Das Erbbereiten – ein alter Rechtsbrauch beim Bergbau

Aus der Serie „Archivale im Fokus“ des Sächsischen Staatsarchivs

Während die Arbeit der Markscheider bei der gesamten Tätigkeit des Bergbaus oft in den Hintergrund trat, stand sie bei einer bergmännischen Zeremonie im Mittelpunkt: beim Erbbereiten.

Unter Erbbereiten oder erblichem Vermessen verstand man seit dem 17. Jahrhundert eine genaue, feierliche Vermessung eines Grubenfeldes, um das vermessene Feld für alle Zeit vor zukünftigen Ansprüchen angrenzender Gruben zu sichern. Eine Voraussetzung für ein Erbbereiten war die Erbwürdigkeit der zu vermessenden Grube. Das bedeutete, dass die Grube über einen längeren Zeitraum Gewinn abwerfen (»in Ausbeute stehen«) musste.

Abb.: Erbbereitungsbuch (SächsStA-F, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 355) (© Sächsisches Staatsarchiv / Foto: Jens Kugler, Schätze aus dem Bergarchiv, Halle/S. 2008 (Veröffentlichungen des Sächsischen Staatsarchivs, Reihe A, Bd. 9), S. 50-51)

Bereits im 14. Jahrhundert finden sich erste Angaben zu dem Brauch des Erbbereitens. Damals sollte der Bergbau durch Wegfall fürstlicher Nebenlehen gefördert werden, womit größere Fundgruben als Erbgut verliehen werden konnten. Ursprünglich umfasste das Erbbereiten das feierliche Umreiten einer Fläche. »Weil in alten Zeiten alle öffentlichen Aufzüge zu Pferde geschahen, hielten die Bürgermeister bei dergleichen Vermessen einen Aufzug zu Pferde, dahero heisset das Erb-Vermessen noch zu dato das Erb-Bereiten (…). Jezo und in denen ältesten Zeiten wird es das Bereiten oder Erbbereiten genennet. Indem unsern Vorfahren alle Verrichtungen und Aufzüge zu Pferde halten gewohnet waren und aus eben dieser Ursache pflegten die Geschwornen der Stadt Freyberg, wenn etwas zu Erbe ausgegeben werden sollte, zu Pferde aus- und das Erbe zu umreiten«, schreibt Adolph Beyer in seinem bekannten Werk »Gruendlicher Unterricht von Berg-Bau, nach Anleitung der Markscheider-Kunst…« im Jahr 1749. Andere Deutungen führen den Begriff auf das Wort »beraiten« im Sinn von »berechnen « zurück.

Das Erbbereiten wurde meist feierlich unter bestimmten Ritualen durchgeführt. Die Bekanntesten waren: der Rücksprung, die Ohrfeige für die bezeugenden Bergjungen oder der Kampf der Bergjungen um das preisgegebene Bergleder, auf dem man die Erbbereitungsgelder ausgezahlt hatte. Über das durchgeführte Erbbereiten wurde ein entsprechender Bericht angefertigt und entweder in die Bergbücher oder in ein separat geführtes Erbbereitungsbuch eingeschrieben. Die Zeremonie war sehr kostspielig, die Gruben mussten sich die hohen Kosten für das Erbbereiten leisten können. Nicht zuletzt deswegen schaffte man den Jahrhunderte alten Brauch beim erzgebirgischen Bergbau ab. Das Erbvermessen wurde dagegen, sobald eine Grube in Ausbeute kam, beibehalten. Die markantesten Sachzeugen von Erbbereiten sind die nur noch in kleiner Zahl vorhandenen Erbbereitungs- oder Lochsteine und die unter Tage eingeschlagenen Grubenfeldgrenzen. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Erbbereiten in großer Anzahl durchgeführt. Ihre Zahl nahm in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts jedoch wieder erheblich ab. 1740 fand das letzte Erbbereiten im oberen Erzgebirge in Bärenstein statt. Zehn Jahre später hat man bei einem feierlichen Erbbereiten von fünf Freiberger Gruben diesen Brauch letztmalig vollzogen.

Abb.: Erbbereitungsbuch (SächsStA-F, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 355) (© Sächsisches Staatsarchiv)

Das hier abgebildete Erbbereitungsbuch enthält die Protokolle der feierlichen Vermessung (im Beisein von Oberbergamts- und Bergamtsbeamten, Gewerken, Grubenvorstand und Ratsmitgliedern der Stadt) und Vermarkung von Ausbeute führenden Grubenfeldern des Freiberger Reviers im Zeitraum von 1678 – 1781. Schon der kunstvoll gestaltete Einband mit Metallbeschlägen und Goldprägungen weist auf die Bedeutung des Geschehens hin. Die Frontseite ziert das kurfürstliche Wappen, die Initialen B A F (Bergamt Freiberg) sowie das Jahr der Anlage 1679. Zu diesem Zeitpunkt konnte man noch davon ausgehen, dass viele derartige Ereignisse ihren Niederschlag in dem Amtsbuch finden würden. Doch nur zwei Mal ist ein Erbbereiten eingetragen (1678 und 1750), es folgt noch eine vergleichsweise kurze Notiz über ein Erbvermessen im Jahr 1781, gut drei Viertel der vorhandenen, gebundenen Seiten sind unbeschrieben. Der Brauch war aus der Mode gekommen und fand nicht mehr statt.

Linkhttp://www.archiv.sachsen.de/

Quelle: Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Fokus, 8.5.2017

 

Stadtarchiv Sankt Augustin archiviert jetzt auch Webseiten

Online-Informationen werden damit für zukünftige Generationen gesichert

Als eines der ersten Kommunalarchive bundesweit archiviert das Stadtarchiv Sankt Augustin jetzt auch Webseiten. Ziel ist, auch Informationen die lediglich online bereitgestellt werden, dauerhaft im Stadtarchiv zu sichern und für Recherchen, vor allem aber für zukünftige Generationen aufzubewahren.

 

v.l.n.r. Ralf van Grinsven, Leiter der Stabsstelle Information und Kommunikation, und Stadtarchivar Michael Korn präsentieren das neue Archivierungssystem.

Der größte Teil des Archivbestandes besteht derzeit noch aus analogen Materialien, wie Büchern, Festschriften, Broschüren, Bildern, Zeitungen, Akten oder Plakaten. Hinzu kommen immer häufiger auch digitale Materialien wie Fotos, Videomaterial oder PDF-Dokumente. Auch die bei der Stadt vermehrt geführten elektronischen Akten werden, soweit sie archivwürdig sind, später digital in das Stadtarchiv übernommen.

Immer mehr Informationen werden jedoch nur noch im Internet veröffentlicht. Diese Informationen dauerhaft zu sichern ist eine zusätzliche Herausforderung für das Stadtarchiv Sankt Augustin.

Stadtarchivar Michael Korn: „Inhalte im Internet sind natürlich aus Sicht eines Stadtarchivs extrem kurzlebig: Seiten werden verändert, gelöscht, verschoben. Daher bestand bereits seit längerem der Wunsch, relevante Webseiten von Schulen, Vereinen, Firmen, sonstigen Institutionen oder Gruppen in Sankt Augustin zu archivieren.“

Zu bestimmten Terminen, zum Beispiel jährlich, werden die Seiten „abfotografiert“ und als Bilddatei im jpg-Format ergänzt durch XML-Dateien für Struktur- und Inhaltsdaten gespeichert. Anschließend können die Seiten, einschließlich der zum Zeitpunkt des Zeitschnitts vorhandenen Links, angezeigt werden und stehen auch im Volltext für Recherchezwecke im Stadtarchiv zur Verfügung.

Allerdings gelingt keine hundertprozentige Archivierung der Webseiten. Zu unterschiedlich sind die eingesetzten Techniken und nicht immer werden vorhandene Standards bei der Webseitenerstellung genutzt. Die bisherige Erfahrung zeigt, das etwa zwei Drittel der Webseiten in unterschiedlicher Qualität archiviert werden können. Aber auch wenn nicht das gesamte Online-Angebot gesichert werden kann, ist das Projekt erfolgreich.

Michael Korn: „Fast alles würde ohne zeitnahe Archivierung sonst endgültig verschwinden. Und natürlich ist auch der analoge Bestand nie vollständig.“

Quelle: Stadt Sankt Augustin,  Pressemitteilung, 9.5.2017 Weiterlesen

Kreis- und Kommunalarchiv Bentheim feierlich eröffnet

„Dieses Projekt ist wie ein 6er im Lotto“ freute sich Dr. Birgit Kehne vom Niedersächsischen Landesarchiv. Im Rahmen ihres Festvortrages zur Eröffnung des neuen Kreis- und Kommunalarchivs des Landkreises Grafschaft Bentheim auf dem ehemaligen NINO-Gelände in Nordhorn wies sie darauf hin, dass es sehr selten vorkomme, dass sie zu einer solchen Veranstaltung geladen werde. Zuvor hatten auch Landrat Friedrich Kethorn und Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling auf den Leuchtturmcharakter des neuen Archivs hingewiesen.


Abb.: „Mein großer Wunsch ist es nun, dass in diesem Gebäude das passieren kann, wofür wir es gebaut haben: die aktive und lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte der Region, die uns vielleicht hier und da den Weg aufzeigen kann, wie die Zukunft zu gestalten ist“, so Landrat Friedrich Kethorn während der Eröffnungsveranstaltung (Foto: Landkreis Grafschaft Bentheim).

Zu einer lebendigen Gesellschaft gehöre es, so Landrat Friedrich Kethorn in seinen Grußworten, die Erinnerung an die eigene Geschichte präsent zu halten. Dafür seien insbesondere Kommunen als Orte des Geschehens maßgeblich verantwortlich. Außerhalb der Museen beginne in der Regel die erste Begegnung mit der Geschichte im eigenen Elternhaus, später dann im Geschichtsunterricht in der Schule.

„Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie verklärt Aspekte der Familiengeschichte im Verlauf der Jahre werden können: Details werden weggelassen, andere hinzugefügt. Auch was wir von vermeintlich objektiver Darstellung in den Schulbüchern halten können, zeigen uns Beispiele jüngster deutscher Geschichte überdeutlich. Was also bleibt, um sich ein Bild von der Vergangenheit zu machen? Es bleiben Karten, Urkunden, Bilder, Zeichnungen, Nachlässe, Akten und Protokolle und all die werden ab sofort an einem eigens dafür geschaffenen Ort zusammengeführt: dem Kreis- und Kommunalarchiv“, so Landrat Kethorn.

Abb.: Freuen sich über das neue Domizil (v.l.n.r.): Bernhard Jansen und Marion Winter (Landkreis, Kultur und Denkmalschutz), Gerlinde Schmidt-Hood (nifbe), Christian Lonnemann (Kreisarchivar), Ruth Diekel und Sonja Scherder (GBT) (Foto: Landkreis Grafschaft Bentheim).

Schon die Aufzählung von archivwürdigem Schrifttum mache uns deutlich, dass dieses Archiv mehr sei als eine verlängerte Altaktenregistratur der Verwaltung von Landkreis oder Kommunen, mehr als eine verstaubte Aufbewahrungszentrale. Hier entstehe ein lebendiges Archiv mit Präsenzbibliothek, Einzel- und Gruppenräumen, mit Leseecken und Computerarbeitsplätzen. Der Rahmen sei gesteckt, jetzt gelte es, diesen mit Leben zu füllen, so der Landrat.

Das Kreis- und Kommunalarchiv entstand als PublicPrivatePartnership-Projekt, der Partner der Verwaltung war die Firma H. F. Wiebe GmbH & Co. KG aus Achim bei Bremen. Der Bürgermeister der Stadt Nordhorn, Thomas Berling, freute sich in seinem Grußwort darüber, dass nun nicht mehr allein die Stadt Bad Bentheim über eine Burg verfüge, sondern ab sofort auch die Kreisstadt mit einer solchen werben können: mit der „Wissensburg“ Kreis- und Kommunalarchiv. Im Namen aller Grafschafter Städte, Samtgemeinden und Gemeinden, die den Neubau mitfinanziert haben und ihn auch mit ihren jeweiligen Archiven „bestücken“ werden, lobte er diese interkommunale Zusammenarbeit als „einmalig in Niedersachsen“.

Kreisarchivar Christian Lonnemann kam das Schlußwort zu, das er mit einem Goethezitat begann: „Ein Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beste Werkzeug halten.“ Dieser Satz aus dem „Faust“ übertrug er auf sich und bedankte sich bei allen Beteiligten für das „Werkzeug“ Kreis- und Kommunalarchiv und das in ihn gesetzte Vertrauen. Auch wenn die eigentliche Arbeit nun erst begänne, sei er sicher an dieser Stelle Wichtiges leisten zu können. Im Anschluss an die Grußworte überreichte Architekt Harm Haslob die Schlüssel an Landrat Friedrich Kethorn.

Die interessierte Öffentlichkeit erhielt am 29.4.2017 bei einem „Tag der offenen Tür“ die Gelegenheit, das Kreis- und Kommunalarchiv und seine Möglichkeiten kennenzulernen.

Kontakt:
Landkreis Grafschaft Bentheim
Kreis- und Kommunalarchiv
Nino-Allee 2
48529 Nordhorn
Telefon: 05921 963524
Telefax: 05921 9653524
Christian.Lonnemann@grafschaft.de

Quelle: Grafschaft Bentheim, Pressemitteilung, 28.4.2017

Schätze aus dem Stadtarchiv Freising

Das „Archivstück des Monats“ – Hintergründe zur neuen Ausstellungsserie im Rathaus

Mit einer neuen, kleinen, feinen Reihe rückt das Stadtarchiv Freising ab Mai 2017 seinen Auftrag, aber auch Beispiele seiner „Schätze“, auf ungewöhnliche Weise in den Blickpunkt der interessierten Gesellschaft: Im monatlichen Wechsel wird ab sofort jeweils ein einzelnes Archivstück im Rathaus (erster Stock) ausgestellt, das mit einem begleitenden Text auch näher beschrieben wird.  Zum Debüt der neuen Reihe ist jetzt, im Mai 2017, ein Originalplakat zur Maifeier des Freisinger SPD-Ortsvereins vom 06. Mai 1900 zu sehen. Fast so spannend wie das Archivstück selbst ist die Skizze, mit der Florian Notter, Leiter des Stadtarchivs Freising, Ansatz und Auftrag der Archivarbeit knapp umreißt:

„Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Abb.: Archivstück des Monats (Foto: Stadtarchiv Freising)

Als Dienstleistungsbehörde „da“ für die Bürger/-innen
Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist: Zum einen, weil sie – und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs – die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert („records management“); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien. Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Sehenswerte Beispiele aus dem umfangreichen Bestand
Die enorme Quantität und die Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt. Um ein bisschen mehr von dem zu zeigen, was zu den Beständen des Stadtarchivs gehört, wollen wir ab Mai 2017 jeden Monat ein Stück ausstellen und beschreiben“, so Notter.

Neben dem Original, das jeweils im ersten Obergeschoss des Freisinger Rathauses zu sehen ist (geöffnet montags bis mittwochs von  8 bis 16 Uhr; donnerstags von 8 bis 17.30 Uhr; freitags von 8 bis 12 Uhr), wird das „Archivstück des Monats“ dankenswerterweise auch in den Freisinger Medien abgebildet und kurz erläutert. Und ein rascher Blick auf das wertvolle Original lässt sich sicherlich mit einem der nächsten Stadtbummel verbinden!

Kontakt:
Stadtarchiv Freising
Major-Braun-Weg 7 (Zimmer-Nr. 1.08 bis 1.10 im 1. Stock)
Telefon 08161/54 44 710
stadtarchiv@freising.de

Quelle: SZ, 3.5.2017

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