archivgut, das stolze 600 Regalmeter hinter den historischen Mauern des Stadtarchivs füllt und von 1945 bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Bei der Langzeitsicherung "schwören" Archivare übrigens anstelle des Digitalisierens auf die Mikroverfilmung, ein ebenso günstiges wie einfach zu handhabendes Verfahren. Filme sollen nämlich eine Zeitspanne von mindestens 500 Jahren überdauern können. Wie beständig das Material ist, belegen bereits bis zu 150 Jahre alte Filme.

Goldenes Buch
Im Falle Fuldas wäre das "Goldene Buch" der Stadt zu sichern, das wohl verwahrt im Safe schlummert. Aber auch weitere "Schätze" seines Archivs wie die Gründungsurkunde des Fuldaer Stadtrats von 1384, das älteste Gerichtsprotokoll der Stadt von 1494 oder das älteste Ratsprotokoll aus dem Jahr 1530 müssen nach Worten Heilers verfilmt werden. Diese städtischen Unterlagen sind leider "noch nicht für die Ewigkeit" aufgehoben wie die Staatakten der Fürstabtei, die auch als Kopien in luftdicht verschlossenen Behältern im Oberrieder Stollen im Schwarzwald lagern.

Päpstliche Urkunde
Um zu zeigen, worüber er wacht, führt mich Thomas Heiler ins Obergeschoss des Stadtarchivs. Dort reiht sich ein graues Stahlregal ans andere. Behutsam lässt er eines zur Seite gleiten und greift nach einem der vielen sorgsam gestapelten "säurefreien" Kartons. Zum Vorschein kommt eine Bischofsernennungsurkunde von Papst Leo XIII. in filigraner, fein verzierter Handschrift und mit päpstlichem Siegel. Stück um Stück präsentiert Heiler weitere Meisterwerke aus der Feder geschickter meist mittelalterlicher Schreiber.

Kontakt:
Magistrat der Stadt Fulda
Stadtarchiv
Bonifatiusplatz 1+3
36037 Fulda
Leitung:
Dr. Thomas Heiler
Tel.: (06 61) 1 02 – 14 50
Fax: (06 61) 1 02 – 24 51
stadtarchiv@fulda.de

Quelle: Stadt Fulda / Magistratspressestelle, Pressemeldung, 27.3.2012

Salzburger Akten im Oberösterreichischen Landesarchiv zwischen 1816 und 1849

Durch das neue Buch "Salzburg als Teil von Oberösterreich (1816-1849). Salzburger Archivalien in den Beständen des Oberösterreichischen Landesarchivs" können sich Historiker "nun für ihre Forschungen bereits vor einem Archivbesuch in Linz einen Überblick über die Quellenlage verschaffen. Die in den Beständen des Oberösterreichischen Landesarchivs aufbewahrten Archivalien sind ein wichtiger Bestandteil der historischen Überlieferung unseres Bundeslandes – sie werden somit der Wissenschaft leichter zugänglich gemacht". Dies betonte der Direktor des Salzburger Landesarchivs, Dr. Oskar Dohle, am 7. März 2012 bei der Präsentation der Publikation, zu der das Archiv der Erzdiözese Salzburg, das Salzburger Landesarchiv und das Stadtarchiv Salzburg im Beisein der Ordinariatskanzlerin der Erzdiözese Salzburg Dr. Elisabeth Kandler-Mayr, Landesamtsdirektor Hofrat Dr. Heinrich Christian Marckhgott und Magistratsdirektor Dr. Hans Jörg Bachmaier eingeladen hatten.

Dr. Gerhart Marckhgott, Direktor des Oberösterreichischen Landesarchivs, hielt den Festvortrag zum Thema "Salzburg als Teil von Oberösterreich" und zitierte aus einem Administrationsbericht der ob der ennsischen Landesregierung vom März 1844, in dem über die triste wirtschaftliche und soziale Lage in Salzburg berichtet wird: "Zu Linz scheint sich, durch die Dampfschifffahrt und die ohne Dampf betriebene einfache Eisenbahn angeregt, etwas mehr Handelstätigkeit zu zeigen. Nicht so in Salzburg, welches mit seiner einstigen Größe und Flor seinen vormals sehr blühenden Handel verlor und die Rückwirkungen der Grenz- und Zollverhältnisse tief empfindet". Marckhgott hob die gute Zusammenarbeit der beiden Landesarchive hervor und regte an, mit diesen Administrationsberichten ein weiteres gemeinsames Publikationsprojekt zu machen.

Das heutige Bundesland Salzburg wurde zwischen 1816 und 1849 als Salzachkreis Teil des "Erzherzogtums Österreich ob der Enns" und büßte durch die verwaltungsmäßige Angliederung an das heutige Oberösterreich seine zentralörtliche Funktion weitgehend ein. Daher befinden sich auch Salzburger Akten dieser Zeit großteils im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz. Dieser Verlust verwaltungsmäßiger Eigenständigkeit fand auch ihren aktenmäßigen Niederschlag, da sich die für Salzburg zuständigen Oberbehörden für mehr als drei Jahrzehnte in Linz befanden. Die "Ausstellerüberlieferung" des Schriftgutes dieser Einrichtungen lagert, sofern sie nicht in den ersten Jahren nach 1850 nach Salzburg abgegeben wurde, bis heute im Oberösterreichischen Landesarchiv. Diese Akten stellen damit eine Ergänzung zu den Archivbeständen aus den Jahren 1816 bis 1850 bzw. 1860 dar, die im Salzburger Landesarchiv vornehmlich im "Kreisamt" aufbewahrt werden. "Unnötige Archivreisen nach Linz können somit in Zukunft verhindert werden, da sich der interessierte Historiker bereits in Salzburg einen genauen Überblick zur Quellenlage im Oberösterreichischen Landesarchiv verschaffen kann", sagte der Leiter des Salzburger Landesarchivs, Dr. Dohle.

Es sei wieder Ausdruck der guten Zusammenarbeit zwischen den Archiven, dass auch diese Publikation wieder als Gemeinschaftsprojekt realisiert werden konnte – sie erscheint daher in allen drei Schriftenreihen, sagte Dohle. Der Historiker Mag. Peter Eigelsberger wurde mit den Recherchen im Oberösterreichischen Landesarchiv beauftragt. Die Zusage der Archivleiter der Erzdiözese und der Stadt Salzburg für dieses "Dreier-Projekt" war absolutes Neuland, da es bis dato in Salzburg kein derartiges archivübergreifendes Vorhaben mit einer gemeinsamen Finanzierung eines Historikers gegeben hatte – noch dazu fanden die Recherchen in einem fremden Archiv und in einem anderen Bundesland statt. Ergänzend dazu werden im Salzburger Landesarchiv die Akten aus dem Bestand "Kreisamt" aus den Jahren 1816 bis 1850 bzw. 1860 – also das Verwaltungsschriftgut, das von den "Oberbehörden in Linz stammt", genauer verzeichnet.

Info:
Salzburg als Teil von Oberösterreich (1816-1849). Salzburger Archivalien in den Beständen des Oberösterreichischen Landesarchivs,
zusammengestellt von Peter Eigelsberger nach Vorarbeiten von Oskar Dohle
Salzburg 2012, 270 S.

Die Publikation kann im Webshop des Landes oder im Buchhandel zum Preis von 21 Euro (inkl. Inlandsversandkosten) bestellt werden.

Kontakt:
Salzburger Landesarchiv
Michael-Pacher-Str. 40
A-5020 Salzburg
Tel. 0662/8042/4521 oder 4527
Fax: 0662/8042/4661
landesarchiv@salzburg.gv

Quelle: Land Salzburg, Medienmitteilung, 7.3.2012

Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr erhält verschollene Urkunden

Die Überlieferung der Reichsherrschaft Styrum zählt zu den bedeutenden Altbeständen des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr. Zum Bestand gehören auch über 200 mittelalterliche und frühneuzeitliche Urkunden, die einen Zeitraum von 500 Jahren Styrumer Geschichte (1263 bis 1764) abdecken.

Mit der spektakulären Schenkung eines Privatmanns aus Süddeutschland ist es Archivleiter Dr. Kai Rawe gelungen, mehrere zum Teil als verschollen geltende Urkunden der Reichsherrschaft Styrum für das Stadtarchiv zu sichern. Der Besitzer hatte diese im Nachlass seines Onkels gefunden und daraufhin Rawe kontaktiert, um die Urkunden dem Mülheimer Stadtarchiv zuzuführen.

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Es handelt sich bei der Schenkung um insgesamt elf Pergamenturkunden aus den Jahren 1480 bis 1723, die sich überwiegend mit der Verleihung von Fischereirechten durch die Äbte des Klosters Werden an die Herren von Styrum beschäftigen. Herausragendes Einzelstück ist eine so genannte "Kaiserurkunde" des römisch-deutschen Kaisers Karl V., ebenfalls ausgestellt für die Herren von Styrum. Alle Lehnsurkunden waren bei der Übergabe gut erhalten und wiesen nur minimale Schäden auf. Lediglich die anhängenden Wachssiegel mussten dem Zahn der Zeit Tribut zollen und waren somit erst einmal ein Fall für die Restauratorin des Stadtarchivs. Wie die Urkunden in den Besitz des verstorbenen Privatmanns gelangt sind, bleibt unklar.

Der Hauptbestand der Reichsherrschaft Styrum wurde 1927 von der Stadt Mülheim angekauft, weitere Teile befinden sich im Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Standort Düsseldorf, sowie im LWL-Archivamt für Westfalen in Münster. Von einer vierten Teilüberlieferung in privater Hand war bislang nichts bekannt.

Die Urkunden wurden von den Mitarbeitern des Mülheimer Stadtarchivs restauratorisch sowie archivarisch bearbeitet und stehen ab sofort für die historische Forschung zur Verfügung.

Kontakt:
Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Aktienstraße 85
45473 Mülheim an der Ruhr
Telefon 02 08 / 4 55 42 60
Fax 02 08 / 4 55 42 79
stadtarchiv@muelheim-ruhr.de
www.stadtarchiv-mh.de

Quelle: Stadt Mülheim an der Ruhr, 24.3.2012; Der Westen, 24.3.2012

Archiv und Wirtschaft 1/2012

In Kürze erscheint Heft 1/2012 der Zeitschrift "Archiv und Wirtschaft", herausgegeben von der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare e.V. (VdW). Ein Beitrag in der neuen Ausgaben beschäftigt sich mit dem Datenschutz und dem Persönlichkeitsrecht bei Nachlässen in Archiven, ein längerer Bericht informiert über den letztjährigen VdW-Lehrgang zum Thema "Archivrecht für Wirtschaftsarchivare: Sensibilisierung – Orientierung – Professionalisierung".

Inhaltsverzeichnis "Archiv und Wirtschaft" 1/2012

VdW-Jahrestagung vom 6. bis 8. Mai 2012 in Leipzig: „Wind of Change“. Wirtschaftsarchive in Transformationsprozessen (Programm) (4)

AUFSÄTZE

Harald Müller: Datenschutz und Persönlichkeitsrecht bei Nachlässen in Archiven (5-10)

Kurt Möser: Carl Benz und die Erfindung des Automobils – Kontexte und Mythen (11-22)

Encarnación Niceas Martínez Ruiz: Spanish Archives, Laws, and Rights (23-28)

BERICHTE

Birgit Schäfer: Depyfag – Deutsche Pyrotechnische Fabriken GmbH in Cleebronn (28-32)

Thomas Gasch und Annette Schmidt: Archivrecht für Wirtschaftsarchivare: Sensibilisierung – Orientierung – Professionalisierung. 70. VdW-Lehrgang vom 29.5. bis 1.6.2011 in Heidelberg (33-37)

Ruth E. Clausen und Stefan Kern: 72. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen. Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen“ vom 9. bis 14.10.2011 in Heidelberg (38-41)

REZENSIONEN

Anna Bálint: Clariant clareant. Die Anfänge eines Spezialitätenchemiekonzerns (Alexander Bieri) (42-43)

Hermann-Josef ten Haaf: Kreditgenossenschaften im „Dritten Reich“. Bankwirtschaftliche Selbsthilfe und demokratische Selbstverwaltung in der Diktatur (Martin Krauß) (43-45)

Susanne Hilger und Achim Landwehr (Hrsg.): Wirtschaft – Kultur – Geschichte. Positionen und Perspektiven (Wilfried Reininghaus) (45-46)

Martin Lutz: Siemens im Sowjetgeschäft. Eine Institutionengeschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen 1917–1933 (Markus Friedrich) (46-47)

Alf Mintzel: Von der Schwarzen Kunst zur Druckindustrie: Die Buchdruckerei Mintzel und ihr Zeitungsverlag. Ein Familienunternehmen in fünf Jahrhunderten, Bd. I: Vom Dreißigjährigen Krieg bis 1800, Bd. II: Von 1800 bis zur Gegenwart (Edgar Lersch) (48-49)

Annegret Schüle: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, hrsg. v. d. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (Kurt Schilde) (50-51)

Andrea Wagner: Die Entwicklung des Lebensstandards in Deutschland zwischen 1920 und 1960 (Horst A. Wessel) (51-52)

Rolf Walter (Hrsg.): Globalisierung in der Geschichte. Erträge der 23. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vom 18. bis 21. März 2009 in Kiel (Wilfried Reininghaus) (52-53)

Nachrichten (53-54)

Rezensionsliste (54-55)

Impressum (56)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
Redaktion "Archiv und Wirtschaft"
c/o Bertelsmann AG
Corporate History
Carl-Bertelsmann-Straße 270
33311 Gütersloh
Telefon: 030-25561150
Telefax: 05241-80689992
Martin_Muenzel@Yahoo.com
www.wirtschaftsarchive.de/veroeffentlichungen/zeitschrift

Urkundendigitalisierung und Mittelalterforschung

Digitalisierungsprojekte von Urkundenbeständen deutscher Archive nehmen in den letzten Jahren zu. Urkunden eignen sich aus verschiedenen Gründen sehr gut für Projekte zur Digitalisierung sowie zur Präsentation und Bearbeitung im Internet. Das mit erheblichem Abstand größte Portal seiner Art ist das virtuelle Urkundenarchiv Monasterium.net, an dem neben vielen europäischen Partnern mittlerweile auch deutsche, vor allem bayerische Archive mit ihren Beständen beteiligt sind. Größere deutsche Projekte sind darüber hinaus etwa die von der DFG geförderten „Württembergischen Regesten“ mit ca. 8.000 Digitalisaten und die ebenfalls von der DFG geförderten Projekte zu den Urkunden der Klöster Fulda (abgeschlossen) und Hersfeld (in Bearbeitung) am Hessischen Staatsarchiv Marburg. Institutionen der Forschung und der Bewahrung des Kulturerbes arbeiten an der Retrodigitalisierung von existierenden Erschließungsinformationen in Drucken (wie z.B. die systematische Digitalisierung regionaler Urkundenbücher an der UB Heidelberg) und forschungsinternen Sammlungen (z.B. die Digitale Westfälische Urkunden-Datenbank mit 65.000 Urkunden) sowie an born-digital Projekten (z.B. das Virtuelle preußische Urkundenbuch).

Im Frühjahr 2010 wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft das Projekt \“Virtuelles deutsches Urkundennetzwerk\“ (VdU) genehmigt. Das Projekt will für die Quellengruppe der Urkunden einen Prototyp für eine verteilte virtuelle Forschungsumgebung schaffen und in Forschung und Lehre testen. Es geht im Projekt erstens um die Entwicklung von Workflows, die eine sukzessive, langfristige, verteilte und vor allem kooperative Digitalisierung des (gesamten) deutschen Urkundenbestandes organisierbar machen. Zweites Projektziel ist die Entwicklung eines technischen Instrumentariums, das eine Arbeitsumgebung im Sinne der Informationstechnologie bildet. Drittens wird in wissenschaftlichen Pilotprojekten die Verwendbarkeit der Arbeitsumgebung innerhalb von Forschung und Lehre getestet.
Am Projekt beteiligt sind die Landesarchivverwaltungen der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz, dann das Institut für geschichtliche Landeskunde (Universität Mainz), die Professur für Historische Grundwissenschaften an der LMU München, die Forschungsstelle für vergleichende Ordensgeschichte (Universität Eichstätt bzw. jetzt in Dresden) und das Institut für Historisch-kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung (Universität Köln). Hinzu kommen mehrere Kommunalarchive (Mainz, Speyer, Worms und Würzburg) sowie ein Diözesanarchiv (Archiv des Bistums Speyer).

Das Projekt möchte nun externen Sachverstand einbinden und gemeinsam mit führenden Mediävisten, Archivaren und Digitalisierungsdienstleistern Perspektiven der Urkundendigitalisierung im allgemeinen erörtern und Vorschläge für ein wissenschaftlich und organisatorisch sinnvolles nationales Programm entwickeln. Es soll dabei um folgende Fragen gehen:

  • Welche Interessen hat die Forschung generell an der Digitalisierung von Urkunden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, insbesondere im Verhältnis zu anderen Quellengruppen?
  • Welche Bestandsgruppen sind für dringend anstehende Forschungsaufgaben vordringlich? Welche Bestandsgruppen entfalten durch ihre Digitalisierung besonderes Forschungspotential?
  • Ist aus Sicht der Forschung der Bilddigitalisierungen oder der Digitalisierung von Regesten der Vorzug zu geben?
  • Welche Daten erwarten die Forscher von den Archiven (Erschließung, Bildqualität)? Welche Informationen können die Archive bereitstellen? Welchen Beitrag kann die Forschung zur Erschließungsarbeit der Archive leisten?
  • Welche Forschungsmethoden werden auf Urkunden angewendet? Welche könnten besonders gut auf digitalisierte Urkunden angewendet werden?
  • Welche Softwarefunktionalitäten sind für die Forschung wichtig, welche wünschenswert, welche überflüssig? Wo fügt sich eine virtuelle Forschungsumgebung für die Arbeit mit Urkunden in den mediävistischen Forschungsalltag ein? Mit welchen anderen Forschungshilfsmitteln muss sie zusammenarbeiten?
  • Können digitalisierte Urkunden die universitäre Lehre verbessern?
  • Wie lässt sich ein Urkundendigitalisierungsprojekt organisatorisch und technisch effizient abwickeln? Welche Mindestanforderungen bestehen und welche Risiken sind zu beherrschen?

Expertengespräch / Workshop
zur Begleitung des DFG-Projekts „VdU – Virtuelles deutsches Urkundennetzwerk

Termin: Freitag, 25. Mai 2012
Dauer: ca. 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr
Ort: Marburg, Hessisches Staatsarchiv, Friedrichsplatz 15
Veranstalter: DFG-Projekt „VdU“ (federführend: Manfred Thaller, Köln) – Hessisches Staatsarchiv Marburg – Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii – Abteilung Historische Grundwissenschaften und Historische Medienkunde der LMU München (Irmgard Fees)
http://www.hgw.geschichte.uni-muenchen.de/aktuelles/termine/urkundendigitalisierung/index.html

Programm

10.00 Begrüßung (Dr. Andreas Hedwig, Prof. Dr. Irmgard Fees)
10.30 Prof. Dr. Claudia Märtl (MGH): Die Relevanz der Beschäftigung mit mittelalterlichen Urkunden heute
11.00 Prof. Dr. Enno Bünz (Universität Leipzig): Digitalisierungsprojekte und die Probleme der Bearbeitung spätmittelalterlicher Urkundenbestände
11.30 Prof. Dr. Michael Menzel (Humboldt-Universität Berlin): Welche Prioritäten sind bei der Digitalisierung von Urkundenbeständen aus der Sicht der Forschung zu setzen?
12.00 Diskussion
12.30 Mittagspause
14.00 Dr. Andreas Hedwig (Hessisches Staatsarchiv Marburg): Welche Prioritäten sind bei der Digitalisierung von Urkundenbeständen aus der Sicht der Archive zu setzen?
14.30 Prof. Dr. Franz Fuchs (Universität Würzburg): Was ist unbedingt erforderlich, um mit digitalisierten Urkunden zu arbeiten?
15.00 Prof. Dr. Hedwig Röckelein (Universität Göttingen): Zur Digitalisierung universitärer Lehrsammlungen
15.30 Dr. Daniel Jeller (ICARUS): Technische Details: Wie sehen erschwingliche Lösungen aus?
16.00 Abschluss (Prof. Dr. Manfred Thaller)

Bei Interesse der Teilnehmer bietet das Hessische Staatsarchiv Marburg im Anschluss an den Workshop eine Führung durch die Urkundenabteilung an (Leitung: Dr. Francesco Roberg).

Die Teilnahme ist kostenlos; Anmeldung erbeten bis zum 15. Mai 2012 per E-Mail an:
Stadtarchiv Speyer
hiltrud.zellner@stadt-speyer.de
Tel. +49 (0) 62 32/14 22 65

Evaluierung des Politischen Archivs im Auswärtigen Amt

Prof. Dr. Karin Schwarz von der Fachhochschule Potsdam überreichte am 13. März 2012 eine Studie zur Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Benutzerfreundlichkeit im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Im Fachbereich Informationswissenschaften an der FH Potsdam ist das Politische Archiv einer unabhängigen, eingehenden archivfachlichen Studie unterzogen worden.

Im Vordergrund stand das transparente und nachvollziehbare Handeln im Politischen Archiv in Bezug auf die rechtmäßige, freie und gleiche Benutzung von Archivalien des Politischen Archivs. Geprüft wurde damit eine der Grundvoraussetzungen der demokratischen Funktion von Archiven. Diese wird in der Regel durch die strikte Trennung von Archiv und Verwaltung, die Unterlagen produziert und dem Archiv zur Übernahme ausnahmslos anbietet, zum Ausdruck gebracht. Das Politische Archiv stellt aufgrund seiner Einbindung in das Auswärtige Amt als Ressortarchiv eine deutsche, nicht aber europäische Besonderheit dar.

Für die Studie unter Leitung von Prof. Dr. Karin Schwarz wurde eine umfangreiche Benutzerumfrage unter in- und ausländischen Benutzern durchgeführt. Carolin Baumann, Claudia Busse und Annika Manegold (Absolventinnen des Bachelor-Studiengangs Archivwissenschaft) führten die Untersuchungen durch. Ihnen stand auch der Schriftverkehr des Politischen Archivs der letzten Jahre in vollem Umfang zur Verfügung. Diese Unterlagen spiegeln die Arbeitsweise des Archivs wider. Zudem sind sämtliche Mitarbeiter des Politischen Archivs befragt und Arbeitsprozesse in den Bereichen der Bewertung, Erschließung und Benutzung begutachtet worden.

Die Evaluierung ergab, dass das Politische Archiv stets die Zugänglichkeit der Archivalien – soweit dies im rechtlichen Rahmen möglich ist – mit einer qualitätsvollen Anfragenbearbeitung und Lesesaalberatung unterstützt. Auch jüngere Archivalien sind ab der Übernahme ins Archiv über Findmittel im Lesesaal recherchierbar. Das Projektteam hat keinerlei Hinweise oder Vermutungen, dass der transparente und demokratische Zugang zu Archivalien durch interne Weisungen beschränkt wird. Das Politische Archiv fördert die Benutzung in vorbildlichem Maße und wird in dieser Tätigkeit nicht behindert, externe Nutzung auch nicht verhindert oder absichtlich zeitlich verzögert.

Eine unter 1.266 externen Benutzern durchgeführte Online-Umfrage (zu den Ergebnissen der Benutzerumfrage hier) erbrachte ein sehr positives Bild des Politischen Archivs unter den deutschen und ausländischen (41% in 2011) Benutzern. Den Großteil bilden postgraduale Wissenschaftler, die die Bestände des Alten Amts nutzen. Eine Kollision zwischen den internen Interessen des Auswärtigen Amts und den externen Benutzerinteressen wird laut Benutzerumfrage nicht wahrgenommen. Dies bestätigt die Ergebnisse des Projektteams zum rechtmäßig gleichen Zugang zu Archivalien. Verbesserungsbedarf sahen die Benutzer nicht in den grundsätzlichen Aspekten des Archivzugangs, sondern in der Art und Weise.

Die Empfehlungen des Projektteams an das Politische Archiv betreffen u.a. die Bereitstellung und Übersichtlichkeit von Findmitteln, um eine selbständige Recherchierbarkeit zu fördern. Hier wird eine Revision hinsichtlich Vollständigkeit und Einheitlichkeit, Verstehbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Findmittel befürwortet. Die Bereitstellung einer Online-Beständeübersicht wird vom Politischen Archiv bereits vorbereitet, der Weg hin zu Online-Findbüchern von einzelnen Beständen wird im Projektbericht detailliert vorgeschlagen. Weitere Empfehlungen betreffen die Nachvollziehbarkeit archivischer Arbeitsprozesse bei der Bewertung von Unterlagen sowie eine strategische Planung bei der Erschließung.

Die allgemeine Zufriedenheit der Benutzer mit dem Politischen Archiv lässt sich nach dem Umzug in den neuen, modernen Lesesaal sowie der Bereitstellung von Online-Findmitteln und der Verbesserung der Findmittel steigern. In den kommenden Jahren wird mit einem Zuwachs an Aufgaben im Bereich der digitalen Archivierung und Bereitstellung zu rechnen sein, die ausreichend Ressourcen für den mittlerweile üblichen digitalen Zugang zu Archivalienreproduktionen benötigen werden.

Link: Druckversion der Zusammenfassung

Kontakt:
Prof. Dr. Karin Schwarz
schwarz@fh-potsdam.de

Quelle: FHP, 13.3.2012

Evangelisch in Altrumänien

Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben kennt (fast) jeder. Von Dobrudschadeutschen hat mancher einmal gehört. Doch dass es jenseits des Karpatenbogens jahrhundertelang zahlreiche deutschsprachige Gemeinden evangelischer wie auch katholischer Konfession gegeben hat, das wissen die Wenigsten.

Die altrumänische evangelische Diasporageschichte spannt sich über mehr als zweihundert Jahre von der schwedisch­russisch­österreichischen Vorherrschaft in den Donaufürstentümern über den Beinahe­Zusammenbruch der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien 1944/1948 bis in die Jetztzeit. Damit geht es aber zugleich um die klassische Phase der Nationalstaatsbildung Rumäniens und die zwei Weltkriege, die deren Schicksal in Feindesland bestimmten.

Dr. Christa Stache und Dr. Wolfram G. Theilemann beschreiben mit weiteren Autoren die spannende Geschichte dieser deutschsprachigen Migranten, die von ihren Sprach­ und Stammesgenossen nördlich der Karpaten zeitweise völlig vergessen worden zu sein schienen.

Wie unerwartet aufregend Archivarbeit sein kann, vermittelt dieses Buch ebenso wie authentische, minutiös transkribierte lebendige Reiseberichte aus dem Altrumänien des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts.

Info:
Evangelisch in Altrumänien. Forschungen und Quellen zur Geschichte der deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinden im rumänischen Regat
Herausgegeben von Stache, Christa / Theilemann, Wolfram G. Umschlaggestaltung von Roth, Anselm. Vorwort von Klein, Christoph / Schindehütte, Martin
ISBN : 978-3-941271-70-8
gebunden, 645 S., 950 g, mit 20 farbigen Abbildungen, 22,0 x 16,0 cm, Schiller Verlag 2012

Aus den Reihen:
Veröffentlichungen des Evangelischen Zentralarchivs in Berlin 9
Miscellanea ecclesiastica 9 (Veröffentlichungen des Zentralarchivs der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien)

Auf der Suche nach digitalen Quellen? 13. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik

Authentische Quellen im Internet als Basis für Unterricht und Projekte? Seit langem werden von Archiven digitale Quellen zur Landesgeschichte zur Verfügung gestellt. Über dieses Medium können sich Schüler/innen lokal- bzw. regional verorteten Themen zur Lebens- und Erfahrungswelt nähern, um so die eigene Gegenwart als historisch gewachsen zu verstehen.

Die diesjährige archivpädagogische Tagung (13. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik) hat sich zur Aufgabe gemacht, Lehrer/innen auf die Möglichkeiten der Nutzung digitaler Quellen aufmerksam zu machen. Es geht zum einen um die Präsentation historischer Themen mit stadt- und regionalgeschichtlichen Schwerpunkten aus den Stadtarchiven in Heilbronn und Ulm und um deren Einordnung in größere Kontexte. Zum anderen steht das landeskundliche Informationssystem LEO-BW im Mittelpunkt, das zum 60jährigen Jubiläum des Landes im April 2012 online gehen wird. Letzteres stellt u.a. wertvolle Informationen zur historischen Statistik bereit. Material findet sich für jede der rund 3400 historischen Gemeinden Baden-Württembergs – ideal, um Entwicklungen des nahen Raumes zu erkunden.

Alle vorgestellten Materialien sind so aufbereitet, dass auch Lehrer/innen, die sich nicht auf Archivarbeit spezialisiert haben, die bereitgestellten lokal-, stadt- und regionalgeschichtlichen Quellen in den Unterricht integrieren können.

Auf dem Markt der Möglichkeiten präsentieren sich digitale Quellen und erfolgreiche Projekte aus dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2010/11.

Freitag, 23. März 2012,
vormittags: Landesarchiv Baden-Württemberg – Generallandesarchiv Karlsruhe
nachmittags: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Karlsruhe

PROGRAMM

Tagungsort Vormittag: Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche
Hildapromenade 3
10.00 Uhr

BEGRÜSSUNG
Prof. Dr. Robert Kretzschmar, Präsident des Landesarchivs
GRUSSWORT
Staatssekretär Dr. Frank Mentrup, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport

10.15 Uhr
Dr. Peter Exner / Prof. Dr. Sabine Holtz,
Landesarchiv Baden-Württemberg
Das landeskundliche Informationssystem LEO-BW und die Schule

11.00-11.30 Uhr KAFFEE

11.30-12.00 Uhr
Prof. Dr. Christhard Schrenk / Werner Föll, Stadtarchiv Heilbronn
Archiv und Schule – digital
12.00-12.30 Uhr
Matthias Grotz, Stadtarchiv Ulm / Thomas Müller, Schubart-Gymnasium Ulm
Archiv und Schule – digital

12.30-13.30 Uhr MITTAGSPAUSE

Tagungsort Nachmittag: Landesmedienzentrum Karlsruhe, Moltkestraße 64

13.30 Uhr
Vorstellung der Stände auf dem Markt der Möglichkeiten
13.45 Uhr
MARKT DER MÖGLICHKEITEN
"Skandale in der Geschichte." Prämierte Projekte des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2010/11
Digitale Quellen im Netz

15.30 Uhr SCHLUSSDISKUSSION
16.00 Uhr ENDE
…………………………………………………..
Berichte über die bisherigen zwölf Tagungen finden Sie unter
www.landesarchiv-bw.de/web/46206
…………………………………………………..
TAGUNGSORTE
Vormittags: Generallandesarchiv Karlsruhe, Nördliche Hildapromenade 3
Nachmittags: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Karlsruhe, Moltkestraße 64 (Parkplätze im Hof)
Wegbeschreibungen: http://www.landesarchiv-bw.de/web/46207 und
www.lmzbw.de/uploads/media/anfahrt_ka_neu.pdf
…………………………………………………..
ANMELDUNG BITTE AN Beate.Stegmann@la-bw.de
(es wird keine Tagungsgebühr erhoben)
…………………………………………………..
ANSPRECHPARTNER
Landesarchiv Baden-Württemberg
Prof. Dr. Sabine Holtz
sabine.holtz@la-bw.de
Regierungspräsidium Karlsruhe, Abt. 7
Schule und Bildung
Dr. Rainer Hennl
RainerDr.Hennl@rpk.bwl.de

Westfälischer Archivtag in Gronau

Experten halten eine Digitalisierung kompletter Archive im Internet für unrealistisch. "Man muss bedenken, dass jedes Stück im Archivmagazin statistisch betrachtet nur alle dreißig Jahre einmal genutzt wird", so Dr. Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamtes für Westfalen. Stattdessen müsse der Zugang zu Archiven mit Beständeübersichten und Findbüchern online über Portale wie www.archive.nrw.de erleichtert werden, sagte Stumpf am 13.3.2012 in Gronau zu Beginn des 64. Westfälischen Archivtages vor 200 Archivaren aus Westfalen-Lippe und benachbarten Bundesländern.

Kommunalarchive verwahrten einzigartige Quellen zur Stadtgeschichte, hieß es weiter. Sie seien lebendige Geschichtsorte, die von Menschen unterschiedlichen Alters und mit ganz unterschiedlichen Interessen besucht werden. Es gelte, die alltäglichen Herausforderungen zu meistern und zielgruppenbezogene Angebote in der Zukunft zu verbessern.

"Die Kommunalarchive können nur dann Angebote sinnvoll zuschneiden, wenn sie die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Nutzer kennen. Doch gibt es \’die‘ Archivbenutzerin überhaupt?" fragte Stumpf. "Eine angemessene Kundenorientierung zählt mit zu den größten Herausforderungen, die unser Stadtarchiv zu leisten hat. Die archiverfahrene Wissenschaftlerin muss das Archiv genauso zufrieden verlassen wie der Heimatforscher, der sich nach seiner Pensionierung erstmals entschließt, die Geschichte seines Ortes zu erforschen", betonte der 2. stellv. Bürgermeister der Stadt Gronau, Klaus Lüttikhuis. Der Austausch von Erwartungen an die Archivarbeit durch drei Nutzergruppen (Heimatforschung, Verwaltung, Schule) bildete den Themenschwerpunkt des ersten Veranstaltungstages.

Am zweiten Tag bestimmten Fragen der Benutzung in Zeiten digitaler Medienvielfalt die Tagungsdiskussion. "Nicht selten fragen mich jüngere Nutzer erstaunt, warum nicht alle Quellen des Stadtarchivs im Internet zu "googlen" seien. Der unmittelbare, komfortable Zugriff auf Archivgut vom heimischen Rechner aus erspare ihnen schließlich viel Zeit", berichtete der Stadtarchivar von Gronau, Gerhard Lippert.

Auch rechtliche Fragen im Zusammengang mit der Nutzung von Archivgut wurden im Rahmen der Fachtagung behandelt. "Kundenorientierung und geltendes Recht stehen dabei immer wieder in einem Spannungsverhältnis. Viele Nutzerinnen eines Stadtarchivs wären dankbar, wenn sie beispielsweise die stadtgeschichtliche Fotosammlung im Internet recherchieren könnten. Wenn jedoch das Archiv nicht alle Urheber der Fotos kennt bzw. entsprechende nutzungsrechtliche Absprachen nicht vorliegen, lässt das geltende Urheberrecht bis zum Ablauf von 70 Jahren nach Tod des Urhebers eine Präsentation der Fotos im Internet nicht zu", warnte Dr. Kai Zwicker, Landrat des Kreises Borken.

Archiv ohne Lesesaal? Dieses Szenario konnte sich keiner der Teilnehmer vorstellen. Einigkeit herrschte jedoch unter den Archivexperten darüber, dass die digitale Medienvielfalt besondere Herausforderungen an die Archive stellt. Tätigkeitsverschiebungen sind wahrscheinlich, neue Aufgaben kommen hinzu und die Aneignung neuer Kompetenzen sei unverzichtbar. "Wir sind froh, dass wir mit unserem LWL-Archivamt für Westfalen eine Beratungseinrichtung haben, die die Kommunalarchive bei den neuen Herausforderungen fachlich engagiert unterstützen kann. Viele Bundesländer beneiden uns um diese Einrichtung", führte LWL-Kulturreferent Reinhard Klotz aus.

Kontakt:
LWL-Archivamt für Westfalen
Jahnstr. 26
48147 Münster
Tel.: 0251/591-3890
Fax : 0251/591-269
LWL-Archivamt@lwl.org
www.lwl.org/LWL/Kultur/Archivamt

Quelle: LWL, Pressemitteilung, 13.3.2012

Verfolgungsakten der deutschen Besatzungsverwaltung in Belgien erschlossen

Genau vor 61 Jahren, am 9. März 1951, verurteilte das Kriegsgericht Brüssel den Militärbefehlshaber Alexander von Falkenhausen und den Militärverwaltungschef Eggert Reeder zu 12 Jahren Zwangsarbeit für ihrer Verantwortung bei der Hinrichtung von Geiseln und bei der Deportation von Juden während der deutschen Besatzung. Das gleiche Gericht verurteilte ein knappes halbes Jahr später Constantin Canaris, Chef der deutschen Geheimpolizei im besetzten Belgien, zu einer Gefängnisstrafe von 20 Jahren.

Die Akten, die zur Zeit ihrer gerichtlichen Verfolgung angelegt wurden, werden im Archiv des Militärgerichts im Brüsseler Justizpalast aufbewahrt. Weil sie einen privilegierten Einblick in die Funktionsweise und in die Ziele der deutschen Besatzungsverwaltung gibt, hat das SOMA (Centre For Historical Research And Documentation on War and Contemporary Society) im Jahr 2005 beschlossen diese Dokumente eingehend zu beschreiben und zu digitalisieren.

Nach Abschluss dieser Arbeit können Forscher und Interessierte die Inventare und digitalisierte Bilder konsultieren. Aufgrund der Gesetze zum Schutz der Privatsphäre ist dies allein im Lesesaal unserer Institution möglich. Mit diesem Digitalisierungsprojekt verschafft das SOMA der (historischen) Forschung über die deutsche Besatzung erneut ein nützliches Werkzeug.

Link: http://www.cegesoma.be/cms/index_en.php?article=1971

Kontakt:
Centre for Historical Research and Documentation
on War and Contemporary History (CEGES – SOMA)
Gerd De Coster, Archivar
Square de l\’Aviation 29
B-1070 Brüssel
Belgien
++32 (0)2 556 92 42
gerd.decoster@cegesoma.be
www.cegesoma.be

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