Unbekannte Substanz führte zu Feuerwehreinsatz im Stadtarchiv Erfurt

Für unerwartete Aufregung sorgte am Mittwochvormittag, 19.4.2017, ein Einsatz der Feuerwehr im Stadtarchiv Erfurt. Bei Räumarbeiten im Magazin waren aus Akten mehrere Ampullen herausgefallen. Eine Ampulle wurde dabei zerstört. Der beißende Geruch, der dabei austrat, hatte die Mitarbeiter veranlasst, die Feuerwehr zu alarmieren. Mit mehreren Fahrzeugen des Gefahrgutzuges der Stadt Erfurt, darunter mit Mess- und Nachweis-Komponenten, war die Gotthardtstraße zugestellt.

Abb.: Kleine Glaskugeln sorgten für große Aufregung – Entwarnung war schnell gegeben (Foto: Feuerwehr Erfurt)

Die Einsatzkräfte erkundeten die flüssige Substanz, die als Hocherhitzungsreagenz zum Nachweis der Hocherhitzung von Milch  aus den Ende 1940er Jahren gekennzeichnet war, mit verschiedenen Mess- und Analysegeräten.

Dabei wurden Fluoridverbindungen nachgewiesen, die wasserlöslich sind und an der Luft verdunsten. Zeitnah konnten die Feuerwehr Entwarnung geben, da somit klar war, dass es sich um keine gefährliche Substanz handelte, sondern vielmehr um ein Mittel, das seinerzeit in der Lebensmittelindustrie gebräuchlich war.

Der Rollcontainer, in dem die Akten mit den Substanzresten lagerten, wurde ins Freie gebracht. Nach einer Stunde war der Einsatz vor Ort für die ausgerückten 37 Feuerwehrkräfte erledigt – zum Glück am Ende wenig gefährlich, dafür aber durchaus mit einem interessanten Fund verbunden. Im Nachgang wurde der amtsärztliche Dienst der Stadt Erfurt informiert, um Näheres über das Reagenz aus den 1940er Jahren zu erfahren.

Die letztlich ungefährliche Substanz gefährdet somit auch nicht die anstehende Eröffnung der Ausstellung „Erfurt, Luther und die sieben freien Künste“. Sie wird vom 26.4. bis 30.11.2017 im Stadtarchiv Erfurt zu sehen sein.

Abb.: „Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Im April 1501 kam der 17-jährige Martin Luther nach Erfurt, um sich an der Universität Erfurt zum Studium einzuschreiben. Wie viele seiner Zeitgenossen wollte auch er die sogenannten sieben freien Künste (artes liberales) studieren. Martin Luther schrieb sich an der „Artistenfakultät“ ein. Was aber lässt sich unter den sieben freien Künsten verstehen? Was wurde vermittelt? Diesen Fragen werden Frau Dr. Bauer, Leiterin des Stadtarchivs Erfurt, und ein Experte, am 25. April 2017 um 17 Uhr im Stadtarchiv Erfurt nachgehen. Mit dabei: eine Rute, eine Wachstafel und ein Rechenseil, denn diese Gegenstände haben, im Gegensatz zum Braukessel, mit dem Studium der sieben freien Künste wirklich etwas zu tun.

Highlight dieser Veranstaltung ist die Präsentation der Matrikel der Erfurter Universität, in die Luther zum Abschluss seines Studiums als Meister der Künste (magister artium) eingetragen wurde. Die Matrikel wird nur zu besonderen Veranstaltungen und im Rahmen von Führungen gezeigt.

Kontakt:
Stadtarchiv Erfurt
Gotthardtstraße 21
99084 Erfurt
Tel. +49 361 655-2901
Fax +49 361 655-2909
stadtarchiv@erfurt.de
http://www.erfurt.de/stadtarchiv

Quelle: Stadt Erfurt, Einsatzmitteilung, 19.4.2017; Pressemitteilung, 20.4.2017

Schleswig-Holsteinischer Archivarsverband befragt Parteien zur Landtagswahl 2017

Der Verband der Schleswig-Holsteinischen Kommunalarchivarinnen und -archivare (VKA) hat im November 2016 eine Umfrage an die zur Landtagswahl am 7.5.2017 zugelassenen Parteien verschickt. Darin wurden die parteipolitischen Ziele in wichtigen Bereichen wie der Digitalisierung von Kulturgut, dem Fachkräftemangel oder regionalhistorischem Unterricht abgefragt.

Alle Parteien betonen in ihren Antworten die wichtige Rolle der Kommunalarchive für die Zivilgesellschaft, die Kultur sowie Wissenschaft in Schleswig-Holstein. Der VKA vermisst allerdings ein deutlicheres Bekenntnis zur unverzichtbaren Rolle der Archive bei der Sicherung des Rechtsstaats. Ohne Kommunalarchive gibt es keine langfristige Transparenz von Verwaltungshandeln. Deshalb ist Archivierung eine gesetzliche Pflichtaufgabe.
Um bei Kommunen, die sich dieser Pflicht entziehen, die Unterhaltung eines Archivs durchzusetzen, wollen die meisten Parteien sich für einen Dialog mit dem Land einsetzen und schlagen Kooperationen mit weiteren Trägern vor.

Der VKA hält dies ebenfalls für den richtigen Weg. Dabei muss den Verwaltungen auch deutlich gemacht werden, dass Überlieferungslücken Probleme verursachen, deren Lösung den Steuerzahler meist wesentlich mehr Geld kostet als ein eigenes Archiv. Zusätzlich sollte das Land über Anreize in Form von Schlüsselzuweisungen oder Projektmittel für einen fachgerechten Aufbau neuer Archive nachdenken. Der Vorschlag, die Kreisarchive als regionale Kompetenzzentren auszubauen, wurde von allen Parteien befürwortet. So können fachliche Neuentwicklungen besser weitergegeben werden, und ehrenamtliche Mitarbeiter haben in der Nähe einen qualifizierten Ansprechpartner bei juristischen Fragen oder der Einführung von elektronischer Aktenablage in der Verwaltung.

Trotzdem wird auch der Fachkräftemangel an den Kommunalarchiven nicht spurlos vorbeigehen. Von mehr als 300 Verwaltungen im Land beschäftigen weniger als 10 Prozent Personal mit einem archivfachlichen Berufsabschluss. Die Parteien beurteilen den Handlungsbedarf hier unterschiedlich. Aus Sicht des Verbands sollte – auch von Seiten des Landes – darauf hingewirkt werden, dass überall dort, wo hauptamtliche Verwaltungen tätig sind, hauptamtlich besetzte Archive mit qualifiziertem Personal tätig sind – je nach Größe ggf. in Kooperation mit weiteren kommunalen Trägern. Dafür braucht es mehr Ausbildungsstellen für Fachangestellte für Medien und Information (FAMI), und die Fortbildung muss gestärkt werden – insbesondere im Hinblick auf die Einführung von E-Government.

Für den Geschichtsunterricht sollten aus Sicht des VKA mehr Anreize für Schüler wie Lehrer geschaffen werden, sich mit Regionalgeschichte – also mit der Identität der eigenen Lebenswelt – auseinander zu setzen. Der Name eines Grundschulfachs ist eher nebensächlich – stimmen muss der Inhalt. Dabei muss beachtet werden, dass Schüler und Lehrer zeitgemäß (z.B. über geeignete Plattformen im Internet) angesprochen werden. Sinnvoll wären aus Sicht des VKA Kooperationen mit weiteren Wissensvermittlern (Bibliotheken, Museen, Unis), um eine vielfältige Auseinandersetzung mit Themen zu ermöglichen, ohne an einen bestimmten Ort oder an Öffnungszeiten gebunden zu sein.

Für das große Feld der Digitalisierung begrüßt der VKA, dass alle Parteien die Einführung des Digitalen Archivs Nord, einer Plattform für die Langzeitsicherung, befürworten. Ohne eine Kooperation zwischen dem Land und den Kommunen ist diese gewaltige Aufgabe nicht zu bewältigen. Bei der Präsentation von digitalem Kulturgut sollten mehr Anreize für die Digitalisierung und Veröffentlichung von Archivgut geschaffen werden. Hier sind die Kommunen derzeit weiter als das Land, allerdings bestehen nur Insellösungen. Es fehlt an einer zentralen Plattform, die als solches auch klar benannt wird.

Der Fragenkatalog des VKA im Überblick:
1. Welchen Stellenwert hat die Bewahrung des schriftlichen kulturellen Erbes in Ihren rechtspolitischen und kulturpolitischen Zielsetzungen? Welche Konkreten Ziele benennen Sie in Ihrem Wahlprogramm?
2. Seit mehr als 15 Jahren ist der § 15 des schleswig-holsteinischen Landesarchivgesetzes in Kraft, der die Kommunen verpflichtet, Archive zu errichten oder sich an Archiven zu beteiligen. Trotzdem gibt es bis heute Städte, Ämter und amtsfreie Gemeinden sowie einen Kreis, die ihrem gesetzlichen Auftrag nicht nachkommen. Sie unterhalten weder ein eigenes Archiv, noch haben sie sich einer Archivgemeinschaft angeschlossen. Wie wollen Sie die gesetzliche Pflicht der Archivierung durchsetzen?
3. Kreisarchive spielen eine besondere Rolle bei der Einführung fachlicher Standards auf kommunaler Ebene sowie bei der fachlichen Beratung der kreisangehörigen Städte, Ämter und Gemeinden. Halten Sie es für den richtigen Weg, die Rolle der Kreisarchive als regionale Kompetenzzentren zu stärken? Welche Unterstützung wollen Sie zur Entwicklung dieses Ziel geben?
4. Unter den schleswig-holsteinischen Archiven stellen bislang nur vier Kommunalarchive digitalisiertes Archivgut im Internet bereit. Bisher sind die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen einer gemeinsamen Präsentation des schleswig-holsteinischen Kulturerbes nicht gegeben. Wie wollen Sie die Digitalisierung von schleswig-holsteinischem Kulturgut einschließlich der Nutzbarkeit im Internet voranbringen und wie wollen Sie die notwendige Finanzierung sicherstellen?
5. Die Verwaltungen der Städte, Ämter und Gemeinden stellen zunehmend ihre Aktenführung auf digitale Systeme um. Bislang sind nur wenige Archive in die Planung und Umsetzung solcher Prozesse eingebunden. Bei der Thematik der digitalen Archivierung werden die kommunalen Archive darauf angewiesen sein, ein gemeinsames, vom Land Schleswig-Holstein eingeführtes Archivierungssystem zu nutzen. Wie stellen Sie sicher, dass die Anforderungen der Archive bei der Einführung solcher digitalen Systeme in den Verwaltungen umgesetzt werden, um keinen umfangreichen Informationsverlust in spätestens 20-30 Jahren zu riskieren? Wie stehen Sie zu einer Kooperation von Land und Kommunen im Bereich der digitalen Archivierung?
6. Gute Archive brauchen qualifiziertes Personal, gerade angesichts der Fachanforderungen des Digitalisierungsprozesses. Die Mehrzahl der Stellen bei den Städten, Ämtern und Gemeinden sind für Mitarbeiter des mittleren Dienstes ausgewiesen. Bislang bildet nur ein einziges Kommunalarchiv Fachangestellte im mittleren Dienst aus. Die Ausbildung für den gehobenen und den höheren Dienst erfolgt ausschließlich beim Landesarchiv Schleswig-Holstein, das derzeit zwei Anwärter/innen im gehobenen Dienst ausbildet. Wie wollen Sie die Ausbildung von Archivaren des mittleren bis höheren Dienstes in Schleswig-Holstein stärken?
7. Die Fachanforderungen für das Fach Geschichte weisen regionale oder lokale Themen nicht mehr aus, sondern überlassen sie dem Belieben der Schulen. Wie wollen Sie regional- und lokalhistorischen Unterricht in Schleswig-Holstein stärken, um beispielsweise mehr Schüler/innen zur Forschung in Archiven ermuntern?

Die Antworten der Parteien auf die einzelnen Fragen dokumentiert der VKA in seinen „Mitteilungen“ 2/2017: „Wahlprüfsteine zur Landtagsdwahl 2017„. (PDF)

Kontakt:
Verband Schleswig-holsteinischer Kommunalarchivarinnen und -archivare e.V.
Geschäftsstelle:
Johannes Rosenplänter, Stadtarchiv Kiel,
Fleethörn 9-17
24103 Kiel
vks-sh@web.de
www.vka-sh.de

Quelle: Mitteilungen 2/2017 Verband Schleswig-Holsteinischer Kommunalarchivarinnen und -archivare e.V.

Enzkreisspiel „Ein Kreis mit schönen Ecken“

Spielerisch die Heimat entdecken

Was hat es mit dem gefürchteten Räuberfänger aus Ottenhausen auf sich? Wer oder was ist ein Kelterknecht? Und was hat ein Maulesel mit dem Kloster Maulbronn zu tun? Die Antworten auf diese und andere interessante Fragen werden auch so manchen Kenner des Enzkeises noch überraschen. Denn mit dem Enzkreiskartenspiel „Ein Kreis mit schönen Ecken“ lassen sich spielerisch die Highlights der Region entdecken. „Alle Städte und Gemeinden, ja sogar die einzelnen Ortsteile, sind mit einer eigenen Karte vertreten, die viel Wissenswertes über den jeweiligen Ort verrät“, so Landrat Karl Röckinger. Die Kurzporträts auf 80 Karten machen so richtig Lust auf eine Entdeckungstour. „Eine zusätzliche Finesse ist der QR-Code auf den Kartenrückseiten, über den zusätzlich Informationen zu den jeweiligen Gemeinden per Handy abgerufen werden können“, ergänzt die Wirtschaftsbeauftragte Kerstin Monasso, die das Spiel gemeinsam mit Kreisarchivar Konstantin Huber und dem Spieleverlag Pöppel realisiert hat.


Abb.: Das neue Enzkreisspiel bringt Spaß und Wissen für die ganze Familie: Landrat Karl Röckinger (Mitte), Wirtschaftsbeauftragte Kerstin Monasso und Kreisarchivar Konstantin Huber lassen sich dabei gerne in die Karten schauen: „Ob als Quizspiel oder in der Supertrumpf-Variante – das Enzkreisspiel bringt Spaß und Wissen für die ganze Familie. Die allerschönste Variante ist jedoch, sich von dem Charme der Gemeinden und der herrlichen Natur zu einer Entdeckungsreise durch den Landkreis inspirieren zu lassen.“

Das Enzkreiskartenspiel „Ein Kreis mit schönen Ecken“ kostet 4,50 Euro und ist ab sofort im Landratsamt erhältlich. Zur Ausleihe steht es auch im Medienzentrum zur Verfügung.

Enzkreis und Land Baden-Württemberg arbeiten an einer „Denkmal-Topographie“

Ambitioniertes Projekt soll Kulturerbe dokumentieren

An einem ehrgeizigen Projekt arbeiten der Enzkreis und das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg seit dem letzten Jahr: Auf 800 Seiten werden die mehr als 2.700 Kulturdenkmale im Kreisgebiet aufgeführt, beschrieben und gewürdigt. Erscheinen soll das Werk, das vom Land und dem Kreisarchiv des Enzkreises gemeinsam herausgegeben wird, im Jahr 2020.

Abb.: Das markante Schloss in Königsbach ist in Privatbesitz und der Öffentlichkeit nicht zugänglich; für die „Denkmal-Topographie“ wird es ebenso erfasst wie 2.700 weitere Kultur-Denkmale im Enzkreis (Bernd Hausner, Landesamt für Denkmalpflege).

Der Enzkreis verfügt mit Anteilen an ehemals badischen, württembergischen, klösterlichen und reichsritterschaftlichen Gebieten über eine vielgestaltige Denkmal-Landschaft. „Engagement für dieses Kulturerbe hat bei uns Tradition“, betont Landrat Karl Röckinger. In den vergangenen Jahrzehnten habe man sich für die Erschließung und Dokumentation dieses Erbes eingesetzt. Als Beispiele nennt er den 1991 gemeinsam mit der Stadt Pforzheim erstellten Führer „Kunst- und Kulturdenkmale in Pforzheim und im Enzkreis“, von dem auch eine Neuauflage inzwischen wieder vergriffenen ist, das Projekt „Kleindenkmale“ oder die Jahrbuchreihe „Historisches und Aktuelles“.

Abb.: Der Faustturm am Kloster Maulbronn – eines von vielen Kulturdenkmalen im Enzkreis (Bernd Hausner, Landesamt für Denkmalpflege).

In den Jahren 2002 bis 2009 haben im Enzkreis 60 Heimat- und Geschichtsfreunde ehrenamtlich über 5.000 Kleindenkmale inventarisiert und fotografisch dokumentiert. „Das Projekt bekam dann eine gewisse Eigendynamik“, erinnert sich Kreisarchivar Konstantin Huber: So entstand 2013 das Buch „Kleindenkmale im Enzkreis. Verborgene Schätze entdecken“, das laut Huber guten Absatz findet. Ein Kalender mit Grenzsteinen folgte 2015.

Mit der „Denkmal-Topographie“ schließt sich der Enzkreis nun einem bundesweiten Dokumentationsprojekt an, das einen Überblick über die Denkmallandschaft in Deutschland liefern soll. Das Nachschlagewerk dient in erster Linie zur Information der Bevölkerung, aber auch als Planungshilfe und Grundlage für die Denkmalbewertung. Für Baden-Württemberg sind bisher acht Werke erschienen, die sich überwiegend auf Städte beziehen, darunter 2006 für die Stadt Pforzheim und ihre Stadtteile. Der Denkmalbestand eines gesamten Landkreises wird nun erstmals im Kreis Rottweil und im Enzkreis erfasst. Außer in der landesweiten Buchreihe soll das voluminöse Werk zugleich als Band 15 der wissenschaftlichen Schriftenreihe des Kreisarchivs erscheinen.

Für die „Topographie“ werden nun die gut 400 archäologischen sowie 2.300 Bau- und Kunstdenkmale, nach Gemeinden gegliedert, mit einem kurzen Text und einem Foto vorgestellt und in ihren zeitlichen und räumlichen Zusammenhang gestellt. Historische und aktuelle Karten sowie Luftbilder runden das Werk ab. „Die Darstellungen reichen von der Vorgeschichte bis in die jüngste Vergangenheit, von markanten Burgen über kunsthistorisch bedeutende Kirchen, Kleindenkmale wie Brunnen, Gefallenendenkmale oder Wegkreuze bis hin zu Industriebauten“, erläutert Kristina Hagen, die das Projekt beim Landesamt für Denkmalpflege federführend bearbeitet.

Hagen verfasst wesentliche Teile des Textes und koordiniert die Beiträge der anderen Fachautorinnen und -autoren. Derzeit sind sie und Kollegen der Denkmalbehörde im Enzkreis unterwegs, um die einzelnen Kulturdenkmale zu dokumentieren und zu fotografieren. „In Einzelfällen werden sie um Zutritt zu einem Gebäude bitten, um die erhaltenswerte Innenausstattung besichtigen zu können“, sagt Kristina Hagen und bittet auf diese Weise um Unterstützung.

Kontakt:
Kreisarchiv des Enzkreises
Zähringerallee 3
75177 Pforzheim
Telefon 07231 308-9423
Telefax 07231 308-9837
Kreisarchiv@enzkreis.de

Quelle: Enzkreis, Pressemitteilung 80/2017, 3.4.2017

Wertvoller Hans-Sachs-Nachlass im Stadtarchiv Zwickau wird digitalisiert

Bereits seit dem 21.3.2017 sind Mitarbeiter einer Berliner Firma für etwa drei Wochen im Stadtarchiv Zwickau tätig. Ihr Auftrag: Digitalisierung des wertvollen Hans-Sachs-Nachlasses.

Das Zwickauer Stadtarchiv bewahrt große Teile des dichterischen Nachlasses von Hans Sachs in Form von Autographen auf. Dabei handelt es sich um acht Bände Meistergesänge, sechs Bände Spruchgedichte sowie das Generalregister. Auftraggeber ist die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im August 2014 startete der Freistaat Sachsen das „Landesdigitalisierungsprogramm Wissenschaft und Kultur“ um die Digitalisierung von Beständen aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie von bedeutsamem Schriftgut aus weiteren Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen mit Landesbezug zu unterstützen. Bei der Digitalisierung von Einzelstücken und besonderen Sammlungen stehen Druck- und Handschriften mit einem besonderen historischen oder kulturellen Wert im Vordergrund. Auch die Aufnahme anderer Medien wie Musikalien, Fotografien oder Karten in das Programm ist möglich.

Digitalisierung des im Stadtarchiv Zwickau lagernden Hans-Sachs-Nachlasses (Foto Benny Dressel)

Der Nürnberger Schuhmacher Hans Sachs (1494-1576) war ein bedeutender deutscher Dichter und Meistersinger. Frühzeitig mit dem Gedankengut Martin Luthers vertraut, trat er ab 1523 als engagierter Befürworter der Reformation hervor. Dies offenbarte sich in seinem poetischen Schaffen, sowohl in den Meisterliedern als auch in der Spruchdichtung.

Die Meistersingerlieder machten den Großteil des Gesamtwerkes aus. Mehr als 2.000 geistliche und 2.300 Lieder weltlichen Inhalts sind erhalten geblieben. Hans Sachs war es, der die Meistersingerlieder in den Dienst der Reformation stellte und zur Aufklärung und Vermittlung nutzte. Die geistlichen Lieder setzten nun Abschnitte der Lutherischen Bibelübersetzung in Meistersinger-Töne um. Die weltlichen Lieder kannten hingegen kaum Einschränkungen. Hier finden sich Schwänke, Fabeln, Historien und literarische Stoffe verarbeitet. In seiner Gesamtheit weist das literarische Werk Hans Sachs autobiographische Züge auf. Es gibt zudem Einblicke in seine politischen und religiösen Anschauungen und seine Stellung zu aktuellen Ereignissen. Hans Sachs schrieb etwa 1.900 Spruchgedichte, 61 Tragödien, 64 Komödien und 85 Fastnachtsspiele. Zu den wohl bekanntesten seiner Spruchgedichte gehört das 1523 als Flugschrift veröffentlichte Spruchgedicht „Die Wittenbergisch nachtigall“, in dem er sich zur Lutherischen Lehre bekennt.

Im Zuge der Nachlassregelung Johann Pregels – dabei handelt es sich um den Urenkel des Dichters – gelangte im Jahre 1634 ein Großteil der Bände durch Ankauf in den Besitz der Stadt Zwickau. Sie gehören wegen ihrer internationalen Bedeutung heute zu den wertvollsten Archivalien des Stadtarchivs. Dies ist auch der Grund, dass die Digitalisierung im Rahmen des Landesdigitalisierungsprogramms Sachsen möglich wurde. Ziel ist es, jedem die ortsunabhängige Einsicht in die Bände im Internet zu ermöglichen und sie einer besseren wissenschaftlichen Erforschung zugänglich zu machen.

Kontakt:
Stadtarchiv Zwickau
Lessingstraße 1
08058 Zwickau
Telefonnummer 0375 83-4701
Faxnummer 0375 83-4747
stadtarchiv@zwickau.de

Briefe aus dem Historischen Archiv Krupp

Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, läuft bis zum 8. Oktober 2017

Man schrieb an Krupp – Politisches und Alltägliches, wohlformuliert, blumig oder sachlich-nüchtern, mit Feder oder Schreibmaschine, auf kräftigem Bütten- oder hauchzartem Luftpostpapier.

„Da Gott Ihnen, mein liebes gnädiges Fräulein, einen Bruder versagt hat, so ist nun das ganze Werk mit seinen Aufgaben und Lasten und vor allem mit seinen Tausenden von Menschenseelen in Ihre Hände gelegt und auf Ihre jugendlichen Schultern gekommen …“ – Kaiser Wilhelm II. an Bertha Krupp (Foto: Villa Hügel).

Kaiser Wilhelm II. schrieb von Hand, gleich sechs Seiten an die junge Konzernerbin Bertha Krupp und empfahl: »Gehen sie jeden Tag in die Fabrik«. – Am 22. November 1902 starb überraschend Friedrich Alfred Krupp. In den Wochen zuvor hatte die sozialdemokratische Presse ihn unter dem Vorwurf der Homosexualität massiv attackiert. Kaiser Wilhelm II. nahm demonstrativ am Begräbnis teil und einige Tage später schrieb er an die Erbin der Firma, die erst 16-jährige Bertha Krupp. Das sechsseitige Handschreiben charakterisiert den Monarchen: impulsiv, energisch und pathetisch. Er drängte Bertha Krupp, die Firma als Familienunternehmen weiterzuführen, engen Kontakt zu den Arbeitern zu halten, ihre Pflicht anzunehmen und sich demütig Gottes Willen zu beugen. Nicht zuletzt bot der Kaiser Unterstützung an – wohl nicht ohne Hintergedanken: Er strebte nach Einfluss auf einen Konzern, der für die ökonomische und militärische Macht des Reiches bedeutsam war.

Der Forschungsreisende Alexander von Humboldt und Alfred Krupp schätzten sich und lobten die gleichen Tugenden: Pflichterfüllung und Uneigennützigkeit. Der Erfinder Thomas Alva Edison schickte einen Phonographen in die Villa Hügel. Der Maler Max Liebermann bedankte sich artig für Ankäufe, und Autobauer »Ferry« Porsche informierte seinen bedeutenden Kunden Alfried Krupp von Bohlen und Halbach persönlich, dass sich der Liefertermin seines neuen Carrera 2 verzögere.

Die Briefe atmen Zeitgeist und spiegeln den Wandel der Kulturtechnik des Schreibens in zwei Jahrhunderten. Zwischen den Zeilen verraten sie Nichtgesagtes, werfen ein Schlaglicht auf Charakter und Weltsicht der Verfasser und zeichnen zugleich ein Bild der Adressaten. Sie laden ein zu einer Entdeckungsreise in die Vergangenheit.

Ausstellung mit historischen Schriftstücken (Briefen) aus dem Historischen Archiv Krupp in der Villa Hügel Essen.

Vom 25. März bis 8. Oktober 2017 präsentiert die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in der Ausstellung „Humboldt dankt, Adenauer dementiert. Briefe aus dem Historischen Archiv Krupp“ in der Villa Hügel in Essen 44 Dokumente aus den Jahren zwischen 1800 und 1992 – handgeschrieben oder eigenhändig unterschrieben. Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Industrielle sandten sie an die Familie Krupp, Alfried Krupps Generalbevollmächtigten Berthold Beitz oder das Unternehmen. Zu sehen sind die Originale in einer Inszenierung, die sowohl das Lesen ermöglicht als auch die Geschichte hinter den Dokumenten erzählt. Zur Ausstellung ist ein Begleitband gleichen Titels erschienen (Besucherinfo).

Kontakt:
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung
Historisches Archiv Krupp
Villa Hügel
Hügel 1
45133 Essen
Telefon: +49 201 188 48 21
Fax: +49 201 188 48 59
archiv@hak-krupp-stiftung.de
www.villahuegel.de

Archive und Bibliotheken im ersten NRW-Landeskulturbericht

Nach Zustimmung des nordrhein-westfälischen Landeskabinetts ist der erste Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen am 21.3.2017 dem Landtag zugeleitet und der Öffentlichkeit präsentiert worden. Gemeinsam mit dem bereits beschlossenen Kulturförderplan 2016-2018 vollzieht der Landeskulturbericht weitere Vorgaben des Kulturfördergesetzes. Für den ersten Landeskulturbericht 2017 wurden empirische Untersuchungen und externe Studien erarbeitet.

In der Rubrik „Kulturelles Erbe in NRW“ des Landeskulturberichtes Nordrhein-Westfalen 2017 (Druckfassung) werden u.a. die Archive und Bibliotheken vorgestellt:

„Über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt bilden mindestens 850 Archive in ihrer Gesamtheit das historische und kulturelle Gedächtnis des Landes. Sie bewahren und erschließen das Archivgut von staatlichen, kommunalen und kirchlichen Verwaltungen ebenso wie das von Parteien, Wirtschaftsunternehmen, Vereinen und Vereinigungen, Verbänden, Stiftungen; dazu die Nachlässe von herausragenden nordrhein-westfälischen Einzelpersonen. Das historische Gedächtnis des Landes Nordrhein-Westfalen bzw. seiner Vorläufer befindet sich im Landesarchiv NRW mit seinen drei Abteilungen Rheinland, Westfalen und Lippe-Detmold.
In den letzten Jahren wurden große Anstrengungen unternommen, eine höhere Zugänglichkeit der Bestände zu ermöglichen. Eine besondere Stellung kommt hierbei dem vom Landesarchiv NRW seit 1998 betriebenen und 2014 erweiterten Portal „Archive in NRW“ zu, das mehr als 450 Einrichtungen verzeichnet und Informationen nicht allein über das Landesarchiv und die Kommunalarchive, sondern auch über die Archive der politischen Parteien, über katholische und evangelische Kirchenarchive, Unternehmensarchive sowie Privatarchive bereitstellt.
Die Archivlandschaft in Nordrhein-Westfalen reicht von einer Vielzahl evangelischer und katholischer Archive über die Bestände des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten bis hin zu einer hohen Zahl von Adelsarchiven und etwa 20 institutionell ausgebauten Unternehmensarchiven wie der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, die Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv in Dortmund oder das Zentralarchiv der Rheinmetall AG in Wuppertal. Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf ist eines der bundesweit bedeutendsten Literaturarchive, das Goethe-Museum in Düsseldorf gilt mit über 35.000 Sammlungsstücken als eines der wichtigsten Goethe-Forschungsinstitute und -archive weltweit.
Beratung und Unterstützung bieten zwei Archivberatungsstellen der Landschaftsverbände, die zudem Fortbildungen und jährliche Archivtage im Rheinland und in Westfalen-Lippe organisieren.
Hervorzuheben sind einige besondere Archiveinrichtungen in Nordrhein-Westfalen: Auf dem Gelände der früheren Abtei Brauweiler in Pulheim bei Köln, im heutigen LVR-Kulturzentrum, befindet sich das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, das Gesamtwerke von Gegenwartskünstlern in Deutschland dokumentiert und aufbereitet. In Köln befindet sich das DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, das Zeugnisse zur Einwanderungsgeschichte in Deutschland sammelt.
Duisburg ist Sitz des afas – Archiv für alternatives Schrifttum, das Materialien aus den „Neuen Sozialen Bewegungen“ und dem breiten Spektrum der linken und alternativen Szene(n) dokumentiert.
Das Dortmunder A:AI Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW sammelt als Spartenarchiv Vor- und Nachlässe von Architektinnen und Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieuren mit einem Bezug zu Nordrhein-Westfalen. Es hat seine Bestände jüngst in das 2016 gegründete Baukunstarchiv NRW eingebracht.
Eine Sonderstellung für das Kulturelle Erbe des Landes kommt dem auf mehrere Standorte in Duisburg, Münster und Detmold aufgeteilten Landesarchiv Nordrhein-Westfalen zu. Hierbei gilt die 2014 in einem ehemaligen Speichergebäude des Duisburger Hafens neu eröffnete Abteilung Rheinland als eines der größten Archive Deutschlands mit Beständen aus rund 1.200 Jahren rheinischer Geschichte.
In der Abteilung Westfalen in Münster wiederum sind u. a. rund 100.000 Pergamenturkunden gesammelt, darunter 114 mittelalterliche Kaiser- und Königsurkunden. Die Abteilung Ostwestfalen-Lippe in Detmold ist die zentrale Aufbewahrungs- und Dokumentationsstelle für die Geschichte der Region Ostwestfalen-Lippe und für die Genealogie in ganz Westfalen.Bedeutsam für den Erhalt des Kulturellen Erbes ist zudem die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in Mönchengladbach.
Sie inventarisiert flächendeckend und systematisch Glasmalereien in sakralen und nicht sakralen Gebäuden und macht sie damit der wissenschaftlichen Forschung und Präsentation zugänglich.
Weitere zentrale archivalische Aufgaben übernehmen die Universitäts- und Landesbibliotheken in Bonn, Düsseldorf und Münster, die durch das (2013 erneuerte) nordrhein-westfälische Pflichtexemplargesetz die Aufgabe haben, Altbestände und Neuerscheinungen, die in Nordrhein-Westfalen verlegt werden, zu sammeln und beständig verfügbar zu halten.“

Quelle: Landeskulturbericht, Nordrhein-Westfalen 2017, 59-61.
https://www.mfkjks.nrw/sites/default/files/asset/document/mfkjks_landeskulturbericht_2017_druckfassung.pdf

Archiv und Wirtschaft 1/2017

In Kürze erscheint die Ausgabe 1/2017 der seit 1967 vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „Archiv und Wirtschaft“. Im neuesten Heft wird u.a. an diese 50-jährige Geschichte erinnert – nicht nur in Gestalt des ersten Titelbildes.

Inhaltsverzeichnis „Archiv und Wirtschaft“ 1/2017

VdW-Jahrestagung vom 23. bis 25. April 2017 in Düsseldorf (Programm) (4-5)

50 JAHRE ARCHIV UND WIRTSCHAFT

Martin L. Müller: 50 Jahre „Archiv und Wirtschaft“ (6-8)

Artur Zechel: Die Aufgabe der Vereinigung Deutscher Werks- und Wirtschaftsarchivare. Zugleich ein Geleitwort zu „Archiv und Wirtschaft“ (1967) (9-12)

AUFSÄTZE

Susanne Witschaß-Beyer: Das Archiv des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V. (BDI) – Aus einer „Sammlung“ erwächst ein lebendes Verbandsarchiv (13-23)

Sylvia Goldhammer: Unternehmensarchive im Wirtschaftsarchiv des Instituts für Stadtgeschichte (23-30)

Oliver Häuser und Laura Kopp: Das Firmenarchiv der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG in Winnenden und seine Kunstsammlung (31-35)

BERICHTE

Svenja Egli: Jahrestagung des Arbeitskreises der Chemie- und Pharma-Archivare am 6. und 7. November 2016 bei der F. Hoffmann-La Roche AG in Basel (36-38)

Christoph Kießling und Matthias Bartsch: 84. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen (Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen)“ vom 16. bis 21. Oktober 2016 in Heidelberg (38-41)

REZENSIONEN

Markus Behmer, Birgit Bernard und Bettina Hasselbring (Hrsg.): Das Gedächtnis des Rundfunks. Die Archive der öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Bedeutung für die Forschung (Gregor Patt) (42-43)

Angelika Königseder: Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus (Kurt Schilde) (43-45)

Kornelia Rennert: Wettbewerber in einer reifen Branche. Die Unternehmensstrategien von Thyssen, Hoesch und Mannesmann 1955 bis 1975 (Dirk Wiegand) (45-47)

Tim Schanetzky: Regierungsunternehmer. Henry J. Kaiser, Friedrich Flick und die Staatskonjunkturen in den USA und Deutschland (Thomas Seidel) (47-49)

Sebastian Weinert: 100 Jahre Fürst Donnersmarck-Stiftung 1916-2016 (Axel Schuster) (49-51)

Nachrichten (51)

Rezensionsliste (51-52)

Impressum (56)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
Redaktion „Archiv und Wirtschaft“
c/o Bertelsmann SE & Co. KGaA
Corporate History
Carl-Bertelsmann-Straße 270
33311 Gütersloh
Telefon: 030-2093-70571
Martin_Muenzel@Yahoo.com
http://www.wirtschaftsarchive.de/veroeffentlichungen/zeitschrift

Grundstein für das neue Stadtarchiv Köln gelegt

Neubau kostet 80,5 Mio Euro

Am 17.3.2017, 8 Jahre und 13 Tage nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln, wurde am Kölner Eifelwall der Grundstein für den Neubau des Stadtarchivs gelegt. Oberbürgermeisterin Henriette Reker gedachte in ihrer Rede auch der zwei Todesopfer, die das Unglück forderte. Unter den zahlreichen Gästen aus Politik, Verwaltung und Kultur auch Stefan Neuhoff, der damals als Chef der Kölner Berufsfeuerwehr die Bergung der historischen Dokumente leitete.

Abb.: OB Henriette Reker hält die Messingplombe, die dann in den Grundstein gesetzt wird. Sie ist gefüllt mit Zeitdokumenten (Foto: Jürgen Schön/Köln)

In der Messingplombe, die Reker in den Grundstein legte, befinden sich ein historischer „Kölnpfennig“, ein Satz aktueller Euro-Münzen (allerdings kein 2-Euro-Stück mit dem Kölner Dom), ein Satz aktueller Kölner Tageszeitungen, zwei historische Fotos aus dem Rheinischen Bildarchiv und etwas Schutt des alten Archivs. Anschließend wurde der kleine Schacht mit einer Platte verschlossen, jeder der am Bau verantwortlich Beteiligten durfte eine Kelle Mörtel verschmieren. Zum Abschluss klopften gemeinsam alle mit einem Maurerhammer die Platte fest.

Auf dem Grundstück an der Ecke Eifelwall/Luxemburger Straße soll das „modernste kommunale Archiv Europas“ entstehen. Für Ende 2020 ist die Eröffnung des „Bürgerarchivs“ geplant. Es wird die Dokumente aus über 1000 Jahren Stadtgeschichte bewahren – 95 Prozent konnten nach dem Einsturz geborgen werden, ihre Restaurierung wird sich noch einige Jahrzehnte hinziehen. Die Kosten für den Archiv-Neubau sind auf 80,5 Millionen Euro kalkuliert.

Gebaut wird nach dem Entwurf des Darmstädter Architekturbüros Waechter + Waechter, das sich bei dem Wettbewerb gegen 40 Konkurrenten durchsetzen konnte. Es sieht eine sechsgeschossige quadratische „Schatzkammer“ mit dunkler, geschlossener Fassade für die Archivalien vor.

Abb.: Siegerentwurf für den Neubau des Kölner Stadtarchivs (Foto: dpa/Oliver Berg)

Platz für 60 Kilometer Regale
Sie wird umfasst von zwei Innenhöfen und einem dreigeschossigen Gebäude mit viel Glas, das Einsicht nach innen und draußen bietet. Hier finden sich die Lesesäle, ein Vortragssaal, die Büros und Restauratoren-Werkstätten. Auf einer Gesamtfläche von etwa 20.300 Quadratmetern ist Platz für rund 58 Regalkilometer und 460 Planschränke. Hinzukommen 2,2 Regalkilometer für das Rheinische Bildarchivs, das ebenfalls hier einziehen wird.

In einem aufwändigen Sicherungsverfahren wird derzeit die Unglücksursache für den Einsturz gesucht, der im Zusammenhang mit dem Bau der Nord-Süd-U-Bahn am Waidmarkt steht.

Quelle: Stadt Köln, Pressemitteilung, 17.3.2017

An der Grenze der Wissenschaft. Freiburg – locus occultus

Freiburger Sammlungen

Reihenweise schlichte Metallregale, deckenhoch, bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit Ordnern und Kartons. Ein ganz gewöhnliches Archiv, könnte man meinen, auf den ersten Blick eher unspektakulär, randgefüllt mit Unterlagen und Papier. Lüftet man jedoch den ein oder anderen Kistendeckel oder wirft einen Blick auf die Ordnerrücken, so scheint es, als wäre dieses Archiv doch nicht so gewöhnlich, ganz im Gegenteil, als gäbe es hier die ein oder andere Besonderheit zu entdecken. Eine der Kisten etwa enthält ein Sammelsurium aus angelaufenem, verbogenem Silberbesteck, „Spontanfälle“ steht auf einigen der Ordnerrücken. Es ist das Archiv des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. (IGPP).

Abb.: Objekte aus dem IGPP (Fotos: Lisa Blitz)

Das Freiburger Institut, das es so in Europa kein zweites Mal gibt, hat es sich zum Auftrag gemacht, Unterlagen und Objekte zu sammeln, die in Zusammenhang mit außergewöhnlichen, paranormalen Phänomenen stehen. „Das sind Ereignisse, die aus dem üblichen Wirklichkeitserleben hinausfallen – wie etwa Spuk oder Hellsehen“, erklärt Uwe Schellinger, Historiker und Archivar des Instituts. Die Kernthemen, mit denen sich das Institut beschäftigt, sind einerseits verschiedene Formen der außersinnlichen Wahrnehmung: Dazu zählen Prä- oder Retrokognition, also die Fähigkeiten, in die Zukunft oder die Vergangenheit zu blicken sowie Telepathie. Ein zweites Feld ist die Psychokinese: Können nicht-physikalische Einflüsse auf die Materie stattfinden? Kann es etwa gelingen, nur mit Gedankenkraft Gegenstände zu verformen? Uri Geller war in den 1970er Jahren nicht der Einzige, der sich hierzu befähigt sah.

Und auch die Erforschung von Spukfällen ist Gegenstand der parapsychologischen Forschung. „Damit sind keine weißen Frauen gemeint, die durch die Wohnung geistern, wie es die Medien oft darstellen“, bemerkt Schellinger. „Spuk, das sind Geräusche, die man sich nicht erklären kann, Poltern zum Beispiel. Oder wenn Sachen wie von Geisterhand bewegt werden, Dinge durch die Luft ‚fliegen‘.“ Noch heute ist dem Institut eine psychologische Beratungsstelle angeschlossen, an die man sich etwa mit Spuk-Erfahrungen wenden kann.

So machen Berichte und diverse Objekte von Menschen, die entsprechendes erlebt haben, einen Großteil der Sammlung im Keller des Instituts in der Wilhelmstraße 3A aus. Auch Fotographien, Audio- und Filmaufnahmen sowie umfangreiche Pressesammlungen sind dort untergebracht. Da es sich beim IGPP um ein Forschungsinstitut handelt, kommt zudem der international ausgerichteten Forschungsarbeit im Bereich der Parapsychologie und der Anomalistik ein großer Stellenwert zu.

„Wir haben es hier mit einem Forschungsbereich zu tun, der sich an der Grenze der etablierten Wissenschaft bewegt“, so Schellinger. Es sind daher meist Privatpersonen, Gesellschaften oder Vereine, die entsprechende Sammlungen anlegen, welche in die gängigen Archive nur schwer Eingang fänden. So auch in Freiburg: Das IGPP ist ein gemeinnütziger Verein, der vorrangig aus privaten Stiftungsmitteln finanziert wird.

Hans Bender (1907-1991), einem Freiburger Psychologen, war es 1950 ein persönliches Anliegen, diesem besonderen Wissenschaftszweig in seiner Heimatstadt ein eigenes Institut zu widmen. Schon in den 1940er Jahren hatte er Ähnliches an der „Reichsuniversität Straßburg“ umzusetzen versucht. Der einstige so genannte „Spuk-Professor“, Koryphäe im Feld der Parapsychologie und Lehrstuhlinhaber an der Universität Freiburg, war erpicht darauf, alles, was mit dieser Disziplin zusammenhängt, sorgfältig zu dokumentieren. Mit seinem kleinen Team, darunter der bekannte Fotograf Leif Geiges, arbeitete er im Institutsgebäude auf der Eichhalde in Herdern daran, Beweise für die Existenz von Spuk und anderen außersinnlichen Phänomenen zu liefern.

Zwar beschäftigten sich Gelehrtenclubs in Europa und den USA schon seit den 1880er Jahren mit Phänomenen der außersinnlichen Wahrnehmung, doch blieb die Parapsychologie stets marginalisierte Disziplin. Die Gründung des IGPP im Jahr 1950 – sicherlich ein Meilenstein in der Geschichte des Forschungsgebiets – ist vor allem der guten Stellung Hans Benders in seiner Heimatstadt, seinem Durchsetzungsvermögen und seinem Kommunikationsgeschick zu verdanken.

So konnte er nicht nur die nötigen finanziellen Mittel eintreiben, sondern auch die Nachlässe einiger bedeutender Wissenschaftler für das Archiv gewinnen. Das wissenschaftliche Erbe des Sexualmediziners Albert von Schrenck-Notzing (1862-1929), der in den 1920er Jahren als gesellschaftliche Events regelmäßig mediumistische Séancen in seinem Haus in München abhielt war die erste dieser Sammlungen des IGPP. Fanny Moser (1872-1953), Zoologin und Spuk-Forscherin, spendete nicht nur ihren Nachlass, sondern zudem eine beachtliche Summe Geld, die die Institutsarbeit nachhaltig finanzierte. Unter den zahlreichen privaten und wissenschaftlichen Nachlässen im Archiv lassen sich auch zwei aus Freiburger Händen finden: Anna Weismann (1871-1953) erforschte in den 1920er Jahren, ob sich mit Tieren kommunizieren ließe und schrieb darüber in der „Zeitschrift für Tierseelenkunde“. Else Liefmann (1881-1970), Hans Benders Patentante – ansonsten eher bekannt als Opfer der NS-Zeit, denn als aufstrebende Wissenschaftlerin – hatte sich als Kinderärztin mit der Chirologie beschäftigt: Lassen sich anhand von Handlinien Krankheiten vorhersehen?

Nach seiner Aufbauphase in den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Institut in den 1970er Jahren, im allgemeinen Medienrummel um Uri Geller und Co., als auch Hans Bender zu einer bekannten Persönlichkeit wurde, eine Hochkonjunktur. Im gesammelten Material hat sich dies vor allem dadurch niedergeschlagen, dass sich durch die mediale Präsenz des Institutsgründers mehr Menschen ans Freiburger Institut wandten. Auch in Kriminalfällen wurde die Koryphäe der Parapsychologie einige Male zu Rate gezogen. Vor allem in den 1920er Jahren, doch auch später, bestand die Hoffnung, Hellseher könnten der Polizei helfen, Kriminalfälle zu lösen. „Die sogenannte Kriminaltelepathie war oftmals die ultima ratio, die letzte Hoffnung, wenn die Polizei nicht mehr weiter wusste“, so Uwe Schellinger, der selbst zu einem Kriminaltelepathie-Fall zur Klärung eines Mordes auf der Weißtannenhöhe im Schwarzwald geforscht hat.

Nachdem Hans Bender kurz vor seinem Tod 1991 noch einmal sein Verhandlungsgeschick unter Beweis gestellt hatte und sich durch eine große private Stiftung ein weiterer großer finanzieller Spielraum ergab, zog das Institut in neue Räume in die Wilhelmstraße. Von nun an stand weit mehr Platz zur Verfügung und das IGPP konnte weiter professionalisiert werden. Die heterogene Sammlung des Instituts ist zu einem gut sortierten Wissenschaftsarchiv geworden, auch wenn sich die Parapsychologie weiterhin an den Grenzen der Wissenschaft bewegt.

Die Diplomarbeit eines Institutsmitarbeiters, Wolfgang Fach, verfasst in den 1990er Jahren, beschäftigt sich damit, dass der Markt für esoterische Angebote in Freiburg im Vergleich zu größeren Städten wie Berlin oder Frankfurt ausgesprochen groß ist. Schon 1986 schrieb der Journalist Albert Sellner im „Kursbuch“ einen Aufsatz mit dem Titel „Freiburg – locus occultus“, in dem er beleuchtete, warum gerade Freiburg einen so fruchtbaren Boden für Okkultismus, Esoterik und Spiritismus bietet. Es bleibt ihm jedoch unklar ob das „Pesionopolis“- Phänomen dafür eine Rolle spielt: Freiburg als Stadt, in der überdurchschnittlich viele wohlhabende ältere Menschen leben und die wohlhabende Mittelschicht eine hohe Nachfrage für den esoterischen Markt hat oder ob doch die allfällige Sinnsuche der vielen Studierenden in der Stadt dafür mitverantwortlich ist.

Weitere Hinweise gibt das Sammelwerk „Okkultes Freiburg“ (okkultesfreiburg.de) – in dem unterschiedliche Spielarten des Okkultismus – gemeint ist damit die Suche nach unerklärlichen und geheimnisvollen Phänomenen – in Freiburg beschrieben werden. Darin wird Freiburg eine spezifischer Hang zum Okkultismus bestätigt: einerseits begründet in dem urban-modernen Charakter der Stadt, die Verbreitungsmöglichkeiten der Angebote begünstigt. Andererseits begründet durch die Sozialstruktur der Stadt, die in der wohlhabenden Mittelschicht und den vielen zugezogenen, protestantischen Pensionären aus dem Norden eine Abnehmerschaft bietet. Das Phänomen eines okkulten Freiburgs kann also auch verstanden werden als Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

Kontakt:
Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V.
Wilhelmstraße 3a
79098 Freiburg i.Br.
schellinger@igpp.de

Quelle: Stadt Freiburg, Projekt: Freiburg sammelt, 8.3.2017

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