Schleswig-Holsteinischer Archivarsverband befragt Parteien zur Landtagswahl 2017

Der Verband der Schleswig-Holsteinischen Kommunalarchivarinnen und -archivare (VKA) hat im November 2016 eine Umfrage an die zur Landtagswahl am 7.5.2017 zugelassenen Parteien verschickt. Darin wurden die parteipolitischen Ziele in wichtigen Bereichen wie der Digitalisierung von Kulturgut, dem Fachkräftemangel oder regionalhistorischem Unterricht abgefragt.

Alle Parteien betonen in ihren Antworten die wichtige Rolle der Kommunalarchive für die Zivilgesellschaft, die Kultur sowie Wissenschaft in Schleswig-Holstein. Der VKA vermisst allerdings ein deutlicheres Bekenntnis zur unverzichtbaren Rolle der Archive bei der Sicherung des Rechtsstaats. Ohne Kommunalarchive gibt es keine langfristige Transparenz von Verwaltungshandeln. Deshalb ist Archivierung eine gesetzliche Pflichtaufgabe.
Um bei Kommunen, die sich dieser Pflicht entziehen, die Unterhaltung eines Archivs durchzusetzen, wollen die meisten Parteien sich für einen Dialog mit dem Land einsetzen und schlagen Kooperationen mit weiteren Trägern vor.

Der VKA hält dies ebenfalls für den richtigen Weg. Dabei muss den Verwaltungen auch deutlich gemacht werden, dass Überlieferungslücken Probleme verursachen, deren Lösung den Steuerzahler meist wesentlich mehr Geld kostet als ein eigenes Archiv. Zusätzlich sollte das Land über Anreize in Form von Schlüsselzuweisungen oder Projektmittel für einen fachgerechten Aufbau neuer Archive nachdenken. Der Vorschlag, die Kreisarchive als regionale Kompetenzzentren auszubauen, wurde von allen Parteien befürwortet. So können fachliche Neuentwicklungen besser weitergegeben werden, und ehrenamtliche Mitarbeiter haben in der Nähe einen qualifizierten Ansprechpartner bei juristischen Fragen oder der Einführung von elektronischer Aktenablage in der Verwaltung.

Trotzdem wird auch der Fachkräftemangel an den Kommunalarchiven nicht spurlos vorbeigehen. Von mehr als 300 Verwaltungen im Land beschäftigen weniger als 10 Prozent Personal mit einem archivfachlichen Berufsabschluss. Die Parteien beurteilen den Handlungsbedarf hier unterschiedlich. Aus Sicht des Verbands sollte – auch von Seiten des Landes – darauf hingewirkt werden, dass überall dort, wo hauptamtliche Verwaltungen tätig sind, hauptamtlich besetzte Archive mit qualifiziertem Personal tätig sind – je nach Größe ggf. in Kooperation mit weiteren kommunalen Trägern. Dafür braucht es mehr Ausbildungsstellen für Fachangestellte für Medien und Information (FAMI), und die Fortbildung muss gestärkt werden – insbesondere im Hinblick auf die Einführung von E-Government.

Für den Geschichtsunterricht sollten aus Sicht des VKA mehr Anreize für Schüler wie Lehrer geschaffen werden, sich mit Regionalgeschichte – also mit der Identität der eigenen Lebenswelt – auseinander zu setzen. Der Name eines Grundschulfachs ist eher nebensächlich – stimmen muss der Inhalt. Dabei muss beachtet werden, dass Schüler und Lehrer zeitgemäß (z.B. über geeignete Plattformen im Internet) angesprochen werden. Sinnvoll wären aus Sicht des VKA Kooperationen mit weiteren Wissensvermittlern (Bibliotheken, Museen, Unis), um eine vielfältige Auseinandersetzung mit Themen zu ermöglichen, ohne an einen bestimmten Ort oder an Öffnungszeiten gebunden zu sein.

Für das große Feld der Digitalisierung begrüßt der VKA, dass alle Parteien die Einführung des Digitalen Archivs Nord, einer Plattform für die Langzeitsicherung, befürworten. Ohne eine Kooperation zwischen dem Land und den Kommunen ist diese gewaltige Aufgabe nicht zu bewältigen. Bei der Präsentation von digitalem Kulturgut sollten mehr Anreize für die Digitalisierung und Veröffentlichung von Archivgut geschaffen werden. Hier sind die Kommunen derzeit weiter als das Land, allerdings bestehen nur Insellösungen. Es fehlt an einer zentralen Plattform, die als solches auch klar benannt wird.

Der Fragenkatalog des VKA im Überblick:
1. Welchen Stellenwert hat die Bewahrung des schriftlichen kulturellen Erbes in Ihren rechtspolitischen und kulturpolitischen Zielsetzungen? Welche Konkreten Ziele benennen Sie in Ihrem Wahlprogramm?
2. Seit mehr als 15 Jahren ist der § 15 des schleswig-holsteinischen Landesarchivgesetzes in Kraft, der die Kommunen verpflichtet, Archive zu errichten oder sich an Archiven zu beteiligen. Trotzdem gibt es bis heute Städte, Ämter und amtsfreie Gemeinden sowie einen Kreis, die ihrem gesetzlichen Auftrag nicht nachkommen. Sie unterhalten weder ein eigenes Archiv, noch haben sie sich einer Archivgemeinschaft angeschlossen. Wie wollen Sie die gesetzliche Pflicht der Archivierung durchsetzen?
3. Kreisarchive spielen eine besondere Rolle bei der Einführung fachlicher Standards auf kommunaler Ebene sowie bei der fachlichen Beratung der kreisangehörigen Städte, Ämter und Gemeinden. Halten Sie es für den richtigen Weg, die Rolle der Kreisarchive als regionale Kompetenzzentren zu stärken? Welche Unterstützung wollen Sie zur Entwicklung dieses Ziel geben?
4. Unter den schleswig-holsteinischen Archiven stellen bislang nur vier Kommunalarchive digitalisiertes Archivgut im Internet bereit. Bisher sind die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen einer gemeinsamen Präsentation des schleswig-holsteinischen Kulturerbes nicht gegeben. Wie wollen Sie die Digitalisierung von schleswig-holsteinischem Kulturgut einschließlich der Nutzbarkeit im Internet voranbringen und wie wollen Sie die notwendige Finanzierung sicherstellen?
5. Die Verwaltungen der Städte, Ämter und Gemeinden stellen zunehmend ihre Aktenführung auf digitale Systeme um. Bislang sind nur wenige Archive in die Planung und Umsetzung solcher Prozesse eingebunden. Bei der Thematik der digitalen Archivierung werden die kommunalen Archive darauf angewiesen sein, ein gemeinsames, vom Land Schleswig-Holstein eingeführtes Archivierungssystem zu nutzen. Wie stellen Sie sicher, dass die Anforderungen der Archive bei der Einführung solcher digitalen Systeme in den Verwaltungen umgesetzt werden, um keinen umfangreichen Informationsverlust in spätestens 20-30 Jahren zu riskieren? Wie stehen Sie zu einer Kooperation von Land und Kommunen im Bereich der digitalen Archivierung?
6. Gute Archive brauchen qualifiziertes Personal, gerade angesichts der Fachanforderungen des Digitalisierungsprozesses. Die Mehrzahl der Stellen bei den Städten, Ämtern und Gemeinden sind für Mitarbeiter des mittleren Dienstes ausgewiesen. Bislang bildet nur ein einziges Kommunalarchiv Fachangestellte im mittleren Dienst aus. Die Ausbildung für den gehobenen und den höheren Dienst erfolgt ausschließlich beim Landesarchiv Schleswig-Holstein, das derzeit zwei Anwärter/innen im gehobenen Dienst ausbildet. Wie wollen Sie die Ausbildung von Archivaren des mittleren bis höheren Dienstes in Schleswig-Holstein stärken?
7. Die Fachanforderungen für das Fach Geschichte weisen regionale oder lokale Themen nicht mehr aus, sondern überlassen sie dem Belieben der Schulen. Wie wollen Sie regional- und lokalhistorischen Unterricht in Schleswig-Holstein stärken, um beispielsweise mehr Schüler/innen zur Forschung in Archiven ermuntern?

Die Antworten der Parteien auf die einzelnen Fragen dokumentiert der VKA in seinen „Mitteilungen“ 2/2017: „Wahlprüfsteine zur Landtagsdwahl 2017„. (PDF)

Kontakt:
Verband Schleswig-holsteinischer Kommunalarchivarinnen und -archivare e.V.
Geschäftsstelle:
Johannes Rosenplänter, Stadtarchiv Kiel,
Fleethörn 9-17
24103 Kiel
vks-sh@web.de
www.vka-sh.de

Quelle: Mitteilungen 2/2017 Verband Schleswig-Holsteinischer Kommunalarchivarinnen und -archivare e.V.

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