Der Worpsweder Fotograf Dodenhoff 1942 in Krakau

Topographie des Terrors zeigt Ausstellung „Der kalte Blick“.

Im Oktober 2020 wurde im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin die Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“ eröffnet. Die Ausstellung zeigt Bilder der Menschen in dem 1941 von der deutschen Zivilverwaltung eingerichteten jüdischen Ghetto Tarnów in Polen resp. in dem von den deutschen Besatzern eingerichteten „Generalgouvernement„. Die beiden Kuratoren der Berliner Sonderausstellung, die noch bis zum 11.4.2021 gezeigt wird, sind im Rahmen ihrer Recherchen auf das Kreisarchiv Osterholz gestoßen, um sich zum Fotobestand des bekannten Worpsweder Fotografen Rudolf Dodenhoff (1917-1992) zu erkundigen. Dieser soll maßgeblich an der Erstellung der damaligen Bilder beteiligt gewesen sein. Daraufhin begann das Kreisarchiv die Geschichte Dodenhoffs weiter aufzuarbeiten.

Abb.: Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów” (Foto: Johanna Wensch / Stiftung Topographie des Terrors). Die anthropometrischen Bilder, die Rudolf Dodenhoff 1942 in Tarnów anfertigte, sind in der Ausstellung bewusst so platziert, dass Besucher sie nicht frontal einsehen können.

Rudolf Dodenhoff, der in Worpswede geboren wurde, war Inhaber eines bekannten Fotogeschäfts im Künstlerdorf. Im Jahr 1992 verstarb er in Worpswede. Sein Fotoatelier übernahm im Jahr 1999 der Fotograf Dieter Weiser, der den Fotobestand wiederum 2016 an den Landkreis verkaufte. Der sehr umfangreiche Bestand wird seitdem vom Kreisarchiv Osterholz systematisch aufgearbeitet und verzeichnet. Einige spannende Geschichten sind dabei bereits ans Licht gekommen, zum Beispiel die Fotografen-Tätigkeit der zweiten Ehefrau Dodenhoffs, Ruth Dodenhoff (1923-2018).

Abb.: Der Osterholzer Landrat Bernd Lütjen und die Archivleiterin Gabriele Jannowitz-Heumann stellten die Fotos von Ruth Dodenhoff vor, 2018 (Foto: Landkreis Osterholz)

Um die Fotos Rudolf Dodenhoffs den verschiedenen Zeitepochen und Themen richtig zuordnen zu können und damit auch wissenswerte Erkenntnisse für die Berliner Ausstellung zu sammeln, bedurfte es einer historischen Recherche. Hinlänglich bekannt sind die Worpsweder Landschaftsfotos Dodenhoffs, teilweise in Farbe, da er das erste Farbfotolabor in Norddeutschland betrieb. Doch was hatte ihn im Jahr 1942 nach Krakau geführt und was war dort seine Aufgabe? Anlässlich der Ausstellung in Berlin recherchierte die Osterholzer Kreisarchivarin Gabriele Jannowitz-Heumann weiter.

Rudolf Dodenhoff kam im Jahr 1936 zum Reichsarbeitsdient nach Rotenburg. Dort zog er sich eine schwere Lungenverletzung zu und verbrachte lange Zeit im St. Jürgen Hospital in Bremen. Danach war er nicht mehr „kriegsverwendungsfähig“. Im Jahr 1939 ging er nach München an die bekannte Staatliche Lehranstalt für Fototechnik und machte dort 1941 seinen Abschluss als Fotograf. Viele der Absolventen, wie beispielsweise Peter von Zahn, gingen als Fotoberichterstatter an die Front. Das war für Dodenhoff nicht möglich. Da er kein NSDAP-Mitglied war, gab es eine Beurteilung von der Reichskulturkammer (Gaupresseamt), dass er zwar nicht in der Partei sei, doch politische oder sonstige Bedenken gegen ihn nicht bestünden, und so wurde er als Schriftleiter ins deutsch besetzte Krakau geschickt. Dort arbeitete er in der „Zentralstelle für Film und Bild“ für die Zeitschrift „Das Generalgouvernement“. Aufgabe der Zeitschrift war die Verbreitung des Deutschtums.

Abb.: Ausstellung „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“ (Foto: Stiftung Topographie des Terrors)

Darüber hinaus wurde Dodenhoff eine Sonderaufgabe übertragen. Im Zuge der rassehygienischen Untersuchungen bekamen zwei Wissenschaftlerinnen – die Anthropologinnen Dr. Dora Kahlich-Könner (1905-1970) und Dr. Elisabeth Fliethmann (1915-1987) – vom Naturhistorischen Museum Wien, die Aufgabe, Menschen im jüdischen Ghetto Tarnów gemäß rassehygienischen Vorschriften zu fotografieren und zu untersuchen. Den beiden Frauen wurde Dodenhoff als Fotograf zugeteilt. Seine Aufgabe war es, die jüdischen Männer in typischen Kopfstellungen zu fotografieren. Elisabeth Fliethmann hatte im Mai 1942, wie das Osterholzer Kreisblatt bemerkt, in einem Zwischenbericht in der Publikation „Deutsche Forschung im Osten“ berichtet: „Außerdem wurden von jeder Person vier Kopfaufnahmen und drei Ganzkörpernacktaufnahmen gemacht. Die Aufnahmen wurden mit der freundlichen Genehmigung des Leiters der Zentralstelle für Film und Bild im Generalgouvernement, Herrn Homann, von Herrn Dodenhoff gemacht, wofür ich beiden Herren unseren besten Dank ausspreche. Die Ganzkörperaufnahmen der Frauen machte ich (Fliethmann) selbst.“

Die Frauen sollen hingegen von den Wissenschaftlerinnen selbst fotografiert worden sein, die zudem die Nacktaufnahmen angefertigt haben sollen. Die entwickelten Filme hatte Dodenhoff an die Wissenschaftlerin Dr. Fliethmann abzugeben, die, wie sie es nannte das „Judenmaterial“, gemeinsam mit Dr. Kahlich-Könner auswertete. Am 6.9.1942 schrieb Dr. Fliethmann: „Vom künstlerischen Standpunkt aus sind die Fotos sehr gut. Noch dazu hat der gute Dodenhoff uns tatsächlich einen Beweis für seine Eignung zum Festhalten der Gesichtsausdrücke geliefert. Unsere Hilfskraft und die eine Bettlerin sind wunderbar.“ Die Hilfskraft war Maria Bozena Romanowski, eine polnische Fotolaborantin, die Dodenhoff kurze Zeit später in Worpswede heiratete.

Der heutige Fotobestand Dodenhoffs im Kreisarchiv Osterholz enthält keine Porträtaufnahmen aus dem Jüdischen Ghetto Tarnów für die rassehygienischen Untersuchungen. Den Machern der Berliner Ausstellung um die Kuratorin Dr. Margit Berner (Naturhistorisches Museum Wien) konnten damit keine dieser Bilder zur Verfügung gestellt werden. Ob Dodenhoff seinen Nachlass tatsächlich gereinigt hat, wie im Katalog zur Ausstellung zu lesen, kann nur vermutet, aber nicht bewiesen werden. Es bestehen allerdings mehrere Bilder von jüdischen Menschen aus Tarnow, gestempelt mit „Zentralstelle für Film und Bild Krakau“, wie beispielsweise die Aufnahme der polnischen Fotolaborantin, die auch den Kuratoren zur Verfügung gestellt worden sind.

Das Osterholzer Kreisarchiv bereitet zur Aufarbeitung der Geschichte Dodenhoffs einen Vortrag vor, der im kommenden Jahr 2021 vorgestellt werden soll.

Info:
Der kalte Blick – Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów /
The Cold Eye – Final Pictures of Jewish Families from the Tarnów Ghetto
Ein Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (deutsch/englisch), hg. v. Naturhistorisches Museum Wien, vertreten durch: Dr. Katrin Vohland, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, vertreten durch: Uwe Neumärker, Stiftung Topographie des Terrors, vertreten durch: Dr. Andrea Riedle,
Berlin 2014, 272 S., ISBN 978-3-941772-48-9; 18,00 €

Margit Berner:
Letzte Bilder. Die „rassenkundliche” Untersuchung jüdischer Familien im Ghetto Tarnów 1942 /
Final Pictures. The 1942 „Race Study“ of Jewish Families in the Tarnów Ghetto
hg. von / published by Stiftung Topographie des Terrors, vertreten durch / represented by Dr. Andrea Riedle, Hentrich & Hentrich (Topographie des Terrors Notizen Visuell 3),
Berlin 2020, 292 S., Broschur, ISBN 978-3-941772-47-2; 22,00 €
Als Hardcover im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-95565-407-8).

Kontakt:
Kreisarchiv Osterholz
Am Barkhof 10a
27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791 930-2260
Fax: 04791 930-2298
kreisarchiv@landkreis-osterholz.de

Stiftung Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin
Telefon: 030 254509-0
Fax: 030 254509-99
info@topographie.de
www.topographie.de

Quelle: Landkreis Osterholz, Meldung, 20.11.2020; Osterholzer Kreisblatt, 7.12.2020

Einblicke in die Ansichten von Münsters Ex-Uni-Rektor Aloys Meister

Neuer Band dokumentiert Ansichten des Historikers zum Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik.

Was dachte der Rektor der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) über den Ersten Weltkrieg, die anschließende November-Revolution und die Gründung der Weimarer Republik? Gedanken zu diesen Themen hielt der Historiker Aloys Meister (1866-1925), der von 1911 bis 1912 Rektor der WWU war, in seinem Tagebuch über die Jahre 1918/1919 fest, das Prof. Dr. Wilfried Reininghaus kommentiert und ediert hat. Gemeinsam mit Dr. Sabine Happ, Leiterin des Universitätsarchivs Münster, übergab er den Band 15 der „Veröffentlichungen des Universitätsarchivs“ jetzt an den aktuellen WWU-Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels.

Abb.:Dr. Sabine Happ und Prof. Dr. Wilfried Reininghaus (M.) übergaben eine Edition des Tagebuchs von Aloys Meister an Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels (Foto: Peter Leßmann, WWU).

„Das Tagebuch liefert wichtige Einblicke in die politischen Ansichten von Aloys Meister und hilft dabei, die Ereignisse der damaligen Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven nachzuvollziehen“, betonte der Historiker Wilfried Reininghaus, der von 2004 bis 2013 Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen und von 2003 bis 2018 Vorsitzender der Historischen Kommission für Westfalen war. Den gleichen Posten in der Historischen Kommission bekleidete Aloys Meister von 1914 bis zu seinem Tod im Jahr 1925.

Der 1866 geborene Aloys Meister war lange vom Sieg der Deutschen im Ersten Weltkrieg überzeugt. Er hielt bis zuletzt an Kaiser Wilhelm II. fest und brachte für den politischen Wandel und die Demokratie kein Verständnis auf. Das Tagebuch nutzte er als Ventil, um seiner Verärgerung Ausdruck zu verleihen. Seine monarchistische, imperialistische und antidemokratische Haltung tat er darin ungeschminkt kund. Teile seines persönlichen und wissenschaftlichen Nachlasses werden im Universitätsarchiv der WWU verwahrt, dessen erster Leiter er ab 1912 bis zu seinem Tod war. Neben seiner Tätigkeit im Archiv war auch die Zeitungswissenschaft ein Schwerpunkt seiner Arbeit, die später in der Einrichtung des Zeitungswissenschaftlichen Instituts mündete. Noch heute existiert es als Institut für Kommunikationswissenschaft an der WWU.

Info:
Wilfried Reininghaus:
Aloys Meister: Tagebuch 1918/1919
(Veröffentlichungen des Universitätsarchivs, 15)
Umfang 108 Seiten
ISBN 978-3-402-15899-9
Preis 32,00 €

Kontakt:
Universitätsarchiv der WWU Münster
Leonardo-Campus 21
48149 Münster
Tel: +49 (0) 251 83-32099
uni-archiv@uni-muenster.de

Quelle: WWU Münster, Pressemitteilung, 7.12.2020

Kriegsopfer in und aus Limburg im Zweiten Weltkrieg

4. Band zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn veröffentlicht.

Vor über 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, der am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands endete. Adolf Morlang, ein ausgewiesener Kenner der Regionalgeschichte im Raum Limburg/Diez, hat sich mit den Gefallenen des 2. Weltkriegs aus und in Limburg sowie mit den Opfern des Bombenkrieges in der Stadt befasst. Dabei betrachtete er nicht die Einzelschicksale, sondern nahm eine statistische Auswertung vor, die es erlaubt, das menschliche Leid zu erkennen, dass der von deutschem Boden ausgegangene Krieg über die Bevölkerung vor Ort brachte.

Abb.: Adolf Morlang widmet sich in seinem Beitrag zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn den Kriegsopfern in und aus der Stadt (Foto: Stadt Limburg)

Auch ging Morlang der Frage nach, wie viele auswärtige Soldaten bei den Kämpfen im März 1945 (Einnahme der Stadt durch amerikanische Soldaten) umkamen oder durch Bombentreffer im Kriegsgefangenenlager STALAG XII A in der Gemarkung Freiendiez Opfer wurden, wobei das Ziel des Abwurfs nicht das Lager war, sondern die Bahnanlagen und das Bahnwerk in Limburg. Der Autor befasst sich mit den Toten aus und in der Limburger Kernstadt, ebenso aber auch mit den Opfern in den heutigen Stadtteilen sowie aus Brechen. Ein umfangreicher Bildteil rundet das Werk ab.

In der Reihe des Limburger Stadtarchivs „Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn“ sind zuvor folgende Bände erschienen:

  • Limburg im Fluss der Zeit. Schlaglichter aus 1100 Jahren Stadtgeschichte. Limburg 2010 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn 1), ISBN 978-3-936162-08-0, 29 Euro
  • Limburg im Fluss der Zeit 2. Vorträge zur Stadtgeschichte. Limburg 2013 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn 2), ISBN 978-3-936162-10-3, 19 Euro
  • Auf ein frohes Wiedersehen im Himmel. Die Feldpostbriefe und Karten des Limburgers Johann Rieth aus dem Ersten Weltkrieg. Limburg 2019 (Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn 3), ISBN 978-3-936162-13-4, 19 Euro

Info:
„Heimatfront“ und Fronteinsatz – Kriegsopfer in und aus Limburg im 2. Weltkrieg“ von Adolf Morlang als vierter Band der Beiträge zur Geschichte der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn ist erhältlich im Stadtarchiv Limburg a.d. Lahn und im Buchhandel (ISBN 978-3-036162-15-8) zum Preis von 9 Euro

Kontakt:
Stadtarchiv Limburg a. d. Lahn
Mühlberg 3
65549 Limburg
Tel. 06431/203-368
christoph.waldecker@stadt.limburg.de

Quelle: Stadt Limburg a.d. Lahn, Pressemitteilung, 2.12.2020

Wechsel in der Leitung der Abteilung Osnabrück des Nds. Landesarchivs

Am 30.11.2020 trat die Osnabrücker Archivdirektorin Dr. Birgit Kehne in den Ruhestand. Die Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs Dr. Sabine Graf verabschiedete die Leiterin der Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs aus dem aktiven Berufsleben. „Mit der Pensionierung von Dr. Birgit Kehne verlieren wir eine hoch geachtete Archivarin und überaus verlässliche Abteilungsleiterin“, erklärte Graf bei Aushändigung der Entlassungsurkunde. „Ihre archivische Kompetenz, ihr Augenmaß, ihre Überzeugungskraft und ihr offenes und verbindliches Wesen werden uns fehlen.“

Abb.: Dr. Birgit Kehne (links), die bisherige Leiterin der Abteilung Osnabrück des Niedersächsischen Landesarchivs, und Dr. Sabine Graf, die Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs (Foto: NLA)

Birgit Kehne wurde 1990 mit einer philologischen Dissertation über die deutsche Tierdichtung an der Universität Göttingen promoviert und trat 1991 in den niedersächsischen Archivdienst ein. Nach dem Archivreferendariat wurde sie zunächst Referentin am damaligen Hauptstaatsarchiv in Hannover. 1997 wechselte sie in die Niedersächsische Staatskanzlei und nahm als stellvertretende Leitung des Referats für „Zentrale Aufgaben der Staatsarchivverwaltung“ übergreifende archivfachliche Aufgaben wahr. Dabei lag ein besonderer Schwerpunkt auf der Konzeption von Archivierungsmodellen für massenhaft gleichförmige Akten. Zudem beackerte sie das mit großen Herausforderungen für die Archive verbundene Aufgabenfeld der elektronischen Archivierung. Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit leistete sie bei der Einrichtung des ersten Internet-Auftritts der niedersächsischen Archivverwaltung Pionierarbeit. 2002 übernahm sie die Leitung des Staatsarchivs Osnabrück, das seit 2005 zum Niedersächsischen Landesarchiv gehört.

Mit ihrem kommunikativen und freundlichen Wesen gelang es ihr, in Stadt und Region Fuß zu fassen, Verständnis für die archivischen Belange zu wecken und das Archiv in seinem regionalen Zuständigkeitsbereich weithin zu vernetzen. In ihre Amtszeit fällt die Entwicklung archivischer Kooperationen mit der Stadt und dem Landkreis Osnabrück sowie der Universität und der Hochschule in Osnabrück, aber auch die Umgestaltung des Lesesaals zu einem transparenten und einladenden Benutzungsbereich. Neben ihren fachlichen Aufgaben im eigenen Haus ließ es sich Birgit Kehne nicht nehmen, an abteilungsübergreifenden Projekten des Niedersächsischen Landesarchiv maßgeblich mitzuwirken. Über viele Jahre gab sie als Ausbildungsleiterin ihr breites Wissen mit großem pädagogischem Geschick an die niedersächsischen Inspektoranwärter*innen und Referendar*innen weiter. Auch die Zusammenarbeit mit den kommunalen Archiven war ihr wichtig. Von 1997 bis 2020 gehörte sie dem Redaktionsteam der „Archiv-Nachrichten Niedersachsen“ an, einer gemeinsam mit der kommunalen Archivorganisation ANKA (seit 2015 VNA) herausgegebenen Zeitschrift über das niedersächsische Archivwesen.

Im Wirkungskreis des Osnabrücker Archivs, der sich über Stadt- und Landkreis Osnabrück und die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim erstreckt, förderte sie die Geschichtsforschung durch eigene Veröffentlichungen und hohes Engagement bei der Emsländischen Landschaft, beim Landschaftsverband Osnabrücker Land und grenzüberschreitend im Deutsch-Niederländischen Arbeitskreis für Adelsgeschichte. Besonders hervorzuheben ist ihre ehrenamtliche Tätigkeit für den Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, dessen Vorsitz sie seit 2003 innehat.

„Mit der Pensionierung von Frau Dr. Kehne geht eine sehr erfolgreiche Ära der Osnabrücker Abteilung des NLA zu Ende“, so die Präsidentin Dr. Sabine Graf, „umso mehr freue ich mich, dass wir mit Dr. Thomas Brakmann einen hochkompetenten Nachfolger gefunden haben“.

Abb.: Die bisherige Osnabrücker Abteilungsleiterin Dr. Birgit Kehne und ihr Nachfolger Dr. Thomas Brakmann (Foto: NLA)

Herr Dr. Brakmann hat nach dem Studium in Trier, Dublin und Münster und der Promotion in Geschichte 2006 das Archivreferendariat beim Landesarchiv Nordrhein-Westfalen absolviert. Aufgrund seines weiteren beruflichen Werdegangs im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und im Staatsarchiv Hamburg sowie im Kreiszentralarchiv Warendorf verfügte Thomas Brakmann über vielfältige Erfahrungen und Kenntnisse, als er 2017 die stellvertretende Leitung im Niedersächsischen Landesarchiv Abteilung Osnabrück übernahm. Während einer viermonatigen Abordnung an die Niedersächsische Staatskanzlei erarbeitete er in dem für das Archivwesen zuständigen Referat Fach-Konzepte für das Niedersächsische Landesarchiv. Thomas Brakmann ist mit Stadt und Region beruflich und persönlich eng verbunden. Mit seinem breiten Erfahrungsspektrum warten auf ihn als neuen Abteilungsleiter in den kommenden Jahren vielfältige Aufgaben und Herausforderungen.

Die Verabschiedung mit gleichzeitiger Stabsübergabe an den Nachfolger fand Corona-bedingt in kleiner Runde statt. Eine feierliche Veranstaltung soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Kontakt:
Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Osnabrück
Schloßstraße 29
49074 Osnabrück
Telefon: (0541) 33162-0
Fax: (0541) 33162-62
Osnabrueck@nla.niedersachsen.de

Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv, Presseinfo, 26.11.2020

Stasi-Unterlagen gelangen in die Zuständigkeit des Bundesarchivs

Zum 17.6.2021 wird die Verantwortung für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR von der BStU an das Bundesarchiv übergehen. Damit ist keine physische Verlagerung verbunden: Die Akten des MfS und der Stasi-Bezirksverwaltungen Berlin und Potsdam verbleiben an ihrem derzeitigen Aufbewahrungsort in Berlin-Lichtenberg.

Abb.: Eingang zum Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin-Lichtenberg (Foto: BStU / Mulders)

Auch das Recht auf Akteneinsicht für Betroffene, öffentliche Stellen und historische Aufarbeitung bleibt unverändert. Der Bundestag hat in seiner Sitzung am 19.11.2020 den entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet, der die fortdauernde Anwendung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) für die Nutzung der Stasi-Unterlagen beinhaltet. Das Amt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) wird zum 17.6.2021 aufgelöst. Im Gegenzug sieht das Gesetz die Einrichtung des Amtes einer oder eines Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur beim Bundestag vor.

In dem verabschiedeten Gesetz ist festgelegt, dass die Unterlagen der früheren Stasi-Bezirksverwaltungen an einem Archivstandort pro Bundesland zusammengeführt und dauerhaft gesichert werden. Dazu sind in Erfurt, Frankfurt (Oder), Halle, Leipzig und Rostock in den nächsten Jahren professionellen Standards genügende Archivmagazine zu errichten. Eine weitere Aufbewahrung an den bisherigen Standorten würde den Erhalt der originalen Unterlagen gefährden.

In Chemnitz, Cottbus, Dresden, Gera, Magdeburg, Neubrandenburg, Schwerin und Suhl werden die bisherigen BStU-Außenstellen als Außenstellen des Bundesarchivs weitergeführt bzw. neu eingerichtet. Sie sollen eng in die regionale Gedenkstättenlandschaft eingebunden werden, Anträge auf Einsichtnahme in die Unterlagen bearbeiten und sich in die historische Bildungsarbeit einbringen.

Bis zum 17.6.2021 sind Anträge auf Einsichtnahme in Stasi-Akten weiterhin ausschließlich an die BStU-Behörde zu richten. Das Bundesarchiv wird die bereits begonnene Digitalisierung der Stasi-Unterlagen weiterführen und ausbauen. Dazu soll in Berlin-Lichtenberg ein großes Digitalisierungszentrum entstehen. Durch die Digitalisierung ergibt sich perspektivisch auch die Möglichkeit der Nutzung von Stasi-Unterlagen an anderen Standorten des Bundesarchivs.

Dem Bundesarchiv steht mit dem Beschluss des Bundestag eine große Herausforderung bevor: Zu den aktuell rund 930 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundesarchivs werden mehr als 1350 Kolleginnen und Kollegen der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin und den Außenstellen hinzukommen. Die Menge des Schriftguts, das beim Bundesarchiv aufbewahrt wird, wird um ca. 110 km auf über 540 km anwachsen.

Mit der Verabschiedung des gemeinsamen Gesetzentwurfs von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen „zur Änderung des Bundesarchivgesetzes, des Stasiunterlagen-Gesetzes und zur Einrichtung einer oder eines SED-Opferbeauftragten“ ist die Zukunft des Stasi-Unterlagen-Archivs langfristig gesichert. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn sagte nach der Debatte: „Ich freue mich, dass der Gesamtbestand des Stasi-Unterlagen-Archivs jetzt als Teil des „Gedächtnisses der Nation“ im Bundesarchiv dauerhaft gesichert ist.“

Abb.: Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (Foto: BStU)

Die Öffnung des Stasi-Unterlagen-Archivs ist eine Errungenschaft der Friedlichen Revolution und war ein weltweit erstmaliger Akt. Die Nutzung der Akten einer Geheimpolizei zur Aufklärung über die Mechanismen der SED-Diktatur und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand und findet eine hohe internationale Beachtung. Roland Jahn: „Die Reform garantiert die Nutzung der Stasi-Unterlagen für die Zukunft und betont den besonderen Charakter und Symbolwert des Stasi-Unterlagen-Archivs als Errungenschaft der Friedlichen Revolution mit internationaler Vorbildwirkung.“

Neu ist unter anderem, dass perspektivisch an den Standorten des Bundesarchivs in den westlichen Ländern, Koblenz, Bayreuth, Ludwigsburg oder Freiburg, Akteneinsicht möglich sein kann. Durch die im Gesetz festgeschriebene service-orientierte Quellenforschung im Stasi-Unterlagen-Archiv soll ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung und Verstetigung der Erforschung der SED-Diktatur geleistet werden. „Die Einbindung des Stasi-Unterlagen-Archivs in die Gedenkstättenlandschaft stärkt dieAufklärung über die SED-Diktatur und ist ein wichtiger Beitrag zur Sensibilisierung fürdie Werte von Freiheit und Menschenrechten“, so Roland Jahn.

Links:

Kontakt:
Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
Karl-Liebknecht-Straße 31/33
10178 Berlin
Tel.: 030 / 2324-50
Fax: 030 / 2324-7799
post@bstu.bund.de
https://www.bstu.de/

Bundesarchiv
Potsdamer Straße 1
56075 Koblenz
Tel.: 0261 / 505-0
Fax: 0261 / 505-226
poststelle@bundesarchiv.de
http://www.bundesarchiv.de

Quelle: BStU, Nachricht, 19.11.2020; Bundesarchiv, Pressemitteilung, 19.11.2020

Meschedes neuer Stadtarchivar

André Algarve leitet seit Oktober 2020 das Stadtarchiv Meschede. Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist ihm wichtig, wie Ute Tolksdorf im Interview für die Westfalenpost vom neuen Stadtarchivar erfuhr.

Abb.: Meschedes neuer Stadtarchivar André Algarve (Foto: Ute Tolksdorf, WP).

André Algarve stammt aus Sonneborn im Kreis Lippe. Der 32-Jährige hat Geschichte und Latein in Bielefeld studiert und nach dem Bachelorabschluss eine Ausbildung im gehobenen Archivdienst in Marburg absolviert. Direkt mit seinem Abschluss am 31.8.2020 begann er seinen Dienst im Stadtarchiv Meschede als Nachfolger von Ursula Jung. Mit der langjährigen Archivleiterin arbeitete er noch einen Monat zusammen, bevor sie in Rente ging. Unterstützt wird er außerdem vom Archivmitarbeiter Robert Schultze, der zurzeit die Heiratsregister auf schutzwürdige Belange durcharbeitet, um sie dann für die Öffentlichkeit freigeben zu können.

André Algarve lebt in Freienohl. In seiner Freizeit kocht er gern, tanzt Standard und Latein und liest. Archivarbeit ist Kommunikation, sagt er im Interview und will – ganz in diesem Sinn – es weiter für die Menschen öffnen.

Welche Eigenschaften sind für einen Archivar wichtig? Sollte man ein strukturierter und ordentlicher Mensch sein?

Das ist durchaus ein Vorteil. Bei der Arbeit muss man ja auch sorgfältig dokumentieren, was man tut. Nur dann können andere auch in 100 Jahren noch nachvollziehen, wann ein Dokument ins Haus gekommen ist und warum man es wie bewertet hat.

Gibt es etwas aus der Mescheder Geschichte, dass Sie jetzt schon besonders spannend finden?

Ich bin ja erst kurz hier und habe noch nicht so viel gesehen, aber ich hatte eine Anfrage zum Bau der Hennetalsperre. Das finde ich schon faszinierend, dass damals ganze Dörfer im See versunken sind.

Was sagen Sie zum Hitda Codex, der ältesten Mescheder Urkunde?

Das Evangeliar ist sicher wichtig für Meschede, aber es liegt in Darmstadt und ich denke nicht, dass wir es wiederbekommen werden.

Halten Sie es für wichtig, ein Archiv nach außen zu öffnen?

Absolut! Daseinszweck der Archive ist es, dass ihr Inhalt zugänglich gemacht wird. Wir bewahren hier ja kein Geheimwissen, wie man es vielleicht noch im 19. Jahrhundert gesehen hat. Archivalien müssen genutzt werden! Da ist die Digitalisierung ein tolles Hilfsmittel, die dann auch die Kooperation mit Archivportalen ermöglicht. Auch über Soziale Medien kann man immer mal wieder Skurriles oder interessante Details teilen. Solche Informationen werfen dann ein Schlaglicht auf den Bestand. Und natürlich sind auch – ganz analog – Ausstellungen möglich, damit das Archiv von außen wahrgenommen wird.

Die Digitalisierung eines Bestandes ist eine Sisyphusaufgabe, oder?

Ja, sie ist aber extrem wichtig, auch weil viele alte Unterlagen gefährdet sind. Das Papier war vor allem zwischen 1850 und 1980 extrem schlecht, es zerfällt. Um das aufzuarbeiten gibt es aber Förderprogramme, mit denen gerade kleine Archive, wie unseres unterstützt werden können.

Wie wollen Sie Kinder und Jugendliche ans Archiv heranführen?

Auch da hilft die Digitalisierung der Quellen. Damit kann man dann ganze Schulklassen versorgen – auch über große Entfernungen. Trotzdem ist es natürlich gerade für Schüler wichtig, dass sie mal Gelegenheit bekommen, eine echte alte Quelle zu sehen und damit zu arbeiten. Ich will dazu Konzepte für die Schulen erstellen, denn die Arbeit mit ganzen Schulkassen hier in Grevenstein ist schwierig.

Die Diskussion um den Standort des Archivs in Grevenstein – 16 Kilometer und 20 Autominuten von der Kernstadt entfernt – flammt immer wieder auf. Wo würden Sie sich das Archiv wünschen?

Der jetzige Standort ist geeignet, um die Archivalien aufzubewahren. Natürlich ist es wünschenswert, dass ein Archiv leicht erreichbar ist. Doch vor allem gedanklich darf es nicht zu weit von den Menschen weg sein. Das versuche ich durch die Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen und wie meine Vorgängerin Frau Jung werde ich hier ein offenes Haus für alle Besucher führen und versuchen Anfragen schnell und kompetent zu beantworten. Ich denke, wenn über die Digitalisierung die Bereitstellung der Archivalien leichter wird, ist der Standort weniger wichtig.

Wie wollen Sie das Mescheder Archiv zukunftsfähig machen?

Die Masse an Dokumenten nimmt zu, insbesondere durch die Digitalisierung der Verwaltung. Die Archivierung von digitalen Unterlagen überhaupt erst zu ermöglichen, wird eine der größten Aufgaben der nächsten Jahre sein. Dabei können wir die Arbeitsschritte aus dem analogen Bereich nicht eins zu eins übernehmen, sondern müssen die Abläufe anpassen. Daneben halte ich die Zusammenarbeit mit anderen Archiven für sehr wichtig. Als Alleinkämpfer kommt man nicht weit. Auch diesen Teil der Kommunikation und Öffnung sehe ich als eine meiner zentralen Aufgaben.

Kontakt:
Stadtarchiv Meschede
Schadesche Wiese 3
59872 Meschede-Grevenstein
Tel. 0291 / 205 412
stadtarchiv@meschede.de

Quelle: Ute Tolksdorf, Das ist der neue Mann im Mescheder Stadtarchiv, Westfalenpost, 17.11.2020

Départements, Dolmetscher und Dampfloks

Neuer Band zur Sankt Augustiner Stadtgeschichte erschienen

Unter dem Titel „Départements, Dolmetscher und Dampfloks“ ist der neue Band 56 der Reihe „Sankt Augustin – Beiträge zur Stadtgeschichte“ erschienen. In fünf Aufsätzen werden in dem reich bebilderten Buch unterschiedliche Themen aus der Geschichte der Stadt aufgegriffen.

Der Historiker Mike Bargel untersucht die Entwicklung zur Zeit der französischen Verwaltung zwischen 1806 und 1815 in der Munizipalität Menden. Anhand von Karten, gedruckten Quellen und Akten aus dem Sankt Augustiner Raum wird deutlich, wie sich die teils noch aus dem Mittelalter stammenden Rechts- und Verwaltungsstrukturen im Großherzogtum Berg grundlegend neu entwickelten.

In dieser Zeit wurde auch erstmals in diesem Gebiet eine Hausnummerierung eingeführt. Mike Bargel beschreibt in einem weiteren Aufsatz, wie zunächst alle Häuser gemeindeübergreifend durchnummeriert und später pro Gemeinde neu durchgezählt wurden. Im 20. Jahrhundert ging man dann auf das heute noch übliche Verfahren mit Straßenname und darauf bezogener Hausnummer über. Diese Gegenüberstellung kann grundlegend für manch historische Adressermittlung sein.

Abb.: Die Niederpleiser Hauptstraße in Richtung Bonn um 1920/25. Der Standort des Fotografen befindet sich in etwa auf der Kreuzung Hauptstraße/Paul-Gerhardt-Straße/Pleistalstraße. (Quelle: Stadtarchiv Sankt Augustin, BSP 193)

Erich Pötz geht der Frage nach, wie sich die letzten Jahre des Ersten Weltkriegs im Spiegel der „Stimmen der Heimat an die Mendener Krieger“ darstellen. Diese Rundbriefe ließ der Katholische Jünglingsverein Menden zwischen 1916 und 1918 drucken, nicht um seine „im Felde“ stehenden Mitglieder über die wahren Entwicklungen zu informieren. Stattdessen wollte man berichten, „wie geregelt und geordnet alles in der Heimat trotz der schlimmen Kriegszeiten seinen Gang weitergeht, wie ein jeder Mendener Pfarrgenosse friedlich in der Heimat schafft und arbeitet“.

Abb.: Die Mendener Pfarrer Friedrich Hegel, der ehemalige Kaplan Max Dechamps und Kaplan Karl Schumacher (v. l.) förderten den Katholischen Jünglingsverein und die „Stimmen der Heimat“, Foto von 1916. (Quelle: Pfarrarchiv St. Augustinus Menden)

Die Planungen für zwei letztlich nie realisierte Bahnprojekte Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Tomas Meyer-Eppler bei Recherchen im Stadtarchiv. Zum einen hatte man die Verkehrsanbindung des Westerwalds bereits 1886 mit einer Eisenbahnstrecke von Siegburg über Niederpleis und Birlinghoven nach Seifen ins Auge gefasst. Zum anderen gedachte eine andere Gesellschaft um 1897 eine Überland-Straßenbahnlinie von Köln-Mülheim über Mülldorf und Meindorf nach Beuel zu führen. Die angestrebten Vorteile, Streckenführungen und Hintergründe der Projekte werden detailliert wiedergegeben.

Das Steyler Missionshaus St. Augustin wurde während des Zweiten Weltkriegs von der Luftwaffe beschlagnahmt, die dort verschiedene Dienststellen unterbrachte. Hierzu gehörte die „Sprachmittler-Abteilung“, deren Entwicklung 1943/44 Flugplatzkenner Hartmut Küper von ihrer Verlegung ins Missionshaus bis zum Ende während der „Schlacht im Hürtgenwald“ nachzeichnet.

Der 170 Seiten umfassende Band ist mit über 60 Abbildungen illustriert und im Rheinlandia Verlag unter der ISBN 978-3-945953-24-2 erschienen. Ab sofort ist er im Stadtarchiv Sankt Augustin im Rathaus sowie im Buchhandel für 6 Euro erhältlich. Herausgeber ist das Stadtarchiv Sankt Augustin, die Redaktion hatte Stadtarchivar Michael Korn.

Weitere Informationen zu der Reihe „Sankt Augustin – Beiträge zur Stadtgeschichte“ und zum Stadtarchiv gibt es bei Stadtarchivar Michael Korn, Tel. 02241/243-508, E-Mail: michael.korn@sankt-augustin.de und im Internet unter www.sankt-augustin.de/stadtarchiv.

Quelle: Sankt Augustin, Pressemitteilung, 16.11.2020

Provenienzforschung anhand von NS-Akten im Brandenburgischen Landeshauptarchiv

Pilotprojekt zur Digitalisierung und Auswertung von 42.000 NS-Akten im BLHA Potsdam startet

Im Rahmen eines mit rund 3,6 Millionen Euro geförderten Pilotprojekts wird das Brandenburgische Landeshauptarchiv (BLHA) die ca. 42.000 Akten der NS-Vermögensverwertungsstelle Berlin-Brandenburg restauratorisch sichern und für Forschung und Öffentlichkeit digital zugänglich machen. Parallel zu einer systematischen elektronischen Erschließung soll die wissenschaftliche Auswertung der historischen Unterlagen Aufklärung über den Entzug und Verbleib von Kulturgut leisten, das im Zuge der NS-Verfolgung beschlagnahmt wurde.

Abb.: BLHA, Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Nr. 19175

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK) finanzieren das Projekt gemeinsam. Mit rund 3,3 Millionen Euro trägt die BKM den größten Anteil der Förderung. Initiator des Projekts war die Moses-Mendelssohn-Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Professor Dr. Julius H. Schoeps. – Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters erklärt:

„Auch mehr als 75 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur hat für mich die Erforschung der Provenienz geraubter Kulturgüter weiterhin höchste Priorität. Der Erhalt des historisch bedeutsamen Akten-Bestandes beim Brandenburgischen Landeshauptarchiv sowie seine Digitalisierung und wissenschaftliche Auswertung sind ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung und zur Erinnerungskultur. Es ist und bleibt unsere historische Verantwortung, die menschlichen Schicksale hinter den Kunstwerken und Akten zu zeigen und die Provenienzforschung nach Kräften zu unterstützen. Dafür müssen wir auch neue technologische Möglichkeiten nutzen. Deshalb ermöglichen wir dieses Pilotprojekt.“

Neben den für die Provenienzforschung wichtigen Informationen zum NS-Kunstraub und zu heutigen Standorten entzogenen Kulturguts enthalten die in Potsdam vorhandenen Verwaltungsakten der sogenannten Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg oft auch letzte Hinweise zum Verfolgungsschicksal der Deportierten und Ermordeten. Sie sind für Angehörige, Rechtsnachfolger und die Wissenschaft weltweit von Bedeutung. – Dr. Irena Strelow, Leiterin der Provenienzforschung im Brandenburgischen Landeshauptarchiv:

„Für die Provenienzforschung sind insbesondere die in den Akten überlieferten Profiteure des nationalsozialistischen Kunstraubes bedeutsam, die in den Zusammenhang mit heutigen öffentlichen Institutionen gebracht werden können. Sie sollen durch eine elektronische Fallsuche ermittelt werden. Die Ergebnisse können helfen, Provenienz-Lücken in öffentlichen Einrichtungen zu schließen, in deren Beständen NS-Raubkunst zu vermuten ist. Aus meiner Sicht ist die Aufdeckung systematischer Strukturen bei der Verwertung jüdischen Eigentums der wichtigste Beitrag für die Provenienzforschung.“

Die rund 2,4 Millionen Aktenseiten des Bestandes müssen zunächst begutachtet, gereinigt, gegebenenfalls restauriert und anschließend digitalisiert werden. In Zusammenarbeit mit der Provenienzforschung im Landeshauptarchiv entwickeln IT-Experten eine Anwendung, mit deren Hilfe die digitalisierten Unterlagen themenorientiert elektronisch ausgewertet werden. Die durch die Auswertung und wissenschaftliche Provenienzforschung erarbeiteten Ergebnisse werden an die Rechtsnachfolger der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung – soweit bekannt – und an diejenigen öffentlichen Einrichtungen und Museen weitergegeben, die nach Aktenlage Kunstobjekte aus ehemaligem jüdischem Besitz erworben haben.


  

Abb.: Aus der Akte BLHA, Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Nr. 19175. Oben: ein Teil der zu digitalisierenden Akten im Magazin des Landeshauptarchivs (Fotos: BLHA Potsdam)

Ein weiteres Ziel ist es, die Ergebnisse und Quellen einer breiten Öffentlichkeit zur wissenschaftlichen Nachnutzung zugänglich zu machen. Forscherinnen und Forscher sollen zukünftig mit diesem für die Holocaust-Forschung zentralen Bestand arbeiten können, ohne dafür nach Potsdam in den Lesesaal des Landeshauptarchivs reisen zu müssen. Das Projekt soll bis Ende 2023 abgeschlossen sein. – Professor Dr. Mario Glauert, Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, zum Mehrwert des Projektes:

„Mit diesem Projekt sichern wir nicht nur einen international bedeutenden Quellenbestand des Archivs. Wir bewahren die Erinnerung an zehntausende Menschen. Die elektronische Bereitstellung und Analyse der Akten wird spannende Zugänge für eine Forschung mit digitalen Werkzeugen eröffnen. Das Pilotprojekt entwickelt interdisziplinäre Methoden, die für viele weitere Aktenbestände der NS-Zeit genutzt werden können.“

Kontakt:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Am Mühlenberg 3
14476 Potsdam
OT Golm
https://blha.brandenburg.de/

Postanschrift:
Postfach 600449
14404 Potsdam
poststelle@blha.brandenburg.de

Tel.: 0331 5674-270
Fax: 0331 5674-212
benutzerdienst@blha.brandenburg.de

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Pressemitteilung, 17.11.2020

Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera 4/2020

Unter dem Titel „Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera“ informiert das Stadtarchiv Gera vierteljährlich über aktuelle Entwicklungen und historische Themen rund um eigene Arbeit. Im 4. Informationsbrief 2020 des Stadtarchivs Gera wird unter anderem auf die Kaffee-Rösterei Max Richter eingegangen, welche sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur heute am Kornmarkt befindlichen Kaffeerösterei befand.

Darüber hinaus wird über eine kuriose, multifunktionale Telefonzelle aus der Zeit um die Jahrhundertwende ebenso wie über den 100. Geburtstag des Geraer Restaurators Kurt Thümmler berichtet. Dessen segensreiches Wirken kam auch zahlreichen Kirchen und anderen Gebäuden sowie Plastiken, Altären und anderweitigen Kunstgegenständen in Gera und Umgebung zugute. Der vierte Artikel unsere Informationsbriefes gibt einen Ausblick auf die voraussichtlich noch in diesem Jahr im Stadtmuseum Gera eröffnende Sonderausstellung über das im Zuge des Zweiten Weltkrieges 1945 zerstörte Schloß Osterstein.

Abb.: Kurt Thümmler bei der Restaurierung einer Madonna mit Kind im Jahr 1973 (Quelle: Eigentum: privat – Fotograf: Heinz Gerisch)

Der 1999 verstorbene Restaurator Kurt Thümmler wäre am 22.10.2020 100 Jahre alt geworden. Vielen Geraern und Thüringern, vor allen den an der Erhaltung und Restaurierung von Kulturdenkmalen interessierten Bürgern, ist Kurt Thümmler als Restaurator und Konservator noch in Erinnerung. 1997 erhielt er den Denkmalpreis der Stadt Gera für sein Lebenswerk. Sein Arbeitsfeld umfasste die Restaurierung von Altären und geschnitzten Figuren, er restaurierte Kirchen, Rathäuser, Bürgerhäuser, war beratend bei der Farbgestaltung historischer Fassaden tätig und fertigte sowie restaurierte Bleiglasfenster, u. a. auch für Schulen und Kaufhäuser. Er entwarf Vorlagen für andere Künstler, so zum Beispiel für die Keramikerin Susanne Engelmann, mit der die Familie Thümmler befreundet war. Der ehemalige Landeskonservator des Landesamtes für Denkmalpflege, Rudolf Zießler, schrieb in seinem Brief zur Denkmalpreisverleihung, dass mindestens ein Viertel aller Kirchen in Thüringen sowie zahlreiche private und kommunale Denkmale, insgesamt ca. 800 Denkmale, Fassaden, Innenausstattungen und bewegliche Kunstgüter, von Kurt Thümmler während seiner 47 Arbeitsjahre betreut wurden. Kurt Thümmler arbeitete immer nach dem Prinzip der Achtung vor dem historischen Kunstwerk

Kontakt:
Stadtarchiv Gera
Gagarinstraße 99/101
07545 Gera
Tel. 0365/838-2140 bis 2143
stadtarchiv@gera.de
www.gera.de/stadtarchiv

Biographisches Standardwerk zu den Aschaffenburger Oberbürgermeistern

Mit der Neuerscheinung „Stadtoberhäupter. Bürgermeister und Oberbürgermeister in Aschaffenburg“ präsentiert die Stadt ein biographisches Grundlagenbuch zur Aschaffenburger Geschichte: 15 Biographien der Aschaffenburger Stadtoberhäupter, beginnend bei Jakob Leo in der Umbruchzeit um 1800 bis hin zum Ende der Amtszeit von Klaus Herzog im Frühjahr 2020. Der Band skizziert aber auch die Entwicklungen in der langen Mainzer Zeit seit dem Mittelalter.

Das Buch basiert auf der 1983 erarbeiteten Publikation „Aschaffenburger Stadtoberhäupter von 1818 bis 1983“ von Carsten Pollnick. Nach fast vierzig Jahren war es an der Zeit, eine erweiterte und umfassend ergänzte Neuauflage herauszugeben. Sie enthält jetzt eine vollständig neu bearbeitete Biographie von Oberbürgermeister Dr. Willi Reiland sowie einen Beitrag zu Klaus Herzog. Beide wurden geschrieben von Susanne von Mach.

Mit Klaus Herzog ist auch derjenige Oberbürgermeister angesprochen, dem die Neuerscheinung als „Festschrift“ zum Abschied aus dem Amt übergeben werden sollte. Die Corona-Pandemie hat im Frühjahr 2020 dazu geführt, dass sämtliche Abschiedsfeiern abgesagt werden mussten.

Die ansprechend gestaltete Neuerscheinung ist für 12 Euro über den Buchhandel sowie das Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg erhältlich.

Info:
Carsten Pollnick / Susanne von Mach:
Stadtoberhäupter. Bürgermeister und Oberbürgermeister in Aschaffenburg
Aschaffenburg 2020 (Stadt- und Stiftsarchiv: Sonderpublikationen),
ISBN 978-3-922355-38-0. 106 S. mit zahlreichen Abbildungen.

Quelle: Stadt Aschaffenburg, Pressemitteilung, 10.11.2020

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