Neuzugänge und drei Container Kassanda in Ahaus

Das Stadtarchiv Ahaus konnte kürzlich einige neue „Schmuckstücke“ in seine Bestände aufnehmen. Hierunter befindet sich beispielsweise eine Aktie der heute nahezu gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwundenen Ahaus-Enscheder Eisenbahn (AEE).

Abb.: Aktie der Ahaus-Enscheder Eisenbahn-Gesellschaft über 400 DM, hier: vom Juli 1951. Von Auktionshaus Vladimir Gutowski – http://www.gutowski.de/Katalog-54/Katalogbilder/53.jpg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50638026

Die Ahaus-Enscheder Eisenbahngesellschaft war 1898 gegründet worden und betreute einen 20,6 km langen Streckenabschnitt zwischen Ahaus und Enschede. Der auf niederländischem Gebiet liegende, sieben Kilometer lange, Teilabschnitt der Strecke wurde bereits 1928 verstaatlicht. Somit verblieb der Gesellschaft ein 13 km langer Abschnitt von Ahaus bis zur Grenze. 1966 stellte man den Personenverkehr auf der Strecke komplett ein. Daraufhin verkaufte die Gesellschaft ihre eigene Diesellok 1967 und übergab die Betriebsführung an die Bentheimer Eisenbahn. Die Zugförderung erfolgte fortan durch die Bundesbahn. Im Jahre 1988, aus welchem auch die Aktie datiert, wurde der Bahnbetrieb gänzlich aufgegeben. 1994 wurde die Gesellschaft verkauft und umbenannt in AEE Lebensmittel AG. Der Geschäftszweck änderte sich hin zur Vermögensverwaltung in einer Holding im Bereich Süßwarenindustrie, Verarbeitung von Lebensmitteln und Vermarktung von Frischfisch. 1998 wurde dann auch der Sitz nach Bonn verlegt und 2000 von dort nach Karlsruhe. 2001 erfolgte die Umfirmierung in AEE AG.

Zu den weiteren Zugängen im Stadtarchiv gehört eine Nachbildung eines Kupferstichs Ottensteins, ebenfalls auf einer Kupferplatte, erwerben. Es handelt sich um die Abbildung des „Fürstlich Braunschweig Lüneburgischen Ambthauß Ottenstein“ von Conrad Buno aus dem 17. Jahrhundert. Vom Amateurfilmclub Ahaus konnte das Stadtarchiv einen Film über die Nachtwächterführungen in der Stadt erhalten. Dieser und auch bisherige Filme wurden dem Stadtarchiv Ahaus auch als originäre Digitalisate überlassen, besonders auch vor dem Hintergrund des bevorstehenden Projekts der Einrichtung eines elektronischen Langzeitarchivs für die Stadt Ahaus, welches der Stadtarchivar Max Pfeiffer anstrebt.

Ein weiterer Höhepunkt der vergangenen Wochen war die große Aufräumaktion in den Altregistraturen der Stadtverwaltung. Hier staunten Max Pfeiffer und Kollegin Christa Neite nicht schlecht, als sie nach einiger Vorsortierung am  Ende doch ganze drei Container voller Altakten zusammenbrachten, deren Aufbewahrungsfristen abgelaufen waren und die nicht archivwürdig waren. Diese Aktion brachte auf jeden Fall wieder einiges an Platz im Rathauskeller ein und war auch eine willkommene Abwechslung zum Büroalltag. „Nur unter großer Mithilfe der Kolleginnen und Kollegen konnten wir die Aussonderung der Altakten angehen, dafür möchte ich mich bei allen Beteiligten nochmals herzlich bedanken“, freute sich Max Pfeiffer nach Beendigung der Aktion.

Abb.: Der Ahauser Archivar Max Pfeiffer vor einem Container mit Alt-Akten (Foto: Stadt Ahaus)

Neu für ihn nach nur einem halben Jahr im Rathaus ist auch der nun bereits begonnene Blick über den Tellerrand nach Gescher. Die Städte Ahaus und Gescher hatten eine Vereinbarung geschlossen, dass der Ahauser Stadtarchivar die Stadt Gescher vorübergehend archivfachlich berät, solange die dortige Stelle im Stadtarchiv vakant ist. Nach ersten Terminen in Gescher sieht Pfeiffer durchaus die Möglichkeit einer produktiven Zusammenarbeit, da das dortige Kollegium der Zusammenarbeit sehr offen und freundlich entgegensieht, wenngleich ausdrücklich klargestellt wurde, dass die Belange der Stadt Ahaus für den Archivar auch weiterhin Vorrang haben werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Ahaus
Max Pfeiffer
Rathausplatz 1
48683 Ahaus
Tel.: 02561 – 72328
m.pfeiffer@ahaus.de

Quelle: Stadt Ahaus, Pressemitteilung, 1.4.2021

Aschaffenburger Archiv erhält Fördermittel aus dem Programm »WissensWandel«

Über eine Projektförderung in Höhe von 65.000 Euro kann sich das Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg freuen. Im Rahmen des Ende 2020 ausgeschriebenen Digitalprogramms für Bibliotheken und Archive steht bis Ende des Jahres diese Summe an Fördermitteln zur Verfügung, die in den Ausbau des digitalen Stadtlabors „Aschaffenburg 2.0“ bzw. des Digitalladens am Roßmarkt 11 fließen soll.


Abb.: Neues Schaufenster des Digitalladens (Foto: Helena Knuf)

Der Digitalladen soll im Rahmen des Projekts zu einer „analog-digitalen Schnittstelle der Stadtkultur“, das heißt als präsenter und barrierefreier Ort der Stadtkultur und Stadtgeschichte erweitert werden. Der für das Archiv zuständige Referent, Bürgermeister Eric Leiderer, weist dabei darauf hin, „dass sich durch den Roßmarkt 11 das digitale Angebot des Stadtlabors prinzipiell auch an Bürger*innen richtet, die bislang wenig Zugang zu digitalen Angeboten und digitaler Bildung haben. Auch ältere Menschen werden zur Partizipation eingeladen – und gerade sie sind es, die für das „digitale Gedächtnis“ wichtige Impulse liefern können.“

Die Fördermittel für das Projekt („Aschaffenburg 4.0. Eine analog-digitale Schnittstelle der Stadtkultur“) stammen aus dem Corona-Hilfsprogramm „NEUSTART KULTUR“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM). Zum Einsatz kommen dabei neben Honoraren, Sach- und Anschaffungskosten auch Personalmittel, die für das Feld der digitalen Kulturvermittlung vorgesehen sind.

Archivleiter Dr. Joachim Kemper unterstreicht: „Das Archiv versteht sich dezidiert als ‚offenes Archiv‘, sieht sich aber auch grundsätzlich als einer der Motoren für die digitale und kulturelle Entwicklung der Stadtgesellschaft. Der Zuspruch für das Projekt durch die Jury von „WissensWandel“ zeigt uns, dass wir mit dem Konzept des partizipativen Stadtlabors „Aschaffenburg 2.0“ richtigliegen, was erst recht für den Laden am Roßmarkt 11 gilt. Die Projektförderung hilft uns, diesen zu etablieren, mit dem mittelfristigen Ziel einer Verstetigung.“

Links:

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg
Dr. Joachim Kemper
Tel.: 06021 456105-0
stadtarchiv@aschaffenburg.de

Quelle: Stadt Aschaffenburg, Pressemitteilung, 10.4.2021

»Herder-Stipendium« der Stadt Bückeburg ausgeschrieben

Die Stadt Bückeburg stiftet einen Herder-Preis für eine wissenschaftliche Nachwuchsarbeit (Dissertation) sowie ein Stipendium für ein Dissertationsprojekt, das einen wesentlichen Beitrag für die Vermittlung und Aktualisierung von Herders Werk, insbesondere seiner Arbeiten der Bückeburger Zeit, leistet.


Abb.: „Herder-Stipendium“ der Stadt Bückeburg (Bild: Stadt Bückeburg)

Die Dissertation wird mit 2.500 Euro prämiert. Das Stipendium, mit dem ein Aufenthalt im Niedersächsischen Landesarchiv in Bückeburg unterstützt werden soll, beläuft sich auf 1.500 Euro. Die Preisvergabe soll am 16. September 2021 in der Stadtkirche Bückeburg stattfinden. Der Preis wird unterstützt von der Volksbank in Schaumburg eG und der Schaumburg-Lippischen Landeskirche.

Anlass des Preises
Als der Kosmopolit Johann Gottfried Herder (1744-1803) im April 1771 nach Bückeburg kommt, beginnt eine – im Vergleich zu seiner späteren Zeit in Weimar – zwar kurze, aber überaus produktive und für die Entwicklung seines Werkes ebenso grundlegende wie folgenreiche Zeit. Denn in den fünf Bückeburger Jahren, die literaturhistorisch der Bewegung des Sturm und Drang korrespondieren, formen sich die zentralen Ansichten von Herders umfassendem und ganzheitlich-integrativem Interesse an Welt, Kultur und Geschichte.

1772 erscheint seine Preisschrift „Über den Ursprung der menschlichen Sprache“. Sie bietet einen anthropologisch bestimmten sprachphilosophischen Neuansatz. In seinen berühmten Abhandlungen über Ossian, Shakespeare und über das Volkslied entwirft Herder ein neues, emphatisches Modell von (Welt-)Literatur. Die Konzeption der 1778 erscheinenden Schriften zur Plastik und „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele“ entwickeln dies weiter zu einer leiborientierten Einfühlungsästhetik und integrativen Wahrnehmungstheorie. Einen Höhepunkt bildet schließlich auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit (1774), in der Herder die aufgeklärt humanistische Idee profiliert, dass jede einzelne Kultur aus sich und ihrer Geschichte heraus, zu verstehen ist.

Wie keinem anderen gelingt Herder damit vor 250 Jahren die Grundlegung einer umfassenden Synthese von Anthropologie, Theologie, Kunst, Literatur und Geschichtstheorie. Auf diesen Grundlagen werden sowohl die Klassiker Goethe und Schiller, als auch die Romantiker und nicht zuletzt Friedrich Hölderlin am Ende des 18. Jahrhunderts aufbauen.

Mit dem Herder-Preis der Stadt Bückeburg wird 2021 eine zentrale Figur der europäischen Aufklärung geehrt. Herder hat ein ganzheitliches Kulturkonzept entworfen, das die Ideen von Bildung in ihrem zugleich anthropologischen, geschichtlichen und ästhetischen Zusammenhang wirksam sieht. Die Aktualität dieses umfassenden Anspruchs soll durch die Preisvergabe deutlich werden.

Bewerbungen können bis zum 30. Juni 2021 in Form einer einzigen pdf- oder ggf. Zip-Datei an JHarmening@bueckeburg.de vom Kulturverein Bückeburg gerichtet werden. Inhaltliche Rückfragen können an Lothar.van.Laak@uni-paderborn.de gerichtet werden. Prof. Dr. Lothar van Laak unterrichtet an der Uni Paderborn am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft der Uni Paderborn, Neuere deutsche Literatur. Für weitere Informationen steht vor allem der Kulturverein Bückeburg zur Verfügung.

Kontakt:
Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Bückeburg
Schloßplatz 2
31675 Bückeburg
Tel.: 05722 / 9677-30
Fax: 05722 / 9677-31
Bueckeburg@nla.niedersachsen.de

Kulturverein Bückeburg e. V.
Lange Straße 45
31675 Bückeburg
Tel. 05722 3610
kulturverein@bueckeburg.de

Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv, Neuigkeiten 2021

Der »Bochumer Anzeiger« vom 10. April 1945

Der Bochumer Anzeiger gehört zu den bekanntesten Zeitungen, die bis 1945 in Bochum erschienen sind. Die WAZ kaufte in der Nachkriegszeit die Rechte an dem Titel und gab ihrer Bochumer Lokalausgabe diesen Namen, so dass dieser Zeitungsname den Bochumern bis heute ein Begriff ist.


Abb.: Titelblatt des Bochumer Anzeigers vom 10.4.1945 (Quelle: Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte)

Während der NS-Herrschaft erschienen in Bochum neben der NSDAP-Zeitung „Westfälische Landeszeitung – Rote Erde“, die „Westfälische Volkszeitung“ der Zentrumspartei sowie der nationalkonservative, parteiungebundene „Bochumer Anzeiger“. Die Westfälische Volkszeitung stellte zum 31. Mai 1941 wegen Papiermangels ihren Betrieb ein. Ausgaben der Roten Erde sind bis zum 11. März 1945 nachweisbar, allerdings ab dem Oktober 1944 nur sehr lückenhaft vorhanden.

Deshalb war es ein außerordentlicher Glücksfall, dass dem Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte Ausgaben des Bochumer Anzeigers aus den Jahren 1944 und 1945 angeboten wurden. Noch besser: die Ausgaben waren quasi druckfrisch in einem ungelesenen Zustand und ohne Lücken.

Die letzte Ausgabe erschien zum 10.April 1945, dem Tag des Einmarsches der amerikanischen Streitkräfte in Bochum. Unglaublich, ist, dass dort noch Inserate abgedruckt wurden.


Abb.: Inserate im Bochumer Anzeiger vom 10.4.1945 (Quelle: Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte)

Kontakt:
Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte
Wittener Straße 47
44789 Bochum
Tel.: 0234 / 9109501
Fax: 0234 / 9109504
stadtarchiv@bochum.de

Quelle: Schaufenster Stadtgeschichte, Archivale des Monats April 2021

Ostergruß 1906 aus dem Kurort Godesberg am Rhein

Zumindest bis zum Weißen Sonntag, wenn nicht sogar bis Pfingsten, dürfen wohl Bezüge zum vergangenen Osterfest hergestellt werden. Der folgende, gezeichnete Ostergruß entstand durch den Wismarer Maler und Lithografen Friedrich Bremer (1860-1924), der sich 1906 als Patient in Dr. Franz Müllers „Sanatorium Schloß Rheinblick“ in Godesberg aufhielt.


Abb. Ostergruß des Wismarer Malers und Lithografen Friedrich Bremer (Stadtarchiv Bonn)

Ein Postkartenalbum mit 202 Zeichnungen des Künstlers hat sich im Stadtarchiv Bonn in der Sammlung „Aennchen Schumacher“ (SN 152) erhalten. Die naturgemäß zumeist postkartengroßen Malereien und Zeichnungen zeigen überwiegend Wismarer- und Küstenmotive; darunter befinden sich aber auch einzelne Rhein- und Godesberger Ansichten.

Bremer betrieb in Wismar eine Druckerei und Lithografieanstalt und fertigte Postkarten mit überwiegend Wismarer Ansichten, unter anderem des Wismarer Hafens. Nach seinem Sanatoriumsaufenthalt hatte der morphium- und alkoholkranke Maler weiterhin Beziehungen nach Bad Godesberg. So wohnte er 1908 sowie 1914 bis 1918 wiederum hier, und seine Schwester Ida Bremer, verwitwete Trendelburg, lebte später ebenfalls in – seit 1925 Bad – Godesberg.

Der Sammlungsbestand „Aennchen Schumacher“ umfasst hauptsächlich Fotografien und Postkarten, aber auch Briefe und Zeitungsartikel sowie Bücher mit Autorenwidmungen und dokumentiert das (studentische) Leben in Bonn und Bad Godesberg vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Die umfangreiche Sammlung hatte Aennchen Schumacher (1860-1935) bereits 1930 der Stadt Bad Godesberg vermacht, die 1931 ein Aennchen-Museum einrichtete. Nach Kriegszerstörung wurde das Museum nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederaufgebaut. 1971 gelangte die Sammlung ins Stadtarchiv Bonn.


Abb.: Porträt der Aennchen Schumacher, nach einer Fotografie von 1877, an der Hauswand ihres Gasthofes in Bonn-Bad Godesberg (Foto: Lämpel, bearbeitet von Sir James – Eigenes Werk des ursprünglichen Hochladers Übertragen aus de.wikipedia nach Commons).

Anna Sibylla Schumacher, genannt „Aennchen“, wurde am 22.1.1860 in Godesberg geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters Wilhelm Schumacher übernahm sie mit nur 18 Jahren zusammen mit ihrer Halbschwester Gertrud Rieck im Jahre 1878 die Führung des „Gasthofs zum Godesberg“, den sie 1891 in „Zur Lindenwirtin“ umbenannte. Wegen der günstigen Lage am Fuße der Godesburg, aber auch wegen der Lindenwirtin selbst war die Gaststätte eine sehr beliebte Studentenkneipe.


Abb.: Bad Godesberg a. Rh. Gasthof „Zur Lindenwirtin“ (Ännchen), Kunstverlag Wilhelm Köhler, Bonn a. Rh. Nr. 294 (Foto: virtuelles Brückenhofmuseum in Königswinter-Oberdollendorf)

Aennchen Schumacher hatte selbst dazu beigetragen, dass sie „Lindenwirtin“ genannt wurde. Immer auf der Suche nach neuen Liedern, die sie abends den Studenten auf dem Klavier vorspielte und die dann gemeinsam gesungen wurden, war sie auch auf das Lied „Keinen Tropfen im Becher mehr“ gestoßen, das 1877 von Rudolf Baumbach gedichtet worden war. Ab da sangen die zahlreichen Besucher jeden Abend das Lied. Schließlich wurde sogar von einigen ihrer Gäste noch eine neue Strophe hinzugedichtet, in dem Aennchen Schumacher als die im Lied beschriebene Lindenwirtin bezeichnet wurde.


Abb.: Postkarte des Gasthofs zum Godesberg, der 1891 in „Zur Lindenwirtin“ umbenannt wurde (Stadtarchiv Bonn)

1925 wurde Aennchen Schumacher sogar die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bad Godesberg verliehen. Sie starb am 26.2.1935 und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Burgfriedhof beerdigt. – Die biografischen Informationen zum Wismarer Maler und Lithografen Friedrich Bremer stammen überwiegend vom Stadtgeschichtlichen Museum Wismar.

Kontakt:
Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn
Berliner Platz 2
53111 Bonn
Tel.: 0228 / 772410
stadtarchiv@bonn.de

Quelle: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, Zeitfenster, April 2021; Art: Aennchen Schumacher (Wikipedia)

Die Literaturzeitschrift »Rheinische Flora« der 1820er Jahre

In der Bibliothek des Stadtarchivs Aachen werden auch Zeitschriften aufbewahrt, die in Aachen erschienen sind, sich bestimmten Aspekten des kulturellen Lebens widmeten, hin und wieder durchaus überregionale Bedeutung erlangten und oft auch nur für kurze Zeit existierten. Ein Beispiel hierfür ist die Zeitschrift Rheinische Flora, Blätter für Kunst, Leben, Wissen und Verkehr.


Abb.: Titel der Ausgabe vom 28. April 1825 mit dem Frühlingsgedicht „Die Rose und der Schmetterling“ von Georg Graf von Blankensee (Stadtarchiv Aachen, Archivbibliothek, CZ 8)

Die Flora, die am 1. Januar 1825 mit einer Probenummer erstmals erschien, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten; sie ist noch in sieben deutschen Bibliotheken neben dem Stadtarchiv Aachen nachweisbar, unter anderem in der Stadtbibliothek Aachen.

Die Rheinische Flora hatte in der regionalen Geschichtsschreibung zunächst durchaus Aufmerksamkeit erregt, sie war dann aber wieder weitgehend in Vergessenheit geraten. Im dritten Band der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins von 1881 setzte sich Alfred von Reumont (1808-1887) intensiv mit dem Blatt auseinander, indem er es als Hoffnungsstreifen an einem in literarischer Hinsicht von ihm sehr trüb gezeichneten Aachener Horizont beschrieb.

Nachdem Anfang der 1820er-Jahre erste vielversprechendere Publikationen in Aachen vorgelegt worden waren, gründeten die Herausgeber des Stadt-Aachener Anzeigers und des Unterhaltungs- und Literaturblatts, M. Urlichs und A. J. Cremer, die Rheinische Flora als belletristische Zeitschrift. Als Herausgeber engagierten sie Johann Baptist Rousseau (1802-1867).

Rousseau, 1802 in Bonn geboren, kam aus ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war Stubenmaler. Durch die finanzielle Unterstützung eines reichen Onkels wurde ihm 1820 das Studium der Philologie an der Rheinischen Hochschule Bonn ermöglicht. Doch bereits 1821 musste er aus finanziellen Gründen sein Studium doch abbrechen, er verdiente seinen Lebensunterhalt nun als Hauslehrer, u. a. in Köln. Auch war er schon als Herausgeber anderer Literaturzeitschriften, z. B. des Westdeutschen Musenalmanachs tätig. Durch Rousseaus Freundschaft mit Wilhelm Smets (1796-1848) wurden die beiden Verleger auf Rousseau aufmerksam und stellten ihn ein.

Die Rheinische Flora veröffentlichte Lyrik und Erzählungen, Theaterkritiken, biographische Skizzen und Miszellen und vermittelte so den interessierten Bürgerinnen und Bürgern die verschiedenen Facetten des literarischen Lebens. In der Rheinischen Flora veröffentlichten namhafte Autoren: u.a. Heinrich Heine, Wilhelm Oertel, August Wilhelm Schlegel, Wilhelm Smets, Friedrich Arnold Steinmann, Adelheid von Stolterfoth und Jodocus Donatus Hubertus Temme.

Die Rheinische Flora erschien viermal, ab 1827 dann dreimal die Woche (mittwochs, freitags, sonntags), zum Teil mit Beilagen, und war im Abonnement zu jährlich 4 Talern erhältlich. Eine Ausgabe, in Halbbogengröße, hatte vier Seiten, dazu kam dann ggf. noch ein Blatt Beilage. Die Beilagen brachten mehr weltliche Themen: es gab hier z. B. Beiträge zum Wetter, zu laufenden Aachener Gerichtsverfahren oder auch Ankündigungen.

Im Stadtarchiv Aachen findet sich die Rheinische Flora vollständig, allein im ersten Jahrgang aus dem Jahr 1825 gibt es einzelne Lücken. Ende März 1827 erschien die letzte Ausgabe der Flora, das Blatt wurde nach dem Weggang Rousseaus in Richtung Hamm im Dezember 1826 nur noch ca. ein Vierteljahr weiter betrieben und dann eingestellt. Die Zeitschrift existierte somit nur etwas mehr als zwei Jahre.

Kontakt:
Stadtarchiv Aachen
in der Nadelfabrik
Reichsweg 30
52068 Aachen
Tel.: 0241 / 432-4972
Fax: 0241 / 432-4979
Stadtarchiv@mail.aachen.de

Quelle: Stadtarchiv Aachen, Neuigkeiten, Archivale des Monats April 2021, 31.03.2021

Archiv und Wirtschaft 1/2021

Die viermal jährlich erscheinende Verbandszeitschrift der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare e.V. (VdW), Archiv und Wirtschaft, erscheint in Kürze in seiner ersten Ausgabe des Jahres 2021. Zwischenzeitlich hat die VdW ihre Webseite www.wirtschaftsarchive.de überarbeitet, so dass sich die Übersicht aller Jahrgänge von „Archiv und Wirtschaft“ nunmehr unter einem neuen Link findet.

Die neue Ausgabe Heft 1/2021 von „Archiv und Wirtschaft“ beinhaltet u.a. einen Bericht über den 94. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen (Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen)“, der vom 13. bis 18. September 2020 in Heidelberg stattfand.

Inhaltsverzeichnis „Archiv und Wirtschaft“ 1/2021

VdW-Jahrestagung am 3. Mai 2021 (Programm) (4-5)

AUFSÄTZE

Doris Eizenhöfer und Susan Becker: Nachhaltigkeit im Unternehmen – zwei Perspektiven (6-13)
Alexander L. Bieri: Roche in Riga – eine historische Wiedergutmachung (14-23)

DISKUSSIONSFORUM

Tobias Wildi: Honorar oder Lohn? Vielfältige Betreuungsmodelle fördern die Resilienz von Wirtschaftsarchiven (24-30)

BERICHTE

Maria Thumser: Kunst bewahren – Genossenschaftsgeschichte vermitteln (31-34)
Kai Balazs-Bartesch und Tobias Dörpinghaus: 94. VdW-Lehrgang „Einführung in das Wirtschaftsarchivwesen (Einsteigen – Aufsteigen – Auffrischen)“ vom 13. bis 18. September 2020 in Heidelberg (35-41)

REZENSIONEN

Christian Berg, Detlef Krause und Stefan Stein: Banken im Umbruch. Technik in der Commerzbank von 1870 bis heute (Siegfried Buchhaupt) (42-44)
Jens Heckl (Hrsg.): Unbekannte Quellen: „Massenakten“ des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen seriellen Schriftguts aus normierten Verwaltungsverfahren, Bd. 4 (Matthias Weber) (44-46)

Nachrichten (46)
Rezensionsliste (47-48)
Impressum (52)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
c/o F. Hoffmann-La Roche AG
Redaktion „Archiv und Wirtschaft“
Bau 52/111
CH-4070 Basel
Tel.: (0049) (0)159-06825241
martin.muenzel@wirtschaftsarchive.de
www.wirtschaftsarchive.de/publikationen/archiv-und-wirtschaft

Queer durch Tübingen: Forschungsprojekt des Stadtarchivs

LSBTTIQ steht als Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, intergeschlechtliche und queere Menschen – eine Personengruppe, die in der Geschichtsschreibung kaum auftaucht und oft unsichtbar bleibt. Ihr hat das Stadtarchiv Tübingen das Forschungsprojekt „Queer durch Tübingen“ gewidmet, das als erstes Vorhaben dieser Art in ganz Baden-Württemberg die lokale Geschichte von LSBTTIQ vom Mittelalter bis zur Gegenwart nachzeichnet.


Abb.: König Karl von Württemberg empfängt Studenten in Bebenhausen (Ausschnitt aus einer Lithographie zum Universitätsjubiläum 1877). Die homosexuellen Neigungen des Königs sind ein Thema bei „Queer durch Tübingen“. (Bild: Paul Sinner / Stadtarchiv Tübingen)

„Wir wollen Quellen zu Unterdrückung und Verfolgung, zu Freundschaften, Beziehungsmodellen und der Schaffung einer eigenen Lebenswelt sowie zum Kampf um gleiche Rechte und gesellschaftliche Teilhabe von LSBTTIQ zutage fördern. Dafür bietet Tübingen, das schon immer eine Stadt des Geistes, aber auch der Freigeister war, großes Potenzial“, sagt Stadtarchivar Udo Rauch, der das Projekt gemeinsam mit dem Historiker Karl-Heinz Steinle betreut.

Auf der städtischen Internetseite unter www.tuebingen.de/queer ist ab sofort ein Teil der bisherigen Forschungsergebnisse abrufbar. Hier kann man die Lebensgeschichte stadtbekannter homosexueller und queerer Persönlichkeiten nachlesen und sich über frühere Szene-Treffpunkte informieren. Video-Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Monika Barz, Helmut Kress und Herta Leistner machen deutlich, wie sehr sich die Lebenswelt queerer Menschen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen hatten und noch immer haben.

Für die Fortführung seiner Recherchen ist das Tübinger Stadtarchiv auf der Suche nach privaten Beständen zu LSBTTIQ in Tübingen. „Ohne Unterlagen aus privaten Beständen erfahren wir nur wenig über die Lebenswege von Personen, die den Behörden nicht auffielen oder die den Behörden eben nicht auffallen wollten“, sagt Udo Rauch. Wer Briefe, Fotografien, Dokumente, Sammlungen von Zeitdokumenten, persönliche Erinnerungsstücke oder Alltagsgegenstände beisteuern möchte, kann sich mit dem Stadtarchiv in Verbindung setzen. Das Forschungsprojekt „Queer durch Tübingen“ mündet in eine gleichnamige Ausstellung, die ab September 2021 im Tübinger Stadtmuseum geplant ist.

Link: www.tuebingen.de/queer

Kontakt:
Universitätsstadt Tübingen
Fachabteilung Stadtarchiv
Am Markt 1
72070 Tübingen
Telefon 07071 204-1305
Telefax 07071 204-41446
archiv@tuebingen.de

Quelle: Stadt Tübingen, Pressemitteilung, 6.4.2021

Archivalien des Stadtarchivs Geseke sind »in Kur«

Das Stadtarchiv Geseke nimmt erstmals an der Landesinitiative Substanzerhalt (LISE) zur Bestandserhaltung von Archivgut teil. Akten und andere Archivunterlagen des 19. und 20. Jahrhunderts bestehen meist aus säurehaltigem Papier, das sich selbst bei optimalen Lagerbedingungen im Laufe der Zeit zersetzt.

Stadtarchiv (Foto: Stadt Geseke)

Das Problem ist seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Wird nichts dagegen unternommen, sind die Archivbestände unwiederbringlich verloren. Auch wenn Archivalien zunehmend digitalisiert werden, ist der Erhalt der Originale unverzichtbar, da ein Original immer mehr Informationen enthält, als durch das bloße Abbild eines Digitalisats vermittelt werden kann.

Die Archive, deren gesetzliche Hauptaufgabe darin besteht, Archivgut auch für die Zukunft zu bewahren, stehen dabei unter Zeitdruck. Eine Entsäuerung muss unbedingt vor dem Zeitpunkt durchgeführt werden, an dem das Papier jegliche Flexibilität und Festigkeit verloren hat. Wird dieser Zeitpunkt verpasst, ist eine Entsäuerung sinnlos. Das Original ist dann nur noch mit enormem finanziellem Aufwand zu restaurieren. Restaurierung ist aber ungefähr vierzigmal teurer als Entsäuerung.

Erstmals nimmt das Stadtarchiv Geseke daher an der Landesinitiative Substanzerhalt teil. Die Landesinitiative Substanzerhalt des Landes Nordrhein-Westfalen, kurz LISE genannt, fördert in Kooperation mit den beiden Landschaftsverbänden Rheinland (LVR) und Westfalen-Lippe (LWL) seit Oktober 2006 die Massenentsäuerung nicht-staatlichen, hauptsächlich kommunalen Archivguts mit einem Förderanteil von 60%. Neuerdings umfasst das LISE-Programm neben der Papierentsäuerung auch andere Maßnahmen zur Bestandserhaltung von Archivgut wie Reinigung und Dekontamination, die sachgerechte (Neu-)Verpackung und die Behebung mechanischer Schäden.

Die organisatorische Durchführung obliegt für den Landesteil Westfalen-Lippe dem LWL-Archivamt für Westfalen. Möchte ein westfälisches Archiv im Rahmen der LISE Archivgut entsäuern lassen, so beginnt das Verfahren nach Antrag mit der Auswahl geeigneter Archivalien und dem vom LISE-Team organisierten Transport der Unterlagen zum LWL-Archivamt. Dort werden die Archivalien für die Entsäuerung vorbereitet. Nach dem Weitertransport zu Dienstleistern erfolgt die Entsäuerung entweder im Einzelblatt- oder Blockverfahren. Für die fadengehefteten Akten oder als Buch gebundenen Protokollbände des Geseker Stadtarchivs kommt dieses Mal nur das Blockverfahren in Frage.

Im Blockverfahren wird die gesamte Akte mit der nicht-wässerigen Entsäuerungsflüssigkeit geflutet, im Folgenden Vakuum-getrocknet und gegebenenfalls rekonditioniert. Zur Nachbereitung werden die entsäuerten Archivalien zurück zum LWL-Archivamt transportiert. Dort findet eine abschließende Qualitätskontrolle statt, nach der die fertig entsäuerten Archivalien zurück an das Archiv geliefert werden.

Bereits 2020 wurde der Antrag gestellt, an der 2021 stattfindenden Entsäuerungsmaßnahme teilnehmen zu können. Ebenfalls noch 2020 besuchte die LISE-Projektleiterin Gabriele Rotkegel das Geseker Archiv und begutachtete den von Stadtarchivarin Evelyn Richter zur Entsäuerung vorgeschlagenen Bestand. Da die Fördermittel des Landes begrenzt sind, erhält jedes teilnehmende Archiv ein bestimmtes festes Kontingent zugewiesen. Deshalb konnte das Stadtarchiv Geseke jetzt „nur“ 299 Kilogramm entsprechend vorbereitete Akten des Bestandes B – das entspricht immerhin 65 Archivkartons – an den Mitarbeiter des LWL-Archivamtes übergeben.


Abb.: Das Archivgut, dass zur Entsäuerung abgeholt wurde (Foto Stadtarchiv Geseke)

Von dort werden die Archivalien weiter zum ZFB (Zentrum für Bucherhaltung) in Leipzig und schließlich nach Abschluss der Maßnahme in ca. einem halben Jahr wieder nach Geseke zurück transportiert. Nach ihrer Rückkehr aus dem „Kuraufenthalt“ in Leipzig werden die Archivalien wieder der Benutzung durch Archivbesucher zur Verfügung stehen. Die Entsäuerung des gesamten gefährdeten Geseker Archivbestandes wird jedoch noch viele Jahre dauern.

Zur Zeit ist das Stadtarchiv Geseke allerdings geschlossen. Da es im obersten Stockwerk der Dr. Adenauer-Grundschule untergebracht ist, leidet es unter massiven Platzmangel. Deshalb werden im Moment Umbauarbeiten im Lesesaal durchgeführt. Für Anfragen ist Stadtarchivarin Evelyn Richter aber weiterhin erreichbar.


Abb.: Blick auf die Bauarbeiten im Lesesaal des städtischen Archivs. Hier wird Raum für ein neues Magazin geschaffen. (Bild: Stadtarchiv Geseke)

Eine Trennwand wird eingezogen, um auf diese Weise im abgetrennten Teil einen zusätzlichen Magazinraum zu schaffen. Der neue Raum wird künftig als Magazin für die Archivbibliothek dienen. Dafür werden weitere Regale beschafft und die Fenster zusätzlich mit UV-Schutzfolien verkleidet. Im Lesesaal werden Steckdosen und der Benutzercomputer-Anschluss neu verlegt sowie Reparaturmaßnahmen an den Außenjalousien von Lesesaal, Bibliotheksmagazin und Archivbüro vorgenommen. Die Anzahl der Besucherarbeitsplätze wird durch den Umbau dennoch nur geringfügig verringert.

Nicht nur das Stadtarchiv auch die Archivbesucher profitieren von dem Umbau. Künftig wird den Benutzern im Lesesaal WLAN zur Verfügung stehen und an jedem Besucherarbeitsplatz wird zudem unmittelbar eine Steckdose für den Laptop vorhanden sein. Auch hierfür werden derzeit die technischen Voraussetzungen geschaffen.

Kontakt:
Stadtarchiv Geseke
Ostmauer 2
59590 Geseke
Tel.: 02942 / 500-793
evelyn.richter@geseke.de

Postadresse:
Stadtverwaltung Geseke, Stadtarchiv
Postfach 14 42
59585 Geseke

Quelle: Stadt Geseke, Pressemitteilung, 25.3.2021; Stadt Geseke, Pressemitteilung, 8.3.2021

Wappenurkunde vom Kirchheimer Wertstoffhof

Normalerweise sind Urkunden, Handschriften und dergleichen fester Bestandteil des Archivs. Nicht so die Handschrift, die anlässlich der Verleihung des Kirchheimer Gemeindewappens im Jahr 1966 angefertigt wurde. Sie ist Anfang Februar 2021 Mitarbeitern des örtlichen Wertstoffhofs in die Hände gefallen, die sie dankenswerter Weise gerettet und der Gemeinde übergeben haben.


Abb.: Besonderer Fund auf dem Wertstoffhof in Kirchheim bei München: Eine Handschrift zur Verleihung des Gemeindewappens 1966. Unklar ist, ob es sich um das Original handelt (Foto: Gemeinde Kirchheim).

„Wie auch immer diese Handschrift in Privatbesitz und letztendlich zum Wertstoffhof gelangt sein mag, so sind wir nun umso mehr dankbar, dass dieses Zeitzeugnis erhalten bleibt, denn es beinhaltet wichtige Stationen der Kirchheimer Ortsgeschichte.“, erklärt Kulturreferentin Katharina Ruf. „Und gerade der letzte Absatz spiegelt wieder, dass Kirchheim und Heimstetten schon lange eine gemeinsame Planung vorantreiben. Über 50 Jahre später setzen wir nun eine andere, viel kleinere Planung um. Immer wieder spannend, wo wir herkommen. Und noch spannender, wo wir jetzt gemeinsam hingehen.“, ergänzt Erster Bürgermeister Maximilian Böltl.

Hier steht: „Die Großplanung, die Kirchheim zusammen mit Heimstetten durchführen wird, beabsichtigt in 5-6 Bauabschnitte Wohnraum für 20-25000 Menschen zu schaffen. Möge also Kirchheim einer glücklichen Zukunft entgegengehen zum Wohle seiner Bürger […].“

Verbunden mit diesem Fund möchte die Gemeinde Kirchheim alle Bürgerinnen und Bürger darauf aufmerksam machen, bei alten Gegenständen, Schriften und Zeitdokumenten genau darauf zu achten, ob diese zum Wertstoffhof gebracht werden oder für das Gemeindearchiv von Interesse sein könnten.

Inhalt der Handschrift:

Vom modernen Leben durchpulst, freundlich und aufgeschlossen, so bietet sich unser Ortsbild dem Beschauer, der sich dabei aber kaum der uralten geschichtlichen Vergangenheit Kirchheim bewußt sein wird. Darum will diese Handschrift, anläßlich der Verleihung des Gemeindewappens durch das Bayerische Innenministerium, die wichtigsten historischen Stationen der Allgemeinheit und vor allem unserer Jugend nagebringen und überliefern.

Urbayerische und ältestes Herzogsgut ist unsere Heimat. Anno 756 findet im benachbarten Aschheim der 1. Bayer. Landtag, die erste Landessynode unter Herzog Tassilo III. statt, 771 in Neuching, 804 hören wir von Pliening, 805 und 806 von Erding (Altenerding) als Zentren des altbayerischen, herzoglichen Lebens. Wenn auch Kirchheim damals noch nicht erwähnt ist, so ist seine Existenz, infolge seiner Lage an der uralten Straße, doch so gut wie sicher. 788 kam Bayern unter die Überhoheit das Karolinger, die einzelnen Baue unterstanden wiederum den königlichen Baugrafen. Wir gehörten jahrhundertelang zum Gericht Wolfratshausen, das bis 1249 die mächtigen Grafen von Andechs innehatten, bis dieselben ihrem Erzfeind, den Wittelsbachern, unterlagen und das Gebiet an den Herzog fiel. Der dem Hause Dießen-Andechs entsprossene Bischof Otto III. von Bamberg vergab Kirchheim 1186 an das Kloster Dießen. Durch die verheerenden Einfälle der Ungarn (oder Magyaren, Hünnen) wurde bis 955 auch Kirchheim völlig zerstört. Doch erst 100 Jahre später, anno 1089, bringen die Freisinger Traditionen unter der Nr. 1515a die Nachricht, daß Kirche und Mayerhof zu „chirichhaimb“ dem Stift St. Andrae zu Freising zinspflichtig sind. Die weltliche Macht übten Ministralen der Andechser aus; das waren adelige Dienstmänner, die später in den Ritterstand aufgingen. Um 1130 erscheint Kirchheim erstmals als Schergenamt mit „Gramarium“ (Lagerhaus), das zum Amt Pahl am Ammersee gehörte und ebenfalls Andechser Besitz war. Herzog Otto II. der Erlauchte teilte sein Gebiet in 35 Ämter nebst 34 Unterämter (Schergenämter) ein. Der Landrichterei Kirchheim unterstand damals das Gebiet von Schäftlarn bis Freising. 1255 wird beurkundet, daß dem Amt Kirchheim die Orte Feldkirchen, Grasbrunn, Gerharting, Anzing, Forstern, Föhring, Trudering, Salmdorf, Riem, Gießing, Ebersberg, Perlach, Deisenhofen u.a. unterstanden. Kirchheim hatte damals 16 Höfe, die ihren Zehent oder Zins beim Zehetmeierhof (heute Zehmer) in Naturalien oder auch in Geld zu leisten hatten.

In der Frühzeit gehörte unser Gotteshaus zu der Pfarrei Aschheim, aber schon 1187/89 berichtet eine Freisinger Urkunde, die Vergebung eines Hofes in Hausen betreffend, von der Eigenschaft als „Pfarrei Chirchhain“. Der erste Pfarrer ist 1244 mit „Friedericus plebanus“ beurkundet. 1524 unterstand die Pfarrei Kirchheim der freien Collation des Bischofs von Freising. 1575 steht in einer Pfarrbeschreibung: „Diese Pfarr verleihen dem Monat nach der Bischof von Freysingen u. unser gnädigster Fürst der Herr Herzog Albrecht.“ Im unseligen dreißigjährigen Krieg belagerten die Schweden das befestigte München und verpflegten sich inzwischen durch Raub und Plünderung in der Umgebung der Landeshauptstadt. Auch Kirchheim wurde mehrmals geplündert und schließlich zerstört und verbrannt, sodaß nichts übrig blieb und auch unser Gotteshaus in Schutt und Asche fiel. Erst 1651-79, unter der Regierung des kurfürstlichen Ferdinand-Maria erstand aus kleinsten Anfängen ein neues Kirchheim. Infolge der Mittellosigkeit der Einwohner dauerte auch der Kirchenbau rund 10 Jahre. Der kurfürstliche Sekretarius Joh. Eisvogel und der Münchner Patrizier Fr. Anton Müller sahen bei einer Durchreise das unvollendete Gotteshaus und spendeten das Geld zur Vollendung der Kirche, die dann 1683 fertig wurde. An Tagen, allgemeinen Gedenkens wird dieser beiden Wohltäter noch heute gedacht.

Neues Elend brachten die Erbfolgekriege des 18. Jahrhunderts, als Kirchheim nicht selten seitens durchziehender österr. Soldateska zu leiden hatte. 1770 war ein Hungerjahr, ein Jahr völliger Mißernte. Ein Schäffel Weizen kostete 300 fl., Gerste 50 fl.. Für ein gutes Brot soll bei uns ein Acker mit 3 Tgw. eingetauscht worden sein. Von 1801 bis 1809 waren bei uns die sog. Napoleonischen Kriege durch Requirierungen und Zwangsrekrutierungen zu spüren. Weiterhin brachte der Anfang des vorigen Jahrhunderts Teuerung, Hunger und Not. Einwanderer aus Rheingau, Württemberg und Baden machten sich damals hier ansässig, man nennt sie heute noch „Überrheiner“. Bei uns waren es die Familien Huber, Kratzer und Radl. Die Überrheiner waren es, die viel Moosgrund kultivierten und den Grundstein für den heute betrachtlichen Kartoffelanbau legten. 1817 bildete sich die erste politische Gemeinde unter Führung des sog. „Vierrerrates“, im Volksmund die „vier Windigen“. Es waren dies die Bauern vom „Moarhof, Seininger Hof, Schrollhof (beim Schrey) und der alte Wirt“. Die waren die Spender der Windfahne, was aber von den Kirchheimern mehr als Machtdemonstration aufgenommen wurde. Im Laufe der Zeit verquickte sich das mittelalterliche Schergenamt des 12. Jahrh. mit den „Vier Windigen“ des 19. Jahrh., sodaß man die vier Windigen irrtümllich in des Mittelalter versetzte.

Der erste Schulunterricht war in der Emmeramskapelle in Feldkirchen, 1835 wurde das erste Schulhaus auf dem „Scherbergütl“ erbaut, 1874 ein zweites, mehrmals vergrößert, bis der heutige Bau 1912 entstand. 1949 vernichteten Großbrände die meisten alten Häuser. Bis zum Jahre 1890 waren Überschwemmungen jedes Jahr an der Tagesordnung, bis die MIAG den Abfanggraben baute und somit die Überschwemmungsgefahr gebannt war. Dann folgte jedoch die Wassernot, bis 1928 die Wasserleitung gebaut wurde. Die Elektrifizierung war schon 1902 erfolgt, als die Gemeinde 346 Einwohner zählte, heute sind es 730.

Die Großplanung, die Kirchheim zusammen mit Heimstetten durchführen wird, beabsichtigt in 5-6 Bauabschnitte Wohnraum für 20-25000 Menschen zu schaffen. Möge also Kirchheim einer glücklichen Zukunft entgegengehen zum Wohle seiner Bürger und als Dank an die Männer, die das geschaffen haben, was Kirchheim heute ist, ein glückliches Gemeinwesen.

Geschrieben unter frdl. Mitarbeit von Obl. a.d. Frl. v. Münichsdorfer

Anno 1966

Das Wappen der Gemeinde Kirchheim  war geteilt von Blau und Gold, oben silberne Windfahne, unten rotes Andreaskreuz. Das Kreuz wies auf die seit 1098 bestehende Grundherrschaft des Freisinger Stiftes St. Andrä hin. Die Windfahne geht auf eine Geschichte zurück, nach der vier Bauern (die vier Windigen von Kirchheim) Anfang des 19. Jahrhunderts eine goldene Windfahne für den Kirchturm stifteten.

Infolge der im Jahr 1976 verabschiedeten Gebietsreform wurde Heimstetten am 1.5.1978 in die Gemeinde Kirchheim bei München eingegliedert. Im Zuge dieser Gebietsreform wurden die beiden Wappen der Gemeinden Kirchheim und Heimstetten vereint, wie man auch in Wikipedia nachlesen kann. Die linke Hälfte entspricht dem Wappen der Gemeinde Kirchheim, die rechte dem der Gemeinde Heimstetten. Dieses war geteilt von Gold und Schwarz, oben rotes Schwert und roter Palmenzweig, unten drei silberne Leisten. Das Wappen sollte durch die Farben gelb und schwarz die Beziehung zu München symbolisieren und an den Regensburger Bischof St. Emmeram erinnern, dessen Märtyrer-Attribute die Palme und das Schwert waren. Die silbernen Leisten wurden aus dem Wappen der Baierbrunner übernommen. Konrad IV. von Baierbrunn verkaufte 1324 seinen Kirchheimer Hof samt Zehent an den Münchner Bürger Martin Katzmair und schenkte 1328 dem Kloster Anger seine zwei Höfe in Heimstetten.

Kontakt:
Gemeinde Kirchheim b. München
Gemeindearchiv
Münchner Straße 6
85551 Kirchheim b. München
089/90909-1402 / -1404
archiv@kirchheim-heimstetten.de

Quelle: Gemeinde Kirchheim, Besonderer Fund, 4.2.2021

  • Um AUGIAS.Net aktuell zu halten, würden wir uns auch über Ihre Mithilfe freuen: Nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf, wenn Sie Neuigkeiten aus dem Archivwesen haben (Nachrichten, Literatur, Links, Termine etc.).
Top