80 Jahre Berner Pressefotografie im Staatsarchiv Bern

Die abwechslungsreiche Berner Geschichte des 20. Jahrhunderts in Tausenden von Bildern: Die Fotonachlässe der Pressefotografen Carl Jost, Walter Nydegger und Hans Schlegel sowie das Archiv der Berner Zeitung geben Einblick in die Entwicklung der Berner Pressefotografie von ca. 1920 bis 2000. Das Staatsarchiv des Kantons Bern hat die umfangreichen Sammlungen aufbereitet und im Online-Inventar publiziert.

Abb.: Reportage Eva „Evita“ Peròn in Bern, August 1947 / Fotos: Walter Nydegger (StAB FN Nydegger 947)

Die Fotografie wird als Quelle in der modernen Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts immer wichtiger. Deshalb ist das Staatsarchiv des Kantons Bern bestrebt, für die Nachwelt auch audiovisuelle Unterlagen zu erhalten, obschon deren Konservierung wesentlich anspruchsvoller und teurer ist als das Erhalten von Schriftgut. In den letzten Jahren hat das Staatsarchiv eine große Anzahl neuer Fotobestände konserviert, erschlossen und im Online-Inventar publiziert. Tausende der Bilder sind auch online abrufbar. Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen jedoch nicht alle Fotos digitalisiert und frei zur Verfügung gestellt werden. Alle Bilder können aber im Lesesaal gesichtet werden. Auf Verlangen werden die gewünschten Fotos rasch digitalisiert. Das Staatsarchiv Bern hat unter anderem die folgenden Bestände ins Online-Inventar aufgenommen:

Fotonachlass von Carl Jost (1899-1967)
Der Berner Fotograf Carl Jost war von ca. 1930 bis 1967 bei allen wichtigen politischen Ereignissen in Bern und Umgebung mit der Kamera dabei. Weitere Motive sind Kultur- und Sportanlässe, technische Neuerungen, bekannte Persönlichkeiten, Landschaften und zahlreiche Porträts. Sein Nachlass war eines der ersten Fotokonservierungs- und Digitalisierungsprojekte des Staatsarchivs und konnte nun endlich vollständig abgeschlossen werden. Der Nachlass von Carl Jost kam im Jahr 2001 ins Staatsarchiv. Aufgrund jahrelanger Lagerung unter äußerst ungünstigen klimatischen Bedingungen waren die Materialien konservatorisch in sehr schlechtem Zustand. Viele Negative konnten nicht im Original aufbewahrt werden und mussten auf neue Trägermaterialien umkopiert bzw. digitalisiert werden. Der Bestand wurde mit Ausnahme von einem Teil der Passfotos vollständig digitalisiert.

Fotonachlass von Walter Nydegger (1912-1986)
Walter Nydegger war der erste Pressefotograf in Bern mit bedeutenden Reportagen zu Ereignissen, Kundgebungen, Persönlichkeiten, Staatsbesuchen und ähnlichen Anlässen. Seit etwa 1940 war er als freier Fotoreporter tätig für Illustrierte, Tageszeitungen sowie für die Berner Woche. Walter Nydegger gilt als Berner Pionier der Pressefotografie. Er übergab seinen Nachlass 1986 dem Staatsarchiv. Sämtliche Reportagen können in chronologischer Reihenfolge online durchsucht werden. Zusätzlich sind 22‘500 Fotografien direkt digital verfügbar.

Fotonachlass von Martin Hesse (1911-1968)
Der Sohn des Schriftstellers Hermann Hesse war 1930 bis 1968 Als Fotograf in Bern tätig und arbeitete unter anderem für die Kantonale Denkmalpflege. Martin Hesse machte vorwiegend dokumentarische Aufnahmen aus Bern und Umgebung mit Stadt- und Landschaftsfotografien sowie Personenaufnahmen. Die Fotos konnten komplett digitalisiert werden.

Abb.: Tiger auf der N6 bei Münsingen, 24.03.1982 / Foto: Rolf Schertenleib, Berner Zeitung (StAB PBA BZ I 3)

Pressebildarchiv der Berner Zeitung (ca. 1950-2000)
Das umfangreiche analoge Pressebildarchiv umfasst ungefähr eine halbe Million Bilder aus der Zeit von ca. 1950-2000. Bis 1970 führte die Berner Zeitung kein eigenes Bilderarchiv, sondern kaufte die zu publizierenden Bilder ein, beispielsweise bei Auftragsfotografen wie Walter Nydegger oder bei Bildagenturen (z.B. Edipresse, Actualité Suisse Lausanne ASL). Ab 1970 bis zur Umstellung der gesamten Bildredaktion auf digitale Produktion im Jahr 1998 bewirtschaftete die Berner Zeitung aktiv ein eigenes Pressebildarchiv und beschäftigte eigene Fotografen (u.a. Andreas Blatter, Eduard Rieben, Urs Baumann). Das Staatsarchiv übernahm das Pressebildarchiv im August 2013. Vorher erfolgten umfangreiche Analysen bezüglich Umfang, Inhalt und Zustand, um ein detailliertes und systematisches Erhaltungs- und Erschließungsprojekt formulieren zu können. Das umfangreiche Projekt wurde mit Geldern der Ursula Wirz Stiftung, der Ernst Göhner Stiftung sowie der Medien- und Unternehmensförderungsstiftung FERS unterstützt. Die Metadaten des Pressearchivs können online recherchiert werden. Aus urheberrechtlichen Gründen sind jedoch keine digitalisierten Fotos abrufbar.

Kontakt:
Staatskanzlei des Kantons Bern
Staatsarchiv
Falkenplatz 4
Postfach
3001 Bern
Tel. +41 31 633 51 01
Fax +41 31 633 51 02

Quelle: Staatskanzlei Bern, Medienmitteilung, 10.1.2018

Prozessauftakt zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Seit dem 17.1.2018 müssen sich fünf Männer, die am U-Bahn-Bau am Kölner Waidmarkt beteiligt waren, vor Gericht im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 verantworten. Die zehnte große Strafkammer des Landgerichts Köln hat 126 Verhandlungstage für den Prozess angesetzt. Wenn bis 4. März 2019 kein erstinstanzliches Urteil vorliegt, ist der Fall verjährt. Man rechnet laut Gericht mit der Vernehmung einer „Vielzahl von Zeugen und einiger Sachverständiger“.

Abb.: Luftbild der Einsturzstelle mit Umgebung, 10. März 2009 (Foto: Stadt Köln)

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor. Die Anklage geht davon aus, dass Arbeiter der Arbeitsgemeinschaft der Bauunternehmen an den Schlitzwänden, die die Baustelle trockenhalten sollten, gepfuscht haben. Dadurch sei ein Loch entstanden, durch das am 9.3.2009 Wasser und Erde eindrangen und das Archivgebäude zum Einsturz brachten. Um Fehler beim Bau zu kaschieren, sollen falsche Protokolle angefertigt worden sein. Die Angeklagten und die Bauunternehmen bestreiten dies.

Der nun begonnene Strafprozess – neun Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs und ein Jahr vor Ende der Verjährungsfrist – ist einer von zwei Verfahren, die sich beim Landgericht Köln mit dem Archiveinsturz, bei dem zwei Anwohner ums Leben kamen, beschäftigt. Im zweiten Prozess geht es um die Schadenersatzansprüche, die von der KVB gegenüber den Baufirmen geltend gemacht werden.

Unterdessen soll das neue Archivgebäude im Jahr 2020 fertiggestellt sein, so dass das Historische Archiv der Stadt Köln umziehen in ein Haus kann, das so sicher sein soll, dass ein erneuter Schaden ausgeschlossen werden kann. Die 2009 entstandenen Schäden am Archivgut wird man den Archivalien auch nach der Restaurierung ansehen. Bis sie alle wieder nutzbar sind, wird es noch Jahrzehnte dauern.

Quelle: Helmut Frangenberg, Kölner Stadt-Anzeiger, 10.11.17; FAZ, 17.1.2018; DLF, 17.1.2018; Manfred Reinnarth, Kölnische Rundschau, 20.1.2018

ARCHIV-info 2/2017

Die neueste Ausgabe (Heft 2/2017) von ARCHIV-info, der Zeitschrift des Archivs des Deutschen Museums in München, ist Ende 2017 erschienen. Darin stellt Archivleiter Wilhelm Füßl u.a. Quellen zur bayerischen Wissenschafts- und Technikgeschichte vor.

Zentraler Bestand dieser regionalen Quellengattung ist mit 22 Regalmetern Umfang das Archiv des 1815 gegründeten Polytechnischen Vereins für Bayern (PTV). Der erst 1938 aufgelöste PTV diente staatlichen und kommunalen Behörden als Begutachtungsstelle für technische Erfindungen.

Neben weiteren Hinweisen zu aktuellen Neuwerbungen und Aktivitäten des Archivs des Deutschen Museums erläutert der stellvertretende Archivleiter Matthias Röschner die zum Jahresbeginn 2018 novellierte Benutzungsordnung für das Archiv. Als Neuerung hervorzuheben ist dabei die grundsätzliche Zulassung von nutzereigenen Kameras und Smartphones für die Reproduktion von konservatorisch ungefährdeten Archivalien.

Die Hefte der seit dem Jahr 2000 erscheinenden Zeitschrift „ARCHIV-info“ stehen als PDF-Dateien zum Einzeldownload zur Verfügung (Link).

Link auf ARCHIV-info 2/2017:
http://www.deutsches-museum.de/fileadmin/Content/010_DM/040_Archiv/PDFs/Archiv_info/Archiv_Info_2017_2_.pdf

Kontakt:
Deutsches Museum
Archiv
80306 München
Tel.: (089)  2179 220
Fax: (089)  2179 465
archiv@deutsches-museum.de

Mittelalterliche Handschriften und ihr zweites Leben als Einbandfragmente in Kurhessen-Waldeck

Ein longue-durée-Projekt des Landeskirchlichen Archivs Kassel

Longue Durée ist ursprünglich ein Fachbegriff der Geschichtswissenschaft (Annales-Schule). Die Bezeichnung wird verwendet zur Beschreibung politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Strukturen, die sich sehr langsam entwickeln.

Das Fragmente-Projekt kann aus doppelter Hinsicht mit dem Begriff „longue durée“ umschrieben werden. Die ältesten Fragmente des Erschließungs- und Digitalisierungsprojekt des Landeskirchlichen Archivs Kassel stammen aus dem 8. und 9. Jahrhundert. Und das Projekt selbst begann vor knapp 15 Jahren und konnte Ende 2017 mit der Print- und e-book-Publikation „Einbandfragmente kirchlicher Provenienz aus Kurhessen-Waldeck“ abgeschlossen werden. Dem über 500 Seiten starken Katalog mit Personen- Orts- und Sachregister von Konrad Wiedemann sind ein Vorwort des Bischofs der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und eine Projektbeschreibung vorangestellt.

Konrad Wiedemann: Einbandfragmente kirchlicher Provenienz aus Kurhessen-Waldeck. Umschlaggestaltung: Jörg Batschi, Tübingen. Umschlagabbildung: 0025. Fragment GRADUALE (Landeskirchliches Archiv Kassel, Depositum Pfarrarchiv Allendorf, 15. Jh.)

Das Projekt „Digitale Erschließung von Einbandfragmenten in kirchlichen Archiven aus Kurhessen-Waldeck“ startete 2003 mit einer Umfrage des Landeskirchlichen Archivs Kassel in allen Kirchengemeinden der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und anderen kirchlichen Einrichtungen, ob sie im Besitz von Kirchenrechnungen oder Kirchenbüchern mit mittelalterlichen Einbandfragmenten seien.

Am Ende sind es 736 Fragmente geworden, zumeist liturgischer Provenienz, aber auch juristischer oder medizinischer Herkunft, hebräischer oder mittelhochdeutscher, allesamt nach DFG-Richtlinien beschrieben und digitalisiert. Der Katalog bietet die komplette Beschreibungsebene, ergänzend dazu liefern Archivportal-D / Deutsche Digitale Bibliothek eine Abbildung des jeweiligen Fragments. In einigen Fällen konnten nahezu ganze Bände rekonstruiert werden oder die Zusammengehörigkeit mehrerer Einbände.

Info:
Konrad Wiedemann
Einbandfragmente kirchlicher Provenienz aus Kurhessen-Waldeck
(Schriften und Medien des Landeskirchlichen Archivs Kassel 37, hg. v. Bettina Wischhöfer),
kassel university press 2017.
ISBN 978-3-7376-0396-6 (print)
ISBN 978-3-7376-0397-3 (e-book)
DOI: http://dx.medra.org/10.19211/KUP9783737603973
URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0002-403972

Kontakt:
Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
Lessingstraße 15 A
34119 Kassel
Tel.: (0561) 78876 – 0
Fax: (0561) 78876 – 11
archiv@ekkw.de

Seit 2014: Schlaglichter – Aschaffenburg im Ersten Weltkrieg

Seit dem hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs werden im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg monatlich wechselnde „Schlaglichter“ in Form einer kleinen Präsentation gezeigt. Ausgewählte Dokumente, Fotografien und Objekte, zumeist aus den Beständen des Archivs (und ab und an auch in Kooperation mit regionalen Sammlern und Heimatforschern) werden über einen Zeitraum von jeweils vier Wochen gezeigt. Die Präsentationen finden regelmäßig Anklang in der Presse und werden von den Besucher*innen des Archivs gerne angenommen. Die jeweiligen Präsentationstexte sowie ausgewählte Bilder werden seit dem August 2014 über die Homepage des Archivs dokumentiert (Rückblick).

Das aktuelle Thema ist ein Fall von Desertion in Aschaffenburg Ende 1917/Anfang 1918:

Am 9. Dezember 1917 hatte der Wachtmeister Franz Dernbach in Hös­bach einen Mann aufgegriffen und ihn wegen Verdachts auf Wehr­pflichtsverletzung verhaftet. Am nächsten Tag lieferte ihn die Aschaf­fenburger Gendarmerie in das Amtsgerichtsgefängnis ein.

Abb.: Foto von Theodor Schrage, der wegen Fahnenflucht gesucht wurde, 1918 (SSAA, SBZ I 2314)

Die Ermittlungen bei Melde- und Militärbehörden konnten die Angaben zu seiner Person zunächst nicht belegen, so dass die Aschaffenburger Kriminalpolizei erkennungsdienstliche Untersuchungen einleitete. Neben Fotografien wurden auch Fingerabdrücke angefertigt und der Polizeidirektion in München zugeschickt. Da dort keine übereinstim­menden Beweismittel vorlagen, sandte die Münchener Behörde die Fingerabdrücke zur weitergehenden Prüfung an die Sammelstellen in Basel, Berlin, Bern, Budapest, Dresden, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Wien, Brünn, Luzern und Zürich.

Anfang des Jahres 1918 erreichte eine Mitteilung aus Hamburg die Aschaffenburger Staatsanwaltschaft, wonach der Verhaftete „perso­nengleich“ mit dem im deutschen Fahndungsblatt von der Staatsan­waltschaft Trier „wegen Diebstahls zur Verhaftung ausgeschriebenen“ Landarbeiters Theodor Schrage war.

Über Waltrop, dem Geburtsort Schrages, gelang den Aschaffenburger Ermittlern schließlich die Verbindung zur zuständigen militärischen Einheit: Ende Dezember 1917 hatte das 1. Ersatzbtaillon des Infan­terie-Regiments 168, einen Steckbrief veröffentlicht und in Waltrop um „Nachforschung“ gebeten. Man vermutete, „daß sich Schrage unter falschem Namen umhertreibt, da er sich während seines unerlaubten Entfernens im Mai 1916 / März 1917 die Namen Stanislaus Micha­lowski und Bernhard Model beilegte.“

Am 18. Januar 1918 verfügte der Zivilvorsitzende des Aushebungs­bezirks Aschaffenburg, dass Theodor Schrage „an das Transport­kommando des Ersatz-Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 168 in Offenbach a.M. abgeliefert werden“ könne. Dies erfolgte noch am gleichen Tag, wie Sergeant Keßler, Transportführer der 3. Kompanie des Infanterie-Regiments Nr. 168, der Gefängnisverwaltung bestätigte.

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv
Wermbachstraße 15
63739 Aschaffenburg
Telefon: 06021 45 61 05 0
Telefax: 06021 / 2 95 40
stadtarchiv@aschaffenburg.de
www.archiv-aschaffenburg.de

Archiv und Wirtschaft 4/2017

In Kürze erscheint die neue Ausgabe (4/2017) von „Archiv und Wirtschaft„, der Zeitschrift der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare e.V..

Inhaltsverzeichnis „Archiv und Wirtschaft“ 4/2017

AUFSÄTZE

Johannes Bähr: Werner von Siemens – neue Erkenntnisse zur Biografie eines viel porträtierten Unternehmers (156-163)

Susanne Bieri: Zur Bedeutung von Sammlungen in Archiven und Bibliotheken der Schweiz: zum Beispiel die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek (164-177)

Joke Mooij: Wirtschaftsarchive in den Niederlanden (178-185)

BERICHTE

Daniel Droste: Geschichte in Briefen. Autographen als Ausstellungsobjekte im Historischen Archiv Krupp (185-190)

Martin Cordes: Fokus Archiv: die Bedeutung von Firmenarchiven bei der Erhaltung technischer Kulturdenkmäler (190-194)

Michael Dillmann und Christoph Gürich: 85. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen (Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen)“ vom 25. bis 30. Juni 2017 in Heidelberg (195-198)

REZENSIONEN

Mark Spoerer: C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. 1911–1961 (Kurt Schilde) (199-200)

Marcus Stumpf und Katharina Tiemann (Hrsg.): Lokale und regionale Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte als Herausforderung archivischer Überlieferungsbildung. Beiträge des 24. Fortbildungsseminars der Bundeskonferenz der Kommunalarchive (BKK) in Kassel vom 25.–27. November 2015 (Gregor Patt) (200-202)

Nachruf Dr. Mechthild Wolf (Andrea Hohmeyer) (203)

Rezensionsliste (204-205)

Impressum (208)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
c/o F. Hoffmann-La Roche AG
„Archiv und Wirtschaft“
Bau 52/111
CH – 4070 Basel
Telefon: (0049) (0)30-2093-70571
Martin_Muenzel@Yahoo.com
http://www.wirtschaftsarchive.de/veroeffentlichungen/zeitschrift

Sternenfels lässt Folianten aus dem 18. Jahrhundert fachgerecht restaurieren

Der Zahn der Zeit nagte mächtig an den dicken Bänden aus dem Gemeindearchiv, die die Gemeinde Sternenfels nun durch die Buchbinderei Gerken restaurieren ließ. Die Schadensbilder reichten dabei von fehlenden Einbanddecken und Buchrücken, verschmutztem und verzogenem Buchblock bis hin zu Wasserschäden mit Schimmelbefall, der das Papier teilweise bereits zerstört hatte. „Keine leichte Aufgabe für Caroline Gerken“, wie der Leiter des Kreisarchivs des Enzkreises, Konstantin Huber, betont, „doch die Buchbindemeisterin und Restauratorin verfügt über genügend Fachwissen und Erfahrung, damit die alten Bände nun wieder in neuem Glanz erstrahlen.“

Abb.: Freude über eine gelungene Restaurierung: Buchbindemeisterin und Restauratorin Caroline Gerken (Mitte) übergab im Beisein von Kreisarchivleiter Konstantin Huber (links) dem Sternenfelser Bürgermeister Werner Weber die „neuen alten Bände“ (Foto: Heike Sartorius).

Auseinandernehmen, Trockenreinigung, soweit nötig Desinfizierung mit Alkohol, Stabilisierung beschädigter Blätter mit Kleister und Ersetzen der Fehlstellen mit Japanpapier, dann Neuheftung, Ableimung, Hinterklebung sowie Fertigung neuer Einbände mit Halbleder- oder Pergamentdecke – das waren nur einige der in der Freiburger Werkstatt geleisteten Arbeitsschritte. Caroline Gerken, die ihre Arbeit eindrucksvoll in Text und Fotos dokumentierte, löste auch die alten Titelschilder ab und übertrug sie gereinigt auf die neuen Einbände. „Bei der Restaurierung werden nur die nicht mehr brauchbaren Teile ersetzt“, berichtet sie. „Zugleich ist erkennbar zu machen, was neu ist“.

Abb.: Drei der restaurierten Bände, für die teilweise das alte Überzugspapier wiederverwendet werden konnte (Foto: Caroline Gerken).

Zusammen mit Huber übergab die Restauratorin nun das Ergebnis ihrer Arbeit dem Sternenfelser Bürgermeister Werner Weber, der sich sichtlich erfreut zeigte. Dem Schultes ist die Erhaltung des Archivs als „Gedächtnis der Gemeinde“ sehr wichtig, „nicht nur, weil wir gesetzlich dazu verpflichtet sind, sondern weil jeder Band einzigartige Informationen über das frühere Leben preisgibt“, so Weber.

Die zwei dicksten der vier Bände sind Inventur- und Teilungsbücher aus Sternenfels (1796-1799) und Diefenbach (1746-1752). Laut Konstantin Huber sind Inventuren und Teilungen Vermögensbeschreibungen, die zur Vermeidung von Erbschaftsstreitigkeiten jeweils bei der Heirat oder beim Tod eines Einwohners angelegt wurden. Sie enthalten Material über die Alltagskultur und die Lebenswelt breitester Bevölkerungsschichten.

Als Vermögen werden in den Inventuren nicht nur der relativ wertvolle Besitz an Immobilien, Fahrzeugen, Vieh, Geldvermögen und Schulden sowie Schmuck aufgeführt, sondern in einzigartiger Genauigkeit auch die Dinge des alltäglichen Lebens: Mobiliar, Kleidung, Wäsche, Bücher, Geschirr sowie die vorhandenen Getreide- und Weinvorräte bis hin zu in der Küche befindlichen Lebensmitteln wie Zwiebeln und ähnlichem. Die Inventuren zeichnen damit ein genaues Bild von den reichen, ärmeren und ärmsten Bevölkerungsschichten.

So ist im Sternenfelser Band beispielsweise zu lesen, was 1797 der Bürger und Weingärtner Johann Thomas Mannus seinen vier Kindern hinterließ. An Gebäuden waren dies „anderthalb Sechstheile an einer Behausung … oben im Dorf“ – also 1,5 Sechstel – oder ein Viertel. Dies ist Ausdruck der in Württemberg gültigen Realteilung, bei der alles zu gleichen Teilen unter den Erben geteilt wurde, im Gegensatz zum Anerbenrecht in anderen Regionen, wo meist ein Sohn den Hof komplett erbte. In dem dicken Folianten ist unter anderem weiter zu lesen, dass Mannus ein einziges Buch besaß – „das alte wirtembergische Gesangbuch“ nämlich.

Die beiden anderen restaurierten Bände stammen ebenfalls aus dem Ortsteil Diefenbach. Es handelt sich um ein Steuerempfang- und Abrechnungsbuch (1787/88), das den Einzug der Gemeindesteuern dokumentiert, sowie  eine Armenkastenrechnung (1783/84). In ihr sind die Einnahmen und Ausgaben der kirchlichen Sozialkasse für die Unterstützung Bedürftiger eingeschrieben. Aber auch eine beachtliche bildungspolitische Maßnahme ist dort dokumentiert. So heißt es: „Bey dem unter der hießigen Schul-Jugend wahrgenommenen Bücher-Mangel hat man … vor [=für] guth angesehen, zu Erweckung mehreren Eyfers … und überhaupt, um unter der Jugend eine stärckere Liebe gegen Gottes-Furcht und Christenthum einzupflantzen, … daß jedem in die Schul gehenden Kind die … nothwendig habende Bücher … nach und nach angeschafft und vor aigenthumlich in die Hände gelaßen werden mögen.“

Doch wo sollten die Mittel hergenommen werden? Man beschloss einfach, dass „die bißherige beträchtliche Abgaben an fremde Bettler von nun an abgestellt und aufgehoben werden.“ Almosen erhielten künftig also nur noch die in Diefenbach lebenden „Ortsarmen“.

Kontakt:
Enzkreis – Kreisarchiv und Kultur
Zähringerallee 3
75177 Pforzheim
Tel. 07231 308-9423
Fax: 07231 308-9837
Kreisarchiv@enzkreis.de
www.enzkreis.de/kreisarchiv

Quelle: Enzkreis, Pressemitteilung, 2/2018, 4.1.2018

Die älteste Urkunde des Aachener Stadtarchivs wird 1000

Die Aachener Archivalie des Monats Januar 2018 ist die älteste Urkunde des Stadtarchivs, die aktuell ihren 1.000sten Geburtstag feiert. Es handelt sich um eine Schenkung Heinrichs II. an die Reichsabtei Burtscheid vom 21. Januar 1018.

Abb.: Archivalie des Monats Januar 2018 (Foto: Peter Hinschläger)

Die aufwendige Gestaltung sollte bereits auf den ersten Blick verdeutlichen, dass der Inhalt der Urkunde auf den Herrscher selbst zurückgeht und dass die Urkunde als seine Stellvertretung diesen Inhalt auch garantierte.
Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als Archivalie des Monats. Die Archivalie mit einem kurzen Begleittext wird entsprechend in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert. Die Archivalie des Monats Januar 2018 zeigt die älteste Urkunde des Stadtarchivs aus dem Jahr 1018.

Ausgestellt für das Benediktinerkloster Burtscheid
Diese älteste Urkunde des Aachener Stadtarchivs, die am 21. Januar 2018 sozusagen ihren 1000. Geburtstag feiert, betrifft die Stadt Aachen nur zum Teil. Kaiser Heinrich II. (1002–1024) stellte sie nämlich nicht für einen Aachener Empfänger aus, sondern für das im Süden der Stadt gelegene Benediktinerkloster Burtscheid, das 20 Jahre zuvor von Kaiser Otto III. (983–1002) gegründet worden war. Die Urkunde kam im Jahr 1351 gemeinsam mit anderen Urkunden in den Besitz der Stadt Aachen, nachdem die damalige Äbtissin die Gerichtsbarkeit und das Dorf mit seinen Einwohnern an die Stadt Aachen übertragen hatte.

Inhalt dieser Schenkung Heinrichs II. war ein durch die Urkunde genau umschriebenes Gebiet von teils bereits neu erschlossenen und teils für die Rodung vorgesehenen Ländereien (Novalland), die das Kloster umgaben und aus denen sich das reichsfreie Territorium der Abtei Burtscheid entwickelte. Mit der Übertragung der Ländereien förderte Heinrich II. nicht nur die junge Klostergründung, sondern steckte zugleich dauerhaft die Grenzen der reichsunmittelbaren Herrschaft der Abtei ab, die direkt beim Kloster lag und damit zugleich aus dem unmittelbar zur Pfalz Aachen gehörenden Gebiet, dem „Fiskus Aachen“, herausgelöst wurde.

Ein eigenes Herrschaftsgebiet unmittelbar beim Kloster
Es handelte sich nicht um die erste Schenkung an die Burtscheider Mönche, die bereits zuvor von Otto III. und auch Heinrich II. Besitz an verschiedenen Orten erhalten hatten – es handelte sich aber auf jeden Fall um die bedeutendste, da erst durch sie ein eigenes Herrschaftsgebiet unmittelbar beim Kloster geschaffen wurde. Erst zum 1. April 1897 wurde Burtscheid, das nach der Auflösung des Klosters als selbstständiger Ort weiterbestanden hatte, durch Eingemeindung zu einem Stadtteil Aachens.

Das typische Erscheinungsbild einer ottonischen Urkunde
Die Landschenkung Heinrichs II. an das Benediktinerkloster Burtscheid zeigt das typische Erscheinungsbild einer ottonischen Urkunde. Die verwendete Schrift ist die diplomatische Minuskel mit ausgeprägten Ober- und Unterlängen, besonders hervorzuhebende Textteile wurden noch stärker durch besonders langgezogene Buchstaben (litterae elongatae) betont. Dazu fallen im unteren Teil das Herrschermonogramm und das große, plastisch wirkende Siegel ins Auge. Eine solch aufwendige Gestaltung spiegelt das Bestreben wider, nicht nur den textlichen Inhalt festzuhalten und zu transportieren, sondern bereits auf den ersten Blick zu verdeutlichen, dass der Inhalt auf den Herrscher zurückgeht und dass die Urkunde als seine Stellvertretung diesen Inhalt garantiert.

Die Urkunde ist damit mehr als ihr reiner Text: Sie vertritt den Herrscher durch ihren Aufbau, sein Monogramm und sein Siegel, und sie soll auf schriftunkundige Betrachter schon allein durch ihre kunstvolle Ausführung eine Wirkung ausüben, die bereits Ehrfurcht hervorruft, bevor diesen der Text vorgetragen wird. Die Pergamenturkunde ist in lateinischer Sprache verfasst. Sie ist etwa 51 cm hoch und etwa 64 cm breit. Deutlich ins Auge springt das aufgedrückte Majestätssiegel in braunem Wachs, das einen Durchmesser von 7,8 cm hat.

Zur Feier des 1.000sten Geburtstags dieser Urkunde findet am Samstag, 20. Januar 2018, ein so genannter Aktionstag im Centre Charlemagne statt. Der Aktionstag ist gleichzeitig Auftakt zur Ausstellung der Urkunde bis zum 25. Februar in der Dauerausstellung des Centre Charlemagne. Am Aktionstag informieren unter anderem verschiedene Vorträge über die Geschichte der Urkunde und stellen das Stadtarchiv Aachen, die Heimatfreunde Burtscheid und die Gesellschaft Burtscheid für Geschichte und Gegenwart ihre Aktivitäten vor. Wichtig: An diesem Tag ist die 1.000-jährige Urkunde kostenlos im Foyer des Centre Charlemagne zu sehen.

Kontakt:
Stadtarchiv Aachen
in der Nadelfabrik
Reichsweg 30
52068 Aachen
Tel.: +49 241 432-4972
Fax: +49 241 432-4979
stadtarchiv@mail.aachen.de

Quelle: Stadt Aachen, Pressemitteilung, 21.12.2017

Bauakte der alten Bonner Synagoge aufgetaucht

Der Bonner Stadtarchivar Dr. Norbert Schloßmacher konnte Anfang Dezember 2017 über ein Aktenstück von besonderer stadtgeschichtlicher Bedeutung informieren, das lange als verschollen galt, und das jetzt an das Stadtarchiv Bonn übergeben worden ist: die Haus- und Bauakte der Bonner Synagoge von 1879.

Abb.: Bauakte der alten Bonner Synagoge (Foto: Stadtarchiv Bonn/Klaus Pawlak)

Die Bonner Synagoge wurde seinerzeit an prominenter Stelle im Stadtbild errichtet und zwar unmittelbar am Rheinufer neben der heutigen Kennedy-Brücke. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 ist die Synagoge zerstört worden. Heute erinnert das Synagogen-Mahnmal am Moses-Hess-Ufer an das frühere Bauwerk.

Die Akte mit prachtvollen Architekturzeichnungen galt seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. Sie ist jetzt in einem Bonner Privathaushalt gefunden worden. „Dankenswerterweise hat der Finder den Weg ins Stadtarchiv gesucht und dieses äußerst wertvolle Zeugnis jüdischen Lebens in Bonn, das der nationalsozialistischen Barbarei zum Opfer fiel, dorthin gebracht, wo es hingehört, ins Bonner Stadtarchiv“, freute sich Dr. Schloßmacher.

Bei der Synagoge handelte sich um einen Tempel im Basilikenstil. Männer und Frauen sind durch gesonderte Haupteingänge und einen Mittelgang getrennt worden. Über dem Eingang der Synagoge befand sich laut Berichterstattung in der Bonner Zeitung von 1. Februar 1879 ein Stein mit der Jahreszahl 1715, der von einem Tor des ehemaligen Ghettos stammen sollte.

Zur Geschichte des Novemberpogroms in Bonn
Am 10.11.1938 wurden am helllichten Tag die Synagogen in Bonn, Bad Godesberg, Beuel, Mehlem und Poppelsdorf in Brand gesetzt, Geschäfte und Wohnungen zerstört. In den darauf folgenden Tagen wurden viele jüdische Männer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Nur wenige Bonner, wie die Familie Kahle, halfen ihren jüdischen Bekannten oder Freunden.

Kontakt:
Stadtarchiv und die Stadthistorische Bibliothek
Berliner Platz 2
53111 Bonn (Stadthaus Ebene 0)
Tel.: 0228 – 77 24 10 (Auskünfte rund um das Stadtarchiv)
Fax: 0228 – 77 43 01
stadtarchiv@bonn.de

Quelle: Stadt Bonn, Pressemitteilung, 5.12.2017

Sonderausstellung zum Ende der Steinkohle-Ära

Essener Ruhr Museum und Deutsches Bergbau-Museum Bochum kooperieren auf der Kokerei Zollverein

2018 ist »Schicht im Schacht«, dann endet der deutsche Steinkohlenbergbau. Damit zeichnet sich nach 200 Jahren ein Ende des Zeitalters der Kohle in Deutschland ab, die in ganz Europa Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt entscheidend beeinflusste. Besonders im Ruhrgebiet hat Kohle die Arbeit, den Alltag und die Mentalität der Menschen stark geprägt. Doch Kohle war nicht nur der Treibstoff der Moderne und des Fortschritts, sie war auch Teil der Schattenseiten der Industrialisierung. 2018 findet nun im Ruhrgebiet, lange Zeit das größte und wichtigste Kohlerevier Europas, die erste europäische Ausstellung zur Kohle statt. Das Essener Ruhr Museum, das Regionalmuseum des Ruhrgebiets, und das Deutsche Bergbau-Museum Bochum, das Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen, zeigen mit „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ eine große Gemeinschaftsausstellung auf dem Welterbe Zollverein. Beide Ausstellungshäuser, die u. a. über große Sammlungen zur Bergbaugeschichte verfügen, präsentieren in den beeindruckenden Räumen der Mischanlage der Kokerei Zollverein die vielschichtige und faszinierende Geschichte der Kohle in Europa: ihre Förderung und Nutzung und die vielfältigen Auswirkungen bis in den Alltag hinein.

Abb.: Die Ausstellungsmacher (v.l.n.r.) Dr. Michael Farrenkopf, montan.dok am Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Prof. Heinrich Theodor Grütter, Ruhr Museum, und Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Brüggemeier, Universität Freiburg, präsentieren das Plakat zur gemeinsamen Sonderausstellung „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ während der Pressekonferenz am 15.12.2017 (Foto: Helena Grebe).

Die Ausstellung behandelt den Zeitraum von ca. 1750 bis heute. Ausgangspunkt ist die Kohle selbst, ihre Stofflichkeit, die gespeicherte Sonnenenergie, die nicht nur das Industriezeitalter befeuerte, sondern in Form der Kohlechemie zunächst die Nachahmung und dann die künstliche Neuerschaffung der Welt möglich machte. Die Steinkohlenförderung in Europa brachte eine ganz spezifische Form der Arbeit und damit verbunden große technische, organisatorische und ökonomische Entwicklungen mit sich. In engem Zusammenhang damit steht die Frage nach dem Verhältnis von Kohle, Bergbau und der Entwicklung der demokratischen Industriegesellschaft. Die Ausstellung widmet sich zudem den Arbeitsbedingungen, thematisiert die Mitbestimmung in den Betrieben, die Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung des europäischen Einigungsprozesses, angestoßen durch die Kohle und die Montanindustrie. Abschließend beleuchtet sie das Erbe des Steinkohlenbergbaus und die Hinterlassenschaften der Kohlenutzung , wie etwa die Naturzerstörung durch Bergsenkungen, Überschwemmungen, Rauch und Gase, die Veränderungen der Landschaft und den Ausstoß von CO₂, aber auch die gesellschaftlichen Folgen des Strukturwandels und die Entstehung von Industriekultur.

Präsentiert werden rund 1.200 Exponate, vor allem aus den Beständen der beiden Museen sowie von regionalen, nationalen und internationalen Leihgebern.

Der Ausstellungsort
Ausstellungsort ist die Mischanlage der ehemaligen Kokerei Zollverein, eines der spektakulärsten Gebäude auf dem Welterbe Zollverein. Die gewaltigen Bunkeranlagen des ehemaligen Kohlespeichers, die der Ausstellungsparcours auf drei Ebenen erschließt, versinnbildlichen schon durch ihre Materialität und Monumentalität die visionären technischen Potentiale, aber auch die Gewalttätigkeit der industriellen Moderne. Bis zur Stilllegung der Kokerei 1993 diente die Mischanlage dazu, die für den Kokereiprozess bestimmten Kohlen zu sortieren. Danach wurde sie zum Ausstellungsgebäude umgebaut und mit der Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne“ 2000 eröffnet. Nun wird der ehemalige Kohlespeicher zum Ort der großen Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“.

Das Begleitprogramm
Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Kultur- und Veranstaltungsprogramm. Dazu gehört eine hochkarätige Vortragsreihe zum Steinkohlenbergbau aus europäischer Perspektive, die im Deutschen Bergbau-Museum Bochum stattfinden wird. Ergänzt wird das Programm durch eine umfangreiche Reihe zum Steinkohlenbergbau im europäischen Film in Kooperation mit der Kinemathek im Ruhrgebiet. Hinzu kommt ein breites Exkursionsprogramm zu den Originalstätten des Steinkohlenbergbaus nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in den benachbarten Revieren, wie im Aachener Revier und im Saarland sowie zu den bergbaulichen Welterbestätten in Elsass-Lothringen, im Hennegau und in Nord-Pas-de-Calais. Vielfältige Führungen und Workshops für Schulklassen runden das umfangreiche Programm ab.

Die Kooperation
Die Sonderausstellung „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ auf dem Welterbe Zollverein bringt erstmals zwei bedeutende Museen der Region in einem Kooperationsprojekt zusammen, die jeweils sozial- bzw. technikhistorisch u. a. die Geschichte des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet und darüber hinaus vermitteln, bewahren und erforschen.

Dabei nutzen die beiden Museen Synergien und führen die Sammlung des Ruhr Museums zur Ruhrgebietsgeschichte mit den Beständen zur Bergbau- und Technikgeschichte aus dem Montanhistorischen Dokumentationszentrum am Deutschen Bergbau-Museum Bochum in einer Sonderausstellung zusammen.

Die Ausstellungsmacher
Die Ausstellung wird geleitet vom Freiburger Historiker Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Brüggemeier, dem Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums am Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Dr. Michael Farrenkopf, und dem Direktor des Ruhr Museums, Prof. Heinrich Theodor Grütter.

Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Brüggemeier hat sich als Ausstellungsmacher von „Feuer und Flamme. 200 Jahre Ruhrgebiet“ bereits in den 1990er Jahren mit der musealen Vermittlung von Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte beschäftigt. An der Universität Freiburg hat er den Lehrstuhl für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte inne: „Kohle hat unsere Welt bunter und heller gemacht.“

Dr. Michael Farrenkopf setzt im Deutschen Bergbau-Museum Bochum den musealen Auftrag von Bewahren, Forschen und Vermitteln des Bergbauerbes ganz praktisch um. Als Bergbau- und Technikhistoriker sowie gleichzeitig Archivar und Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums ist er genau an der Schnittstelle zwischen Kultur und Forschung tätig: „Die Förderung von Steinkohle in Deutschland mag 2018 aufhören, die Bewahrung ihres kulturellen Erbes wird bleiben.“

Prof. Heinrich Theodor Grütter ist Direktor des Ruhr Museums, Mitglied des Vorstand der Stiftung Zollverein und Honorarprofessor an der Universität Duisburg-Essen. Unter seine Verantwortung fallen viele international renommierte Ausstellungen über das Ruhrgebiet. „2018 stellt im langanhaltenden Strukturwandel der Region eine wichtige Zäsur dar. Das Ruhrgebiet muss jetzt noch viel genauer seine Geschichte betrachten, um zu wissen, wohin es sich nach dem Ende der Kohle entwickelt.“

Die Förderung
Die Ausstellung wird gefördert von der RAG-Stiftung im Rahmen der Initiative „Glückauf Zukunft!“. Mit „Glückauf Zukunft!“ würdigen die RAG-Stiftung, die RAG Aktiengesellschaft und die Evonik Industries AG zusammen mit dem Sozialpartner IG BCE die Errungenschaften und Leistungen des deutschen Steinkohlenbergbaus. Außerdem treiben sie mit neuen Impulsen die Zukunftsgestaltung in den Bergbauregionen voran.

Adresse:
UNESCO-Welterbe Zollverein
Areal C [Kokerei], Mischanlage [C70]
Arendahls Wiese
45141 Essen
www.zeitalterderkohle.de

ÖFFNUNGSZEITEN
27. April bis 11. November 2018
Mo – So 10 – 18 Uhr

EINTRITT
10 €, ermäßigt 7 €, Gruppeneintrittspreis p. P. 8 €, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei sowie Schüler- und Studierendengruppen im Rahmen einer Führung; Gruppenermäßigungen und Kombitickets

FÜHRUNGEN
90 Min., max. 20 Teilnehmer, 70 € (Fremdsprachen 80 €) plus Gruppeneintrittspreis pro Person; Schüler- und Studierendengruppen 50 € bei freiem Eintritt

ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN
90 Min., max. 20 Teilnehmer, 3 € plus Ausstellungseintritt pro Person

BUCHUNG UND INFORMATION
besucherdienst@ruhrmuseum.de
Tel +49 (0)201 24681 444

Kontakt:
Stiftung Ruhr Museum
Fritz-Schupp-Allee 15
45141 Essen
www.ruhrmuseum.de

Deutsches Bergbau-Museum Bochum
Am Bergbaumuseum 28
44791 Bochum
www.bergbaumuseum.de

Quelle: Ruhr Museum / Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Pressemitteilung, 15.12.2017

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