Initiative will die Museumspädagogik am Schloss Horst retten

Nachdem die Stadt Gelsenkirchen die Museumspädagogik in ihrem Museum Schloss Horst viele Jahre lang dem Förderverein des Schlosses überlassen hat, steht sie nun vor der Situation, dass der Förderverein durch einen Vorstandswechsel und eine damit einhergehende Neuausrichtung die Verantwortung hierfür abgibt und die Verträge zweier Mitarbeiter, die beim Förderverein angestellt sind, aber von der Stadt bezahlt werden, zum 30.6.2021 gekündigt hat.


Abb.: Schloss Horst (Luftbild, Förderverein Schloß Horst e.V.)

Damit verliert auch der langjährige Mitarbeiter in der Museumspädagogik seine Arbeit: Der Historiker Benjamin Bork hat die bestehende Dauerausstellung mit aufgebaut. Im Bereich der Museumspädagogik hat er sich vor allem für die beliebten Kindergeburtstage und kreativen Ferienprogramme durch die Entwicklung eigener Konzepte und die Schulung von freien Mitarbeitern engagiert.

Obwohl weiterhin Bedarf an seiner museumspädagogischen Tätigkeit besteht, bietet die Stadtverwaltung dem knapp 13 Jahre lang dort tätigen Bork keinerlei Perspektive und reagiert reserviert auf dessen Bitten um Abhilfe. Doch obwohl es zuvor stets hieß, die Stadt Gelsenkirchen könne und dürfe eine Planstelle für das museumspädagogische Arbeitsfeld gar nicht schaffen, will sie nunmehr dennoch die Ausschreibung einer solchen Stelle prüfen, und zwar – wie es wohl von der Oberbürgermeisterin hieß – zunächst verwaltungsintern. Darauf könnte sich der derzeitige Museumspädagoge Benjamin Bork aber nicht einmal bewerben. Und selbst im Falle einer externen Ausschreibung mutet es grotesk an, dass ein langjähriger und erfolgreicher Mitarbeiter seine Eignung für ebendiese Tätigkeit gegen Mitbewerber unter Beweis stellen müsste.

Der Historiker Benjamin Bork im Dienst der Museumspädagogik von Schloss Horst (Foto: privat)

Derzeit setzt sich eine Petition für die Fortsetzung seiner Tätigkeit und die weitere Sicherung der erfolgreichen Museumspädagogik im Schloss Horst ein (Petition: „Erfolgreiche Erlebnisbildungsangebote sichern; Rettet die Museumspädagogik Schloss Horst“). Auch die WAZ Gelsenkirchen hat den Fall und die Petition bereits in ihrer Berichterstattung aufgegriffen (Artikel von Christiane Rautenberg: „Petition: ‚Skandalöser Umgang‘ mit Schloss Horst-Mitarbeiter“; WAZ, 25.3.2021).

Die bis in das 12. Jahrhundert zurückreichende Burgengeschichte Horsts kann dank archäologischer Grabungen im Schlosshof mehrere Bauphasen nachzeichnen. Eine hölzerne Wehranlage wurde um 1170/80 als zwei- oder mehrteilige Anlage mit der Hauptburg auf einem künstlich aufgeworfenen Hügel errichtet. Nach einer Zerstörung durch einen Brand 1215 ersetzte man die hölzerne Palisade am Hügelfuß durch eine Ringmauer aus Stein und erhöhte den Hügel bei geringerem Grundriss um wenigstens anderthalb Meter. Die darauf errichtete Bebauung bestand nun lediglich aus einem in Bruchstein aufgemauerten Wohnturm. Bis in das 16. Jahrhundert hinein erweiterte man diesen Wohnturm und fügte einen Kloakenanbau an, der in die Gräfte (Wassergraben) entsorgte. Weitere Gebäude kamen hinzu, nach Süden über den Burghügel hinaus zum Teil auf Pfahlrosten in die Gräfte hineingebaut. Der Ministerialadlige Rutger von der Horst (1519-1582), später Amtmann im kurkölnischen Rheinberg, setzte ab 1554 Neubaupläne als Ausdruck eines neuen individuellen Selbstbewusstseins um. Der ungeeignete Baugrund in der Emscherniederung mit einer Vielzahl kleiner Bachläufe und Gräben trug jedoch ebenso zum baldigen Verfall des Bauwerkes bei wie die unzureichende Fundamentierung des Schlosses. Hinzu kam eine wechselnde Erbfolge nach Rutgers Tod. Selbst umfangreiche Reparatur- und Sanierungsarbeiten der Familie von Fürstenberg, die 1706 die Herrlichkeit nebst Schloss gekauft und letzteres bis 1988 in Besitz hatte, konnten den immer rascher fortschreitenden Verfall nicht aufhalten. Kurz vor 1830 stürzte beispielsweise der Westturm am Hofzugang ein und riss den westlichen Teil des Nordwestflügels mit. Die Reste des Turmes scheinen daraufhin gänzlich beseitigt worden zu sein. Die offene Flanke des Gebäudes schloss man mit einer schlichten Fassade und ordnete dementsprechend die baulichen Verhältnisse im Innern. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts blieben von der ehedem stolzen Anlage lediglich der größte Teil des Eingangsflügels in ursprünglicher Höhe, nicht einmal das gesamte Sockelgeschoss und nur ein Saal im Erdgeschoss des sog. Herrenhauses (Hauptflügel) erhalten. 1925 wurde das Untergeschoss des Schlosses zu einem Restaurant ausgebaut, das bis 1929 um Garten- und Terrassenanlagen, einen Ruderbootbetrieb in der Gräfte und eine gastronomische Nutzbarmachung des Rittersaals und des Nordturmsockels erweitert wurde. Diese „Volkserholungsstätte“ wurde zu einem beliebten Ausflugsziel, dessen wirtschaftlicher Erfolg bis in die 1950er Jahre anhielt. Mitte der 1970er Jahre reduzierte sich die gastronomische Nutzung auf eine Diskothek im Sockelgeschoss. Der Verfall nahm zu. Angesichts des nun drohenden endgültigen Verfalls gründeten 1985 Horster Bürger den Förderverein Schloß Horst e.V., um das Schloss zu retten. 1988 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt Gelsenkirchen über und eine sinnvolle, denkmalgerechte Nutzung wurde gefunden. Mit dem Um- und Neubau des Schlosses wurde Prof. Jochem Jourdan (Frankfurt) betraut. Ihm gelang es, nach Maßgabe der Denkmalpflege historische Bausubstanz unverfälscht zu erhalten und mit modernen Bauteilen zu einem harmonischen Ganzen ästhetisch zu verbinden. Im August 1999 wurde es als städtisches Kultur- und Bürgerzentrum wieder eröffnet, das Raum für Kulturveranstaltungen bietet und unter seinem Dach das zentrale Standesamt der Stadt Gelsenkirchen sowie ein Restaurant beherbergt.

Digitale Führung: Erlebnismuseum Schloss Horst (YouTube)

Schloss Horst wird heute auf verschiedene Weise genutzt (u.a. als Standesamt oder als Standort des Museumsfestes GAUDIUM). Das Erlebnismuseum Schloss Horst vermittelt auf verschiedenen Ebenen das Leben und Arbeiten im Zeitalter der Renaissance am Beispiel eines westfälischen Adelssitzes des 16. Jahrhunderts: Auf der Schlossbaustelle von 1565 im Untergeschoss können die Arbeitsplätze der Handwerker, das Haus des Baumeisters, Gerüste und Hinterhöfe spielerisch entdeckt werden. Anfassen erwünscht! Im oberen Bereich folgt ein Rundgang durch den alten Emscherbruch, Heimat wilder Pferde, wo die Ursprünge des heutigen Schlosses liegen. Zuletzt gibt das Arbeitszimmer des Schlossherrn Rutger von der Horst Einblick in die Welt des Adels. Das Erlebniskonzept und sinnvoller Medieneinsatz (Audioguides, Filmeinspielungen und Infomonitore) machen das Museum Schloss Horst zu einem besonderen außerschulischen Lernort im Herzen des Ruhrgebiets.

Kontakt:
Erlebnis-Museum Schloss Horst
Turfstraße 21
45899 Gelsenkirchen

Stadt Gelsenkirchen
Referat Kultur
Telefon +49 (209) 169-6163
Telefon +49 (209) 169-6159
Fax: +49 (209) 169-6130
schloss.horst@gelsenkirchen.de

Förderverein Schloss Horst e.V.
Telefon +49 (209) 516622
Telefax +49 (209) 513804
foerderv@gelsennet.de

Quelle: openPetition (Rettet die Museumspädagogik Schloss Horst), 17.3.2021; WAZ Gelsenkirchen, 25.3.2021; Stadt Gelsenkirchen: Geschichte des Schlosses Horst, o.D.; Stadt Gelsenkirchen: Erlebnis-Museum Schloss Horst, o.D., Museum.de: Schloss Horst.

Crailsheimer Schadensplan dokumentiert Kriegsschäden

»Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen«.

Im Stadtarchiv Crailsheim gibt es eine umfangreiche Karten- und Plansammlung. Ein Plan der Stadt Crailsheim ragt dabei besonders heraus, er zeigt den Grundriss der Innenstadt östlich der Jagst. Rechts und links der beiden Hauptstraßen, der Langen Straße und der Karlstraße, stehen die Häuser dicht an dicht. Kleine schiefe Gässchen führen zu den größeren Plätzen, zum Markt- und zum Schweinemarktplatz, zum Kirchplatz, Karlsplatz und Schlossplatz. An letzterem ist noch die Vierflügelanlage des Crailsheimer Schlosses zu sehen. Der Plan zeigt somit das alte Crailsheim, das mittelalterliche fränkische Städtchen, das nach Meinung von zeitgenössischen Städteplanern „ein abgerundetes, gutes Stadtgebilde in der Art der Städte Dinkelsbühl oder Nördlingen“ war.

Doch dieses Crailsheim gab es zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr: Der Plan ist einer von mehreren Plänen des Stadtarchivs Crailsheim, auf denen unmittelbar nach der Zerstörung der Stadt in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges die Kriegsschäden dokumentiert wurden. In seiner unbedarften Buntfarbigkeit vermittelt er dem Betrachter erst auf den zweiten Blick die ganze traurige Wirklichkeit: Die Legende zeigt, dass alles, was gelb markiert wurde, total zerstört war, orangefarbig markierte Häuser waren schwer zerstört, leicht- bzw. unbeschädigte Gebäude waren mit den Farben rot und braun gekennzeichnet.


Abb.: Schadensplan der Stadt Crailsheim, Maßstab 1: 2500, 75 x 58 cm (Stadtarchiv Crailsheim)

So ist sehr gut zu sehen, dass die braun markierten Gebäude der unteren Wilhelmstraße und der Spitalstraße fast keine Schäden zu verzeichnen hatten. Der Bereich dazwischen, die komplette historische Altstadt also, wurde gelb bzw. orange markiert: total oder schwer zerstört. Abgesehen von den Gebäuden rund um die Johanneskirche waren nur zwei weitere Gebäude in der Stadt unversehrt geblieben. Crailsheim war damit im Innenstadtbereich zu 95 Prozent dem Erdboden gleichgemacht. Die einzelnen Strukturen der Gebäude waren praktisch nicht mehr zu erkennen. Ein Leben war in der Stadt kaum mehr möglich. Zeitzeugin Marie Wohlmann hielt in ihrer Familienchronik fest: „Es herrschten wahrhaft chaotische Zustände in der Stadt. Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen, von den Brandbomben stieg der Rauch noch lange aus den Ruinen hoch, und der Brandgeruch lag noch wochenlang über der Stadt.“

Die Zerstörung der Stadt hatte sich über mehrere Wochen hingezogen. War Crailsheim zunächst noch einigermaßen vom Kampfgeschehen verschont geblieben, gab es am 2. Februar 1945 den ersten Bombenangriff, bei dem Menschenleben zu beklagen waren: das Konsumgebäude in der Grabenstraße wurde dabei durch einen Volltreffer zerstört. Am 23. Februar war das Bahnhofsareal Ziel eines konzentrierten Bomberangriffes. Das Gelände war nach der Detonation von 928 Bomben (laut Einsatzbericht der amerikanischen Achten Luftflotte) wie umgewühlt, auch zahlreiche Wohn- und Industriegebäude, etwa das Gaswerk, sowie der Rathausturm wurden schwer getroffen bzw. zerstört. Bei den beiden Angriffen starben 70 Menschen.

Hanna Westhäußer, geb. Leiberich, berichtete in einem Brief über diese ersten Bombardierungen und hielt dabei die nicht greifbare Widersprüchlichkeit von Kriegszeiten fest: „Ich weiß, daß ich bei allem Durcheinander noch nie einen so schönen, warmen und trockenen Frühling erlebt habe.“ Doch diesen Frühling zu genießen, dazu hatten die Crailsheimer endgültig keine Gelegenheit mehr: Nach schweren Bombardierungen am 4. April, die unter anderem dem Fliegerhorst galten, kamen zwei Tage später überraschend amerikanische Soldaten mit Panzern in der Stadt an und nahmen diese ohne wesentliche Gegenwehr ein. Die vorher aus der Stadt geflüchteten SS-Truppen nahmen Crailsheim unter Artilleriebeschuss und fügten somit der Stadt weitere schwere Schäden zu, unter anderem rund um den Schweinemarktplatz. Womit nicht mehr zu rechnen war: Die Deutschen „eroberten“ die Stadt zurück – die Amerikaner zogen sich am Abend des 10. April hinter die eigenen Linien zurück. Dabei legten sie an mehreren Stellen Feuer, welches zu weiteren Schäden und Zerstörungen von Gebäuden führte.

Die auf deutscher Seite hochstilisierte und gefeierte „Rückeroberung“ brachte neue Bombardements durch amerikanische Jagdbomber. Ziele waren die Hauptstraßenkreuzungen, die Eisenbahnbrücke, erneut das Rathaus, der nördliche Teil der Stadtmitte. NSDAP-Kreisleiter Hänle ließ ab 14. April in der schon schwer getroffenen Stadt Panzersperren errichten. Noch am Abend des 20. April ließ die SS die Jagstbrücke sprengen. Die Amerikaner nahmen den Widerstand als Aufforderung zum Beschuss mit Phosphorgranaten. In der Nacht zum 21. April 1945 ging die Stadt endgültig unter. Als eines der letzten Gebäude brannte das Schloss aus. Manche brennenden Gebäude konnten wegen fehlender Infrastruktur nicht gelöscht werden. Sie steckten benachbarte Gebäude in Brand, die bis dahin noch unversehrt geblieben waren. Beim Einmarsch notieren die Amerikaner: „Die Brände sind gefährlicher als der Feind.“

Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch wenige Menschen in der Stadt, viele waren in die Vororte oder in die umliegenden Dörfer geflüchtet. Berichte von Augenzeugen, Luftfotografien, Notizen des amerikanischen und deutschen Militärs liefern nur ein unvollständiges Bild, wie die Stadt nach und nach unterging. Der Schadensplan im Crailsheimer Stadtarchiv hält den traurigen Endzustand fest.

Info:
Die Berichte der Zeitzeugen wurden entnommen aus Hans Gräser (Hrsg.): Die Schlacht um Crailsheim. Das Kriegsgeschehen im Landkreis Crailsheim im 2. Weltkrieg. Crailsheim 1997.

Kontakt:
Stadtarchiv Crailsheim
Marktplatz 1 (Gebäude: Arkadenbau)
74564 Crailsheim
Tel.: 07951 / 403-1290
www.stadtarchiv-crailsheim.de

Quelle: Dr. Helga Steiger, Stadtarchiv Crailsheim, Archivale des Monats April 2021

Südtiroler Burg Gandegg im Blütenschmuck

Die meist frei stehenden und damit landschaftsprägenden älteren Adelssitze – Burgen, Schlösser und Ansitze – zählten schon in der Frühzeit der Ansichtskarten, also im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, zu den beliebten Motiven. So wurde auch das reiche architektonische Erbe des südlichen Teils des Kronlandes Tirol und Vorarlberg bereits vor mehr als hundert Jahren mit Bildpostkarten und Prospekten beworben.


Abb.: Postkarte mit der Burg Gandegg in Eppan im Blütenschmuck (Südtiroler Landesarchiv, Sammlung Guido Fontanesi, Nr. 530)

Eines jener „romantischen“ Gemäuer im Überetsch, die um die Jahrhundertwende auf einer Postkarte inmitten blühender Obstbäume präsentiert wurden, ist das auf den ersten Blick wehrhaft wirkende Schloss Gandegg in Eppan. Die vier Eckrundtürme und die teils zinnenbewehrte Umfassungsmauer dienten jedoch weniger der Verteidigung, als vielmehr der Repräsentation adeligen Wohnens.

Als Gandegg Mitte des 16. Jahrhunderts rund um einen älteren Turm in seiner heutigen Form entstand, war nicht mehr die Defension die Maxime des Adelsbaus, sondern vor allem auch Wohnkomfort, wovon etwa verschiedene Renaissance-Elemente Zeugnis ablegen. Blasius Khuen, der den Neubau veranlasste, hatte 1551 das Gericht Altenburg zu Lehen erhalten; Gandegg verblieb mehr als vierhundert Jahre im Eigentum der Khuen, die 1573 in den Freiherren- und 1619 bzw. 1630 in den Reichsgrafenstand erhoben wurden.

Das Schlossarchiv von Gandegg wird am Südtiroler Landesarchiv verwahrt, weitere Khuen’sche Teilarchive auf dem Gandegg benachbarten Sitz Englar und auf Kallmünz in Meran, ein weiterer gewichtiger Bestand findet sich am Mährischen Landesarchiv in Brünn.

Kontakt:
Südtiroler Landesarchiv
Armando-Diaz-Straße 8/B
39100 Bozen
Italien
Tel. +39 0471 411940
Fax +39 0471 411959
landesarchiv@provinz.bz.it

Quelle: Südtiroler Landesarchiv, Archivale des Monats April 2021, 1.4.2021

Stadtarchiv Bielefeld legt Geschäftsbericht 2020 vor

Unter dem Titel „Positionen und Perspektiven“ legte das Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld jetzt seinen Geschäftsbericht für das vergangene Jahr 2020 vor. Im Vorwort der achtseitigen Broschüre legt Stadtarchivdirektor Dr. Jochen Rath einige Besonderheiten des Dienstbetriebes während der Corona-Pandemie dar:

„Geprägt war das Berichtsjahr von Lockdown und Lockerungen: Schließung des Gesamthauses an 39 Tagen, eingeschränkter Bibliotheksleihbetrieb an 28 weiteren Tagen, Homeoffice und Kontaktreduzierung, letzteres auch seitens des Publikums, das persönliche Archivbesuche für den Moment berechtigterweise als verzichtbar erkannte und deshalb vermehrt Recherchen beauftragte.“

Kurz vor dem ersten Lockdown hatte noch am 7. März 2020 der bundesweite „Tag der Archive“, der unter dem vom VdA vorgeschlagenen Obertitel „Kommunikation“ stattfand, im Stadtarchiv mit dem Untertitel „Erzählte Stadtbilder“ durchgeführt werden können. Im Mittelpunkt des Tages standen historische Bilder Bielefelds, wie unten auf dem Motiv einer Postkarte aus dem Jahr 1902 erkennbar. Die kombinierten Archiv-, Bibliotheks- und Magazinführungen konnten 81 Besucherinnen und Besucher am Neumarkt in das historische Bielefeld einführen.

Archivpädagogische Veranstaltungen fanden mit den verfügten Kontaktbeschränkungen ab März 2020 ein vorläufiges Ende. Bis dahin wurden für Studierende der Geschichtsfakultät der Universität Bielefeld sieben Seminare durchgeführt, bei denen es sich zumeist um Leseübungen handgeschriebener Texte aus der NS-Zeit, aber auch um begleitete Tutorien handelte, die sich mit Quellen zu Dimensionen von Ungleichheit vom 18. bis 20. Jahrhundert befassten.

Der monatliche Online-Rückblick in die Bielefelder Stadtgeschichte wurde hingegen auch in Coronazeiten und erneut mit zwölf Monatsartikeln fortgesetzt. Die mit Abbildungen, Quellen- und Literaturhinweisen ausgestatteten neuen Texte decken einen Zeitraum von der Frühen Neuzeit (1520) bis in die Moderne (1990) ab. Seit seinem Start im Januar 2007 verzeichnet der „Historische RückKlick“ insgesamt knapp 1,7 Millionen Seitenaufrufe. Mehr als 117.000 Seitenzugriffe im Jahr 2020 entsprechen nahezu exakt dem Vorjahresniveau.

Die Absage des Deutschen Archivtages in Bielefeld im Oktober 2020 durch den ausrichtenden Fachverband VdA war hingegen ebenso bedauerlich wie verständlich. Der mit etwa 800 Teilnehmenden und damit größte archivische Fachkongress in Mitteleuropa hätte erstmalig in Bielefeld stattfinden sollen. Das Stadtarchiv war an den intensiven Vorbereitungen beteiligt und hatte wie der VdA und andere beteiligte Einrichtungen  bereits viel Arbeit und Leidenschaft in die Kongressorganisation gesteckt. – Archivdirektor Rath resümiert: „Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld erlebten 2020 ein Ausnahmejahr, das statistisch einen wilden Mix offenbart aus analogen Rückgängen und digitalen Zuwächsen. Beides eröffnet Chancen.“

DownloadPOSITIONEN & PERSPEKTIVEN. Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld 2020

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Postanschrift: 33597 Bielefeld
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Unterbringung der Displaced Persons nach Kriegsende in Lingen (Ems)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war eines der drängendsten Probleme die Unterbringung der Displaced Persons, der befreiten ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Parallel zur Militärregierung war am 6. April 1945 das Relief Military Government Detachment Nr. 205 (bald abgelöst von Nr. 509) in Lingen eingezogen. Seine Aufgabe war es, die Displaced Persons zunächst in ihren Lagern zu registrieren und langfristig in ihre Heimat zurückzuführen. Unterstützt wurde es dabei von einer französischen Frauenhilfseinheit. Als zentrales DP-Auffanglager wurde die Lingener Artillerie-Kaserne eingerichtet. Wer sich im Juli 1946 noch immer außerhalb eines DP-Lagers aufhielt, verlor seinen Status als Displaced Person. Im Kreis Lingen betraf das immerhin 855 Menschen.


Abb.: Beispiel für einen DP-Ausweis: United Nations Displaced Person/Refugee Identity Card von Johanna Päts, 1948 (Voldemar and Johanna Päts collection, Stanford Libraries)

Die Insassen des Lingener DP-Lagers waren getrennt nach Nationen untergebracht. Zunächst entstanden ein sowjetisches und polnisches Camp, dann ein italienisches. Aber auch Niederländer, Franzosen, Belgier, Spanier, Jugoslawen, Tschechen, Letten, Esten und Rumänen befanden sich in der Kaserne. Noch im Laufe des Aprils 1945 wuchs ihre Zahl auf weit über 2000. Im Mai wurden zudem kurzzeitig über 1000 polnische Juden aus dem KZ Bergen-Belsen aufgenommen. Die Evakuierung der Westeuropäer verlief recht unproblematisch. Schwieriger gestaltete sich die Rückführung der Polen, die in Lingen die größte Gruppe bildeten. Viele von ihnen wollten nicht nach Polen zurück und hofften auf eine Einreise in die USA. Im Laufe des Jahres entwickelte sich das DP-Camp so zu einem rein polnischen Lager mit rund 3500 Insassen.


Abb.: Lager B des „Polnischen Zivillagers Lingen (Stadtarchiv Lingen)

Bis zum Februar 1946 stieg ihre Zahl auf 4400, im März 1947 waren es noch immer 3600.


Abb.: Opuszczasz Polski oboz cywilny w Lingen“ – „Sie verlassen das polnische Zivillager in Lingen (Stadtarchiv Lingen)

Nach einigen Monaten Leerstand wurde die Kaserne dann Anfang 1948 – übrigens gegen den erklärten Willen der Stadt – erneut von Displaced Persons bezogen, diesmal aus Jugoslawien und dem Baltikum. Auch sie strebten fast alle eine Immigration in die USA an.

Im Juli 1945 übernahm die unter dem Dach der Vereinten Nationen stehende UNRRA die Lagerleitung, Ende 1946 dann ihre Nachfolgeorganisation IRO, die schließlich auch die Ausreise in aufnahmewillige Drittstaaten ermöglichte. Ohne die Beteiligung der Displaced Persons selbst war die Organisation des Lagers personell jedoch kaum zu realisieren. So wurde aus der Mitte der Insassen ein Camp Leader bestimmt, der als Mittler zu den Insassen fungieren sollte und zunehmende Verantwortung auf sich vereinte. Auch die einzelnen Kasernenblocks wählten eigene Block Leader. So entwickelte sich das Lager allmählich zu einer mehr oder weniger selbstverwalteten Gemeinschaft mit eigenen Schulen, einer Kirche und zwei Theaterensembles. Ein Ensemble spielte unter Leitung von Leon Schiller, einer der berühmtesten Theaterregisseure Polens.


Abb.: Die Lagerkirche im DP-Camp mit improvisiertem Glockenturm (Stadtarchiv Lingen)


Abb.: Im Innern der Lagerkirche (Stadtarchiv Lingen)

Auch ein einfaches Hospital stand dem Lager zur Verfügung. Dennoch war der Gesundheitszustand der Displaced Persons häufig besorgniserregend. Aus Angst vor Seuchenausbrüchen wurden sie zur Entlausung mit DDT behandelt. Eine vermeintliche Typhusepidemie stellte sich schließlich als Masern heraus. Doch gerade in der Anfangszeit kam es zu vermehrten Todesfällen. Allein zwischen April und August 1945 starben 45 Personen, zwischen Juli 1945 und Februar 1946 62, darunter auch zwanzig Männer, die sich mit selbstgebranntem Alkohol vergiftet hatten. Auch die psychologische Belastung war enorm. Das Lingener Gesundheitsamt bezeichnete ihren Zustand 1950 als psycholabil. Eine psychologische Betreuung fand jedoch nicht statt.

Das Verhältnis zu den Lingenern war schlecht. Persönliche Begegnungen fanden bestenfalls auf dem Schwarzmarkt statt. Vorwürfe wurden laut, die Lingener Fleischereien würden nur noch für das DP-Lager produzieren. Berichte über vereinzelte Delikte unter den Lagerinsassen verdichteten sich bei der Lingener Bevölkerung zu dem Vorurteil, die Displaced Persons seien allgemein Diebe und Gewalttäter. Die Beunruhigung in der Bevölkerung würde solange andauern, so schrieb der Lingener Landrat, wie sich zivile Polen außerhalb des Lagers bewegen dürften. Die Täter-Opfer-Beziehung zwischen den Deutschen und ihren ehemaligen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen stellte das schlechterdings auf den Kopf. Der Arzt Carl-Ernst Koch vermerkte 1954 über Lingen: „Die deutsche Bevölkerung der Umgebung ist sehr konservativ und verhält sich gleichgültig-passiv gegenüber den Lagerbewohnern. Anerkannt wird ihre sozial einwandfreie Haltung, mißbilligt wird ihre Existenz überhaupt.“

Die Verantwortung über die DP-Lager ging im Juli 1950 auf die Bundesrepublik über. Das einzige noch bestehende DP-Lager des Emslandes war die Lingener Kaserne mit rund 1000 Insassen, die nun vom städtischen Meldeamt erfasst und damit eingemeindet wurden. Sie waren nun zunehmendem Druck ausgesetzt. Niedersachsen verzichtete auf die überfällige Herrichtung der Unterkünfte und forderte stattdessen Nebenkosten für Strom, Gas und Wasser ein. Die Krankenstation und die Schulen des Camps wurden geschlossen und die Gemeinschaftsverpflegung eingestellt. Der Versuch, einen auch Deutschen offenstehenden Lagerkindergarten zu errichten, scheiterte am heftigen Widerstand der Deutschen.

Der Lingener Zentralverband vertriebener Deutscher forderte gar die vollständige Räumung der Kaserne, um hier Vertriebene unterzubringen. 1954 befanden sich noch immer 387 ehemalige Displaced Persons in der Kaserne, meist Alte und Kranke. Die letzten Bewohner wurden 1957 in schlecht eingerichtete Mietwohnungen an der Friedrichstraße und der Heinrichstraße umquartiert. Man brauchte die Kaserne für die Bundeswehr.

Während die meisten Displaced Persons in Lingen auf ihre Heim- oder Weiterreise hofften, erreichten zahlreiche Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches die Stadt, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.


Abb.: Verteilung der Flüchtlinge aus Langenbielau auf die Landgemeinden im Kreis Lingen vor 75 Jahren (19. April 1946 (Foto: Axel Wisniewsky)

Darüber berichtete das Emslandmuseum in seiner Serie „75 Jahre Niedersachsen“ am 13.4.2021. Der Beitrag trägt die Überschrift „18. April 1946 – Ankunft eines Flüchtlingstransportes aus Langenbielau (heute Bielawa) in Lingen“. Im Frühjahr 1946 trafen die ersten Transporte in Lingen ein. Zu diesem Zeitpunkt waren alle regulären Unterkünfte im Kreis Lingen bereits mit Flüchtlingen aus Ostpreußen und Pommern überfüllt. Daher mussten die Vertriebenen, zum größten Teil waren es Schlesier, in die Landgemeinden und dort in Privatwohnungen einquartiert werden. Die Einheimischen waren alles andere als begeistert.

Ein Zeitzeuge aus Langenbielau – heute Lingens polnische Partnerstadt Bielawa – berichtet über seine Ankunft in Lingen vor 75 Jahren: „Dann kamen wir also am 18. April in Lingen auf dem Bahnhof an. Da sind wir dann in Lingen auf die Dörfer verteilt worden.“

Nach diesen Sammeltransporten im Frühjahr und Sommer 1946 waren die Aufnahmekapazitäten im Raum Lingen mehr als erschöpft. Selbst Backhäuser und Stallungen auf den Bauernhöfen, Wochenendhäuser und Fischerhütten an der Ems, Wehrmachtsbaracken und frühere Flakstellungen hatte man zu Notwohnungen für die Flüchtlinge umfunktioniert.

Quellen und Literatur:
• Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
• Stadtarchiv Lingen, Karteisammlung, Nr. 7.
• Kneuper, Richard: 1945. Displaced Persons in Lingen, in: Kivelingszeitung 2017, S. 173-175.
• Lembeck, Andreas: Befreit, aber nicht in Freiheit. Displaced Persons im Emsland 1945-1950 (DIZ-Schriften 10), Bremen 1997.
• Remling, Ludwig: Das Kriegsende 1945 im Raum Lingen (Materialien zur Lingener Geschichte 3), Lingen 1996.
• Schüpp, Heiner: Die politische Entwicklung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Franke, Werner e.a. (Hg.): Der Landkreis Emsland. Geographie, Geschichte, Gegenwart. Eine Kreisbeschreibung, Meppen 2002.

Kontakt:
Stadtarchiv Lingen (Ems)
Baccumer Straße 22
49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591 / 91671-11
stadtarchiv@lingen.de

Quelle: Stadtarchiv Lingen (Ems), Archivalie des Monats April 2021, 6.4.2021; Emslandmuseum, „75 Jahre Niedersachsen“, 13.04.2021

Flugschau am Segelflugplatz bei Giggenhausen (1977)

Im neuesten „Archivstück des Monats“ des Stadtarchivs Freising thematisiert Stadthistoriker und Stadtarchivar Florian Notter den ehemaligen Segelflugplatz „Lange Haken“ bei Giggenhausen, der bis zur Inbetriebnahme des Münchner Flughafens 1992 existierte. Florian Notter geht auf die Geschichte des Platzes im Freisinger Moos ein, die bis in die frühen 1960er Jahre zurückreicht und blickt außerdem auf die beliebten Flugschauen zurück, die auf dem Flugplatz regelmäßig veranstaltet wurden.

Als im Mai 1992 im Erdinger Moos der neue Münchner Flughafen eröffnet wurde, musste auf der anderen Seite der Isar, im Freisinger Moos, ein beliebter Segelflugplatz schließen. Knapp drei Jahrzehnte lang waren hier Luftsportbegeisterte aus Freising und der gesamten Region München zum Flugtraining, zur Ausbildung, zu Wettbewerben oder Flugvorführungen zusammengekommen.


Abb.: Der Segelflugplatz „Lange Haken“, um 1980 (Stadtarchiv Freising)

Die Anfänge des Segelflugplatzes „Lange Haken“, dessen Name sich von einer historischen Flurbezeichnung ableitete, gehen auf die frühen 1960er Jahre zurück. Die Mitglieder des „Luftsportvereins Freising e.V.“ waren damals auf der Suche nach einem Gelände, das sich für die Anlage eines Segelflugplatzes eignete. Zu diesem Zweck hatte der 1951 gegründete Verein bislang eine Wiese bei Pulling genutzt, die von der Fabrikantenfamilie Schlüter zur Verfügung gestellt worden war. Durch den konstanten Zustrom an Segelflugsportlern reichten die Kapazitäten dieses Platzes letztlich nicht mehr aus.

Zur gleichen Zeit war auch der „Aero-Club München“ gezwungen, seinen Segelflugplatz in Fröttmaning aufzugeben und sich um eine Alternative zu bemühen. Tatsächlich zeitigte die Ausschau nach einem Grundstück wie auch nach politischen Unterstützern bald Erfolge: Bezüglich des Standorts fokussierte man ein Areal an der Moosach, zwischen den Dörfern Giggenhausen und Pulling; wegen der Aufwinde, die durch die nahen Tertiärhügel gegeben waren, schien die Lage für die Segelfliegerei hier ideal.

Einen einflussreichen Förderer fand der Luftsportverein im damaligen Freisinger Landrat (und späteren Justizminister) Philipp Held. Zu den tatkräftigen Initiatoren auf Seiten des Luftsportvereins gehörten seinerzeit der Rechtsanwalt Ludwig Huber-Wilhelm, der Lehrer Rudolf Braun und der Arzt Gerhard Völlinger. Bereits 1961 konnten die ersten Grundstückskäufe getätigt werden. 1963 folgte der Bau der 600 Quadratmeter großen Flugzeughalle im Nordosteck des Areals, nahe der Zufahrtsstraße beziehungsweise der Moosach. Die feierliche Einweihung des Flugplatzes fand am 28. Juli desselben Jahres statt.

In den 29 Jahren seines Bestehens war „Lange Haken“ immer auch ein Ort, der in großer Zahl interessierte Laien anzog. Neben den gewöhnlichen Flugtrainings, die man mitverfolgen konnte, organisierte der Luftsportverein seit den 1970er Jahren mehrmals öffentliche „Flugtage“ – große Volksfeste mit Flugshoweinlagen und kulinarischen Angeboten. Der dritte „Großflugtag“ auf „Lange Haken“ wurde am 18. September 1977 veranstaltet und damit das 25-jährige Bestehen des Luftsportvereins Freising gefeiert (korrekterweise hätte die Feier ein Jahr früher stattfinden müssen). Von diesem Ereignis hat sich im Stadtarchiv Freising ein Plakat erhalten.


Abb.: Plakat für den „Freisinger Großflugtag“ am 18. September 1977 (Stadtarchiv Freising)

Das Programm war gespickt mit größeren und kleineren Attraktionen: verschiedene Flugshows, Fallschirmspringen, Ballonfahrten, eine Flugzeugtaufe und ein Hallenfest mit Tanz. Wie in der Ausgabe vom 20. September 1977 der Freisinger Neuesten Nachrichten berichtet wurde, wohnten dem Ereignis trotz niedriger Temperaturen und häufigen Regenschauern etwa 2.500 Besucherinnen und Besucher bei. Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, war das Ende des Segelflugplatzes, das durch den geplanten Münchner Flughafen unweigerlich drohte, damals bereits ein Thema.


Abb.: Der Segelflugplatz „Lange Haken“ aus der Luft, um 1980. Der Platz liegt relativ mittig zwischen Giggenhausen und Pulling. An der auffallend länglichen Flur kann man den Standort auch heute noch gut lokalisieren (Archiv des Luftsportvereins Beilngries).

Während der Segelflugplatz „Lange Haken“ seit 1992 Geschichte ist, gibt es den traditionsreichen Luftsportverein Freising noch immer, heute allerdings unter dem Namen „Luftsportverein Beilngries e.V.“. – Hier konnte 1994 ein neuer Segelflugplatz bezogen werden.

QUELLEN:

Stadtarchiv Freising, Plakatsammlung.Ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Neueste Nachrichten, 20.09.1977; Freisinger Tagblatt 19.07.1963, 28.07.1963, 20.09.1977; Freisinger Zeitung, 29./30.06.1963. Vereinsarchiv Luftsportverein Beilngries e.V. (vormals Luftsportverein Freising), Festschrift „25 Jahre Luftsportverein Freising“.

Kontakt:
Stadtarchiv Freising
Florian Notter, M.A.
Major-Braun-Weg 12
85354 Freising
Tel.: 08161 / 54-44710
Fax: 08161 / 54-54700
stadtarchiv@freising.de

Quelle: Florian Notter, Stadtarchiv Freising, Archivstück des Monats April 2021; Stadt Freising, Aktuelles, 06.04.2021

Stadtarchiv Gladbeck mit neuer Leitung

Christian Schemmert ist seit dem 22.3.2021 neuer Leiter des Archivs im Gladbecker Rathaus. Der 38-jährige Essener tritt die Nachfolge von Katrin Bürgel an, die Anfang Februar zum Stadtarchiv Kleve wechselte. Bürgermeisterin Bettina Weist zeigt sich erfreut darüber, dass das historische „Gedächtnis“ der Stadt nach nur wenigen Wochen der Vakanz in neue Hände gegeben werden konnte: „Mit Christian Schemmert haben wir einen jungen, aber dennoch erfahrenen Historiker und Archivwissenschaftler gewinnen können. Das Stadtarchiv ist die zentrale Stelle für alle Fragen zur Gladbecker Stadtgeschichte und steht jedermann offen – umso wichtiger ist es, die Angebote zu unserer Vergangenheit zukunftsfähig aufzustellen.“


Abb.: Bürgermeisterin Bettina Weist und der neue Gladbecker Stadtarchiv Christian Schemmert (Foto: Stadt Gladbeck)

Der neue Gladbecker Stadtarchivar freut sich auf die abwechslungsreiche und vielseitige Aufgabe und darauf, mit den Gladbeckerinnen und Gladbeckern über die Geschichte ihrer Stadt ins Gespräch zu kommen. „Dabei sind unterschiedliche Vermittlungsformen denkbar. Klassisch gedacht durch Ausstellungen, Pressemitteilungen, Vorträge, Tage der offenen Tür oder Führungen – aber auch neue Ansätze der Geschichtsvermittlung wird es geben“, erläutert der Historiker. Er sieht das Stadtarchiv als eine attraktive Bildungs- und Kultureinrichtung mit einem vielseitigen Dienstleistungsangebot.

Dabei möchte der Archivleiter besonders die jüngere Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler ansprechen, um die Identifikation mit der eigenen Stadt gemeinsam mit den Lehrkräften zu stärken. „Das verstehe ich durchaus als Demokratieauftrag. Denn nur wer sich für seine Umgebung interessiert, setzt sich heute oder später auch für sie ein“, weiß der 38-Jährige, der den verantwortungsvollen Auftrag gerne annimmt, für die künftigen Generationen eine aussagekräftige Dokumentation zur Geschichte der Stadt zu schaffen. Dabei legt der Historiker vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung der Stadtverwaltung auch einen Schwerpunkt darauf, neben den analogen auch die digitalen Serviceangebote des Archivs für Bürger und Verwaltung schrittweise zu erweitern und verfügbar zu machen. „Digitalisierung umfasst zweierlei Ansätze: Erstens die technische Maßnahme zum Informationserhalt historisch oder rechtlich bedeutsamer Unterlagen, bei denen ansonsten, bei drohendem Papierzerfall, ein Informationsverlust der Originalquellen droht. Zweitens trägt Digitalisierung dazu bei, dass der Zugang zu den Quellen der Stadtgeschichte für Nutzer erleichtert wird, was das Serviceangebot des Stadtarchivs steigert“, erklärt Christian Schemmert.

Sein Master-Studium der Geschichtswissenschaft absolvierte der Historiker an der Universität Bielefeld, sein postgraduales Masterstudium der Archivwissenschaft später berufsbegleitend an der Fachhochschule Potsdam. Sein dreijähriges wissenschaftliches Volontariat führte ihn in das Solinger Stadtarchiv, zuvor war er bereits im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn als Sachbearbeiter tätig. Der Hobbyfußballer und Fahrrad-Fan kennt zudem den Kreis Recklinghausen und das Ruhrgebiet gut: Der 38-Jährige kommt ursprünglich aus Haltern am See. „Tatsächlich bringe ich zu diesem Teil des Ruhrgebiets eine gewisse Verbundenheit mit, da in erster Linie meine Familie und viele meiner Freunde hier leben. Manche Ecke übt natürlich ihre eigene Faszination aus, wo ich mich nicht nur als Historiker frage, wo im Zeitalter von Kohle und Stahl eigentlich die Grenzen des Eingriffs in die Natur verliefen, wie die Menschen mit diesen Zumutungen der Moderne umgegangen sind, was da für Spannungen und Konflikte im Gemeinwesen auszuhalten waren. Am Beispiel der Stadtwerdung Gladbecks werden mir solche Themen demnächst von Berufs wegen begegnen“, sagt der Archivleiter. Um das alles besser einordnen und sich orientieren zu können, plant der 38-Jährige zunächst, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden – am besten mit dem Rad.

Kontakt:
Stadtarchiv Gladbeck
Neues Rathaus
Willy-Brandt-Platz 2
45964 Gladbeck
Tel.: 02043/ 99-2700 oder 02043/ 99-2028 (Historisches Archiv)
02043/ 99-2545 (Bauakteneinsichten)
Fax: 02043/ 99-1417
stadtarchiv@stadt-gladbeck.de

Quelle: Stadt Gladbeck, Pressemitteilung, 12.4.2021

Braumeister Böhme gegen die Gemeinde Laatzen

Der Archivfund im April 2021 des Stadtarchivs Laatzen kann mit der Überschrift „Das Leiden der Pfanne“ überschrieben werden. Im vorgestellten Schriftstück dreht sich alles um die Auseinandersetzung des Braumeisters Böhme mit der Gemeinde Laatzen. Streitstück ist eine kaputte Braupfanne.

Abb.: Rechnung des Braumeisters Böhme an die Gemeinde Laatzen wegen beschädigter Braupfanne (Stadtarchiv Laatzen)

Bei der kaputten Pfanne handelte es sich um eine sogenannte Braupfanne – regional unterschiedlich auch Würzepfanne, Sudpfanne, Braukessel oder Sudkessel genannt. Diese technische Anlage spielte beim Prozess des Bierbrauens eine elementare Rolle. Mit einer undichten Braupfanne ging ein Verlust des Bieres einher. Der Laatzener Braumeister Böhme wandte sich erstmals 1822 mit der Bitte an die Gemeinde Laatzen, die undichte Braupfanne zu reparieren. Der zwischen dem Braumeister und der Gemeinde geschlossene Vertrag verpflichtete Letztere dazu, die Braupfanne stets im einwandfreien Zustand zu erhalten und die erforderlichen Reparaturen aus ihren Mitteln zu bezahlen.

Leider schweigt das Schriftstück zu der offensichtlichen Frage, wieso die Reparatur der Braupfanne in der Verantwortung der Gemeinde Laatzen lag. Eine mögliche Antwort erschließt sich bei einem kurzen Exkurs in die Geschichte des Bieres: Im Frühmittelalter gehörte das Braurecht zu den Vorrechten der Grund- oder Landesherrschaft. Seit dem Hochmittelalter (Anfang/Mitte des 11. Jahrhunderts) ging das Braurecht größtenteils auf die Städte und Dörfer über. In den folgenden Jahrhunderten wurden fast überall Produktions- und Verkaufssteuern auf Bier erhoben. Aufgrund des hohen Bierkonsums war die „Biersteuer“ für den städtischen Fiskus äußert lukrativ. Der Bierkonsum war auch deshalb Anfang des 19. Jahrhunderts sehr hoch, da Bier zu den wichtigsten Getränken überhaupt gehörte und oftmals das damals noch unsaubere Wasser in den Städten und Dörfern ersetzte.

Als Gegenleistung für die an sie abgeführte „Biersteuer“ war die Gemeinde Laatzen möglicherweise dafür verantwortlich, dass die technischen Anlagen, die dem Bierbrauer sein Handwerk ermöglichten, instandgehalten und wenn nötig repariert wurden. Dem hier vorgestellten Schreiben vom 12. Mai 1829 ist zu entnehmen, dass sich die Gemeinde Laatzen erst nach mehrmaligen Aufforderungen – und selbst dann wohl mehr schlecht als recht – um die Reparatur der Braupfanne kümmerte.

„Aller dieser Reparaturen ohnerachtet war dem Übel, ‚das Leiden der Pfanne‘, nicht abgeholfen und dauerte unaufhörlich bis in diesem Jahre 1829 fort, wo es sich denn endlich die Gemeinde angelegen seyn ließ, die Pfanne einer Hauptreparatur zu unterziehen“

Ein Teil des Bieres ging nach wie vor verloren. Erst 1829 – acht Jahre und einige weitere erfolglose Reparaturen später – ließ die Gemeinde Laatzen die Braupfanne in Hannover von einem Kupferschmiedemeister reparieren. Braumeister Böhme stellte der Gemeinde Laatzen den Verlust durch die undichte Braupfanne in Rechnung – auf den Kosten wollte er schließlich nicht sitzen bleiben. In der Rechnung wird der jährliche Schaden durch den Verlust des Bieres aufgeschlüsselt. Unterm Strich verlangt der Braumeister von der Gemeinde 170 Reichstaler als Entschädigung, wobei er, wie er gegen Ende seines Schreibens angibt, auch noch mehr hätte verlangen können. Wer möchte, kann den ausführlichen Wortlaut der Rechnung auch als Transkription lesen.

Die Auswahl dieses Schriftstücks als „Archivale des Monats“ begründet Stadtarchivar Manuel Schwanse damit, dass „nicht nur historisch bedeutsame, sondern auch kuriose Schriftstücke aus den Beständen des Stadtarchivs Laatzen präsentiert werden sollen.“ „Der vorliegende Bericht des Hannoveraner Braumeisters Böhme über beschädigte Braupfannen und seine Auseinandersetzung mit der Gemeinde Laatzen mutet aus heutiger Sicht recht kurios an, etwa, wenn Böhme vom dem „Leiden der Pfanne“ schreibt. Gleichzeitig gibt uns der Archivfund einen Einblick in die Herausforderungen, mit denen ein Braumeister aus der Region vor nun knapp 200 Jahren zu kämpfen hatte“, so Manuel Schwanse weiter.

Kontakt:
Stadtarchiv Laatzen
Manuel Schwanse
Gutenbergstraße 15
30880 Laatzen OT Laatzen-Mitte
Tel.: 0511 / 8205-1015
manuel.schwanse@laatzen.de

Quelle: Ilka Hanenkamp-Ley, Stadt Laatzen, Pressemeldung, 31.03.2021; Stadtarchiv Laatzen, Archivale des Monats, Archivfund April 2021

Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte 2021

Der Geschichtswettbewerb „Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte“ geht in eine neue Runde. Die Ostfriesische Landschaft und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich schreiben den Schülerpreis erneut aus.


Abb.: Plakat zum Schülerpreis (NLA-Abteilung Aurich, Ostfriesische Landschaft)

Nachdem im Jahr 2020 mit 27 Einsendungen fast ein Höchstwert bei den Bewerbungen verzeichnet werden konnte, wird auch im Jahr 2021 – inzwischen zum 12. Mal – ein Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte vergeben.

Die Erforschung und die Darstellung der lokalen und regionalen Kultur und Geschichte haben in Ostfriesland immer schon ein breites Interesse gefunden und Ergebnisse von hohem Rang erbracht. Daran waren und sind neben den Fachwissenschaftlern immer auch eine große Zahl von Laien aus allen Berufen und Schichten beteiligt. Auch in den Schulen sind regionale und lokale Themen aus Kultur und Geschichte immer wieder Gegenstand von Unterrichtsprojekten und Fach- und Hausarbeiten.

Die Erforschung der ostfriesischen Kultur und Geschichte, ihre vermehrte Kenntnis und das vertiefte Verstehen tragen wesentlich bei zur Ausbildung der kulturellen Identität in der Region und zur bewussten Erhaltung der Vielfalt örtlicher und regionaler Traditionen. Dadurch wird insbesondere auch die junge Generation besser in die Lage versetzt, größere historische Zusammenhänge zu verstehen und zugleich die Verhältnisse vor Ort angemessen einzuordnen, Toleranz zu lernen und sowohl die eigene als auch die Heimat anderer stärker zu achten.

Mit dem „Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte“ sollen herausragende Arbeiten von Schülerinnen und Schülern zu Themen der ostfriesischen Geschichte und Kulturgeschichte ausgezeichnet werden. Die sich mit diesen Themen beschäftigenden Schülerinnen und Schüler sollen auf diese Weise öffentliche Anerkennung für besondere Leistungen erhalten können.

Es können Arbeiten eingereicht werden, die im Rahmen der schulischen Beschäftigung in der gymnasialen Oberstufe mit ostfriesischer Kultur und Regionalgeschichte z. B. aus den Fächern Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Politik, Religion etc. entstanden sind, die einen Beitrag zur Erforschung der Kultur und Geschichte Ostfrieslands liefern und sich durch einen wissenschaftspropädeutischen Ansatz und Eigenständigkeit auszeichnen. Die Arbeiten müssen die individuelle Leistung erkennen lassen. Eine Veröffentlichung der ausgezeichneten Arbeit im Internet durch die Ostfriesische Landschaft ist vorgesehen.

Die eingereichten Arbeiten müssen im schulischen Rahmen mindestens mit der Note „gut“ bewertet sein oder von Lehrerinnen und Lehrern empfohlen werden. Der Vorschlag ist sowohl digital als eine einzige Datei (PDF) und in Druckform sowie in Verbindung mit der Angabe der Postadresse und der E-Mail-Adresse des Bewerbers einzureichen.

Über die Bewerbungen und Vorschläge entscheidet eine Jury unter Vorsitz des Direktors der Ostfriesischen Landschaft unter Beteiligung von zwei Wissenschaftlern der Ostfriesischen Landschaft, dem Leiter des Staatsarchivs in Aurich, Dr. Michael Hermann, und drei weiteren, vom Wissenschaftsausschuss der Landschaft zu bestimmenden Pädagogen aus Ostfriesland.

Der „Schülerpreis für ostfriesische Geschichte“ ist mit 500 € dotiert. Der Preis kann geteilt werden. Die Preisverleihung erfolgt im Dezember 2021. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, eine Rechtspflicht zur Verleihung besteht nicht. Vorschläge für geeignete Preisträgerinnen und Preisträger werden angenommen bis zum 30. September 2021. Einzureichen sind die Vorschläge bei der Ostfriesischen Landschaft.

Für Rückfragen stehen zur Verfügung:
Dr. Paul Weßels, Landschaftsbibliothek Aurich, Ostfriesische Landschaft (Wessels@ostfriesischelandschaft.de; Tel. 04941-179939),
Dr. Michael Hermann, Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich (Michael.Hermann@nla.niedersachsen.de; Tel. 04941-176660).

Kontakt:
Ostfriesische Landschaft
– Körperschaft des öffentlichen Rechts –
Georgswall 1-5
26603 Aurich
Tel.: 04941 / 1799-0
Fax: 04941 / 799-70
ol@ostfriesischelandschaft.de

Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich
Oldersumer Straße 50
26603 Aurich
Tel.: 04941 / 176 660
Fax: 04941 / 176 673
Aurich@nla.niedersachsen.de

Quelle: Ostfriesische Landschaft, Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte 2021; Niedersächsisches Landesarchiv, Neuigkeiten 2021

Das Hoheitszeichen des großherzoglich mecklenburg-schwerinschen Konsulates in Bremen

„Auf einem Schild mittlerer Größe gemahlt“. – 100 Kilo Stahl, verteilt auf 970 x 760 x 4 mm, entsprechen nicht unbedingt landläufigen Vorstellungen von einer Archivalie. Seit 1914 gehört dennoch genau so ein Stück zu den Beständen des Landeshauptarchivs Schwerin. Es handelt sich mitnichten um eine bloße Stahlplatte, sondern vielmehr um das Behördenschild des mecklenburg-schwerinschen Konsulates in Bremen, wie das aufgetragene Wappen und die Umschrift unschwer erkennen lassen.


Abb.: Wappenschild des Konsulates des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin in Bremen, ca. 1883-1913 (Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12-2/5, Nr. 41)

Wie aber wurde das großherzogliche Hoheitszeichen aus der Hansestadt zur Schweriner Archivalie?
Im 18. Jahrhundert begann Mecklenburg-Schwerin an Plätzen, die aus unterschiedlichen Gründen für das Herzogtum wichtig waren, diplomatisch-konsularische Agenturen zu etablieren: Amsterdam, Antwerpen, Kopenhagen, St. Petersburg, Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg, Lübeck, Bremen. Ein wenig scheint es, als sollte hier Präsenz ohne kostspielige ständige Gesandtschaften gezeigt werden. Mit Konstanz wussten diese punktuellen Vertretungen oft nicht aufzuwarten, nach dem „Aus“ eines Repräsentanten blieben sie Jahre unbesetzt oder gingen gänzlich ein.

Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als sich sukzessive ein Netz mecklenburgischer Konsulate konstituierte bzw. mehr und mehr verdichtete. Als die auswärtigen Beziehungen der deutschen Einzelstaaten 1867/68 auf den Norddeutschen Bund übergingen, unterhielt Mecklenburg-Schwerin fast 140 konsularische Vertretungen in aller Welt.

Die stetige konsularische Repräsentanz des Großherzogtums in Bremen begann, nachdem der von 1774 bis 1811 amtierende Konsularagent August Gottlieb Eckenbrecher keinen Nachfolger fand, im Jahr 1835. Zu diesem Zeitpunkt ließen sich an der Weser 14 außerdeutsche Staaten sowie vier Mitglieder des Deutschen Bundes konsularisch vertreten: Hannover, Kurhessen, Preußen, Sachsen. 1835 eröffneten hier außerdem noch Argentinien und Bayern Konsulate.

Die Kaufmannschaften in Rostock und Wismar, deren Schiffsführer in erster Linie Nutznießer des Konsulates in Bremen sein sollten, standen der Behörde eher ablehnend gegenüber. Sie hielten sie für weitgehend überflüssig und fürchteten – im Übrigen grundlos – mit der Einrichtung verbundene Kosten in Form von verpflichtenden Gebühren und Abgaben.

Treibende Kraft war 1835 der Bremer Rentier Ernst Christian Ludwig Gruner, der seinen Wohlstand als Kaufmann und Teilhaber eines Handlungshauses auf St. Thomas in Dänisch-Westindien erworben hatte und weiterhin mehrte. Nachdem er Anfang 1857 verstarb, folgte ihm im Lauf des Jahres Carl Tewes im Amt. Der zu den Gründerkreisen der Bremer Bank und des Norddeutschen Lloyd zählende Kaufmann, der sich intensiv für die Dampfschifffahrt auf der Oberweser engagierte, war Teilhaber einer der erfolgreichsten und kapitalstärksten Bremer Firmen im Nordatlantikhandel.

Nach seinem Ableben Anfang 1875 schien, zumal das Deutsche Kaiserreich die Außenvertretung der Einzelstaaten übernommen hatte, die großherzogliche Repräsentanz in Bremen erledigt. Allerdings unterhielten Schwerin und Bremen keine auswärtigen Beziehungen im eigentlichen Sinne, so dass 1877 ein gewisser Adolf Friesland seine Dienste als Konsul erfolgreich in Schwerin anbot. Er war Teilhaber der größten Bremer Petroleum-Raffinerie bzw. Mineralölfabrik August Korff und zudem Schwiegersohn des Firmenpatriarchen.
Als Adolf Friesland sechs Jahre später mit nicht einmal 40 Jahren starb, fand sich mit dem Lloyds-Repräsentanten Hermann Vietsch schnell ein Nachfolger, der erst Anfang 1914 durch Tod aus dem Amt schied. Danach ließ Mecklenburg, nicht zuletzt aufgrund der geringfügigen Konsulatsgeschäfte, die dritte seiner neben Königsberg und Hamburg noch bestehenden Außenvertretungen eingehen.

Deren Geschichte endete allerdings erst einige Wochen später, als die amtlichen Insignien und Hinterlassenschaften in Schwerin eintrafen. Das Außenministerium erhielt zwei Siegel, einen Stempel, das Konsulatspatent, Instruktionen, eingegangene Post, das Notariatsregister des Konsulats sowie per Bahnpost das Konsulats-Schild und eine mecklenburgische Flagge. Es reichte die Sendung mit Ausnahme der Flagge, die nach ihrer den aktuellen Vorschriften entsprechenden Herrichtung zunächst in Verwahrung genommen und fast zwei Jahre später dem Amt Schwerin zum Gebrauch übergeben wurde, an das damalige Geheime und Hauptarchiv Schwerin weiter.

Der Gebrauch von Flagge, Uniform und Wappen war ein Recht, aber keine Pflicht des Konsuls. Das Konsulatswappen, „auf einem Schilde mittlerer Größe gemahlt“, hatte „einzig und allein die Bequemlichkeit der Mecklenburgischen Schiffs-Capitains“ zum Zweck. In Bremen nun „mißfielen“, so Bürgermeister Christian Abraham Heineken in seiner „Geschichte der Freien Hansestadt Bremen“ aus dem Jahr 1812, „die reichgestickten Konsulatsuniformen“ und „großen Wappenschilder über den Haustüren“ von auswärtigen Konsuln „dem Gleichheit liebenden Bürger“. Entweder war das Hermann Vietsch entgangen, oder die Zeiten hatten sich Anfang der 1880er Jahre geändert: Von den vier mecklenburgischen Konsuln in Bremen wies einzig sein Nachlassinventar ein Wappenschild aus, so dass offenbar nur er dieses Hoheitszeichen führte. Die gegenüber dem Muster recht laienhafte Umsetzung verleiht dieser singulären Archivalie eine hohe Authentizität.

Abb.: Muster für das von den mecklenburg-schwerinschen Konsulaten zu gebrauchende Wappenschild (LHAS, 5.12-2/5, Nr. 2)

Kontakt:
Landeshauptarchiv Schwerin
Graf-Schack-Allee 2
19053 Schwerin
Telefon: 0385-588791 11
Telefax: 0385-588794 12
poststelle@lakd-mv.de

Quelle: Dr. Matthias Manke, Landeshauptarchiv Schwerin, Archivalie April 2021

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