Wie die Stadt Xanten 48 ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt

Manchmal schlummern sie im Verborgenen, aber gar nicht weit weg, gleich nebenan. Dinge, die für die Aufarbeitung der Vergangenheit so wichtig sind. In diesem Fall war es das Stadtarchiv Xanten. Hier wurde der „historische Schatz“, wie ihn Dr. Ralph Trost nennt, gehoben. Ein Kasten mit Karteikarten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Die „Allgemeine Ausländerkartei“, in der Personen erfasst sind, die zu dieser Zeit in Xanten waren, ist Basis für die umfangreichen Recherchen. Denn auf diesen Karten stehen auch die Namen von Menschen, die unter den Nazis nach Deutschland verschleppt wurden, um Zwangsarbeit zu leisten. Mehrere hundert waren es allein in Xanten. Ihnen waren sie auf der Spur – Klaus Haan, Mitarbeiter beim Hauptamt und zuständig für das Stadtarchiv, und Historiker Dr. Ralph Trost, der sich bereits im Rahmen seiner Dissertation über die Zeit des Dritten Reiches und auch darüber hinaus intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat Anlass für die aktuelle Auseinandersetzung: ein Ratsbeschluss vom Sommer 2002, der auf den Antrag der Eine-Welt-Gruppe zurückging, dem Entschädigungsfonds beizutreten. Der Rat wählte einen anderen Weg: die Geschichte intensiver zu recherchieren und die ehemaligen „Zwangsarbeiter direkt zu entschädigen“, erklärt Klaus Haan. Und zwar mit jeweils 100 Euro. Die seien natürlich nur symbolisch zu verstehen, erklärt Trost, der die städtischen Recherchen in einem Gutachten bewertet hat. Die vielen Jahre, die die Menschen gelitten hätten, seien mit Geld nicht aufzuwiegen. Dennoch, der Vorstoß der Stadt sei lobens- und vor allem auch nachahmenswert. Denn im Zuge der Recherchen wurde den Menschen gleich der so wichtige Nachweis mitgeliefert, dass sie als Zwangsarbeiter in Xanten waren und damit als solche anerkannt werden. Ein ganz entscheidender Punkt für die Zahlungen aus dem Entschädigungsfonds.

Die Ausländer- und Einwohnermeldekartei dokumentiert in erster Linie die Situation im Bereich der ehemaligen Gemeinde Wardt, wo Zwangsarbeiter vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt waren. Für die übrigen Stadtbezirke gibt es dagegen weit weniger Hinweise. In Zügen wurden die Menschen aus ihrer Heimat zunächst in Zwischenlager und später von dort aus auch nach Xanten gebracht.

Viele kamen zum Kriegsende ums Leben. Denn auch bei den Zwangsarbeitern gab es eine Hierarchie – je nach Herkunft. Die so genannten Untermenschen „durften bei Bombenangriffen nicht in die Bunker“, erklärt Trost. Etwa hundert Zwangsarbeiter kamen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in Xanten ums Leben. Viele waren um 1900 geboren, sind inzwischen verstorben. Und so konnte die Stadt im Zuge ihrer Recherchen in enger Kooperation mit den Partnerschaftsorganisationen in Polen und der Ukraine insgesamt 48 ehemalige Zwangsarbeiter ausmachen, zwei Fälle stehen bis dato noch aus.

Ein Problem, so Haan: Wie konnte das Geld sicher in die Herkunftsländer gebracht werden? Einzelüberweisungen kamen nicht in Frage – viel zu kostspielig. Also wurde der Gesamtbetrag auf ein Treuhandkonto im jeweiligen Land eingezahlt. Und die entsprechenden Partnerorganisationen vor Ort boten an, die Auszahlung zu übernehmen: die zehn ehemaligen Zwangsarbeiter aus Polen haben das Geld bereits, ebenso der aus Italien. Und die 37 aus der Ukraine erhalten ihre Entschädigung in den kommenden Wochen.

Kontakt:
Stadtarchiv Xanten
Karthaus 2
D-46509 Xanten

Telefon: 02801-772232
Telefax: 02801-772209
E-mail: hauptamt@rathaus-xanten.de

Quelle: WAZ, 19.12.2003

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