Die Zulassung der Freisinger CSU durch die US-Militärregierung 1945

Im Archivstück des Monats März 2021 thematisiert Stadthistoriker und Leiter des Stadtarchivs Freising, Florian Notter, die Zulassung der Christlich Sozialen Union (CSU) nach dem Zweiten Weltkrieg und nimmt vor allem Bezug auf die CSU in Freising.

Angesichts der unbeschreiblichen menschlichen Katastrophe, in die Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Europa und die Welt geführt hatten, schien es im Mai 1945 kaum vorstellbar, dass noch im selben Jahr politisches Leben in Deutschland neu entstehen könnte. Tatsächlich wurden die Grundlagen dafür aber schon im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 gelegt. Unter den hierin publizierten Beschlüssen der Potsdamer Konferenz schrieben die Siegermächte unter anderem fest, dass innerhalb der einzelnen Besatzungszonen „alle demokratischen politischen Parteien zu erlauben und zu fördern“ sind und zwar „mit der Einräumung des Rechtes, Versammlungen einzuberufen und öffentliche Diskussionen durchzuführen.“ Ziel war es, die deutsche Selbstverwaltung zügig wiederherzustellen. Dies galt allerdings ausschließlich für die Landes- und Kommunalebene; die Zukunft Deutschlands als Nationalstaat einschließlich einer zentralen deutschen Regierung lag zu jenem Zeitpunkt sehr im Ungewissen.


Abb.: In der Ausgabe vom 20.12.1945 der „Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising“ wird die Zulassung der CSU Freising durch die US-Militärregierung veröffentlicht (Stadtarchiv Freising)

In der amerikanischen Besatzungszone, der auch Bayern (ohne die bayerische Pfalz) angehörte, wurde der Potsdamer Beschluss zur Wiedererrichtung demokratischer Strukturen am 27. August 1945 in Kraft gesetzt – durch eine Direktive des damaligen Militärgouverneurs der US-Besatzungszone (und späteren US-Präsidenten) Dwight D. Eisenhower.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen kam es überall im besetzten Bayern zu lokalen Aufrufen zur Gründung demokratischer Parteien. Tatsächlich regte sich bald wieder politisches Leben. Während die SPD und die KPD dabei programmatisch und auch in Bezug auf ihren Parteinamen an die Zeit vor 1933 anknüpften, formierte sich das bürgerlich-konservative Lager neu.

Gesellschaftliche und konfessionelle Gegensätze, die in der Weimarer Zeit zur Zersplitterung in mehrere bürgerlich-konservative Parteien (in Bayern v.a. Bayerische Volkspartei und Bayerischer Bauernbund) geführt hatten, sollten nun überwunden werden. So fasste im Spätsommer und Herbst 1945 die Idee der konfessionell und gesellschaftlich geeinten „Christlich-Sozialen Union“ immer stärker Fuß. Die meisten lokalen Neugründungen gaben sich Ende 1945 diesen (oder zumindest einen ähnlich lautenden) Namen. Parallel zu den örtlichen Gründungen liefen die Vorbereitungen zur Gründung der Landespartei CSU. Sie sollte schließlich am 8. Januar 1946 von der Militärregierung ihre Zulassung erhalten.

In Freising formierte sich das bürgerlich-konservative Lager um einen Kreis von Personen, die teils schon vor 1933 innerhalb der lokalen Gruppe der Bayerischen Volkspartei (BVP) politisch aktiv gewesen waren. Dazu gehörten etwa der Buchdrucker Karl Warmuth (1903-1954), der Lehrer Alois Braun (1892-1963) oder der Hotelier Carl Dettenhofer (1885-1970). Ihnen schlossen sich Vertreter der jüngeren Generation an, so etwa der Rechtsanwalt Philipp Held (1911-1993), den die Militärregierung am 1. Oktober 1945 zum Freisinger Landrat bestimmt hatte. Über Helds Vater Heinrich Held (1868-1938), 1924 bis 1933 bayerischer Ministerpräsident (BVP), bestanden freundschaftliche Beziehungen zu Josef Müller („Ochsensepp“), von 1945 bis 1949 erster Parteivorsitzender der CSU.

Auf diese Weise verfügte die Freisinger Gründungsgruppe über beste Kontakte zu maßgeblichen Personen der landesweiten Initiative. Die formale Gründung der CSU in Stadt und Landkreis Freising vollzog sich schließlich in der dritten Dezemberwoche 1945: Mit Datum vom 15. Dezember wurde der Zulassungsantrag bei der US-Militärbehörde in Freising eingereicht. Den strengen Zulassungsbedingungen entsprechend mussten den Antrag 25 von nationalsozialistischen Verstrickungen unbelastete Personen als Bürgen („sponsors“) unterzeichnen (es unterschrieben dann sogar 34 Bürgen); ferner waren dem Antrag das lokale Parteiprogramm und die Satzung in englischer und deutscher Sprache beizufügen. Bereits vier Tage später, am 19. Dezember 1945, erhielt die Freisinger CSU ihre Zulassung.


Abb.: In der Ausgabe vom 20.12.1945 der „Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising“ wird die Zulassung der CSU Freising durch die US-Militärregierung veröffentlicht (Stadtarchiv Freising)

In der tags darauf erschienenen Ausgabe der „Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising“ wurde die Zulassung schließlich publik gemacht; bei jenen „Bekanntmachungen“ handelte es sich um ein Amtsblatt, über das die lokalen Behörden und die US-Militärregierung das alltägliche Leben der Nachkriegszeit zu regeln versuchten.


Abb.: Aktendeckel zum Zulassungsantrag („application“) der CSU Freising (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Mikroverfilmung des Originals aus den National Archives der USA)

Während sich die „Bekanntmachungen“ in mehreren Exemplaren im Stadtarchiv Freising erhalten haben, werden die originalen Dokumente zur Gründung bzw. Neugründung der Freisinger Parteien 1945/46, so auch der CSU, in den National Archives der USA aufbewahrt, dort innerhalb des Bestandes „Office of Military Government for Germany, US (OMGUS)„.

Ein großer Teil der OMGUS-Dokumente wurde im Rahmen des sog. „OMGUS-Projekts“ (1976-1983) auf Mikrofiches verfilmt. Die Filme zu Dokumenten, die die Militärregierung in Bayern betreffen, liegen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München vor.

Quellen und Literatur:

QUELLEN: Stadtarchiv Freising, Bibliothek, Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Freising, Jg. 1945. Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, OMGUS, CO 449/04, political parties applications (Mikrofich-Verfilmung von Originaldokumenten aus den National Archives der USA).

WEITERFÜHRENDE LITERATUR: CSU Ortsverband Freising (Hg.): 40 Jahre CSU in Freising. Festschrift, Freising 1985; Gelberg, Karl-Ulrich: Vom Kriegsende bis zum Ausgang der Ära Goppel (1945-1978), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. IV/1, München 2003, S. 635-956, bes. S. 757-789; Lanzinner, Maximilian: Zwischen Sternenbanner und Bundesadler. Bayern im Wiederaufbau 1945-1958, Regensburg 1996, bes. 33-58; Weisz, Christoph (Hg.): OMGUS Handbuch. Die amerikanische Militärregierung in Deutschland 1945-1949, München 1995.

Kontakt:
Stadtarchiv Freising
Florian Notter, M.A.
Major-Braun-Weg 12
85354 Freising
Tel.: 08161 / 54-44710
Fax: 08161 / 54-54700
stadtarchiv@freising.de

Quelle: Florian Notter, Stadtarchiv Freising, Archivstück des Monats März 2021; Stadt Freising, Aktuelles, 02.03.2021

Deutsch-britische Sportfeste in Fallingbostel in den 1980er Jahren

Das Stadtarchiv Bad Fallingbostel erinnert in seiner Archivalie des Monats März 2021 an die deutsch-britischen Sportfeste in Bad Fallingbostel in den 1980er Jahren. – Sieben Jahrzehnte lang waren von 1945 an britische Einheiten auf dem Truppenübungsplatz Bergen stationiert. In Fallingbostels Einwohnerschaft machten britische Staatsbürger immerhin ein Drittel aus. Da kann es nicht überraschen, dass Brauchtum von der Insel auch in der Heide gepflegt wurde – wie das Tauziehen und die „Operation Oatcake“ beweisen.


Abb.: Die Mannschaften kurz vor dem Beginn des Tauziehens beim deutsch-britischen Sportfest 1985 (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Das Tauziehen – oder „Tug of war“, wie es die Briten nennen – hat eine lange Tradition. In China war es vom 8. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. im Frühling und im Herbst Bestandteil des Trainings der Krieger. Im antiken Griechenland wurde es dagegen ab ca. 500 v. Chr. vor allem als Training für andere Sportarten ausgeübt.

Ab etwa 1000 ist das Tauziehen im westlichen Europa nachweisbar. Es erschien dann im 15. und 16. Jahrhundert in Frankreich und Großbritannien. Das Tauziehen wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts organisiert betrieben und war von 1900 bis 1920 sogar olympische Disziplin. In Großbritannien erfreut es sich bis heute großer Beliebtheit – es ist auch Bestandteil der schottischen „Highland Games“.

Deshalb lag es nahe, dass bei den vom Sportverein SV Fallingbostel veranstalteten deutsch-britischen Sportfesten in den 1980er Jahren auch Tauziehwettbewerbe zum Programm zählten. Wie verbissen es dabei zur Sache geht, zeigt das Foto der britischen Mannschaft 1981.


Abb.: Die Mannschaft von Fallingbostels britischer Partnereinheit REME beim Tauziehen 1981 (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Möglicherweise machten sich schon im Voraus die Fallingbosteler Teilnehmer keine großen Hoffnungen auf einen Sieg, denn das Tauziehen zählte zu den „Wettkämpfen ohne Punktewertung“. Die im Programmheft des Sportfestes 1985 abgedruckten Regeln für das „Tauziehen ohne Gewichtsbegrenzung“ hielten fest: „Das Tauziehen wird zuerst zwischen zwei Mannschaften der 7 Armoured Workshop REME untereinander durchgeführt. Aus diesen beiden Mannschaften wird danach eine neue Mannschaft der 7 Armoured Workshop REME gebildet, die dann gegen eine Mannschaft der Stadt Fallingbostel antritt.“ Etwas laxer ging es 1985 zu – vielleicht aber auch nur in den wenigen Sekunden vor dem Wettkampfbeginn.

Der zweite Wettkampf, der ohne Punktewertung durchgeführt wurde, war das Handballspiel auf dem Großfeld. Der Grund dafür dürfte in den Mannschaftsaufstellungen gelegen haben. Dem Programmheft ist zu entnehmen: „Das Handballspiel findet zwischen den Vorständen der Sportvereine und Angehörigen der 7 Armoured Workshop REME auf der einen Seite gegen die Stadtverwaltung und den Rat der Stadt Fallingbostel auf der anderen Seite statt. Jede Mannschaft besteht aus 11 Personen – beliebig viele Auswechselspieler sind zugelassen. Spieldauer: 2 x 15 Minuten.“

Nicht nur beim Sport gab es einen britisch-deutschen Kulturtransfer, auch beim Essen war dies der Fall. Die „Operation Oatcake“ des Staffordshire Regiments war auf dem Fallingbosteler Weihnachtsmarkt 1987 jedenfalls ein voller Erfolg. Sogar der NDR interessierte sich dafür. Der junge Rundfunkreporter Michael Thürnau berichtete: „Sie haben schon eine besondere Art von Humor, die Engländer. Da marschierte gestern abend ein Bataillon an einem Pfannkuchen vorbei und salutierte. Hintergrund des Klamauks mit Pauken und Trompeten: Die Soldaten nahmen Teil am traditionellen Weihnachtsmarkt in der Heidestadt Fallingbostel und bei dem Pfannkuchen handelte es sich auch nicht um einen beliebigen, sondern um einen Staffordshire Oatcake, eine Art von Deluxe-Pfannkuchen.“


Abb.: Michael Thürnau interviewt Bürgermeister Dieter Gerlach für eine NDR-Rundfunksendung (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Zwar wird der Staffordshire Oatcake nur aus zwei Teilen Hafermehl, einem Teil Vollkornmehl, einem Teil Weizenmehl, Salz, Hefe und Wasser gebacken. Zum Frühstück aber mit (geschmolzenem) Käse, Tomaten, Schinken usw. gereicht, gewinnt er sehr an Geschmack.

Bürgermeister Gerlach erinnerte der Hafermehlpfannkuchen aus der inmitten der englischen Midlands gelegenen Grafschaft Staffordshire beim Probieren auf dem Weihnachtsmarkt an Pizza, andere Fallingbosteler zogen Buchweizenpfannkuchen als Vergleich heran.


Abb.: Der Stand des Staffordshire Regiments auf dem Weihnachtsmarkt 1987: Die Offiziellen probieren den Oatcake (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Ernster Hintergrund der der „Operation Oatcake“ war 1987 die jährliche BBC-Wohltätigkeitsaktion „Children in Need – Kinder in Not“. Die Staffordshire Oatcakes gingen – wenn der Vergleich nicht so hinken würde – weg wie warme Semmeln. Für den guten Zweck wurde einiges eingenommen, und zur Verständigung zwischen Briten und Deutschen trug die Aktion auch bei.


Abb.: Staffords stellvertretender Bürgermeister Matthew Guywer beim Besuch des Staffordshire Regiments 1987 mit Bürgermeister Dieter Gerlach und seinem Stellvertreter Martin Ahrens (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Kontakt:
Stadtarchiv Bad Fallingbostel
Vogteistraße 1
29683 Bad Fallingbostel
Tel.: 05162 / 401-18
stadtarchiv@badfallingbostel.de

Quelle: Stadtarchiv Bad Fallingbostel, Archivalie des Monats März 2021

Postkarte von 1918 zeigt Männer und Frauen mit Mund- und Nasenschutz vor Traditionsgaststätte in Bonn

In der Reihe „Zeitfenster“ gewährt das Stadtarchiv Bonn jeden Monat einen Blick in die Vergangenheit Bonns. Im Monat März 2021 präsentiert es eine Ansichtspostkarte aus seiner Sammlung. Bei dem hier abgebildeten Fachwerkhaus handelt es sich um die Gastwirtschaft Zum Alten Keller, eine der ältesten in Bonn. Auf zwei Gefachen prangt die Jahreszahl „1553“, und tatsächlich wird sie um das Jahr 1561 zum ersten Mal erwähnt. Im November 1792 soll Johann Wolfgang von Goethe dort eingekehrt sein: „in Tabak schmauchender, Glühwein schlürfender Gesellschaft“ – wie er später notierte – versuchte er seine Kleidung und sich zu trocknen, nachdem der von ihm angemietete Kahn – er war auf dem Weg nach Düsseldorf – voll Wasser gelaufen war und zu kentern drohte.


Abb.: Postkarte „Gasthof zum alten Keller“ (Stadtarchiv Bonn, DA02_01917), 1918

„Gasthof & Restauration“ ist über der Eingangstür zu lesen. Zimmer mit Frühstück wurden ebenso angeboten wie ein – vermutlich preiswerter – „Mittagstisch“. Die Gaststätte befand sich in der Rheingasse, dem alten Kneipenviertel Bonns, wo Menschen und Waren jahrhundertelang tagein tagaus zwischen der Anlegestelle am Rhein und dem Markt hin und her fluteten. Es war – vom Strom aus betrachtet – das zweite Haus auf der rechten Seite im Bereich der heutigen Oper. Am 18. Oktober 1944 wurde der Alte Keller und mit ihm ein Großteil der historischen Bonner Altstadt bei einem Luftangriff, dem schwersten des ganzen Zweiten Weltkriegs, zerstört.

Die Fotografie, die die Vorlage für die Bildpostkarte gab, stammt von 1918, dem letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. Vor der Gaststätte posieren zwei Frauen und zwei Männer, möglicherweise der langjährige Wirt Leopold Passmann mit Gästen oder mit Personal.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die abgelichteten Personen einen – uns nunmehr seit einem Jahr so vertrauten – Mund- und Nasenschutz tragen. Der Grund für die Maßnahme war eine Anfang 1918 in den USA ausgebrochene Viruserkrankung, die von Soldaten nach Europa gebracht wurde, sich rasant in weiten Teilen der Welt verbreitete und über die erstmals im Mai 1918 in Spanien offiziell berichtet wurde. Von daher bürgerte sich für diese sich zur Pandemie entwickelnden Krankheit die Bezeichnung Spanische Grippe oder Spanische Influenza ein.

Sie grassierte in Europa vor allem an den unmittelbaren Kriegsschauplätzen, aber auch an der Heimatfront kam es zu zahlreichen Ansteckungen und entsprechenden Maßnahmen. So wurde beispielsweise das Tragen von Mund- und Nasenschutz angeordnet und Großveranstaltungen untersagt.

Am 16. Oktober 1918, wenige Wochen vor Kriegsende, berichtete die Kölnische Volkszeitung aus Bonn, dass die Zahl der Erkrankten „stark“ zunehme: „An der Allgemeinen Ortskrankenkasse werden täglich durchschnittlich 100 Krankheitsfälle angemeldet. Die Leitung der Straßenbahnen kündigt erhebliche Betriebseinschränkungen an. Die Schulen sind heute sämtlich geschlossen worden. In vielen Fällen führt die Grippe zur Lungenentzündung und somit zum Tode.“

Jener Herbst 1918 bildete, soweit man weiß, den Höhepunkt der Spanischen Grippe in Bonn, die erst 1920 endgültig abklang. Weltweit fielen ihr zwischen 27 und 50 Millionen Menschen zum Opfer.

Die Medizin hat mittlerweile eine ganze Reihe von Vergleichbarkeiten zwischen der vor einem Jahrhundert wütenden Spanischen Grippe und der aktuell die Welt in ihrem Bann haltenden, auf das Covid-19 Coronavirus zurückgehenden Pandemie ausgemacht.

Der Umgang mit und die Auswirkungen der Spanischen Grippe sind für Bonn im Einzelnen noch nicht erforscht. Die mit Mund- und Nasenschutz ausgestatteten Frauen und Männer vor der Gaststätte Zum Alten Keller sind vielleicht ein Anreiz hierzu.

Kontakt:
Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn
Berliner Platz 2
53111 Bonn
Tel.: 0228 / 772410
stadtarchiv@bonn.de

Quelle: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, Zeitfenster, März 2021

Unlocking history – Virtuelles Auffalten alter Briefe

Ein internationales Forscherteam um Jana Dambrogio vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellt im Fachblatt „Nature Communications“ ein Verfahren vor, mit dem sich historische, bislang ungeöffnete Briefe computergestützt lesen lassen, ohne sie zuerst öffnen und damit zerstören zu müssen, wie Spiegel Online berichtet.


Abb.: Vier Falttechniken zum Verschließen von Briefen. Beispiele aus der Brienne-Sammlung (Nature Communications)

Die „Brienne-Collection“ ist eine besonders reichhaltige Sammlung von jahrhundertealten Briefen. Die Sammlung umfasst mehr als 3.100 Schriftstücke, die im 17. Jahrhundert quer durch Europa verschickt worden sind, aber nicht zugestellt werden konnten. Das Postmeister-Ehepaar Simon de Brienne und Marie Germain in Den Haag hatte sie in einer Truhe aufbewahrt – und 577 Briefe sind noch ungeöffnet.

Links:

Schutzbrief an die Dorfschaft Laatzen im Dreißigjährigen Krieg im Stadtarchiv Laatzen

Im Stadtarchiv Laatzen lagern viele verborgene Schätze. Diese „Schätze“ sollen für die Öffentlichkeit geborgen werden. Kurze Geschichten oder Erläuterungen zu aktuell erschlossenen Archivalien sollen deshalb präsentiert werden. Jeden Monat wird ein besonderes Archivale oder ein ganzer Bestand aus den hunderten von Regalmetern des Stadtarchivs Laatzen vorgestellt.

Als Archivfund im März 2021 präsentiert Stadtarchivar Manual Schwanse den Schutzbrief an die Dorfschaft Laatzen im Dreißigjährigen Krieg, der auf das Frühjahr 1642 datiert wird.


Abb.: Schutzbrief aus dem Jahr 1642 (Stadtarchiv Laatzen)

„die Unserigen [Soldaten] aber sollen, gedachte unsere arme Unterthanen in erwegung ihrer so lange zeithero außgestandenen Kriegs-Pressuren unnd großen Trangsahlen nicht allein hinfüro mit Einquartierung, sondern auch allen aigenmächtigen exactionen Beraub, Plunderungen und allen ubrigen vom Krieg rührenden oneribus [Lasten] genzlich verschonen“

Die Transkription des gesamten Schutzbriefes ist zu lesen unter diesem Link.

Der im Jahre 1618 ausgebrochene Dreißigjährige Krieg brachte unsägliches Leid über die Zivilbevölkerung. Einquartierungen, Schikanen der beherbergten Regimenter, Kriegskontributionen und Seuchen bestimmten den Alltag der Menschen – auch in Gebieten, die über weite Strecken nicht unbedingt von Kampfhandlungen betroffen waren.

In den ersten Kriegsjahren blieb Niedersachsen von der Kriegsfurie verschont. Im Jahre 1625 trat Christian IV., König von Dänemark und Herzog von Holstein als Kriegsoberster des niedersächsischen Kreises an die Spitze der Protestanten. Die Führer der ihm gegenüberstehenden katholischen, kaiserlichen Armee waren Tilly und Wallenstein.

Die Truppen des Königs von Dänemark zogen von Norden heran und besetzten Hameln. Tilly rückte von Süden herbei und besetzte Holzminden. In den folgenden Monaten drangen die kaiserlichen Truppen unter Tilly in das Land zwischen Weser und Leine vor. Für Oktober 1625 und Februar 1626 sind Plünderungen in Laatzen und umliegenden Dörfern belegt. Der Döhrener Pastor Ernst Wehr kommt in seiner Chronik zu dem Schluss, dass „der Winter 1625 auf 1626 für unsere Gegend die härteste Zeit in jenem furchtbaren 30jährigen Krieg gewesen sein“ dürfte [Ernst Wehr: Das Kleine Freie. Mitteilungen aus der Geschichte von Döhren – Wülfel – Laatzen. Hannover 1989].

Zwar spielte sich der Krieg in den folgenden Jahren in der Hauptsache in anderen Gegenden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ab, doch sind immer wieder Truppen durch die Region um Laatzen gezogen, wodurch die Bevölkerung belastet wurde. In dieser Situation stellte der Herzog Friedrich zu Braunschweig-Lüneburg im Frühjahr 1642 der Dorfschaft Laatzen einen Schutzbrief aus.

Zuvor waren offenbar viele Laatzener aus ihren Häusern verjagt worden. Verantwortlich dafür waren vermutlich schwedische Truppen, die 1641 ins Land einfielen und von Sarstedt aus die Gegend verwüsteten. Die Schweden standen in dieser Kriegsphase den kaiserlich-habsburgischen Truppen gegenüber.

Für die Laatzener Bevölkerung dürften die politischen und militärischen Konstellationen kaum eine Rolle gespielt haben, denn die vermeintlich eigenen Truppen plünderten und mordeten kaum weniger als die feindliche Soldateska. Ob die Laatzener nach Ausstellung des Schutzbriefes tatsächlich wieder in ihre Häuser zurückkehren konnten und Kriegsbelastungen, Einquartierungen und Plünderungen von nun an der Vergangenheit angehörten, kann mangels Quellen nicht zweifelsfrei bestätigt werden. Spätestens mit der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens am 24. Oktober 1648 war dieses dunkle Kapitel der Laatzener Geschichte aber beendet.

Kontakt:
Stadtarchiv Laatzen
Manuel Schwanse
Gutenbergstraße 15
30880 Laatzen OT Laatzen-Mitte
Tel.: 0511 / 8205-1015
manuel.schwanse@laatzen.de

Quelle: Ilka Hanenkamp-Ley, Pressemeldung Stadt Laatzen, 26.02.2021; Archivale des Monats, Archivfund März 2021

Stadtgeschichte(n) aus 9 Jahrhunderten im Haus der Essener Geschichte

Das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv (HdEG) ist im Jahr 2020 zehn Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat das HdEG-Team die Ausstellung „Stadtgeschichte(n) aus 9 Jahrhunderten. Ausgewählte Quellen aus dem Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv“ erarbeitet.

Gleichzeitig konnte im Jahr 2020 auch der Historische Verein für Stadt und Stift Essen e.V., der am 27. Oktober 1880 gegründet wurde und seinen Sitz ebenfalls in der ehemaligen Luisenschule hat, sein 140-jähriges Jubiläum feiern. Über die wechselvolle Vereinsgeschichte informiert die Ausstellung „Aufruf! 140 Jahre Netzwerker für die Kultur. Der Historische Verein für Stadt und Stift Essen e.V.“

Beide Ausstellungen wurden bereits am 29. Oktober 2020 im Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv eröffnet, konnten aber bislang aufgrund der Pandemiesituation nicht gezeigt werden. Jetzt besteht aber die Möglichkeit, die Ausstellungen online auf der Homepage des Stadtarchivs zu besichtigen.

Die Ausstellung „Stadtgeschichte(n) aus 9 Jahrhunderten. Ausgewählte Quellen aus dem Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv“:


Abb.: Ansichten der Städte Essen und Werden, aus: Jan Janssonius, Newer Atlas (Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv)

Das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv wurde als eine von vier städtischen Kultureinrichtungen im Kulturhauptstadtjahr 2010 neu eröffnet. Seitdem ist es mit seinen drei Säulen, dem Stadtarchiv, der historischen Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“ und der Fachbibliothek Stadt & Region, das Kompetenzzentrum für die Essener Stadtgeschichte.


Abb.: Innenansicht Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv (Foto: Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv)

Seinen Sitz hat das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv in der 1906 errichteten ehemaligen Luisenschule am Bismarckplatz, die für die Zwecke des neuen Kulturinstituts baulich adaptiert wurde. Auf dem ehemaligen Schulhof wurde nach Entwürfen der Essener Architekten Hermann Scheidt und Frank Ahlbrecht ein mehrfach ausgezeichnetes Magazingebäude zur sachgerechten Unterbringung der wertvollen Bestände gebaut. Es sticht durch seine markante Cortenstahlfassade hervor und dient mit seinem Konzept der natürlichen Klimatisierung heute als Modell für andere Archivbauten im Rheinland.


Abb.: Das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv (Foto: Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv)

Das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv ist das Gedächtnis der Stadt Essen. Es bewahrt derzeit Archivgut im Umfang von etwa zehn Kilometern und stellt es für die Nutzung bereit. Neben Dortmund und Duisburg ist Essen eine der wenigen Städte im Ruhrgebiet, die auf eine städtische Tradition bis ins Mittelalter zurückblicken können. Dies spiegelt sich auch in der Überlieferung wider, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Die im HdEG verwahrten Quellen sind äußerst vielfältig. Urkunden, Amtsbücher, Akten, Karten und Pläne, Plakate, Münzen, Siegel machen die lange Stadtgeschichte Essens bis heute sichtbar und lebendig. Die Ausstellung bietet in elf thematischen Kapiteln insgesamt 40 ausgewählte Originalquellen aus dem Zeitraum von 1272 bis 2020. Die meisten Exponate werden erstmals öffentlich gezeigt. Jedes Kapitel wird durch einen einleitenden Text eröffnet. Dann werden die einzelnen Exponate mit Text und Bild vorgestellt. Bislang sind sieben Kapitel freigeschaltet worden. Die übrigen Kapitel folgen bis Mitte März 2021.

Die Ausstellung „Aufruf! 140 Jahre Netzwerker für die Kultur“:

Seit seinen Anfängen tritt der Historische Verein als Netzwerker für die (Geschichts-)Kultur in Essen auf.


Abb.: Am 21. Oktober 1880 veröffentlichte der Apotheker Wilhelm Grevel in der Essener Zeitung einen Aufruf zur Gründung eines Historischen Vereins, dem 32 Herren folgten (Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv)

So engagierte er sich sowohl für die Gründung der Stadtbibliothek als auch für die Einrichtung eines Stadtmuseums, das die Keimzelle des Ruhr Museums und des Museums Folkwang bildete. Nicht zuletzt setzte sich der Historische Verein für das Stadtarchiv ein, das zunächst vom Verein ehrenamtlich mitbetreut wurde und erst seit 1936 eine eigene, hauptamtlich geführte Dienststelle der Stadt Essen ist. Die Roll-Up-Ausstellung stellt in sieben Kapiteln die wechselvolle Geschichte sowie die heutigen Aufgaben und Aktivitäten des Historischen Vereins für Stadt und Stift Essen vor. Zum Abschluss präsentiert eine Chronik die Vereinsaktivitäten der letzten 140 Jahre.

Kontakt:
Haus der Essener Stadtgeschichte / Stadtarchiv
Ernst-Schmidt-Platz 1
45128 Essen
Tel.: 0201 / 8841 300
Fax: 0201 / 8841 313
hdeg@essen.de
www.essen.de/stadtarchiv

Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V.
Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv
(alt Bismackplatz 10, Luisenschule)
Ernst-Schmidt-Platz 1
45128 Essen
Tel: 0201 / 5147550
info@hv-essen.de
www.hv-essen.de

Quelle: Stadt Essen, Pressemeldung, 19.2.2021

 

Stadtarchiv Pforzheim und der französische Verein Les Amis de Pforzheim starten Kooperation

Die Kooperation des Stadtarchivs Pforzheim und des französischen Vereins „Les Amis de Pforzheim“ soll die Erinnerung an Pforzheimer Zwangsarbeiter aus den Vogesen wachhalten.

Unter den Tausenden Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Pforzheim zur Arbeit gezwungen und ausgebeutet wurden, zählte auch eine Gruppe von über 600 Franzosen. Sie wurden am 8./9. November 1944 aus den Vogesendörfern La Bresse, Cornimont und Ventron deportiert und nach Pforzheim verschleppt, wo sie in der Stadt und im Umland in Rüstungsfabriken, der Stadtverwaltung, im Forst, bei Bauern und Handwerkern bis März 1945 schwerste Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen leisten mussten. 18 von ihnen wurden beim Luftangriff am 23.2.1945 getötet. Weitere fünf verstarben an den Folgen oder aus anderen Ursachen.

Alljährlich am 23. Februar wird in Pforzheim der Zerstörung Pforzheims im Zweiten Weltkrieg, die mehr als 17.600 Menschen das Leben kostete, gedacht. Auch in diesem Jahr legte Oberbürgermeister Peter Boch im Namen der Bürgerschaft Pforzheims in würdigem Gedenken an alle Opfer des Krieges einen Kranz nieder. Das Gedenken wurde mit weiteren Kränzen unter anderem aus den Vogesengemeinden La Bresse, Cornimont und Ventron gewürdigt.


Abb.: Kranzniederlegung, v.l. Pfarrer Georg Lichtenberger, Oberbürgermeister Peter Boch und Dekanin Christiane Quincke (Foto: Stadt Pforzheim, Ella Martin)

Inzwischen besteht seit vielen Jahrzehnten ein freundschaftlicher Austausch zwischen der Stadt Pforzheim und den Vogesengemeinden, die von Verbindungen der Deutsch-Französischen-Gesellschaft Pforzheim und dem französischen Verein „Les Amis de Pforzheim“ begleitet werden. Aus diesen Kontakten ist im Jahr 2020 ein Projekt entstanden, das die wenigen erhaltenen Quellen zu den französischen Zwangsarbeitern im Pforzheimer Stadtarchiv durch Dokumente der Betroffenen und ihrer Familien ergänzt. Im September 2020 besuchte Christian Claudel aus La Bresse das Stadtarchiv.


Abb.: Mit Unterstützung der Deutsch-Französischen-Gesellschaft zu Besuch im Stadtarchiv: Christian Claudel aus La Bresse mit Bernhilde Starck von der DFG (l.) und Archivleiterin Klara Deecke (Foto: Stadt Pforzheim; Eugen Schüle)

Er übergab u. a. die verschriftlichten Erinnerungen seines Onkels an die Zwangsarbeit sowie die Kopie eines Schreibens der Pforzheimer Schmuckfirma E. G. Bek, in der die letzten Stunden eines der am 23. Februar 1945 getöteten Zwangsarbeiter geschildert werden. Bei einer anschließenden Archivführung mit Quellen zur Zwangsarbeit sowie detaillierten Recherchen konnten auch Informationen ermittelt werden, die den Nachfahren von Zwangsarbeitern in La Bresse noch nicht bekannt waren.


Abb.: Auf den Spuren französischer Zwangsarbeiter in Pforzheim: Stadtarchiv-Praktikantin Fabienne Bitz zeigt Christian Claudel zeitgenössische Dokumente zur Zwangsarbeit in Pforzheim (Foto: Stadt Pforzheim; Klara Deecke)

Eine Exkursion zur Bek’schen Fabrikvilla in der Schwarzwaldstraße sowie zum Schützenhaus in Büchenbronn, in dem zahlreiche zur Zwangsarbeit im Wald herangezogene Männer aus den Vogesen einquartiert waren, ergänzten den Besuch im Stadtarchiv.


Abb.: Im Schützenhaus Büchenbronn waren einige der aus den Vogesen verschleppten Zwangsarbeiter untergebracht, die im Forst arbeiten mussten (Foto: Stadt Pforzheim; Klara Deecke)

Nach dem arbeitsintensiven, aber ergebnisreichen Treffen waren sich die Kooperationspartner einig: Die Zusammenarbeit und der Austausch von Archivdokumenten sollen fortgesetzt werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Pforzheim – Institut für Stadtgeschichte
Dr. Klara Deecke
Kronprinzenstr. 28
75177 Pforzheim
Tel.: 07231 / 39-2898
klara.deecke@pforzheim.de

Quelle: Stadtarchiv Pforzheim, Aktuelles, 09.02.2021; Stadt Pforzheim, Pressemeldung, 23. Februar 2021

Kalender aus der NS-Zeit im Stadtarchiv Bonn

„Praktisch sein leicht gemacht!“

Fotos, Grafiken, Urkunden, Akten, Briefe oder historische Bücher: Im Depot von Stadtarchiv und Stadthistorischer Bibliothek Bonn lagert so manche Rarität. Die Reihe „Zeitfenster“ gewährt jeden Monat einen Blick in die Vergangenheit Bonns. Im Monat Februar 2021 handelt es sich dabei um einen Kalender aus der NS-Zeit aus dem Jahre 1941.

Das Stadtarchiv Bonn besitzt eine Sammlung mit 134 Kalendern, darunter auch einen Kalender aus der NS-Zeit mit dem Titel „Praktisch sein leicht gemacht!“ für das Jahr 1941, der vom Kaufhof Bonn herausgegeben wurde. Er ist historisch interessant – als NS-Propagandamittel war er ein wichtiges Verbreitungsmittel der Blut- und Bodenideologie der Nazis.


Abb.: „Praktisch sein leicht gemacht!“, 1941 (Signatur: 2001/78, Stadtarchiv Bonn)

Der Kalender richtet sich an die „deutsche Hausfrau“ über die Hitler 1936 sagt: „Die Welt der Frau [sei] die Familie, ihr Mann, ihre Kinder, ihr Heim“ – diese Rolle spiegelt der Kalender durchgängig wider. So wird dem 1938 ins Leben gerufenen „Muttertag“ natürlich auch ein Kalenderblatt gewidmet. Da viele Männer an der Front sind, der Kalender wurde 1940 – also im zweiten Kriegsjahr – produziert, wird die Frau zu einem wichtigen Vermittler der nationalsozialistischen Ideologie und kämpft „heldenhaft“ als Frau und „deutsche Mutter“ für die Volksgemeinschaft an der „Heimatfront“.


Abb.: Kalenderblatt der 31. Woche 1941 aus: „Praktisch sein leicht gemacht!“ (Stadtarchiv Bonn)

Bei dem mittelgroßen Abreißkalender (Maße: 16 x 24 cm) im Hochformat wird die Kalenderwoche jeweils von einem Foto unterlegt. Die schwarz-weißen beziehungsweise braungetönten Kalenderblätter geben unter anderem beidseitig Schönheits- und Haushaltstipps, so wie beispielsweise zur „Fuß-Gymnastik und -Pflege“ oder zur „Richtigen Nähmaschinen-Pflege“. Da die „deutsche Hausfrau“ vor allem Mutter war, kommen Ratschläge zur Kindererziehung nicht zu kurz: neben dem Abriss über „die wichtigsten Ereignisse der ersten Monate“ eines Kindes, dem Stricken von Windelhosen über das Anfertigen von Wadenwickeln bei Fieber, bis hin zu dem Einrichten eines Schularbeitsplatzes zu Hause, wird alles Existentielle behandelt.

Zum Auflockern der eigentlichen Thematik – den Überlebensstrategien in Kriegszeiten – wurde von den Herausgebern der Erholung und Freizeit gedacht: So zeigt das erste Kalenderblatt fröhliche Skifahrer in idyllischer Winterlandschaft. Darüber hinaus gibt es nicht nur Anleitungen zum „richtigen“ Einkellern von Kartoffeln, dem „Bauen eines Treibhauses am Küchenfenster aus einer alten Kiste“ oder Tricks beim wirtschaftlichen Heizen, sondern es werden auch „Erste Hilfe“-Maßnahmen aufgelistet.

Wie hochpolitisch der so unverfänglich wirkende „Hausfrauenkalender“ war, verdeutlichen die Eintragungen bestimmter Ereignisse. So wird im Kalender nicht nur die Propagandaaktion des monatlichen „Eintopfsonntags“ vermerkt. Politische Ereignisse, wie der Eintrag am 30. Januar: „1933 Adolf Hitler wird Reichskanzler“, die „Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Deutschland“ am 3. September 1939 oder die „Heimkehr des Saarlandes“ am 1. März 1935 sowie die Kapitulationen verschiedener Länder, sind eingetragen. Auch Geburts- und Todesdaten von NS-Prominenz fehlen nicht in diesem vornehmlich Propagandazwecken dienenden Druckwerk.

Kontakt:
Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn
Berliner Platz 2
53111 Bonn
Tel.: 0228 / 772410
stadtarchiv@bonn.de

Quelle: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, Zeitfenster, Februar 2021

Wasserschaden im Stadtarchiv Amberg

Großen Schaden am Gebäude und an den Archivalien richtete in der Nacht auf den 16.2.2021 das durch ein geplatztes Zuleitungsrohr der Lüftungsanlage ausgetretene Wasser im Stadtarchiv Amberg an. „Die Freiwillige Feuerwehr hat schnell reagiert und war schon bald nach dem Alarm der Brandmeldeanlage vor Ort. Nichtsdestotrotz sind das denkmalgeschützte Archiv und ihr wertvoller Inhalt arg in Mitleidenschaft gezogen worden“, bedauerte Oberbürgermeister Michael Cerny. Er war sofort am Morgen in das erst 2018 bezogene Stadtarchiv geeilt, um sich vor Ort von der Situation zu überzeugen. Das, was er zusammen mit dem Leiter des städtischen Hochbauamtes Hubert Meier und dem stellvertretenden Archivleiter, Diplom-Archivar (FH) Jörg Fischer, sah, war jedoch schlimmer als er sich das hatte vorstellen können. „Es ist wirklich eine Katastrophe! Unser Archiv ist eines der wertvollsten Kommunalarchive in Bayern und beherbergt viele teilweise mehr als 700 Jahre alte Schätze, von denen einige sehr gelitten haben“, zog der Amberger Oberbürgermeister eine erste Bilanz.


Abb.: Begutachtung des Wasserschadens im Amberger Stadtarchiv (Stadt Amberg)

So sind unter anderem 40 antike Ratsbücher von der Feuchtigkeit angegriffen und werden unverzüglich nach Leipzig gebracht, wo sie von den Experten im dortigen Zentrum für Bucherhaltung zunächst fachkundig getrocknet sowie anschließend restauriert werden sollen. Ein Problem sind aber nicht nur die Archivalien selbst, sondern vor allem auch das durchfeuchtete Gebäude, in dem noch zahlreiche weitere, nicht direkt betroffene Schätze lagern. Kann es nicht schnell und richtig austrocknen, drohen weitere Gefahren für Haus und Archivmaterial.

Auch deshalb lässt sich der Schaden zum momentanen Zeitpunkt nicht beziffern. Fest steht nur, dass sowohl im denkmalgeschützten Mantel des einstigen Kurfürstlichen Wagenhauses als auch in der als „Haus im Haus“ konzipierten Stahlbetonkonstruktion viel zu tun sein wird, um das Archiv wieder richtig instand zu setzen. „Wir stehen vor einer großen Herausforderung“, konstatierte Archivar Jörg Fischer und machte darauf aufmerksam, dass das Stadtarchiv damit auf jeden Fall vorerst geschlossen bleiben muss.


Abb.: Erheblicher Wasserschaden im Stadtarchiv (Foto: Susanne Schwab, Stadt Amberg)

Die Nachricht vom Wasserschaden im Stadtarchiv Amberg hat unterdessen weite Kreise gezogen. Bis nach Périgueux war die Information gedrungen. Doch nicht nur von dort ließen Hilfsangebote nicht lange auf sich warten. „Auch aus unserer Nachbarstadt Weiden haben sich Oberbürgermeister Jens Meyer und die Stadtarchivarin Petra Vorsatz gemeldet, genauso wie Archivare aus Donauwörth, aus Bochum und aus Wedel in Schleswig-Holstein“, berichtet Oberbürgermeister Michael Cerny und spricht ihnen sowie allen weiteren Personen und Stellen, die ihre Unterstützung zugesagt haben, sein herzliches Dankeschön aus.

Diesem Dank schließt sich auch Archivar Fischer für das Amberger Stadtarchiv an. „Gleich zu Anfang hat sich auch unser Amberger Staatsarchiv gemeldet und uns ein umfassendes Hilfsangebot gemacht. So bekommen wir von dort eine Stellfläche mit Regalen von 200 laufenden Metern zur Verfügung gestellt, wenn das notwendig werden sollte“, zeigt er sich begeistert von dieser großen Hilfsbereitschaft und dem Entgegenkommen, das dem Stadtarchiv aus vielen Richtungen entgegenschlägt.

Beeindruckt ist Fischer auch von dem Angebot der Universitätsbibliothek Regensburg, die Bereitschaft signalisiert hat, über das Notfallprogramm für Bibliotheken Unterstützung zu gewähren. Außerdem hätten sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, beispielsweise aus dem Kulturreferat und der Gewerbebau, sowie die Generaldirektion der Staatlichen Archive und der VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare gemeldet und Bereitschaft signalisiert, zu helfen. „Hinzu kommt, dass uns mehrere Konservierungsfirmen kontaktiert und das Angebot gemacht haben, uns schnell und unbürokratisch zur Seite zu stehen“, so der Archivar.

Ein großes Dankeschön richten er und Oberbürgermeister Michael Cerny aber auch noch einmal an die Freiwillige Feuerwehr Amberg für ihr beherztes und professionelles Eingreifen. „Ihrem umsichtigen Einsatz ist es zu verdanken, dass rund 700 Jahre altes Archivgut gerettet werden konnte, indem sofort mit der Sicherstellung dieser Archivalien begonnen wurde“, betont der Amberger OB und macht deutlich, dass damit auch der immaterielle Schaden, der durch eine vollständige Zerstörung von Archivgut immer auch entsteht, begrenzt werden konnte.

Rund 20 aktive Feuerwehrleute waren, wie erwähnt, im Einsatz, nachdem die automatische Brandmeldeanlage des Gebäudes am Dienstag, 16. Februar, um 5 Uhr 30 Alarm ausgelöst hatte. Sofort nach der Ankunft wurden die gefährdeten oder bereits durchnässten Archivalien in Sicherheit gebracht und das Wasser abgepumpt. Nahezu drei Stunden dauerten die Arbeiten, in deren Rahmen auch der Bretterboden im Dachboden zu öffnen war und Teile des Gebäudes vom Strom genommen werden mussten. „Unsere Feuerwehraktiven haben diese nicht alltägliche Herausforderung mit Bravour bewältigt. Dafür vielen herzlichen Dank“, so OB Michael Cerny.

Kontakt:
Stadtarchiv Amberg
Paulanerplatz 17
92224 Amberg
Tel.: 09621 / 10-1267 oder 10-1827
Fax: 09621 / 37600-267
stadtarchiv@amberg.de

Quelle: Stadt Amberg, Pressemeldung, 16.2.2021; Stadt Amberg, Pressemeldung, 18.2.2021

Vom Bistum Freising zum Erzbistum München und Freising

Das Bayerische Konkordat von 1817 und seine Umsetzung 1821.

Anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Erzbistum München und Freising“ zeigen Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising seit dem 12. Februar 2021 erstmals eine Online-Ausstellung aus ihren Beständen. Unter dem Titel „Vom Bistum Freising zum Erzbistum München und Freising. Das Bayerische Konkordat von 1817 und seine Umsetzung 1821“ werden anhand von 52 Objekten die kirchengeschichtlichen Umbrüche vor 200 Jahren veranschaulicht.


Abb.: Titel der Ausstellung in Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising

Vor 200 Jahren begann in der bayerischen Kirchengeschichte eine neue Epoche: Durch die Säkularisation von 1802/03 war eine über tausendjährige Kirchenordnung untergegangen. Die Bischöfe waren nicht mehr zugleich Fürsten; im Fall ihres Todes wurden die Bistümer nicht mehr neu besetzt und nur provisorisch verwaltet.

Erst das 1817 zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl geschlossene Konkordat schuf ein neues Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Umgesetzt wurde die Neuordnung 1821. Für das alte Bistum Freising brachte das besonders einschneidende Veränderungen: neuer Bischofssitz, neuer Dom, deutlich vergrößertes Bistumsgebiet und neuer Rang des Oberhirten (als Erzbischof).


Abb.: Das alte Bistum Freising

Diese vor 200 Jahren geschaffene kirchliche Ordnung war Grundlage des kirchlichen Lebens in Bayern bis zum Konkordat von 1924. In wesentlichen Punkten, wie der Bistumseinteilung, gilt sie bis heute.

Ausgehend von der Säkularisation des Bistums Freising 1802/03 geht es um die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse in Bayern durch das 1817 zwischen dem Königreich Bayern und dem Heiligen Stuhl geschlossene Konkordat sowie um dessen schließlich 1821 vollzogene Umsetzung. Für das heutige Bistumsgebiet brachte dies besonders einschneidende Veränderungen mit sich:


Abb.: Der neue Bischofssitz

Der Bischofssitz wurde von Freising nach München verlegt, die Münchner Frauenkirche zum neuen Dom und das Bistum zum Erzbistum erhoben, der Bistumssprengel um fast die Hälfte durch ehemals salzburgische Gebiete erweitert.


Abb.: Das neue Erzbistum

Am 23. September 1821 verkündete der päpstliche Nuntius im Münchner Dom die Neuumschreibung aller bayerischen Diözesen, am 28. Oktober wurde das Metropolitankapitel München errichtet und am 5. November der erste, vom König ernannte Erzbischof Lothar Anselm von Gebsattel in sein Amt eingeführt. Weil diese Ereignisse die Struktur der bayerischen Kirche bis heute prägen, ist ihre Kenntnis zu deren Verständnis unerlässlich.


Abb.: Erzbischof und Metroplitankapitel

Unter den 52 Ausstellungsobjekten sind zahlreiche Dokumente, die erstmals zu sehen sind – etwa die Ernennungsurkunde für Erzbischof Gebsattel und das Dekret, mit dem der altehrwürdige Freisinger Dom auf den Rang einer Pfarrkirche zurückgestuft wurde. Besonderes Augenmerk gilt den Gebietsveränderungen zwischen dem Erzbistum Salzburg und dem Erzbistum München und Freising. So zeigt eine erst kürzlich im Archiv der Erzdiözese Salzburg entdeckte Karte die früheren Salzburger Zuständigkeiten auf bayerischem Territorium. Dank der Kooperation mit dem Metropolitankapitel München und dem Diözesanmuseum Freising können in der Ausstellung überdies einige ausgewählte Kunstwerke in digitaler Reproduktion präsentiert werden, darunter das goldene Kapitelkreuz des Domdekans. Das rührende Lied, das die Münchner Schuljugend 1821 zur Amtseinführung von Erzbischof Gebsattel sang, ist nicht nur als Notenblatt zu sehen, sondern in einer eigens für die Ausstellung erstellten Aufnahme auch zu hören, gesungen vom Vokalensemble der Jungen Domkantorei München unter Leitung von Domkantor Benedikt Celler.

Für die erstmalige Präsentation einer reinen Online-Ausstellung wurde das seit Juli 2019 bestehende Digitale Archiv des Erzbistums um einige Funktionalitäten erweitert. Insbesondere kann nun bei handschriftlichen Dokumenten parallel zur Reproduktion eine buchstaben- und zeilengetreue Umschrift angezeigt werden.


Abb.: Parallelansicht des Schreibens von Fürsterzbischof Hieronymus

Die Programmierung dieser innovativen Funktion wurde gefördert mit Mitteln des Förderprogramms „WissensWandel“, das Bibliotheken und Archive bei ihrer digitalen Weiterentwicklung unterstützt und Teil des Rettungs- und Zukunftsprogramms NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ist. Zu den lateinischen Dokumenten gibt es eine deutsche Übersetzung, zumeist die erste, die überhaupt existiert. Bei allen entsprechenden Dokumenten und Büchern ist zusätzlich zu den ausgewählten Einzelseiten ein Link gesetzt, der zu einem Volldigitalisat des gesamten Aktes oder Bandes im Digitalen Archiv oder im Bibliotheksverbund Bayern führt. Die Ausstellungsobjekte sind durch Links auch untereinander verbunden, und Fachbegriffe werden durch externe Informationsquellen erklärt. Bei jedem Titel der zur Vertiefung angegeben Fachliteratur ist nachgewiesen, welche wissenschaftlichen Bibliotheken in Bayern ihn zur Ausleihe anbieten.

Die Funktionserweiterung und die gestalterische Einpassung in das Online-Erscheinungsbild der Erzdiözese wurden in Zusammenarbeit mit der Stabsstelle Kommunikation des Erzbischöflichen Ordinariats und dem diözesanen Medienhaus Sankt Michaelbund konzipiert und realisiert.

Kontakt:
Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising
Dr. Benita Berning
Karmeliterstraße 1 (Eingang Pacellistraße)
80333 München
Tel.: 089 / 2137-1346
archiv@eomuc.de

Postadresse
Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising
Postfach 330360
80063 München

Quelle: Benita Berning, Archiv des Erzbistums München und Freising, 16.02.2021; Ausstellungstext Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising

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