Archive und Bibliotheken im ersten NRW-Landeskulturbericht

Nach Zustimmung des nordrhein-westfälischen Landeskabinetts ist der erste Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen am 21.3.2017 dem Landtag zugeleitet und der Öffentlichkeit präsentiert worden. Gemeinsam mit dem bereits beschlossenen Kulturförderplan 2016-2018 vollzieht der Landeskulturbericht weitere Vorgaben des Kulturfördergesetzes. Für den ersten Landeskulturbericht 2017 wurden empirische Untersuchungen und externe Studien erarbeitet.

In der Rubrik „Kulturelles Erbe in NRW“ des Landeskulturberichtes Nordrhein-Westfalen 2017 (Druckfassung) werden u.a. die Archive und Bibliotheken vorgestellt:

„Über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt bilden mindestens 850 Archive in ihrer Gesamtheit das historische und kulturelle Gedächtnis des Landes. Sie bewahren und erschließen das Archivgut von staatlichen, kommunalen und kirchlichen Verwaltungen ebenso wie das von Parteien, Wirtschaftsunternehmen, Vereinen und Vereinigungen, Verbänden, Stiftungen; dazu die Nachlässe von herausragenden nordrhein-westfälischen Einzelpersonen. Das historische Gedächtnis des Landes Nordrhein-Westfalen bzw. seiner Vorläufer befindet sich im Landesarchiv NRW mit seinen drei Abteilungen Rheinland, Westfalen und Lippe-Detmold.
In den letzten Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, eine höhere Zugänglichkeit der Bestände zu ermöglichen. Eine besondere Stellung kommt hierbei dem vom Landesarchiv NRW seit 1998 betriebenen und 2014 erweiterten Portal „Archive in NRW“ zu, das mehr als 450 Einrichtungen verzeichnet und Informationen nicht allein über das Landesarchiv und die Kommunalarchive, sondern auch über die Archive der politischen Parteien, über katholische und evangelische Kirchenarchive, Unternehmensarchive sowie Privatarchive bereitstellt.
Die Archivlandschaft in Nordrhein-Westfalen reicht von einer Vielzahl evangelischer und katholischer Archive über die Bestände des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten bis hin zu einer hohen Zahl von Adelsarchiven und etwa 20 institutionell ausgebauten Unternehmensarchiven wie der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, die Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv in Dortmund oder das Zentralarchiv der Rheinmetall AG in Wuppertal. Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf ist eines der bundesweit bedeutendsten Literaturarchive, das Goethe-Museum in Düsseldorf gilt mit über 35.000 Sammlungsstücken als eines der wichtigsten Goethe-Forschungsinstitute und -archive weltweit.
Beratung und Unterstützung bieten zwei Archivberatungsstellen der Landschaftsverbände, die zudem Fortbildungen und jährliche Archivtage im Rheinland und in Westfalen-Lippe organisieren.
Hervorzuheben sind einige besondere Archiveinrichtungen in Nordrhein-Westfalen: Auf dem Gelände der früheren Abtei Brauweiler in Pulheim bei Köln, im heutigen LVR-Kulturzentrum, befindet sich das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, das Gesamtwerke von Gegenwartskünstlern in Deutschland dokumentiert und aufbereitet. In Köln befindet sich das DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, das Zeugnisse zur Einwanderungsgeschichte in Deutschland sammelt.
Duisburg ist Sitz des afas – Archiv für alternatives Schrifttum, das Materialien aus den „Neuen Sozialen Bewegungen“ und dem breiten Spektrum der linken und alternativen Szene(n) dokumentiert.
Das Dortmunder A:AI Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW sammelt als Spartenarchiv Vor- und Nachlässe von Architektinnen und Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieuren mit einem Bezug zu Nordrhein-Westfalen. Es hat seine Bestände jüngst in das 2016 gegründete Baukunstarchiv NRW eingebracht.
Eine Sonderstellung für das Kulturelle Erbe des Landes kommt dem auf mehrere Standorte in Duisburg, Münster und Detmold aufgeteilten Landesarchiv Nordrhein-Westfalen zu. Hierbei gilt die 2014 in einem ehemaligen Speichergebäude des Duisburger Hafens neu eröffnete Abteilung Rheinland als eines der größten Archive Deutschlands mit Beständen aus rund 1.200 Jahren rheinischer Geschichte.
In der Abteilung Westfalen in Münster wiederum sind u. a. rund 100.000 Pergamenturkunden gesammelt, darunter 114 mittelalterliche Kaiser- und Königsurkunden. Die Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold ist die zentrale Aufbewahrungs- und Dokumentationsstelle für die Geschichte der Region Ostwestfalen-Lippe und für die Genealogie in ganz Westfalen.Bedeutsam für den Erhalt des Kulturellen Erbes ist zudem die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in Mönchengladbach.
Sie inventarisiert flächendeckend und systematisch Glasmalereien in sakralen und nicht sakralen Gebäuden und macht sie damit der wissenschaftlichen Forschung und Präsentation zugänglich.
Weitere zentrale archivalische Aufgaben übernehmen die Universitäts- und Landesbibliotheken in Bonn, Düsseldorf und Münster, die durch das (2013 erneuerte) nordrhein-westfälische Pflichtexemplargesetz die Aufgabe haben, Altbestände und Neuerscheinungen, die in Nordrhein-Westfalen verlegt werden, zu sammeln und beständig verfügbar zu halten.“

Quelle: Landeskulturbericht, Nordrhein-Westfalen 2017, 59-61.
https://www.mfkjks.nrw/sites/default/files/asset/document/mfkjks_landeskulturbericht_2017_druckfassung.pdf

Archiv und Wirtschaft 1/2017

In Kürze erscheint die Ausgabe 1/2017 der seit 1967 vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „Archiv und Wirtschaft“. Im neuesten Heft wird u.a. an diese 50-jährige Geschichte erinnert – nicht nur in Gestalt des ersten Titelbildes.

Inhaltsverzeichnis „Archiv und Wirtschaft“ 1/2017

VdW-Jahrestagung vom 23. bis 25. April 2017 in Düsseldorf (Programm) (4-5)

50 JAHRE ARCHIV UND WIRTSCHAFT

Martin L. Müller: 50 Jahre „Archiv und Wirtschaft“ (6-8)

Artur Zechel: Die Aufgabe der Vereinigung Deutscher Werks- und Wirtschaftsarchivare. Zugleich ein Geleitwort zu „Archiv und Wirtschaft“ (1967) (9-12)

AUFSÄTZE

Susanne Witschaß-Beyer: Das Archiv des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V. (BDI) – Aus einer „Sammlung“ erwächst ein lebendes Verbandsarchiv (13-23)

Sylvia Goldhammer: Unternehmensarchive im Wirtschaftsarchiv des Instituts für Stadtgeschichte (23-30)

Oliver Häuser und Laura Kopp: Das Firmenarchiv der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG in Winnenden und seine Kunstsammlung (31-35)

BERICHTE

Svenja Egli: Jahrestagung des Arbeitskreises der Chemie- und Pharma-Archivare am 6. und 7. November 2016 bei der F. Hoffmann-La Roche AG in Basel (36-38)

Christoph Kießling und Matthias Bartsch: 84. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen (Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen)“ vom 16. bis 21. Oktober 2016 in Heidelberg (38-41)

REZENSIONEN

Markus Behmer, Birgit Bernard und Bettina Hasselbring (Hrsg.): Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung (Gregor Patt) (42-43)

Angelika Königseder: Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus (Kurt Schilde) (43-45)

Kornelia Rennert: Wettbewerber in einer reifen Branche. Die Unternehmensstrategien von Thyssen, Hoesch und Mannesmann 1955 bis 1975 (Dirk Wiegand) (45-47)

Tim Schanetzky: Regierungsunternehmer. Henry J. Kaiser, Friedrich Flick und die Staatskonjunkturen in den USA und Deutschland (Thomas Seidel) (47-49)

Sebastian Weinert: 100 Jahre Fürst Donnersmarck-Stiftung 1916-2016 (Axel Schuster) (49-51)

Nachrichten (51)

Rezensionsliste (51-52)

Impressum (56)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
Redaktion „Archiv und Wirtschaft“
c/o Bertelsmann SE & Co. KGaA
Corporate History
Carl-Bertelsmann-Straße 270
33311 Gütersloh
Telefon: 030-2093-70571
Martin_Muenzel@Yahoo.com
http://www.wirtschaftsarchive.de/veroeffentlichungen/zeitschrift

Grundstein für das neue Stadtarchiv Köln gelegt

Neubau kostet 80,5 Mio Euro

Am 17.3.2017, 8 Jahre und 13 Tage nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln, wurde am Kölner Eifelwall der Grundstein für den Neubau des Stadtarchivs gelegt. Oberbürgermeisterin Henriette Reker gedachte in ihrer Rede auch der zwei Todesopfer, die das Unglück forderte. Unter den zahlreichen Gästen aus Politik, Verwaltung und Kultur auch Stefan Neuhoff, der damals als Chef der Kölner Berufsfeuerwehr die Bergung der historischen Dokumente leitete.

Abb.: OB Henriette Reker hält die Messingplombe, die dann in den Grundstein gesetzt wird. Sie ist gefüllt mit Zeitdokumenten (Foto: Jürgen Schön/Köln)

In der Messingplombe, die Reker in den Grundstein legte, befinden sich ein historischer „Kölnpfennig“, ein Satz aktueller Euro-Münzen (allerdings kein 2-Euro-Stück mit dem Kölner Dom), ein Satz aktueller Kölner Tageszeitungen, zwei historische Fotos aus dem Rheinischen Bildarchiv und etwas Schutt des alten Archivs. Anschließend wurde der kleine Schacht mit einer Platte verschlossen, jeder der am Bau verantwortlich Beteiligten durfte eine Kelle Mörtel verschmieren. Zum Abschluss klopften gemeinsam alle mit einem Maurerhammer die Platte fest.

Auf dem Grundstück an der Ecke Eifelwall/Luxemburger Straße soll das „modernste kommunale Archiv Europas“ entstehen. Für Ende 2020 ist die Eröffnung des „Bürgerarchivs“ geplant. Es wird die Dokumente aus über 1000 Jahren Stadtgeschichte bewahren – 95 Prozent konnten nach dem Einsturz geborgen werden, ihre Restaurierung wird sich noch einige Jahrzehnte hinziehen. Die Kosten für den Archiv-Neubau sind auf 80,5 Millionen Euro kalkuliert.

Gebaut wird nach dem Entwurf des Darmstädter Architekturbüros Waechter + Waechter, das sich bei dem Wettbewerb gegen 40 Konkurrenten durchsetzen konnte. Es sieht eine sechsgeschossige quadratische „Schatzkammer“ mit dunkler, geschlossener Fassade für die Archivalien vor.

Abb.: Siegerentwurf für den Neubau des Kölner Stadtarchivs (Foto: dpa/Oliver Berg)

Platz für 60 Kilometer Regale
Sie wird umfasst von zwei Innenhöfen und einem dreigeschossigen Gebäude mit viel Glas, das Einsicht nach innen und draußen bietet. Hier finden sich die Lesesäle, ein Vortragssaal, die Büros und Restauratoren-Werkstätten. Auf einer Gesamtfläche von etwa 20.300 Quadratmetern ist Platz für rund 58 Regalkilometer und 460 Planschränke. Hinzukommen 2,2 Regalkilometer für das Rheinische Bildarchivs, das ebenfalls hier einziehen wird.

In einem aufwändigen Sicherungsverfahren wird derzeit die Unglücksursache für den Einsturz gesucht, der im Zusammenhang mit dem Bau der Nord-Süd-U-Bahn am Waidmarkt steht.

Quelle: Stadt Köln, Pressemitteilung, 17.3.2017

An der Grenze der Wissenschaft. Freiburg – locus occultus

Freiburger Sammlungen

Reihenweise schlichte Metallregale, deckenhoch, bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit Ordnern und Kartons. Ein ganz gewöhnliches Archiv, könnte man meinen, auf den ersten Blick eher unspektakulär, randgefüllt mit Unterlagen und Papier. Lüftet man jedoch den ein oder anderen Kistendeckel oder wirft einen Blick auf die Ordnerrücken, so scheint es, als wäre dieses Archiv doch nicht so gewöhnlich, ganz im Gegenteil, als gäbe es hier die ein oder andere Besonderheit zu entdecken. Eine der Kisten etwa enthält ein Sammelsurium aus angelaufenem, verbogenem Silberbesteck, „Spontanfälle“ steht auf einigen der Ordnerrücken. Es ist das Archiv des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. (IGPP).

Abb.: Objekte aus dem IGPP (Fotos: Lisa Blitz)

Das Freiburger Institut, das es so in Europa kein zweites Mal gibt, hat es sich zum Auftrag gemacht, Unterlagen und Objekte zu sammeln, die in Zusammenhang mit außergewöhnlichen, paranormalen Phänomenen stehen. „Das sind Ereignisse, die aus dem üblichen Wirklichkeitserleben hinausfallen – wie etwa Spuk oder Hellsehen“, erklärt Uwe Schellinger, Historiker und Archivar des Instituts. Die Kernthemen, mit denen sich das Institut beschäftigt, sind einerseits verschiedene Formen der außersinnlichen Wahrnehmung: Dazu zählen Prä- oder Retrokognition, also die Fähigkeiten, in die Zukunft oder die Vergangenheit zu blicken sowie Telepathie. Ein zweites Feld ist die Psychokinese: Können nicht-physikalische Einflüsse auf die Materie stattfinden? Kann es etwa gelingen, nur mit Gedankenkraft Gegenstände zu verformen? Uri Geller war in den 1970er Jahren nicht der Einzige, der sich hierzu befähigt sah.

Und auch die Erforschung von Spukfällen ist Gegenstand der parapsychologischen Forschung. „Damit sind keine weißen Frauen gemeint, die durch die Wohnung geistern, wie es die Medien oft darstellen“, bemerkt Schellinger. „Spuk, das sind Geräusche, die man sich nicht erklären kann, Poltern zum Beispiel. Oder wenn Sachen wie von Geisterhand bewegt werden, Dinge durch die Luft ‚fliegen‘.“ Noch heute ist dem Institut eine psychologische Beratungsstelle angeschlossen, an die man sich etwa mit Spuk-Erfahrungen wenden kann.

So machen Berichte und diverse Objekte von Menschen, die entsprechendes erlebt haben, einen Großteil der Sammlung im Keller des Instituts in der Wilhelmstraße 3A aus. Auch Fotographien, Audio- und Filmaufnahmen sowie umfangreiche Pressesammlungen sind dort untergebracht. Da es sich beim IGPP um ein Forschungsinstitut handelt, kommt zudem der international ausgerichteten Forschungsarbeit im Bereich der Parapsychologie und der Anomalistik ein großer Stellenwert zu.

„Wir haben es hier mit einem Forschungsbereich zu tun, der sich an der Grenze der etablierten Wissenschaft bewegt“, so Schellinger. Es sind daher meist Privatpersonen, Gesellschaften oder Vereine, die entsprechende Sammlungen anlegen, welche in die gängigen Archive nur schwer Eingang fänden. So auch in Freiburg: Das IGPP ist ein gemeinnütziger Verein, der vorrangig aus privaten Stiftungsmitteln finanziert wird.

Hans Bender (1907-1991), einem Freiburger Psychologen, war es 1950 ein persönliches Anliegen, diesem besonderen Wissenschaftszweig in seiner Heimatstadt ein eigenes Institut zu widmen. Schon in den 1940er Jahren hatte er Ähnliches an der „Reichsuniversität Straßburg“ umzusetzen versucht. Der einstige so genannte „Spuk-Professor“, Koryphäe im Feld der Parapsychologie und Lehrstuhlinhaber an der Universität Freiburg, war erpicht darauf, alles, was mit dieser Disziplin zusammenhängt, sorgfältig zu dokumentieren. Mit seinem kleinen Team, darunter der bekannte Fotograf Leif Geiges, arbeitete er im Institutsgebäude auf der Eichhalde in Herdern daran, Beweise für die Existenz von Spuk und anderen außersinnlichen Phänomenen zu liefern.

Zwar beschäftigten sich Gelehrtenclubs in Europa und den USA schon seit den 1880er Jahren mit Phänomenen der außersinnlichen Wahrnehmung, doch blieb die Parapsychologie stets marginalisierte Disziplin. Die Gründung des IGPP im Jahr 1950 – sicherlich ein Meilenstein in der Geschichte des Forschungsgebiets – ist vor allem der guten Stellung Hans Benders in seiner Heimatstadt, seinem Durchsetzungsvermögen und seinem Kommunikationsgeschick zu verdanken.

So konnte er nicht nur die nötigen finanziellen Mittel eintreiben, sondern auch die Nachlässe einiger bedeutender Wissenschaftler für das Archiv gewinnen. Das wissenschaftliche Erbe des Sexualmediziners Albert von Schrenck-Notzing (1862-1929), der in den 1920er Jahren als gesellschaftliche Events regelmäßig mediumistische Séancen in seinem Haus in München abhielt war die erste dieser Sammlungen des IGPP. Fanny Moser (1872-1953), Zoologin und Spuk-Forscherin, spendete nicht nur ihren Nachlass, sondern zudem eine beachtliche Summe Geld, die die Institutsarbeit nachhaltig finanzierte. Unter den zahlreichen privaten und wissenschaftlichen Nachlässen im Archiv lassen sich auch zwei aus Freiburger Händen finden: Anna Weismann (1871-1953) erforschte in den 1920er Jahren, ob sich mit Tieren kommunizieren ließe und schrieb darüber in der „Zeitschrift für Tierseelenkunde“. Else Liefmann (1881-1970), Hans Benders Patentante – ansonsten eher bekannt als Opfer der NS-Zeit, denn als aufstrebende Wissenschaftlerin – hatte sich als Kinderärztin mit der Chirologie beschäftigt: Lassen sich anhand von Handlinien Krankheiten vorhersehen?

Nach seiner Aufbauphase in den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Institut in den 1970er Jahren, im allgemeinen Medienrummel um Uri Geller und Co., als auch Hans Bender zu einer bekannten Persönlichkeit wurde, eine Hochkonjunktur. Im gesammelten Material hat sich dies vor allem dadurch niedergeschlagen, dass sich durch die mediale Präsenz des Institutsgründers mehr Menschen ans Freiburger Institut wandten. Auch in Kriminalfällen wurde die Koryphäe der Parapsychologie einige Male zu Rate gezogen. Vor allem in den 1920er Jahren, doch auch später, bestand die Hoffnung, Hellseher könnten der Polizei helfen, Kriminalfälle zu lösen. „Die sogenannte Kriminaltelepathie war oftmals die ultima ratio, die letzte Hoffnung, wenn die Polizei nicht mehr weiter wusste“, so Uwe Schellinger, der selbst zu einem Kriminaltelepathie-Fall zur Klärung eines Mordes auf der Weißtannenhöhe im Schwarzwald geforscht hat.

Nachdem Hans Bender kurz vor seinem Tod 1991 noch einmal sein Verhandlungsgeschick unter Beweis gestellt hatte und sich durch eine große private Stiftung ein weiterer großer finanzieller Spielraum ergab, zog das Institut in neue Räume in die Wilhelmstraße. Von nun an stand weit mehr Platz zur Verfügung und das IGPP konnte weiter professionalisiert werden. Die heterogene Sammlung des Instituts ist zu einem gut sortierten Wissenschaftsarchiv geworden, auch wenn sich die Parapsychologie weiterhin an den Grenzen der Wissenschaft bewegt.

Die Diplomarbeit eines Institutsmitarbeiters, Wolfgang Fach, verfasst in den 1990er Jahren, beschäftigt sich damit, dass der Markt für esoterische Angebote in Freiburg im Vergleich zu größeren Städten wie Berlin oder Frankfurt ausgesprochen groß ist. Schon 1986 schrieb der Journalist Albert Sellner im „Kursbuch“ einen Aufsatz mit dem Titel „Freiburg – locus occultus“, in dem er beleuchtete, warum gerade Freiburg einen so fruchtbaren Boden für Okkultismus, Esoterik und Spiritismus bietet. Es bleibt ihm jedoch unklar ob das „Pesionopolis“- Phänomen dafür eine Rolle spielt: Freiburg als Stadt, in der überdurchschnittlich viele wohlhabende ältere Menschen leben und die wohlhabende Mittelschicht eine hohe Nachfrage für den esoterischen Markt hat oder ob doch die allfällige Sinnsuche der vielen Studierenden in der Stadt dafür mitverantwortlich ist.

Weitere Hinweise gibt das Sammelwerk „Okkultes Freiburg“ (okkultesfreiburg.de) – in dem unterschiedliche Spielarten des Okkultismus – gemeint ist damit die Suche nach unerklärlichen und geheimnisvollen Phänomenen – in Freiburg beschrieben werden. Darin wird Freiburg eine spezifischer Hang zum Okkultismus bestätigt: einerseits begründet in dem urban-modernen Charakter der Stadt, die Verbreitungsmöglichkeiten der Angebote begünstigt. Andererseits begründet durch die Sozialstruktur der Stadt, die in der wohlhabenden Mittelschicht und den vielen zugezogenen, protestantischen Pensionären aus dem Norden eine Abnehmerschaft bietet. Das Phänomen eines okkulten Freiburgs kann also auch verstanden werden als Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

Kontakt:
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V.
Wilhelmstraße 3a
79098 Freiburg i.Br.
schellinger@igpp.de

Quelle: Stadt Freiburg, Projekt: Freiburg sammelt, 8.3.2017

Lou Reed-Nachlass bald in New York einsehbar

Eine der drei öffentlichen Büchereien der Stadt New York, die New York Public Library, hat das gesamte Archiv des 2013 verstorbenen und vor genau 75 Jahren geborenen Rockmusikers Lou Reed aufgekauft. Zum Nachlassbestand gehören 3.600 Tonaufnahmen, 1.300 Videos und 90 Regalmeter an Textdokumenten und Fotografien, wie die öffentlichen Büchereien der US-Metropole mitteilten. Mit ein paar Notizbüchern und Briefen präsentierte die New York Public Library bereits einen kleinen Teil der Sammlung, die ab 20.3.2017 ausgestellt werden soll.

Reeds Witwe, die Performance-Künstlerin Laurie Anderson, hatte den Nachlass, der neben Reeds Musik auch seine anderen Interessen wie Tai Chi zeigt, gesichtet und nach dem Tod des Rockstars 2013 zusammen gestellt.

Geboren wurde Lou Reed am 2. März 1942 in New York City. Schon zu seiner Schulzeit interessierte er sich für Rock ’n‘ Roll und Blues. Da er als aufsässig und andersartig galt, schickten ihn seine Eltern in psychiatrische Behandlung, wo er mit Elektroschocks gequält wurde. Statt ihn wie gewünscht von homoerotischen Neigungen und den häufigen Stimmungswechseln zu kurieren, brachte ihn die Therapie zu harten Drogen.

Mit 22 Jahren schrieb sich Reed seine Erfahrungen in „Heroine“ von der Seele. Da studiert er an der Universität von Syracuse im US-Bundesstaat New York Englisch und hatte in dem Dichter Delmore Schwartz einen Dozenten gefunden, der ihn unterstützte. Schreiben und Rock ’n‘ Roll seien die beiden Dinge, die er am meisten möge, sollte sich Reed später äußern. Deshalb wollte er sie in seiner Musik verbinden. Mit dieser Einstellung und seinem eigenwilligen Gitarrenspiel wurde er zum düsteren Rock-Poeten der 60er- und 70er-Jahre, der Sex, Drogen und Gewalt besang.

Reed hatte die Welt der Musik zunächst als Sänger und Songschreiber der Band „The Velvet Underground“ revolutioniert. Später hatte Reed als Solokünstler Erfolg mit Liedern wie „Walk on the wild side“.

Nach zwei gescheiterten Ehen wurde Reed von der Sängerin Laurie Anderson geerdet. In seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten schwörte er den Drogen ab und brachte es zum Meister des Thai-Chi. Am 27.10.2013 starb Lou Reed in East Hampton, New York.

Quelle: WDR 2, 2.3.2017; The New Yorker, 2.3.2017;  DLF, 3.3.2017; BZ, 5.3.2017

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