Die Rückkehr der Aschaffenburger Jäger – Aschaffenburger Schlaglicht November/Dezember 1918

Seit dem hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs werden im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg monatlich wechselnde „Schlaglichter“ in Form einer kleinen Präsentation gezeigt. Ausgewählte Dokumente, Fotografien und Objekte, zumeist aus den Beständen des Archivs (und ab und an auch in Kooperation mit regionalen Sammlern und Heimatforschern) werden über einen Zeitraum von jeweils vier Wochen gezeigt. Die jeweiligen Präsentationstexte sowie ausgewählte Bilder werden seit dem August 2014 über die Homepage des Archivs dokumentiert (Rückblick).

Das aktuelle Schlaglicht thematisiert die Rückkehr der Aschaffenburger „Jäger“:

Am 26. November 1918 erscheint auf dem Titelblatt der „Aschaffenburger Zeitung“ ein Bericht über die Rückkehr des 2. Jägerbataillons. Tage zuvor war immer wieder gemeldet worden, dass das Eintreffen der Jäger in Kürze erfolgen solle. Zu dieser Zeit befindet sich das Bataillon auf dem Rückmarsch durch Serbien, Ungarn und Österreich in Richtung Aschaffenburg, nachdem die Kapitulation Deutschlands bereits am 11. November 1918 unterzeichnet worden war.

Die „Aschaffenburger Zeitung“ beschreibt auch noch einmal den Tag im August 1914, an welchem das Bataillon sich unter der großen Anteilnahme der Stadt verabschiedet hatte und in den Krieg gezogen war. Von der „Feuertaufe“ bei Lagarde am 11. August 1914, einem kleinen Dorf in Lothringen, wird glorifizierend berichtet und die Niederlage der kaiserlichen Armee im November 1918 aufs Tiefste bedauert.

Mehr als 2700 Angehörige des 2. Jägerbataillons sind im Ersten Weltkrieg gefallen, vermisst bzw. ihren Verwundungen nach dem Krieg erlegen.

Das Schlaglicht November – Dezember widmet sich anhand ausgewählter Exponate der Schicksale einzelner Aschaffenburger Jäger und spiegelt so den Kriegseinsatz zwischen 1914 und 1918 wider. Die Rückkehr und Demobilmachung sowie Sterbefälle in den hiesigen Lazaretten nach Kriegsende beschließen die Reihe der Schlaglichter – Aschaffenburg im Ersten Weltkrieg.

Das letzte „Schlaglicht“ zum Ersten Weltkrieg wird – abweichend von der bisher üblichen Dauer der Präsentation während eines Monats – bis Ende des Jahres (30.12.2018) während der Öffnungszeiten des Stadt- und Stiftsarchivs zu sehen sein.

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv
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63739 Aschaffenburg
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Ausstellung „Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen“

Sonderausstellung im Deutschen Hygienemuseum Dresden läuft noch bis zum 6. Januar 2019 – Ein Bericht von Christoph Schwab (Kurator des Museums auf der Hardt der Archiv- und Museumsstiftung der VEM) über Exponate der Kolonialzeit.

Wie kamen Gegenstände aus Afrika, Asien oder Ozeanien während der Kolonialzeit in europäische Museen? – Das ist nur eine der Fragen, die in der Ausstellung »Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen« im Deutschen Hygiene-Museum derzeit gestellt wird. Es ist aber auch eine Frage, die nahezu alle Einrichtungen in Europa und Nordamerika bewegt, die eine Sammlung mit derartigen Gegenständen aus dieser historischen Epoche ihr Eigen nennen. Das gilt auch für die Archiv- und Museumsstiftung der VEM. Sie war aus eben diesem Grund bereit, ein solches »sensibles Objekt« aus ihrer Namibiasammlung als Leihgabe für die Dauer der Ausstellung nach Dresden zu geben.

Abb.: Dieses »sensible Objekt« aus der Namibiasammlung der Archiv- und Museumsstiftung der VEM ist eine Leihgabe für die Rassismus-Ausstellung in Dresden.

Das dort ausgestellte Reibholz und die Astgabel stammen mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Familienbesitz des Herero-Chiefs Omuhona Kukuri. Sie wurden vermutlich im Zusammenhang mit dem Ahnenfeuer des Clans benutzt, dem Chief Kukuri vorstand. Alle Handlungen, die mit dem Ahnenfeuer in Zusammenhang standen, waren für die Herero von zentraler Bedeutung: für ihre Verbindung zu den Vorfahren, den verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Gegenwart und die Fortschreibung ihrer Stammeslinie in die Zukunft.

Unsere Nachforschungen haben bisher ergeben, dass die Dinge zusammen mit weiteren Gegenständen Ende des 19. Jahrhunderts an den rheinischen Missionar Johann Jakob Irle übergeben wurden. Zwar kannten sich Irle und Kukuri bereits über viele Jahre, doch die Gegenstände erhielt der Missionar mutmaßlich erst kurz vor dem Tod des Chiefs, als dieser bereits schwer erkrankt war. Auch die Frage um Kukuris Taufe spielte in diesem Zusammenhang eine Rolle. Alle seine Familienangehörigen waren zu diesem Zeitpunkt bereits Christen. Die genauen Umstände der Aushändigung werden aber wohl nicht mehr vollständig zu klären sein. Der Dialog mit Experten und Einrichtungen aus den Herkunftsländern über den richtigen Umgang mit Gegenständen dieser Art vor dem Hintergrund ihrer besonderen Erwerbsumstände ist deshalb ein wichtiges Anliegen der Stiftung.

Außerdem zeigt die Dresdner Ausstellung auch die von einem rheinischen Missionar 1905 angefertigte Skizze. Sie zeigt das nach dem Kolonialkrieg von der deutschen Verwaltung für die Herero und Nama eingerichtete Konzentrationslager auf der Haifischinsel. Auch dieses Dokument stammt aus den Archivbeständen der Archiv- und Museumsstiftung der VEM und wird normalerweise in der Dauerausstellung des Museums auf der Hardt gezeigt.
(Christoph Schwab: VEM-Journal 03/2018, S. 30)

Einführung in die Ausstellung „RASSISMUS – Die Erfindung von Menschenrassen“

Rassismus ist eine menschenfeindliche Ideologie und gleichzeitig eine alltägliche Praxis, durch die viele Menschen unter uns mit Diskriminierung und Gewalt konfrontiert sind. Aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Sprache machen sie immer wieder erniedrigende Erfahrungen, die für andere Teile der Bevölkerung nur schwer vorstellbar sind. Rassismus verletzt aber nicht nur die Einzelnen, er widerspricht auch den Idealen menschlicher Gleichheit und Freiheit, die unserer demokratischen Gesellschaft zugrunde liegen.

Die Sonderausstellung fragt danach, welcher Zusammenhang zwischen dieser Form des Rassismus und dem Begriff der „Rasse“ selbst besteht. Dabei geht es weniger um die Geschichte dieses gefährlichen Wortes, das in unserer Gesellschaft inzwischen weitgehend geächtet ist, als um die Struktur und Wirkung dieser langlebigen Idee. Denn mit der Kategorie „Rasse“ werden nur scheinbar menschliche Unterschiedlichkeiten beschrieben, in Wahrheit dient sie dazu, politische, soziale und kulturelle Ungleichheit zu begründen.

Obwohl die Menschen überall auf der Welt ganz unterschiedlich aussehen – so etwas wie „Menschenrassen“ gibt es nicht. „Rassen“ sind eine wissenschaftliche Erfindung, die seit dem 18. Jahrhundert ihre unheilvolle Macht entfaltet hat. Die Ausstellung analysiert die Methoden, mit denen dieses Denken entwickelt wurde, und sie zeigt die Bilder und Medien, in denen sie sich verbreitet haben. Eine eigene Abteilung thematisiert die Rolle des Deutschen Hygiene-Museums als Propagandamaschine der sogenannten „Rassenhygiene“ während des Nationalsozialismus. Ein weiteres Kapitel ist der rassistischen Herrschafts- und Ausbeutungspolitik in der Epoche des Kolonialismus gewidmet, deren Folgen bis zu den Fluchtbewegungen unserer Tage nachwirken.

Neben dieser kulturhistorischen Betrachtung des „Rasse“-Begriffs, kommen in allen Abteilungen auch solche Persönlichkeiten und Bewegungen zu Wort, die sich kritisch und widerständig mit rassistischen Ideologien auseinandergesetzt haben. Zahlreiche Medienstationen, Interview-Filme und Video Installationen stellen aktuelle Themenfelder zur Diskussion: Alltagsrassismus, die Debatte um die Populationsgenetik, die Rückgabe von geraubten Kulturgütern oder die Herausforderungen einer postmigrantischen Gesellschaft.

Kontakt:
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Lingnerplatz 1
01069 Dresden
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SERVICE / BUCHUNGEN
Telefon: 0351 4846-400
Montag bis Freitag, 10 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr
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Kinder bis 16 Jahre: frei
Ermäßigungsberechtigte: 4 €
Erwachsene: 9 €
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Zwischen Heimat, Front + Revolution. Bochum 1914 bis 1920

Im November jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Aus dem zu Beginn überschaubaren Kriegsgeschehen im August 1914 entstand der Weltkrieg. Der zunächst noch „traditionelle“ Krieg entwickelte sich zum industrialisierten Massenkrieg mit neuer Waffentechnik, stetig steigender Waffenproduktion und dem Ersteinsatz von Giftgas, Panzern und Kampfflugzeugen. Er gilt als der erste „totale“ Krieg überhaupt, der auch die „Heimatfront“ fest im Griff hatte. Mit zunehmender Dauer wich die anfängliche Euphorie Kriegsmüdigkeit, Überdruss und Verzweiflung. Die nationale Einheit bröckelte, Proteste und Streiks griffen um sich. Am 11. November 1918 war der Krieg zu Ende – und die Novemberrevolution in vollem Gange.

Auch in Bochum bildete sich unter der Führung des Sozialdemokraten Fritz Husemann ein Arbeiter- und Soldatenrat (ASR). Große Unruhen waren nicht zu verzeichnen. Der ASR sorgte für „Ruhe, Sicherheit und Ordnung“. Als Folge der Revolution wurde das demokratische Wahlrecht mit freien, gleichen und geheimen Wahlen für Männer und für Frauen eingeführt, im Januar 1919 die verfassunggebende Nationalversammlung gewählt, im März die Stadtverordnetenversammlung. Doch die Proteste blieben. Auf Massenstreiks im Frühjahr 1919 folgte der Belagerungszustand. Als nach der Niederschlagung des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920 Teileinheiten der bewaffneten Arbeiter für ihre Forderungen weiterkämpften, marschierten Truppen der Reichswehr ein und schlugen sie blutig nieder.

Abb.: Exponate der Ausstellung (Fotos: Stadtarchiv Bochum)

Jenseits von Krieg und Revolution gab es Dinge, die die Menschen erfreuten und sie aufrichteten. Der Kultur- und Unterhaltungsbetrieb kam während des gesamten Krieges nicht zum Erliegen. 1919 schwang er sich zu neuen Ufern auf: Die Bochumer Symphoniker wurden gegründet, das Stadttheater bekam einen Intendanten und ein eigenes Ensemble, die Volkshochschule legte ihre ersten Programme vor und im Haus Rechen fand das Stadtmuseum eine Bleibe.

Die Ausstellung „Zwischen Heimat, Front + Revolution. Bochum 1914 bis 1920“ des Stadtarchivs – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte zeichnet die Entwicklung von 1914 bis 1920 am Beispiel Bochums nach. Sie wechselt aber auch die Perspektive und richtet den Blick auf den südbelgischen Ort Virton, wo im August 1914 eine große Schlacht unter Beteiligung Bochumer Soldaten geschlagen wurde. Am Rande der Schlacht kam es zu einem Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung. In Zusammenarbeit mit dem Musée des Guerres en Gaume in Virton-Latour thematisiert die Ausstellung sowohl dieses Massaker als auch das Über-Leben der belgischen Bürger in der Etappe im besetzten Virton und die Zwangsarbeit, die belgische Arbeiter in Deutschland leisten mussten, auch aus Virton, auch in Bochum.

Eröffnung der Ausstellung: Sonntag, 18. November, 11 Uhr
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr; Samstag / Sonntag und an Feiertagen: 11 bis 17 Uhr
Ein Begleitbuch ist in Arbeit.

Kontakt:
Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte
Wittener Straße 47
44789 Bochum
stadtarchiv@bochum.de
www.bochum.de/stadtarchiv

Kreisarchiv Stormarn mit neuer Homepage

Schnellerer Zugriff auf die Sammlungen

Aus dem Wohnzimmer kommt man jetzt direkt und schnell ins Kreisarchiv Stormarn: Mit einer neuen Website hat das Stormarner Kreisarchiv die Nutzung seines Bestandes wesentlich einfacher gemacht. Über die neue Homepage (www.kreisarchiv-stormarn.de) werden Benutzerinnen und Benutzer demnächst von zu Hause aus unkompliziert auf den Bestand von rund 170.000 Digitalisaten zugreifen und damit arbeiten können.

Stefan Watzlawzik und Sarah Walter zeigen die neue Website (Foto: Kreis Stormarn)

„Nutzer sollen die Sachen, die sie suchen, schnell finden“, erläutert Kreisarchivar Stefan Watzlawzik und macht es vor. Beim Stichwort „Dreharbeiten“ erscheinen Inge Meysel und „Der grüne Bogenschütze“ auf dem Schirm, und das zuerst als Foto. „Unsere Nutzer wollen in erster Linie Bilder ansehen“, hat Watzlawzik die Erfahrung gemacht. „Deshalb haben wir einen Schwerpunkt auf Bilder gelegt.“ Sie machen rund 100.000 Dateien des digitalen Bestandes aus. Danach folgen Akten und Zeitungsartikel. Die neue Website ist den Suchgewohnheiten der Benutzer angepasst und kommt damit den Bürgern entgegen. „Man findet jetzt wesentlich schneller als vorher, wonach man sucht“, ergänzt Archivmitarbeiterin Sarah Walter. „Die Suche in der Datenbank steht nun an erster Stelle, die war vorher versteckt. Jetzt sind die Daten direkt über die Website zu finden.“

Auf den zweiten Klick gibt es auch die Informationen zu den Bildern, die zu jeder Abbildung hinterlegt sind. Weggefallen sind umständliche Navigationswege, die erst nach mehrmaligem Durchklicken zu den gewünschten Ergebnissen führten. „Ursprünglich war die Website für Spezialisten gemacht, die sich mit Archiven auskennen“, so der Archivar, „die neue Homepage ist viel einfacher zu handhaben. Nutzer wollen direkt sehen, was im Bestand ist, und das soll ohne Umwege gehen.“ Dazu gibt es gleich die Lizenz fürs Runterladen, so dass das Archivgut auch weiter verwendet und mit anderen Interessierten geteilt werden kann.

Für die neue Technik hat das Kreisarchiv mit Andy Adiwidjaja aus Ahrensburg zusammen gearbeitet. „Das Besondere an dem neuen System ist, dass es responsiv ist“, erklärt der Fachmann, „das bedeutet, dass es auch auf mobilen Endgeräten wie dem Smart-Phone oder Tablet funktioniert.“ Dass man von unterwegs ins Kreisarchiv gucken kann, macht die Mediendatenbank attraktiver, die jetzt integriert ist. „Damit ist das Kreisarchiv gegenüber anderen Archiven sehr fortgeschritten“, so Adiwidjaja, „die Sachen werden gezeigt und gleichzeitig zugänglich gemacht.“

Umgekehrt wird es damit auch fürs Kreisarchiv einfacher, das die Website nun selber vom Archiv aus bearbeiten kann. So werden die Kommunikation flexibler und der Bestand aktueller, weil er von der Quelle aus direkt ergänzt werden kann. Durch Open-Source-Software, die eine lizenzfreie Nutzung erlaube, sei die Seite zukunftssicher und gut weiterzuentwickeln, so Adiwidjaja. „Der Bestand des Archivs wird laufend ergänzt und dann natürlich auch dort abrufbar“, erklärt Watzlawzik. „Wir können nun auch einfacher Links auf Anfragen verschicken. Der Publikumsverkehr wird damit zurückgehen, weil man nicht mehr persönlich ins Archiv kommen muss.“ Kontakte zu den anderen Archiven im Kreis sollen den Service ergänzen. Die Umgestaltung zielt auch auf die bessere Zusammenarbeit mit Schulen ab. „Wir stehen für Unterrichtsprojekte zur Verfügung und bieten Praktika im Kreisarchiv an“, erläutert Sarah Walter.


Imagefilm des Kreisarchivs Stormarn

„Das Archiv ist so viel einfacher zugänglich“, lobt Kirstin Krochmann vom Kreiskulturausschuss, „Dadurch kann es anders als die gedruckte Form laufend fortgeschrieben werden.“ Die neue Website sei ein zukunftsweisendes Projekt und einzigartig für Schleswig-Holstein. „Der Kreis hat das Projekt gerne unterstützt, weil auch er zum Ziel hat, zukunftsweisend zu agieren.“ Das Kreisarchiv wird damit gleich um eine Archivalie ergänzt: Die alte Homepage wird jetzt selber zu Archivgut.

Kontakt:
Kreisarchiv Stormarn
Mommsenstraße 14
23843 Bad Oldesloe
kreisarchiv@kreis-stormarn.de
www.kreisarchiv-stormarn.de

Quelle: Kreis Stormarn, Pressemitteilung, 12.10.2018

Amberger Ausstellung: Menschen im Krieg. Die Oberpfalz 1618 bis 1648

Das Staatsarchiv Amberg, das umfangreiche Unterlagen zu den regionalen Ereignissen in jener Zeit verwahrt, widmet dem traurigen Erinnerungsjahr 1618 die Ausstellung „Menschen im Krieg. Die Oberpfalz 1618 bis 1648“. Der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 markiert den Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Für die Bevölkerung in weiten Teilen Mitteleuropas brachte dieser Krieg Not und unvorstellbares Leid.

In der Ausstellung geben ausgewählte Objekte einen Überblick über die politischen und militärischen Ereignisse im Raum der heutigen Oberpfalz. Auch wenn hier keine kriegsentscheidenden Schlachten geschlagen wurden, bedrückten Truppendurchzüge, militärische Scharmützel, Belagerungen, Brandschatzungen, Steuer- und Kontributionsforderungen das Land. Anhand eindrucksvoller Dokumente wird aus der Perspektive der örtlichen Zivilbevölkerung und der einfachen Soldaten gezeigt, wie beide Seiten das Kriegsgeschehen, die wiederkehrende Gewalt und die persönliche Not bewältigten.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogheft; Preis 4,00 Euro.

Ausstellung: Menschen im Krieg. Die Oberpfalz 1618 bis 1648

Ausstellungsort:
Staatsarchiv Amberg
Archivstr. 3
92224 Amberg

Geöffnet:
25. Oktober bis 30. November 2018, Mo, Do 8.00-16.00 Uhr; Di, Mi 8.00-18.00 Uhr; Fr. 8.00-13.30 Uhr.
Am Buß- und Bettag 21. November ist die Ausstellung geöffnet.

Führungen können unter der E-Mail poststelle@staam.bayern.de sowie telefonisch unter 09621/307-911 vereinbart werden.

Der Eintritt ist frei.

Es werden folgende Begleitveranstaltungen angeboten:
Mittwoch, 14. November, 17.00-18.00 Uhr: Feierabendführung;
Donnerstag, 22. November, 18.00-19.00 Uhr: Feierabendführung.

Donnerstag, 22. November, 19.00 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Fritz Dross (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin) über „Wallensteins Zipperlein: Die Krankheiten des Feldherren und seiner Soldaten“ (Veranstalter: Staatsarchiv Amberg, Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg – Regionalgruppe Amberg und KEB; Eintritt frei).

Weitere Informationen unter www.gda.bayern.de

Aschaffenburger Notgeld – Aschaffenburger Schlaglicht Oktober 1918

Seit dem hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs werden im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg monatlich wechselnde „Schlaglichter“ in Form einer kleinen Präsentation gezeigt. Ausgewählte Dokumente, Fotografien und Objekte, zumeist aus den Beständen des Archivs (und ab und an auch in Kooperation mit regionalen Sammlern und Heimatforschern) werden über einen Zeitraum von jeweils vier Wochen gezeigt. Die jeweiligen Präsentationstexte sowie ausgewählte Bilder werden seit dem August 2014 über die Homepage des Archivs dokumentiert (Rückblick).

Das aktuelle Schlaglicht widmet sich dem Notgeld:

Im Oktober 1918 berichteten sowohl der Beobachter am Main als auch die Aschaffenburger Zeitung vom Beschluss des Magistrats der Stadt Aschaffenburg, Notgeldscheine auszugeben. Vorausgegangen waren mehrere Notgeldfluten in Deutschland, die sich im Währungsverfall und den gestie­genen Preisen begründeten. Umlaufende Zahlungsmittel reichten plötzlich nicht mehr aus. Dies zwang die Reichs­bank, die Ministerien der einzelnen Bundesstaaten zur Her­stellung und Ausgabe von Notgeldscheinen zu veranlassen.

Abb.: 20er Notgeldschein der Stadt Aschaffenburg (aus: SSAA, Archivische Sammlungen)

Als Werte wurden 5, 10 und 20 Mark vorgeschlagen. Die Umlaufdauer der Geldscheine wurde ursprünglich auf den 30. November begrenzt. Die Stadt Aschaffenburg gab als einzige in der Untermainregion derartige Großgeldscheine in einem Wert von insgesamt 1.805110 Mark aus. Dies war für den gesamten Untermain als Umlaufgebiet keine große Summe.

Farblich variierten die Banknoten ja nach Wertigkeit. Es ließen sich jedoch Gemeinsamkeiten in der Gestaltung er­kennen. Die Vorderseite war mit dem Stadtsiegel, die Rück­seite mit einer Abbildung des Aschaffenburger Schlosses bedruckt. Der Notenwert war ebenfalls, in unterschiedlichen Größen, beidseitig erkennbar.

Als in den ersten Monaten des Jahres 1919 die Reichsbank durch Neuausgabe von Banknoten den Bedarf an den nöti­gen Geldmitteln deckte, begann der Einzug der Notgeld­scheine.

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv
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63739 Aschaffenburg
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Hamburger Stellungnahme zur fehlerhaften Bewertung von Todesbescheinigungen

Das Staatsarchiv Hamburg gibt jetzt in einer Stellungnahme Auskunft über die Konsequenzen, die man aus der falschen archivischen Bewertungsentscheidung des Bestandes „352-5 Gesundheitsbehörde Todesbescheinigungen“ zieht:

Die Entscheidung des Staatsarchivs, den Bestand 352-5 Gesundheitsbehörde zu bewerten und anschließend zu vernichten, hat zu massiver Kritik und kontroversen Diskussionen geführt. In diesem Zusammenhang sind in den letzten Wochen viele Gespräche geführt worden und es hat eine umfassende Berichterstattung in der Presse gegeben.

Das Staatsarchiv nimmt diese Kritik sehr ernst und hat eine umfassende Aufarbeitung und Bewertung seiner Entscheidung vorgenommen. Wir kommen auf dieser Grundlage zu dem Schluss, dass die Bewertungsentscheidung fehlerhaft ist. Es sind mehrere Fehler passiert, die wir ausdrücklich bedauern.

– Der Bestand ist insbesondere in den letzten Jahren im Rahmen der Verfolgung von NS-Unrecht, besonders von der Stolperstein-Forschung, benutzt worden. Dabei ist dieser Bestand auch in Publikationen zitiert worden.
– Das Staatsarchiv wurde nach der Entscheidung zur Kassation auf die Benutzung des Bestandes und seine Auswertungsmöglichkeiten hingewiesen. Diese Hinweise wurden durchaus ernst genommen und es wurde beschlossen, die Entscheidung noch einmal zu überprüfen. Hier haben insbesondere die Hinweise auf die bereits erfolgte Nutzung durch das Gedenkbuch Hamburger Jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und die Stolperstein-Publikationen eine Rolle gespielt. Diese Hinweise konnten durch einen Verfahrensfehler nicht mehr umgesetzt werden.
– Das Staatsarchiv hat es versäumt, im Vorfeld Gespräche zu führen, deren Erkenntnisse zu einer anderen Entscheidung geführt hätten.
– Die Annahme, dass alle in den Todesbescheinigungen vorhandenen Informationen an anderer Stelle vorhanden sind, ist falsch. Die Todesursache und die Namen der den Tod bescheinigenden Ärzte sind an anderer Stelle nicht lückenlos überliefert. Dies gilt für die Todesursachen für die Zeit von 1876 bis Juni 1938. Die Namen der den Tod bescheinigenden Ärzte lassen sich für die Euthanasie-Opfer in den Akten zu den NSG-Verfahren nachweisen.

Nach heutigem Kenntnisstand war die Entscheidung, den Bestand ohne vorherige Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern als nicht archivwürdig zu bewerten, ein Fehler. Insbesondere der Quellenwert für die Zeit die Jahre von 1933 bis 1945 hätte bei der Bewertungsentscheidung berücksichtigt werden müssen.

Welche Konsequenzen hat das Staatsarchiv aus diesen Fehlern gezogen?

Das Staatsarchiv hat in der Folge sämtliche betroffenen Prozesse untersucht und neu gestaltet. Das bedeutet im Einzelnen:

Bewertungen nach der Abgabe an das Archiv finden grundsätzlich nur statt, wenn die Unterlagen ohne vorherige Bewertung übernommen wurden. Die Amtsleitung des Staatsarchivs hat verfügt, dass in diesen seltenen Fällen so lange keine Bewertung stattfindet, bis der Entscheidungsprozess neu definiert wurde.

Der hinter einer Nachbewertung stehende Entscheidungsprozess ist im Staatsarchiv intensiv diskutiert worden. Um sicherzustellen, dass künftig alle relevanten Aspekte in die Entscheidungsprozesse aufgenommen werden, wird ein digitaler Workflow erstellt, in dem mehrfache Kontrollmechanismen und festgelegte Prüfkriterien, wie beispielsweise bereits erfolgte Nutzung, festgelegt werden und so auch nicht mehr aus Versehen übergangen werden können.
Zudem wird künftig im Vorfeld einer möglichen negativen Bewertung eine Veröffentlichung auf der Website des Staatsarchivs sowie gegebenenfalls auch eine Informationsveranstaltung für Nutzerinnen und Nutzer erfolgen. In qualitativ oder quantitativ herausragenden Ausnahmefällen, wie es die Bewertung des Bestandes 352-5 Gesundheitsbehörde – Todesbescheinigungen darstellt, soll die Entscheidung ebenfalls der Behördenleitung BKM vorgelegt werden.

Anfragen insbesondere aus dem Ausland haben gezeigt, dass dort eine große Besorgnis entstanden ist, dass durch die Vernichtung des Bestandes genealogische Forschung unmöglich wird. Das Staatsarchiv hat in diesen Fällen erläutert, welche Recherchemöglichkeiten weiterhin bestehen und ist gerne bereit, hier Nutzerinnen und Nutzern intensiver bei den Recherchen zu unterstützen.

Außerdem ist in den zahlreichen Gesprächen, die in den letzten Wochen geführt worden, deutlich geworden, dass es sinnvoll ist, neben projektbezogenen Einzelgesprächen einen regelmäßigen Austausch zwischen historischer Forschung bzw. Nutzerinnen und Nutzern und dem Archiv zu führen. Dieser Austausch wird in Kürze beginnen. Eine Einladung zu einem Auftaktgespräch ist bereits ausgesprochen worden. Wir erhoffen uns davon einen intensiven Dialog über die Erwartungen an das Archiv und dessen aktuelle Herausforderungen.

Kontakt:
Staatsarchiv Hamburg
Kattunbleiche 19
22041 Hamburg
Tel.: 040 115
Fax: 040 4279-16001
office@staatsarchiv.hamburg.de
https://www.hamburg.de/staatsarchiv/

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, Archivische Bewertung des Bestandes 352-5 Gesundheitsbehörde Todesbescheinigungen, 15.10.2018

Sammler übergibt Kammergerichtsurkunde ans Brandenburgische Landeshauptarchiv

Der Sammler Walter Anderson aus Santa Fe, New Mexico, hat dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv eine Ehrenurkunde der Rechtsanwälte am Kammergericht Berlin übergeben. Anderson, selbst Sammler antiquarischer Dokumente, hatte die prächtige Urkunde in Buchform vor wenigen Monaten bei einer Auktion in Kalifornien erworben. Am 8. Oktober 2018 brachte er sie dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv – als Geschenk. „Ich freue mich, die Urkunde an das verantwortliche Archiv geben zu können“, so der US-Amerikaner bei seinem Besuch in Potsdam. „Denn hier bestehen die besten Bedingungen für eine dauerhafte Aufbewahrung und Nutzung.“

   

Abb.: Der US-Amerikaner Walter Anderson (links) mit André Stellmacher, Referent im BLHA, bei der Übergabe der Urkunde im Landeshauptarchiv (Fotos: BLHA)

Die Urkunde wurde am 12. Mai 1890 anlässlich seines 50. Dienstjubiläums für den Senatspräsidenten, Geheimen Oberjustizrat am Oberappellationsgericht, ab 1877 Präsident des Gerichtshofs für kirchliche Angelegenheiten, Friedrich Ludwig Eduard Eggeling ausgefertigt.

Eggeling, geboren am 16. Januar 1819 in Bremen, gestorben am 16. Februar 1898, war zunächst in hannoverschem, nach der Annektierung des Königreichs 1866 in preußischem Staatsdienst tätig. 1879 wurde er zum Kronsyndikus auf Lebenszeit ernannt und in das Preußische Herrenhaus berufen. In seiner Dienstzeit trat er als Mitglied in zahlreichen Kommissionen und als Berichterstatter über bedeutende Gesetzesvorlagen hervor. Ansehen erwarb sich Eggeling daher vor allem als Experte bei der Modernisierung des preußischen Justizwesens. Vielleicht geben die Urkunde und der anstehende 200. Geburtstag Eggelings der Forschung im nächsten Jahr Anlass dazu, sein Leben und Wirken näher zu erkunden. Bisher ist darüber noch wenig bekannt.

Kontakt:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Am Mühlenberg 3
14476 Potsdam
OT Golm

Postanschrift
Postfach 600449
14404 Potsdam
poststelle@blha.brandenburg.de
https://blha.brandenburg.de

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Aktuelles, 12.10.2018

Kölner Archiveinsturz: Ursache steht fest

Fast zehn Jahre, nachdem am 3. März 2009 das Historische Archiv der Stadt Köln einstürzte und beim gleichzeitigen Einsturz benachbarter Gebäude zwei Menschen starben, kam das vor dem Landgericht Köln geführte Verfahren gegen ursprünglich sieben Angeklagte mit dem Urteil vom 12.10.2018 zu einem vorläufigen Ende. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Einsturz des Stadtarchivs auf einen gravierenden Fehler bei der Herstellung der Schlitzwand für das Gleiswechselbauwerk Waidmarkt zurückzuführen sei, andere Einsturzursachen seien sicher ausgeschlossen.

Abb.: Schuttschichten mit Archivgut des Historischen Archivs der Stadt Köln, 2009 (Foto: Stadt Köln)

Dieses Urteil im Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs sei ein fatales Signal, meint Frank Überall in seinem Kommentar auf WDR 5 (Morgenecho), in dem er zwar ein unpassendes Bild für seinen Vergleich wählt, aber zurecht ausspricht, dass die Verantwortlichen nicht gleichsam ungestraft davon kommen dürften: „Es geht um erwachsene Menschen in verantwortungsvollen Positionen. Sie haben viel Geld verdient mit ihren Posten, die ihnen Macht und Einfluss gegeben haben. Sie trugen die Verantwortung für eine Baustelle, die gefälligst professionell organisiert werden sollte. Aber was ist passiert? Da wurde gepfuscht, verschleiert, gelogen! Mit der Liebenswürdigkeit des alltäglichen Kölschen Klüngels hatte das nichts mehr zu tun. […] Die Straffreiheit und die eine milde Mini-Strafe sind ein fatales Signal: Man kann also eine Baustelle mitten in einer Millionenstadt so chaotisch und verantwortungslos organisieren, dass Leichen als Bagatellschaden in Kauf genommen werden. Man darf pfuschen, verschleiern, lügen – und bekommt dafür Urteile, die von vielen nicht als gerecht empfunden wird.“

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärt zum Urteil: „Mit dem Urteil ist die Einsturzursache nun zweifelsfrei festgestellt worden. Ich hoffe, dass dies zur Aufarbeitung der Geschehnisse beiträgt und zerstörtes Vertrauen wieder aufbaut.“ Henriette Reker betont: „Der 3. März 2009 war einer der dunkelsten Tage in der jüngeren Geschichte der Stadt Köln. Der Einsturz des Historischen Stadtarchivs hat zwei Menschen das Leben genommen. Er hat das Zuhause vieler Menschen zerstört, er hat Köln im Mark erschüttert. Die Wunde im Herzen unserer Stadt ist auch nach Jahren noch nicht verheilt. Das Unglück hat nicht nur sichtbar im Stadtbild, sondern auch im Gedächtnis der Stadt eine tiefe Narbe hinterlassen und viel Vertrauen zerstört. Wir brauchen jetzt einen Ort des Gedenkens, der zugleich ein zukunftszugewandter und ansprechender öffentlicher Aufenthaltsort ist und die Stadtgesellschaft zur vielseitigen Nutzung einlädt. Wir brauchen einen Ort, der dem Quartier am Waidmarkt, das noch heute unter dem Einsturz und seinen Folgen leidet, wieder ein neues Gesicht gibt. Das sind wir den Menschen, die am Waidmarkt zu Tode kamen, ihren Familien und allen vom Einsturz Betroffenen schuldig.“

Das nunmehr endende Verfahren vor der 10. Großen Strafkammer fügt sich in eine Reihe von Verfahren ein, die derzeit vor dem Landgericht Köln im Zusammenhang mit dem Einsturz des Stadtarchivs anhängig sind. So ist gegenwärtig ein weiteres Strafverfahren vor der 20. Strafkammer des Landgerichts Köln gegen einen Oberbauleiter der ARGE Los-Süd anhängig. Daneben sind auch die zivilrechtlichen Verfahren im Hinblick auf Schadensersatzansprüche der Stadt Köln zu berücksichtigen. Insbesondere sind hier zwei selbständige Beweisverfahren zur Ursache des Einsturzes und zur Schadenshöhe anhängig.

Quelle: Stadt Köln, Pressemitteilung, 12.10.2018; WDR 5, Morgenecho, Kommentar, 13.10.2018

Jetzt digital verfügbar: Quellen zur Geschichte der Juden in Westfalen

Sachthematisches Online-Inventar zu den Akten und Karten der Abteilung Westfalen des Landesarchivs NRW

Überarbeitete und stark erweiterte Fassung des gleichnamigen Inventars von Ursula Schnorbus von 1983, Münster 2018 (Link). Die erste Auflage des Inventars und die in ihm aufgeführten Archivalien sind mit dem wachsenden Interesse an der Erforschung der Geschichte des Judentums häufig benutzt worden. Einer Vielzahl von Studien ist der Quellenzugriff zumindest erleichtert worden.

Zu nennen sind etwa die seitdem erschienenen Bände der Westfalica Judaica, sowie das Großunternehmungen des von der Historischen Kommission für Westfalen getragenen vierbändigen „Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“. Die Bände dieses Werkes geben den Forschungsstand bis zum Jahr 2016 wieder. Auf sie sei daher in Bezug auf die aktuelle Forschungsdiskussion verwiesen. Angesichts der weiterhin großen Zahl der auf archivalische Quellen angewiesenen Projekte, sei es die Verlegung von Stolpersteinen, seien es Crowdsourcing-Projekte wie etwa das „Juden- und Dissidentenregister in Westfalen und Lippe“, erscheint eine Neuauflage des Inventars aus verschiedenen Gründen als sinnvoll: In den seit Erscheinen vergangenen 35 Jahren hat das damalige Staatsarchiv Münster, die heutige Abteilung Westfalen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, zahlreiche neue Unterlagen übernommen und erschlossen. Bei einer großen Zahl von bereits 1983 vorhandenen Beständen konnte die Verzeichnung seitdem außerdem verbessert werden. Das vorhandene Material hat sich also erheblich vermehrt und ist leichter zugänglich geworden. Auch inzwischen eingetretene Änderungen in der Tektonik und der Bestandsbenennung mussten eingearbeitet werden.

Wie bereits bei der ersten Auflage wurden diejenigen Dokumente berücksichtigt, aus deren Aktentitel oder Enthält-Vermerk ein Bezug zur Geschichte der jüdischen Menschen, ihrer Institutionen und Lebensumstände erschlossen werden konnte. In gleicher Weise wurde auf die inhaltliche Auswertung des Textbestandes von Handschriften, Protokollreihen und ähnlichem Archivgut verzichtet.

Den Bearbeitern des vorliegenden Inventars stellte sich die Problematik der Wahrung der archivgesetzlich geschützten Persönlichkeitsrechte: Zahlreiche vorhandene personenbezogene Unterlagen besonders der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehen sich auf Personen, die noch nicht verstorben sind oder deren Lebensdaten durch ein Archiv nicht mit vertretbarem Aufwand (oder überhaupt nicht) festgestellt werden können. Große Beständegruppen sind erst im Verlauf der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und nach ihrem Ende im Zuge der Rückerstattung entzogenen jüdischen Vermögens und des materiellen Ausgleichs von erlittenen Schäden sowie der Verfolgung der Täter entstanden. Hier waren die Interessen von Opfern und Zeugen zu berücksichtigen. Das vorliegende Inventar beansprucht daher nur bis zum Jahr 1933 eine relative Vollständigkeit.

Auf folgende wichtige Beständegruppen, die aus archivrechtlichen Gründen nicht berücksichtigt wurden sind, möchten die Bearbeiter besonders hinweisen: Die Akten der Devisenstellen (Bestand Oberfinanzdirektion, Devisenstelle) befassen sich der Kontrolle und Abschöpfung des Vermögens jüdischer Personen. Besonders Auswanderungswillige wurden so durch die Finanzbürokratie um den Großteil ihres Besitzes gebracht.7 Der Bestand der Abteilung Westfalen umfasst etwa 5.000 Akten, die das Schicksal von über 11.500 verfolgten Personen dokumentieren. Die Akten der Ämter für gesperrte Vermögen und die Rückerstattungsakten der Landgerichte beleuchten den Versuch der Vermögensrestitution in der Nachkriegszeit und ergänzen sich dabei inhaltlich. In der Abteilung Westfalen des Landesarchivs sind ca. 30.000 Einzelfallakten der Bezirks- und Kreisämter für gesperrte Vermögen der Regierungsbezirke Münster und Arnsberg überliefert sowie 16.000 Rückerstattungsakten aus sechs Landgerichten.

Neben diesem kleineren Teil der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts wurde durch den Gesetzgeber versucht, auch immaterielle Schäden durch Unterbrechung oder Verhinderung der beruflichen Ausbildung, der Berufstätigkeit, dem Entzug der Freiheit oder dem Verlust von Gesundheit oder des Lebens auszugleichen. Diese Entschädigungsleistungen nach dem s.g. Bundesentschädigungsgesetz sollten einen wesentlich größeren Umfang als die vorgenannten Maßnahmen annehmen. Die Verfahren gehen aus den so genannten Wiedergutmachungsakten hervor, von denen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg ca. 28.000 Einzelfallakten vorliegen sowie ca. 12.000 aus dem Regierungsbezirk Münster. Weitere Beständegruppen enthalten ebenfalls zahlreiche Informationen zur Geschichte des Judentums in Westfalen. Hierzu gehören die Akten zur juristischen Aufarbeitung des Holocausts durch die deutschen Gerichte der Nachkriegszeit, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Akten der Staatsanwaltschaft Dortmund, Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen, aber auch die Akten der anderen Staatsanwaltschaften. Dazu kommen die Unterlagen der Entnazifizierungsverfahren, die sich allerdings für die beiden durch die Abteilung Westfalen betreuten Regierungsbezirke Arnsberg und Münster nicht in Münster selbst befinden, sondern zentral für das ganze Land Nordrhein-Westfalen in der Abteilung Rheinland in Duisburg verwahrt werden. Im Bestand Personalakten sind Unterlagen zu zahlreichen jüdischen Beamtinnen und Beamten bzw. Beschäftigten von staatlichen Behörden des früheren Landes Preußen bzw. des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen vorhanden.

Als Inventar zu den in der Abteilung Westfalen lagernden Quellen zur Geschichte der Juden enthält die vorliegende Zusammenstellung nicht die in anderen Archiven verwahrten und die Geschichte der Juden in Westfalen betreffenden Archivalien. Für den heutigen Regierungsbezirk Detmold ist nur der Zeitraum bis etwa 1815 abgedeckt, während die Unterlagen der Behörden im Regierungsbezirk Minden bzw. Detmold sowie des früheren Landes Lippe sich in der Abteilung Ostwestfalen-Lippe befinden.

(Gerald Kreucher)

Linkhttp://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/Judeninventar.pdf

Kontakt:
Dr. Mechthild Black-Veldtrup
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
Bohlweg 2
48147 Münster
Tel.: 0251-48850
Fax: 0251-4885100
westfalen@lav.nrw.de
www.archive.nrw.de/lav 

Quelle: Nachrichtensammlung Westfälische Geschichte, 8.10.2018

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