Stadtarchiv Bamberg präsentiert Jahreskalender 2022

»Bamberg – Stadt am Fluss« … unter dieser Überschrift steht der neue Kalender des Stadtarchivs Bamberg für das Jahr 2022, der jetzt erschienen ist. Auf dreizehn interessanten Fotografien aus den reichhaltigen Bildbeständen des Stadtarchivs dokumentiert dieser Kalender die Rolle, die die Regnitz für die Stadt Bamberg spielt.


Abb.: Bamberg – Stadt am Fluss. Stadtarchiv Bamberg stellt seinen Jahreskalender 2022 vor (Foto: Stadtarchiv Bamberg)

Es ist der Fluss selbst, der hier im Mittelpunkt steht, mit seinem Verlauf, seiner sicher nicht bestreitbaren Idylle, aber auch seinem Gefahrenpotenzial bei Hochwasser und seiner Bedeutung als Verkehrsweg und Wirtschaftsfaktor. Die Regnitz war und ist ein wesentlicher Verkehrsweg. Dies gilt für die Erholung suchenden Menschen Ende des 19. Jahrhunderts, bei denen ein Spaziergang im sonntäglichen Gewand sowie das Übersetzen in der Fähre bei Bug besondere Höhepunkte des Sonntagsausflugs waren. Ähnliches gilt aber auch heute entlang des Adenauerufers, das erst mit erheblichem Bauaufwand zu Beginn der 1960er Jahre seine heutige Gestalt erhielt und gerade in der Luftaufnahme nur wenige Jahre zuvor ein völlig anderes Aussehen hatte. Der Fluss als Teil des Main-Donau-Kanals unterlag erheblichen baulichen Eingriffen, wie die Aufnahme vom der Eröffnung des Bamberger Staatshafens zeigt, der 1962 eröffnet wurde.

Immer wieder belegen die Brücken – sei es nun das Kalenderbild der Unteren Brücke oder die beiden Aufnahmen der Löwenbrücke mit den von US-Militär nach 1945 durchgeführten Bauarbeiten oder die Arbeiten an der neuen Löwenbrücke 2008 – wie sehr Bamberg schon aus Versorgungsgründen auf diese Bauwerke angewiesen ist. Längst vergangene oder grundsätzlich andere Blickbeziehungen zu Bauwerken der vertrauten Altstadt runden diesen Kalender ab.

„Das Stadtarchiv birgt eine Schatzkiste historischer Ansichten Bambergs. Seit einigen Jahren lässt es alle Bürgerinnen und Bürger mit liebevoll gestalteten Kalendern noch stärker daran teilhaben. Diesmal steht das Leben am Fluss im Mittelpunkt. Wie sehr die Regnitz Bamberg geprägt hat und dies noch immer tut, das wird bei dieser Ausgabe des Stadtarchivkalenders besonders deutlich,“ betonte Kulturreferentin Ulrike Siebenhaar bei der Vorstellung des Kalenders.

Der Stadtarchiv-Kalender ist zum Preis von 14,95 € (ggf. plus Versandkosten) im Stadtarchiv Bamberg oder im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-929341-68-3).

Kontakt:
Stadtarchiv Bamberg
Untere Sandstr. 34 a
96052 Bamberg
Tel.: 0951 8713713
stadtarchiv@stadt.bamberg.de
http://www.stadtarchiv-bamberg.de

Quelle: Stadt Bamberg, Pressemitteilung, 13.10.2021

Ausstellung über das Halbleiterwerk Frankfurt (Oder)

Wie das Halbleiterwerk in Frankfurt (Oder) die Stadt und die Region zwischen 1959 und 1990 prägte, ist Thema der Ausstellung „Menschen Maschinen Mikroelektronik. Industriekultur am Beispiel des Halbleiterwerks Frankfurt (Oder)“, die am 17.10.2021 im Stadtarchiv Frankfurt (Oder) eröffnet wurde. Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und dem Frankfurter Stadtarchiv.

Abb.: Montage von Leiterplatten in der Konsumgüterproduktion im ehemaligen Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) in einem Bildband aus den 70er Jahren (Foto: Stadtarchiv Frankfurt (Oder)).

In einem Seminar unter Leitung der Wirtschaftshistorikerin Prof. Dr. Rita Aldenhoff-Hübinger konzipierten Viadrina-Studierende die Schau gemeinsam mit Mitarbeitenden des Stadtarchivs und erarbeiteten diese mit Materialien aus der Sammlung des Archivs. „Wir wollen die Verflechtung zwischen Werk und Stadt zeigen und veranschaulichen, wie sich die Gesellschaft um den VEB herum organisierte“, so Prof. Dr. Rita Aldenhoff-Hübinger.

Die Ausstellung betrachtet dafür u. a. sportliche und kulturelle Aktivitäten um das Halbleiterwerk, internationale Einflüsse und das Wirken der SED im Arbeitsalltag. Sozialistische Gesellschaften waren um wirtschaftliche Betriebe herum organisiert. Diese spezifisch sozialistische Industriekultur (Stichwort: „betriebszentrierte Gesellschaft“) wird am Beispiel des VEB Halbleiterwerk in Frankfurt (Oder) erkundet und sichtbar gemacht.

Die Ausstellung wird begleitet durch Vorträge von Forschenden der Europa-Universität, jeweils mit Diskussion und anschließender Führung.

Termine:

Mittwoch, 10. November 2021, 17.00 Uhr
„Das Halbleiterwerk und seine Rolle in der Bezirksstadt Frankfurt (Oder)“. Vortrag mit Diskussion von Professorin Dr. Rita Aldenhoff-Hübinger

Mittwoch, 8. Dezember 2021, 17.00 Uhr
„Halbleiter, Automatisierung und neue Bruchlinien in der Arbeitswelt der DDR (1970er und 1980er Jahre)“. Vortrag mit Diskussion von Prof. Dr. Klaus Weber und Florian Schwabe

Mittwoch 19. Januar 2022, 17.00 Uhr
„Außenhandel als Innovationsbarriere. Technologieimporte in der DDR-Mikroelektronik“. Vortrag mit Diskussion von Dr. Falk Flade

Für alle Veranstaltungen gilt die Anmeldepflicht sowie die 3-G-Regel.

Die Ausstellung ist vom 19. Oktober 2021 bis 28. Februar 2022 regulär jeweils dienstags bis donnerstags 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Kontakt:
Stadtarchiv Frankfurt (Oder)
Rosa-Luxemburg-Straße 43
15230 Frankfurt (Oder)
Tel.: 0335 552-4300
stadtarchiv@frankfurt-oder.de
https://www.stadtarchiv-ffo.de/

Quelle: Stadt Frankfurt (Oder), Pressemitteilung, 13.10.2021

Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte 2021

Preisverleihung im Rahmen des Industriekulturabends „Exil aus Berlin“.

Zum vierten Mal wird der Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte verliehen. 2021 erhält Nathalie Scholl von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) den Preis, der unter der Schirmherrschaft von Christoph Stölzl, ehemaliger Berliner Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur und jetziger Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar sowie Gründungsdirektor des Berliner Exilmuseums, am 5.11.2021 übergeben wird. Den Rahmen bildet der 26. Industriekulturabend „Exil aus Berlin“.

Der vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. mit 1.000 Euro dotierte Preis für Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsgeschichte 2021 geht an Nathalie Scholl für die im Studiengang Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin vorgelegte Bachelor-Arbeit mit dem Titel „Erforschung und digitale Vermittlung der Geschichte der Argus-Motoren-Gesellschaft mbH am Standort Berlin-Reinickendorf“.

Stellvertretend für die Jury des BBWA-Beirates würdigt Prof. Dr. Dorothee Haffner, HTW Berlin, die eingereichten Arbeiten, die den Erkenntnis- und Wissenstand auf dem Gebiet der regionalen Wirtschaftsgeschichte Berlin-Brandenburgs vertiefen und bereichern. „Diesem Anspruch haben sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Wettbewerb gestellt und mit ihren eingereichten Beiträgen einen spezifischen Teil der Vergangenheit erschlossen und damit auch einen Beitrag dafür geleistet, wie wir die Zukunft gestalten können.“

Industriekulturabend „Exil aus Berlin“
Das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz war einst das größte Europas. Dabei hatte sich diese Betriebsform in Deutschland erst spät entwickelt. Der Sohn der Familie Wertheim, Georg, führte im 19. Jahrhundert erstmals völlig neue Geschäftsprinzipien ein. Massenprodukte wurden zu günstigen Preisen in einem repräsentativen Rahmen angeboten, was den Kundinnen und Kunden gut gefiel und die Expansion  beförderte. Die Unternehmensgeschichte ist untrennbar mit der Familiengeschichte verbunden. So musste sich die jüdische Familie beständig mit antisemitischen Anwürfen auseinandersetzen. Doch das Unternehmen konnte seine starke Stellung, allen Anfeindungen zum Trotz, noch ausbauen. Der ohnehin schwierige Übergang zur nächsten Generation wurde durch den Machtantritt der Nationalsozialisten überschattet. Während die drei familienbezogenen Geschäftsführer in Deutschland starben, versuchten sich ihre Geschwister und deren Kinder in der Emigration zu behaupten.

Das geplante Exilmuseum Berlin wird die Personen mit ihren individuellen Lebensgeschichten in den Mittelpunkt stellen, die ihr Heimatland wegen der NS-Herrschaft verlassen mussten. Sie sind die Akteure und Träger der Exilgeschichte. Das Museum wird die Erfahrung des Exils in bestimmten Motiven und Themen nachspüren und historische Hintergründe verständlich machen.

Kontakt:
Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
Björn Berghausen, Geschäftsführer
Eichborndamm 167, Haus 42
13403 Berlin
Telefon 030 41190698
Telefax 030 41190699
mail@bb-wa.de
http://www.bb-wa.de

Quelle: BBWA, Pressemitteilung, 18.10.2021

Kulturpreisträgerin spendet Preisgeld ans Stadtarchiv Fürth

Die Trägerin des Fürther Kulturpreises 2020, Gisela Naomi Blume, spendet ihr Preisgeld in Höhe von 8.000 Euro dem Stadtarchiv Fürth, das damit zwei Bände mit Gemeindeverwaltungsakten aus dem 17. und 18. Jahrhundert restaurieren lässt.

Gisela Naomi Blume habe die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Fürths, aber auch das Leben der „Namenlosen“ erforscht, so die Begründung des Kuratoriums zur Verleihung des Kulturpreises. Mit ihren Büchern habe sie an die Vergessenen, Vertriebenen und Ermordeten erinnert und gleichzeitig gezeigt, wie groß der Verlust für die Stadt gewesen ist.

Die 1938 geborene Historikerin und Autorin Blume begann ihr Fürther Engagement mit der Rekonstruktion des alten jüdischen Friedhofs. 2001 konvertierte sie zum Judentum und stand der Kultusgemeinde von 2004 bis 2008 vor. 2011 zeichnete die Stadt Fürth sie mit dem Goldenen Kleeblatt aus.


Abb.: Für ihr außergewöhnliches persönliches Engagement im Bereich der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens in der „Kleeblattstadt“ Fürth erhielt Gisela Naomi Blume bereits 2011 aus den Händen von Oberbürgermeister Thomas Jung das Goldene Kleeblatt. (Foto: Claudia Wunder)

Die in Fürth lebende Historikerin Gisela Naomi Blume hat in jahrelanger Arbeit in Archiven in Fürth, Nürnberg, Israel und den USA, in ehemaligen Konzentrationslagern und Gedenkstätten die Namen und Schicksale vertriebener, ermordeter und vergessener Jüdinnen und Juden aus Fürth aufgespürt. Mit Hilfe der Israelin Nurit Kornblum entzifferte sie die hebräischen Inschriften aller Grabsteine auf dem Alten jüdischen Friedhof und legte zum 400. Jahrestag des Friedhofs ihr Buch „Der alte jüdische Friedhof in Fürth“ vor. Darin gibt sie Einblicke in die Geschichte des Friedhofs aber auch in die Entwicklung einer der größten jüdischen Gemeinden Süddeutschlands. In unermüdlicher Forschungsarbeit hat sie inzwischen rund 20.000 Datensätze zusammengetragen. Mit ihrem Engagement erinnert sie an das jüdische Erbe der Stadt und macht den großen Verlust erfahrbar.

Abb.: Gisela Naomi Blume: Der neue jüdische Friedhof in Fürth. Geschichte – Gräber – Schicksale, Nürnberg 2019, 736 S.

Der neue jüdische Friedhof in Fürth wurde 1906 eröffnet und umfasst heute nicht weniger als 875 Grabstätten, in denen rund 1075 Personen bestattet worden sind. Er ist für Fürth ein Kulturdenkmal ersten Ranges, das die bedeutsame Rolle jüdischer Bürger spiegelt, die in der Stadt nicht selten eine öffentliche Rolle gespielt haben und wirtschaftlich, kulturell oder karitativ von großer Bedeutung waren.

Das Buch von Gisela Naomi Blume („Der neue jüdische Friedhof in Fürth“) beschäftigt sich zunächst mit der Geschichte des Beerdigungsgeländes, dessen Einrichtung, Entwicklung und bauliche Ausstattung beleuchtet werden. Erläutert werden auch die religiösen Riten, die die Besonderheit jüdischer Begräbnis- und Friedhofskultur ausmachen. Im Hauptteil sind alle erhaltenen Grabstätten ausführlich dokumentiert: neben farbigen Fotos der Gräber werden die Inschriften transkribiert und ggf. übersetzt. Eingehend werden Lebensdaten, familiäre Zusammenhänge und sozialer Stand der Bestatteten sowie ihre früheren Wohnverhältnisse aus einer Vielzahl von Quellen und oft abgelegener Literatur rekonstruiert, dargestellt und nicht selten anhand historischer Aufnahmen verbildlicht. In detaillierten Lebensläufen lassen sich auch die bestürzenden Schicksale während der NS-Zeit und die Zerstreuung der einstigen Gemeinde in ganz Europa und Übersee nachvollziehen.

Ein umfangreicher Namensindex der Bestatteten und ihrer Ehepartner und ein Index der zeitweise in jüdischem Besitz befindlichen, oft heute noch bestehenden Häuser erschließen das materialreiche Buch.

Link: juedische-fuerther.de

Quelle: nordbayern.de, 15.10.2021; nordbayern.de, 4.7.2020; Gesellschaft für Familienforschung in Franken: PGS 12; Stadt Fürth, Pressemitteilung, 1.12.2011; Stadt Fürth: Film zeigt Kulturpreisträgerinnen und -träger, 18.11.2020; Fürthwiki: Art. Gisela Naomi Blume, 12.10.2021; Stadt Fürth, Pressemitteilung, 12.10.2021

Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln: BGH hebt Freisprüche auf

Der Prozess gegen zwei Bauleiter wegen des Einsturzes des Historischen Archiv der Stadt Köln muss in Teilen neu aufgerollt werden. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) am 13.10.2021 entschieden. Der BGH gab den Revisionen der Kölner Staatsanwaltschaft gegen die Urteile des Kölner Landgerichts vom Oktober 2018 statt. Laut Gericht weisen die Freisprüche für die beiden Angeklagten Rechtsfehler auf.


Abb.: Das Historische Archiv der Stadt Köln nach dem Einsturz am 3.3.2009 (Foto: Stadt Köln)

Das Landgericht Köln hatte festgestellt, dass die zwei Bauleiter der ausführenden Firmen gegen Sorgfaltspflichten bei der Betreuung einer Baugrube verstoßen hatten. Diese seien aber nicht die Ursache für den Einsturz gewesen. Deshalb hatte das Kölner Landgericht die zwei Männer in einem Prozess freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte dagegen jetzt Beschwerde ein.

Urteil vom 13. Oktober 2021 – 2 StR 418/19

Das Landgericht hat zwei Angeklagte vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Nach den Feststellungen kam es am 3. März 2009 zu dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln sowie zweier Wohngebäude, bei dem zwei Menschen zu Tode kamen und ein Schaden – insbesondere an den Gebäuden und dem Archivgut – in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags entstanden ist. Ursache des Unglücks war zur Überzeugung der Strafkammer die Havarie einer rund 27 Meter tiefen Baugrube in unmittelbarer Nähe der Gebäude, die im Zuge eines Großprojekts zur Errichtung einer Stadtbahn ausgehoben worden war. Die Erstellung der seitlichen Schlitzwand der Baugrube, mit welcher das Eindringen von Grundwasser verhindert werden sollte, war nicht fachgerecht erfolgt. Infolgedessen hielt diese Wand am Unglückstag dem Wasserdruck nicht mehr stand, wodurch Wasser, Sand und Erdreich in die Baugrube einströmten und so unter den anliegenden Gebäuden ein Hohlraum entstand, der zu deren Einsturz führte.

Die beiden Angeklagten waren als Bauleiter in verantwortlicher Position jeweils für eine Abteilung der bauausführenden Arbeitsgemeinschaft tätig. Nachdem die Schlitzwand durch die Abteilung „Spezialtiefbau“ im Baugrund errichtet worden war, wurde anschließend die Grube durch die Abteilung „Ingenieurbau“ ausgehoben. Eine Übergabe der Baustelle zwischen den Abteilungen – die ohnehin nicht vorgesehen war – fand nicht statt. Bei der Errichtung der Schlitzwand kam es zu mehreren Zwischenfällen auf der Baustelle, bei der eingesetztes Baugerät ebenso beschädigt wurde wie Teile der bereits errichteten Abschnitte der Wand.

Das Landgericht hat zwar Sorgfaltspflichtverletzungen der Angeklagten festgestellt. Indes waren diese nach den Wertungen der Strafkammer für den Einsturz der Gebäude nicht ursächlich.

Auf die Revisionen der Staatsanwaltschaft hat der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs die Freisprüche aufgehoben und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen. Nach Ansicht des Senats hat die Strafkammer bei der Bestimmung der die Angeklagten treffenden Sorgfaltspflichten maßgebende Umstände – insbesondere die gehäufte Zahl an Zwischenfällen auf der Baustelle sowie die fehlende Abstimmung der Abteilungen untereinander – außer Betracht gelassen. Über den Vorwurf der Anklage muss damit neu befunden werden.

Quelle: Bundesgerichtshof, Pressemitteilung 185/2021, 13.10.2021; WDR, Nachrichten, 13.10.2021

125 Jahre »Per Express nach Fallingbostel«

Auch wenn die Geschwindigkeit nicht unbedingt expressmäßig war, die Eröffnung der knapp 26 Kilometer langen Eisenbahnstrecke Walsrode-Fallingbostel-Dorfmark-Soltau – einem Teilstück der „Heidebahn“ – vor 125 Jahren am 1. Oktober 1896 brachte überaus wichtige Impulse für die Entwicklung des Ortes Fallingbostel. Ohne die Eisenbahn, wäre das „Paradies der Heide“ im Dornröschenschlaf verblieben und hätte keinen Aufschwung als beliebter Fremdenverkehrsort gefunden.


Abb.: Postkarte „Grüße per Express“, gelaufen im Jahr 1905 (Stadtarchiv Bad Fallingbostel)

Allerdings mussten die Fallingbosteler lange Jahre warten, bis aus den Plänen Wirklichkeit wurde. Als dann 1891 endlich die Regierung die von den Fallingbostelern favorisierte Streckenführung genehmigte, wurden Böllerschülle vom Tütberg abgefeuert. Im Juni 1891 fand nach einem Fackelzug durch den Ort im „Hotel zur Lieth“ ein Eisenbahnfest statt, bei dem 600 Liter Freibier ausgeschenkt wurden und das „Lied der Fallingbosteler“ zum ersten Mal erklang, das der Bürstenmacher D. Pröhl in recht holprigen Versen gedichtet hatte. Auch wenn es noch weitere fünf Jahre dauerte, bis die Eisenbahnstrecke eingeweiht werden konnte, die Eisenbahnbegeisterung der Fallingbosteler kann man sich kaum besser eingefangen vorstellen, als in diesem Lied der Fallingbosteler:

Nun endlich kommt nach langer Wahl,
Die Eisenbahn ins Böhmetal,
Die das wollten hintertreiben,
Mögen uns gewogen bleiben,
Die Eisenbahn kommt bald, ja, ja,
Jupp heidi, jupp heida,
Ins Böhmetal hurra!

Ja, dann auf dem Fahrplan steht,
Wann es nach Fallingbostel geht,
Von Hannover, Kaltenweide
Nach dem Paradies der Heide
usw.

Auch steht’s in Möllers Kursbuch dann,
Auf welcher Station man kann,
Von der Uelzen-Bremer Strecke
Nach hier biegen um die Ecke.
usw.

Bringt sie uns dann von nah und fern,
Viel Fremde, sehen wir so gern,
Aus Hannover, Hamburg, Bremen
Und woher sie sonst noch kämen.
usw.

Denn doch ein Fremder gerne sieht,
Bei Fallingbostel mal die Lieth,
Klettert gar bei größter Hitze
Auf die Klinter Liethbergspitze.
usw.

Und wär’s auch einer gar vom Rhein,
Labt er sich an dem Liter Wein,
In dem Tale, wo so helle,
sprudelt die Gesundheitsquelle.
usw.

Ist die Bahn nur sekundär,
Sind dennoch dankbar wir gar sehr,
Allen, die behülflich waren,
Daß wir hier mit Dampf bald fahren.
usw.

Dann geht es schnell von Dorf zu Dorf,
Wo wird verladen Holz und Torf,
Und wir dann fahren zum Besuch,
Stracks über Dorfmark, Jettebruch.
usw.

Und weiter auch nach Soltau dann,
Wo dann, wenn wir kommen an,
Die Freunde rufen: Je mi ne,
Fallingbosteler je juch he!
usw.

In Soltau geht’s dann hopp, hopp, hopp,
Da wird getanzt im Schottsch-Galopp.
Und damit wir bleiben munter,
Trinken wir auch mal mitunter.
usw.

Und zwar bis jeder hat genug,
Und nicht verpaßt den letzten Zug,
Sondern schon im Wagen krimmelt,
Wenn die Glock zur Abfahrt bimmelt.
usw.

Und wenn dann keiner bricht das Genick,
Sind wir bald von dort zurück.
Werden, eh‘ wir’s uns versehen,
Wieder auf dem Bahnhof stehen.
usw.

Drum schwingen wir heut wohlgemut,
Hoch unsere Mützen, hoch den Hut,
Singen, daß es laut erschalle
Und es weithin wiederhalle:
Die Eisenbahn kommt bald, ja, ja,
Jupp heidi, jupp heida,
Ins Böhmetal, hurra!

Kontakt:
Stadtarchiv Bad Fallingbostel
Dr. Wolfgang Brandes
Vogteistraße 1
29683 Bad Fallingbostel
Tel.: 05162 / 40118
stadtarchiv@badfallingbostel.de

Quelle: Stadtarchiv Bad Fallingbostel, Archivalie des Monats Oktober 2021

Der Emsländische Renn- und Pferdezuchtverein von 1920

Der Pferderennsport hat eine lange Tradition. Das erste Rennen wurde 1822 in Deutschland im mecklenburgischen Bad Doberan durchgeführt. Der Pferderennsport breitete sich im Land aus und fand viele Anhänger. In rascher Folge entstanden Rennbahnen, so in Münster, Castrop, Burgsteinfurt und in Quakenbrück. Auch in Lingen begann man sich für den Pferderennsport zu interessieren. Die Geschichte des Emsländischen Renn- und Pferdezuchtvereins beginnt am 4. Juli 1920. An diesem Tag fand in der Gastwirtschaft Tieding eine Versammlung von Freunden der Pferdezucht und des Rennsports statt.

Initiator der Versammlung war der Lingener Hoffschrör, der vorschlug, zur Veranstaltung von Pferderennen und zur Förderung der Pferdezucht einen Verein zu gründen. An einer Vereinsmitgliedschaft Interessierte konnten sich in einer bei Tieding ausliegenden Liste eintragen. Bald konstituierte sich ein vorbereitender Ausschuss, bestehend aus Landrat Albert Pantenburg und Emanuel Graf von Galen.


Abb.: Pferderennverein, o.D. (Foto: Heimatverein Lingen)

Wenige Tage nach dem ersten Treffen bat von Galen die Stadt um ein Grundstück zur Errichtung einer Pferderennbahn. Er dachte an ein mit Fichten bestandenes Gelände am Kleinbahnübergang der Haselünner Straße, also im Bereich der heutigen Schillerstraße. Die Stadt reagierte wohlwollend, sie hoffte auf steigenden Fremdenverkehr und entsprechende Steuereinnahmen. Nach einer Geländebesichtigung stimmten die städtischen Kollegien zu, am 10. Oktober erfolgte die offizielle Vereinsgründung, und am 25. Februar 1921 kam es zum gemeinsamen Vertragsschluss. Demnach stellte die Stadt das Grundstück kostenlos zur Verfügung, die Kosten für die Anlegung einer Rennbahn aber sowie die Errichtung einer Tribüne hatte der Verein selbst zu finanzieren. Die Bauarbeiten auf dem bereits mit einem Dampfpflug bearbeiteten Gelände begannen zügig, eine rund 1270 Meter lange und 25 Meter breite Rennbahn für Flach- und Hindernisrennen entstand ebenso wie eine überdachte Tribüne für 400 Personen mit Verwaltungs- und Restaurationsräumen und ein Totalisatorgebäude für die Annahme von Pferdewetten.

Und so konnte vor nunmehr hundert Jahren – am 11. September 1921 – das erstes Pferderennen stattfinden. In gewisser Hinsicht war die Veranstaltung auch ein Erfolg: sie wurde bemerkenswert gut besucht. Genaugenommen wurde sie zu gut besucht. Denn wegen des enormen Andrangs gelang es nicht, die öffentliche Ordnung am Rennplatz und auf den Zufahrtswegen aufrechtzuerhalten. Die Lingener Polizei war schlichtweg überfordert. Die Kassen waren völlig überlaufen, und angesichts fehlender Ordner strömten die Zuschauer schon vor Rennbeginn ins Innere der Rennbahn. „Ein Wunder, daß kein Unglück passiert ist“, kommentierte später der Lingener Volksbote. Für das zweite Rennen am 21. Mai 1922 mussten zwanzig Beamte der Schutzpolizei Osnabrück angefordert werden, und Feuerwehrleute sollten verhindern, dass niemand mit Zigarette im Wald herumlief. Der zusätzliche Aufwand kostete, und so befand sich der Verein von Anbeginn in einer finanziell schwierigen Lage. Die immer stärker anziehende Inflation tat ihr Übriges. Entsprechend finanzierte der Verein auch die vergebenen Preise nicht selbst, jedes Mal musste die Stadt erneut um Beihilfe gebeten werden. Die gewährte anfangs großzügig 1500 Mark, doch von Rennen zu Rennen sank der Betrag.


Abb.: Auf der Lingener Rennbahn um 1924 (Foto: Stadtarchiv Lingen)

Faktisch war der Fortbestand des Vereins wesentlich vom Erfolg der nächsten Rennveranstaltung abhängig. So konzentrierte man sich auf die Frühlingsrennen, die Herbstrennen 1922 und 1923 fielen aus. Nach einem finanziell unbefriedigenden Rennen stand man Mitte 1924 schließlich mit 26.000 Mark Schulden da. Einige Gläubiger zogen gar vor Gericht. Man fürchtete das Ende des Vereins und versuchte, die Tribüne auf Abbruch zu verkaufen, obwohl das ohne Zustimmung des Magistrats verboten war. Schließlich fand sich doch noch eine Lösung. Im Januar 1925 übernahm die Sparkasse des Kreises Lingen die Schulden des Vereins – inklusive der Schulden, die der Verein bei der Sparkasse selbst hatte – und wurde damit Eigentümerin sämtlicher Bauwerke auf dem Rennbahngelände. Der Verein durfte die Rennbahn jedoch weiterhin nutzen, und so fanden auch weiterhin Pferderennen statt. Mit dem Pferdezuchtverband Osnabrück holte man sich einen Partner ins Boot. Fortan stand auch eine Reichsverbandsstutenschau auf dem Programm. 1929 fanden noch einmal ein Frühjahrs- und Herbstrennen statt, 1930 noch eine Stutenschau, doch die finanzielle Situation des Vereins blieb prekär.

Im März 1931 beschloss die Sparkasse den Verkauf der Gebäude. Doch die Tribüne war reparaturbedürftig, der Verkauf des Abbruchmaterials hätte vielleicht noch 500 Mark eingebracht. Und der Abbruchwert des Totalisatorhäuschens hätte gerade ausgereicht, seinen Abbruch zu bezahlen. Die Stadt gab ein entsprechend niedriges Angebot ab, und so fiel der Verkauf aus. Was blieb, war eine Pferderennbahn, auf der keine regulären Pferderennen mehr stattfanden. Im Oktober 1931 veranstaltete der Reiterverein für Lingen und Umgebung noch ein einzelnes Rennturnier, und im September 1935 überließ man die Anlage der inzwischen in Lingen stationierten Garnison für ein Jagdreiten. Das letzte Rennen auf der dafür extra wieder hergerichteten Rennbahn, veranstaltet vom Lingener NS-Reiterkorps und der Lingener SA-Reiterschar, fand im Mai 1939 statt.

Bereits 1933 hatte der Landwirt Hermann Bojer, ohnehin längst Pächter dortiger Grünflächen, Interesse an dem Gelände angemeldet. Er wollte hier ein Bauernwohnhaus mit Stallung errichten. Aber die städtischen Kollegien lehnten das zunächst ab. 1936 erwarb er es dann doch – offenbar ohne jeden Vertrag. 1938 baute er einen Teil der Tribüne zu einem Bauernhaus um, 1940 den anderen Teil zu einem Wirtschaftstrakt. 1966 wurde das ganze Gebäude nach einem Blitzeinschlag abgerissen. Der Rennverein lässt sich 1934 zum letzten Mal belegen. Er dürfte wenig später in Konkurs gegangen sein.

Quellen und Literatur:

  • Stadtarchiv Lingen (StadtA LIN), Altes Archiv, Nr. 6630.
  • StadtA LIN, Fotosammlung.
  • StadtA LIN, Haus Beversundern (Dep.), Nr. 121.
  • StadtA LIN, Lingener Volksbote vom 28.8., 14.9. und 2.10.1920.
  • StadtA LIN, Lingensches Wochenblatt vom 6.7. sowie 12., 17. und 28.8.1920.
  • StadtA LIN, Stadt Lingen, Nr. 597.
  • Stephan Schwenke: Der Emsländische Renn- und Pferdezuchtverein aus Lingen, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes 56 (2010), S. 115-133.

Kontakt:
Stadtarchiv Lingen (Ems)
Baccumer Straße 22
49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591 / 91671-11
stadtarchiv@lingen.de

Quelle: Stadtarchiv Lingen, Archivalie des Monats Oktober 2021; Heimatverein Lingen / Dr. Stephan Schwenke, Archivalie des Monats Juni 2009

Traunsteiner Hindukusch-Expedition 1961

„Wie wir bereits ausführlich berichteten, rüsten seit Wochen fünf junge Traunsteiner zu einer großangelegten Kundfahrt in den Hindukusch. Nun ist es so weit, sie sind unterwegs. Am Mittwoch stellten sie sich noch einmal dem Fotografen, und am gleichen Tag ging es los. Erstes Ziel ist Jugoslawien, dann geht’s durch Griechenland und über den Bosporus, durch die Türkei, nach Persien und von dort zum Ziel in Afghanistan. […] Kabul ist die letzte größere Stadt, bis die fünf jungen Traunsteiner die Fahrt in die Wildnis des Hindukusch-Gebirges wagen. Sie sind in ihren [sic] Volkswagen-Bus gut ausgerüstet. Als sie am Mittwoch Traunstein verließen, erregte der vollgepackte Bus Aufsehen, schon durch die Aufschrift: ‚Traunsteiner Hindukusch-Expedition‘. Alsdann ‚Gute Fahrt‘ […].“ So stand es vor sechzig Jahren, am 7. Juli 1961, im Traunsteiner Wochenblatt zu lesen.


Abb.: Die Teilnehmer (von links) Fritz Wagnerberger (†), Karl Brenner, Dietrich von Dobeneck (†), Otto Huber und Karl Winkler (†) vor dem Haus der Familie Dobeneck in Haslach, das „der Dietrich regelmäßig in ein ‚Expeditions-Basislager‘ verwandelte – geduldet von der toleranten Familie von Dobeneck“, so Otto Huber (Foto: Stadtarchiv Traunstein)

Zum 60. Mal jährt sich 2021 diese „Traunsteiner Hindukusch-Expedition“, und man darf sie mit Fug und Recht als „legendär“ bezeichnen. Einer der Teilnehmer war Dietrich von Dobeneck, der am 21. März 2021 verstorbene honorige Mäzen des Traunsteiner Kulturlebens. Ein Teil seines Nachlasses fand den Weg in das Stadtarchiv Traunstein (vgl. Archivale des Monats Juni 2021), darunter auch ein Fotoalbum zu besagter Expedition. Die darin enthaltenen Bilder sind von beeindruckender Schönheit und hohem dokumentarischen Wert. Nachfolgend wird der einleitende Text zu diesem Fotobuch, verfasst von Otto Huber, einem weiteren Expeditionsmitglied, im Wortlaut (nur die Rechtschreibung wurde den heutigen Regeln angepasst) wiedergegeben, illustriert mit einigen wenigen ausgewählten Aufnahmen – alle wären es wert, hier gezeigt zu werden. Sie stammen von Karl Brenner und Fritz Wagnerberger, zwei weiteren Teilnehmern. Text und Bilder schildern eine beeindruckende, ja atemberaubende Landschaft mit freundlichen Bewohnern. Dies berührt umso mehr angesichts der gegenwärtigen politischen Situation in Afghanistan; ein Land, das weltmachtpolitische Interessen und religiöser Fanatismus an den Rand des Abgrunds geführt haben.

Am 5. Juli 1961 starteten fünf Mitglieder der Traunsteiner AV-Jungmannschaft, Karl Brenner, Fritz Wagnerberger, Karl Winkler, Dietrich v. Dobeneck und Otto Huber zur „Traunsteiner Hindukusch-Expedition. Mit zwei VW-Bussen erreichten wir nach 25-tägiger Fahrt durch Österreich, Jugoslawien, Griechenland, die Türkei und Persien Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Zahlreich waren die Pannen auf den zeitweise sehr schlechten Straßen, und einen Bus mussten wir 700 km vom Ziel entfernt mitten in der Wüste mit Motorschaden liegen lassen.


Abb.: Die Traunsteiner Hindukusch-Expedition 1961 (Foto: Stadtarchiv Traunstein)

Der Hindukusch, unser bergsteigerisches Ziel, liegt etwa 300 km nordöstlich von Kabul, entlang der Grenze nach Pakistan. Wir hatten in der Zwischenzeit unseren ursprünglichen Plan, von Süden her über den Anjuman-Pass vorzudringen, aufgegeben und wollten nun den ganzen Gebirgszug umfahren und von Norden durch das Kokča-Tal direkt in den Zentralhindukusch gelangen. Am 14. August erreichten wir Jurm, den Ausgangspunkt für unsere Expedition.

Unser Anmarschweg führte uns zuerst durch die wildromantische Kokča-Schlucht. Hoch über dem reißenden Gletscherfluss verlief ein kühn angelegter Steig nach Süden. Am Abend des 3. Tages erreichten wird das Bergwerk Sarsang. Hier, in 2500 m Höhe, werden die weltberühmten Lapislazuli, die blauen Halbedelsteine Afghanistans, gewonnen. Unter strenger Bewachung werden hier täglich bis zu 35 kg dieses wertvollen Steins gefördert. Trotz der Argusaugen des leitenden Ingenieurs gelang es uns, einige Splitter unbemerkt in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Vier Tage marschierten wird durch die Kokča-Schlucht. Dann traten die steilen Felswände zurück und vor uns breitete sich das weite Munjan-Tal aus. Grüne Wiesen, weidende Kühe, Terrassenfelder und der ruhig dahinplätschernde Fluss ließen Erinnerungen an unsere heimatliche Bergwelt wach werden. Freundlich wurden wir von den Bewohnern der einsamen Bergdörfer empfangen.

Von den hohen Bergen sahen wir vorerst allerdings noch nichts. Über den 3200 m hohen Padjukan-Pass erreichten wir dann 2 Tage später das Dorf Deh-Ambi am Fuß des Zentralhindukusch. Das Dorf Deh-Ambi wurde zum Ausgangspunkt unserer Bergtouren. Tags zuvor hatten wir ein Hochtal erkundet, das uns für die Errichtung des Hauptlagers ganz geeignet erschien.

Mit Pferden war allerdings die untere Schlucht nicht zu begehen. Also zogen wir mit 13 Trägern los und schlugen auf einem der letzten Wiesenflecken in 3700 m Höhe unser Basislager auf. Schon am Abend des nächsten Tages standen unsere 2 Hochlagerzelte auf einem Gletscher in 4750 Meter Höhe. Rings um uns reckten sich die Gipfel der Achmed-Baba-e-Dewana-Kette bis 5800 m in den Himmel. Fast überall abweisende Hängegletscher, steile Felsgrate und unbegehbare Wandfluchten. Mit solch schwierigen Anstiegen hatten wir eigentlich nicht gerechnet.

Karl Winter, Fritz Wagnerberger und Karl Brenner begannen am nächsten Tag mit dem Aufstieg auf den 5620 m hohen Kollae Pierjach. Dietrich und ich wollten erst morgen nachfolgen. Den ganzen Tag konnten wir die Dreierseilschaft in der 600 m hohen Eiswand beobachten. Nur langsam kamen sie in dem blanken Eis voran. In 5400 m bezogen sie ihr erstes Biwak. Es wurde ein klare, kalte Nacht. Immer wieder mussten wir an die Kameraden denken, denn ein Biwak in solcher Höhe zählt nicht zu den erfreulichsten Dingen.

Am nächsten Tag brachen Dietrich und ich auf, um den etwas weiter östlich gelegenen Kollae Achmed Baba (5880) zu besteigen. Über einen Felssporn erreichten wir relativ leicht einen Eiswulst in etwa 5200 m Höhe. Mit Hilfe einiger Eishaken konnten wir den Wulst überwinden und kamen auf ein riesiges Büßerschneefeld. Mühsam arbeiteten wir uns dann durch die teilweise mannshohen Schneesäulen.

Die Luft wurde merklich dünn. Alle paar Meter blieben wir stehen um zu verschnaufen. Ein kurzer Felsgrat noch und dann standen wir auf unserem ersten Fünftausender. Wir mussten über eine ca. 400 m hohe Eiswand absteigen, wobei wir meist nur mit den vordersten Zacken unserer Steigeisen Halt fanden. Spät am Abend erreichten wir das Hochlager. Die anderen drei schafften den Abstieg an diesem Tag nicht mehr und mussten ein weiteres Biwak beziehen. Erst am nächsten Vormittag erreichten sie todmüde die Zelte. Im weiteren Verlauf gelang es uns noch, 5 Fünftausender der Achmed-Baba-e-Dewana-Gruppe zu besteigen. Für den Anfang war das sehr ermutigend.

Von der Achmed-Baba-Gruppe aus sahen wir weiter östlich 2 herrliche Berge stehen. Der elegante Doppelgipfel Sarguna und der wuchtige Klotz des Sakh-i-Kabud – beide über sechstausend. Am 30. August war erneut das Hauptlager errichtet. Im Darrah-i-Sahran stand es in 3700 m Höhe an einem wunderschönen Bergsee. Bereits am Tag darauf brachen wir mit 5 ausgesuchten Trägern auf und schlugen in 4500 m Höhe auf einer Felsterrasse unser Hochlager auf. Diesmal wollten wir auf dem Sattel zwischen den beiden großen Bergen in ca. 5100 m ein weiteres Hochlager errichten. Eine steile Eisrinne führte zu dem Sattel empor. Schon nach den ersten Metern mussten wir allerdings einsehen, dass wir mit unseren schweren Rucksäcken einfach nicht in der Lage waren, dieses teilweise blanke Eis-Coloir zu bewältigen. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, auf ein zweites Lager zu verzichten und ein Biwak in großer Höhe zu riskieren. Diese Methode bewährte sich auch sehr gut. Noch am gleichen Tag stand wir um halb 6 Uhr abends nach teilweise schwieriger Kletterei auf dem 6060 m hohen Gipfel.

Beim Abstieg mussten wir einmal biwakieren und erreichten erst am Nachmittag des zweiten Tages wieder unser Hochlager. Am 5. September standen wir erneut auf dem 5100 m hohen Sattel. Die anstrengende Eisrinne lag bereits hinter uns. Diesmal wandten wir uns nach rechts, um den wuchtigen Sakh-i-Kabud über den Ostgrad anzugehen. Schon die Kletterei auf den ersten Vorgipfel (5650) ließ uns deutlich werden, dass dies unsere schwierigste Besteigung werden würde. Luftige Felsgrate, brüchige Bänder und Blankeisrinnen wechselten sich ab. Die Sonne war längst verschwunden, und wir hatten erst ca. zwei Drittel des Anstiegs geschafft. In der Scharte zwischen Kabud-Turm (5800 m) und dem Gipfelaufbau hakten wir in das Eis einen Biwakplatz, der gerade so groß war, dass wir sitzen konnten. Es wurde empfindlich kalt, doch die Gewissheit, morgen auf einem der höchsten Gipfel des Hindukusch zu stehen, bewahrte uns unsere gute Stimmung. Endlos dauerte die Nacht, im Osten, im Karakorum, wetterleuchtete es gespenstisch. Am nächsten Morgen machten wir uns mit steifgefrorenen Gliedern daran, die eigentliche Schlüsselstelle, einen ca. 150 m hohen Felspfeiler, anzugehen. Die Kletterei in knapp 6000 m Höhe (Schwierigkeitsgrad 4) war keine Kleinigkeit. Gegen Mittag erreichten wir die Schulter, von der ein Firngrat relativ leicht weiterführte. Um 2 Uhr nachmittags des 6. September standen wir auf dem 6100 m hohen Gipfel des Sakh-i-Kabud. Erst am Nachmittag des nächsten Tages erreichten wir wieder unser Hochlager. Insgesamt 57 Stunden hatten wir am Berg verbracht und unser einziger Wunsch war schlafen, schlafen und nochmals schlafen …

In der Zwischenzeit hatten sich leider die seit langem schwelenden Grenzstreitigkeiten zwischen Afghanistan und Pakistan verschärft und zum offenen Konflikt geführt. Uns traf dieser Streit insofern, als wir keine weitere Genehmigung zu Bergbesteigungen im Grenzgebiet mehr erhielten. Greifbar nahe stand im Südosten der wahrscheinlich letzte noch unbestiegene Sechstausender im Zentralhindukusch. Schweren Herzens mussten wir auf ihn verzichten.

Die fünf Bergsteiger erfüllten sich ihren Traum und fuhren mit ihrem VW Bus 7600 Kilometer weit bis zum Hindukusch. Einer der Abenteurer hatte auch eine Filmkamera dabei. 2013 wurden dessen Aufnahmen zum ersten Mal im Fernsehen gezeigt.

Kontakt:
Stadtarchiv Traunstein
Stadtplatz 39
83278 Traunstein
Tel.: 0861 / 65-250 und 0861 / 65-287
Fax: 0861 / 65-201
franz.haselbeck@stadt-traunstein.de

Postanschrift:
Stadtverwaltung Traunstein
Stadtarchiv
83276 Traunstein

Quelle: Stadtarchiv Traunstein, Archivale des Monats Oktober 2021; OVB online, 8.11.2013

Schroff-Archiv Villingen-Schwenningen

Nach jahrelanger Tätigkeit als Fotograf und Sammler hinterließ Herbert Schroff (1924-2011) einen umfangreichen Nachlass von eigenen Fotos, Reproduktionen und Postkarten. Schon zu Lebzeiten wurden die ersten Bilder daraus veröffentlicht. Nach zwei Büchern wurde 2007 ein Teil der Sammlung digitalisiert und auf der Internetseite www.bilderarchiv-schroff.de online gestellt. Mehrere Personen trieben das Projekt voran, die dafür gemeinsam die Nutzungsrechte der Bilder von Herbert Schroff erworben hatten. 2016 ging die erste Internetseite mit Schroffs Bildern überraschend wieder offline. Mit der neuen Online-Präsentation des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen soll es interessierten Bürgern langfristig und sicher ermöglicht werden Bilder aus dem Nachlass anzusehen.


Abb.: https://www.schroff-stadtarchiv.de/

Nach dem Tod von Herbert Schroff im Jahr 2011 ging sein Erbe zunächst an seine Tochter über, die den Nachlass schon 2015 dem Stadtarchiv übergab, um die Nutzung für wissenschaftliche und heimatkundliche Zwecke zu ermöglichen. Davon ausgenommen waren allerdings noch die Nutzungsrechte, die es für eine Online-Präsentation benötigte. Aufgrund der schwierigen rechtlichen Lage mit mehreren Vertragsparteien konnten die vollständigen Eigentums- und Nutzungsrechte für die Sammlung erst 2018 an das Stadtarchiv übertragen werden. Für die Internetpräsentation wurden außerdem neue hochwertige Digitalisate erstellt und zunächst eine gezielte kleinere Auswahl von Bildern getroffen, die kommentiert online gestellt werden. Durch die Kommentierung und Verschlagwortung ist eine leichtere Suche innerhalb der Sammlung möglich.

Was beinhaltet der Bestand?
Insgesamt handelt es sich dabei um ca. 10.000 Bilder. Darunter befinden sich allerdings auch viele Motive mehrfach und private Aufnahmen, die sich nicht für eine Veröffentlichung eignen. Inhaltlich konzentriert sich die Sammlung auf Motive aus Villingen, insbesondere der historischen Innenstadt. Außerdem sind gesellschaftliche Anlässe und das kulturelle Leben in Villingen dokumentiert. Eine besondere Rolle spielt zudem die Firma SABA, für die Schroff lange Zeit arbeitete und während dieser Zeit Aktivitäten der Firma fotografisch festhielt.

Die hier gezeigten Bilder wurden thematisch bestimmten Oberkategorien zugeordnet, die eine erste Orientierung geben, wenn ein bestimmtes Motiv gesucht wird. Folgende Oberkategorien sind bisher vorhanden:
Innenstadt, Handwerk und Geschäfte, Gasthäuser und Hotels, Luftbilder, Kirchen, Kneippbad, Schwimmbäder, SABA, Technik, Fastnacht, Ereignisse und Feiern, Grußkarten, Gruppen und Vereine, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. – Nutzerinnen und Nutzer der Seite haben die Möglichkeit, alle gezeigten Bilder zu kommentieren.

Herbert Schroff – Der rasende Reporter aus Villingen
Herbert Schroff wurde am 23. September 1924 in Villingen geboren und wuchs in der Villinger Innenstadt auf. Während des Zweiten Weltkriegs war er als Marine-Funker im Einsatz und geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg lebte er zunächst in Münster, wo er auch seine Frau Martha kennenlernte. Mit ihr und seiner Tochter kehrte er 1952 in seine Heimatstadt zurück und begann bei SABA als Lastwagenfahrer zu arbeiten. Mit großem Engagement nahm er am Firmenleben teil. Er leitete die Firmen-Theatergruppe und gründete eine Werkszeitung sowie später den Werksfunk. Auch die ‚Saba Prominentenelf‘ mit bekannten Fußballern der Weltmeisterschafts-Mannschaft von 1954 wurde von Schroff betreut und er begleitete sie auf über 100 Spielen für einen guten Zweck.

Freiberuflich war Schroff außerdem für den Südkurier tätig. Seine Berichte und Bilder waren bald in der ganzen Stadt bekannt. Neben seinen Fotografien sammelte er auch Postkarten und andere Aufnahmen aus Villingen. Gemeinsam mit Werner Jörres veröffentlichte er zwei Bücher mit historischen Bildern aus Villingen. Für sein Engagement und seine Verdienste um die Heimatstadt erhielt Herbert Schroff 1999 die Bürgermedaille der Stadt. Bis ins hohe Alter nahm er am gesellschaftlichen Leben teil bevor er am 14. Januar 2011 verstarb.

Kontakt:
Amt für Archiv und Schriftgutverwaltung
Winkelstraße 7, Bau D, 3. OG
78056 Villingen-Schwenningen

Abteilung Stadtarchiv
Lantwattenstraße 4
78050 Villingen-Schwenningen

Postanschrift:
Postfach 12 60
78002 Villingen-Schwenningen
Tel.: 07721 / 82-1810
FAX: 07721 / 82-1817
stadtarchiv@villingen-schwenningen.de
archivbibliothek@villingen-schwenningen.de

Quelle: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen: https://www.schroff-stadtarchiv.de/; Schwarzwälder Bote, 1.9.2018

Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten

Martin Luther (1483-1546) gehört zu den am häufigsten dargestellten Personen der deutschen wie auch der Weltgeschichte. Die Lutherhalle Wittenberg bewahrt ca. 2400 verschiedene Lutherbilder auf. Allein zu Luthers Lebzeiten entstanden rund 500 Bilder.


Abb.: Der Große Hörsaal im Lutherhaus in Wittenberg. Das Lutherhaus ist einst als Augustinerkloster erbaut worden. Es diente über 35 Jahre als Wohnhaus der Familie Luther und war die Hauptwirkungsstätte Martin Luthers (Foto: Stiftung Luthergedenkstätten)

Als Thema protestantischer Bilderwelten hat Martin Luther das visuelle Bewusstsein evangelischer Kreise und seit dem 19. Jahrhundert das der Deutschen insgesamt maßgeblich geprägt. Lutherdarstellungen begegnen bis heute im öffentlichen, kirchlichen und häuslichen Raum. Bei aller Verschiedenheit fußen sie auf Grundtypen aus der Werkstatt des älteren Lucas Cranach (1472-1553) und des jüngeren Lucas Cranach (1515-1586).

Abb.: Martin Luther als Professor 1529 (Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren, 1528, Sammlung Lutherhaus Wittenberg)

Jede Zeit schafft sich ihr eigenes Lutherbild. Als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten deutscher Geistes- und Kulturgeschichte bot Martin Luther sich dabei immer auch als Gegenstand von Verherrlichung und Instrumentalisierung an. Die Auseinandersetzung mit ihm folgt dem kulturellen Wahrnehmungsraster der jeweiligen Zeit. Ihr geistiges Leben, in dessen breiter Strömung sich auch die Kunst bewegt, findet im Lutherbild seinen Ausdruck. Im Laufe der Jahrhunderte haben etliche Rezeptionsschichten die historische Gestalt des Reformators überlagert und ihn zu einer nachgerade mythischen Figur werden lassen.

Mit Unterstützung des Verbandes kirchlicher Archive wurde die Ausstellung „Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten“ zum Lutherjubiläum 2017 als Wanderausstellung durch die Republik geschickt. Sie ist auch jetzt noch über das Landeskirchliche Archiv Stuttgart ausleihbar.

Die nunmehrige Online-Ausstellung präsentiert bekannte und unbekannte Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten in 14 weitgehend chronologisch angelegten Stationen. Eine ausführliche Interpretation der Lutherdarstellungen bietet der Katalog zur Ausstellung, der insgesamt 100 Luthermotive aus ganz Deutschland umfasst.

Kontakt:
Verband kirchlicher Archive
Dr. Henning Pahl (kommissarische Leitung)
c/o Evangelisches Zentralarchiv in Berlin
Bethaniendamm 29
10997 Berlin
Tel.: 030 / 22 50 45-0
Fax: 030 / 22 50 45-40
archiv@ezab.de

Quelle: https://lutherbilder.de

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