Friedliches Bingen – Pax Aura Bingens

Das Stadtarchiv Bingen beschäftigt sich in seiner Reihe „Archivalien erzählen Geschichte(n)“ im Monat Februar 2021 mit der „Pax Aura Bingens“. – Friede. Was ist Friede? Wann ist Frieden? Lediglich das Gegenteil von Krieg? Ist es Ruhe? Noch vor 400 Jahren galt Friede lediglich als phasenweise Unterbrechung einzelner Kriege und Streitigkeiten. Der Begriff Friede wurde damals selten verwendet und stattdessen – je nach Kontext – mit Ruhe, Glückseligkeit, Freundschaft, Gerechtigkeit, Glaube, Ewigkeit oder Nächstenliebe umschrieben.

Selbst im 30jährigen Krieg, vor genau 400 Jahren, war die Friedenssehnsucht noch nicht intensiv. Dabei hätte dieser verheerende 30jährige Krieg schon nach 3 Jahren durch den Friedensvertrag von Bingen am Rhein beendet werden können. Noch nie vom Binger Friede gehört?

Viele Straßen führen nach Bingen
Es ist hinlänglich bekannt, dass Bingen am Rhein ungemein verkehrsgünstig gelegen ist. Ob per Auto, Schiff, Zug oder Fahrrad – in Bingen trifft sich ein Straßennetz, das schon zu Zeiten der Römer Bestand hatte – schließlich hatten sie es erbaut. Auch im Mittelalter und den darauffolgenden Jahrhunderten wurde Bingen durch seine strategische Lage sehr geschätzt. Und deshalb gehörte Bingen nicht durchgehend von ca. 983 bis 1800 zum Erzbistum Mainz, Kurmainz, sondern auch ein paar Mal zu Frankreich, zur Kurpfalz und sogar Schweden.


Abb.: Der Kupferstich von Matthäus Merian wurde 1646 veröffentlicht, basiert aber auf Merians Reise nach Bingen um 1620. Er befindet sich im Museum am Strom, Bingen (Stadtarchiv Bingen)

Denn eine verkehrsgünstige Lage verheißt nicht nur einen geeigneten Ort für Treffen und Handel, sondern auch für Eroberungen. Und für Verhandlungen und militär-strategische Möglichkeiten. Letzteres ballte sich im Frühjahr 1621 in Bingen am Rhein.

Bingen als beliebter Kongress-Standort
Am 16. Juni 1614 fand der „Binger Ligatag“ statt. Es trafen sich die katholischen rheinischen Stände in Bingen, um über die Erhöhung ihrer Verteidigungsfähigkeit zu diskutieren. Dazu bedurfte es der endgültigen Teilung des rheinischen Direktoriums in einen ober- und einen niederrheinischen Bezirk mit zwei Kriegsdirektorien innerhalb der katholischen Liga. Die Grenzen markierten die Flüsse Mosel und Lahn, wobei das Erzbistum Trier komplett zum oberrheinischen Bereich gehörte

Am 7. Juli 1628 fand in Bingen eine Versammlung zumindest eines Teils der Katholischen Liga statt, nämlich der vier rheinischen Kurfürsten (Mainz, Trier, Köln und Bayern als Nachfolger für den pfälzischen Kurfürsten). Sie diskutierten über die Absetzung des kaiserlichen Feldherrn Wallenstein, die der bayerische Kurfürst forderte. Die anderen drei Kurfürsten sprachen sich jedoch gegen diese kompromisslose Lösung aus und zog ein Abwarten vor.

Bingen, der Treffpunkt
Nachdem der katholische Heerführer Ambrosio Spinola bereits im August und September 1620 durch Bingen gezogen war und einige seiner Soldaten in Bingen stationiert waren, kehrte er im Januar 1621 zurück. Diesmal nicht zur Besetzung von Bad Kreuznach, sondern um Verhandlungen zu führen. So saßen sich in Bingen die Bevollmächtigten des Kaisers, darunter Spinola, und die Bevollmächtigten des hessischen Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel gegenüber. Es ging um die Forderung der Kaiserlichen, die hessische Zollschranke auf Höhe des Binger Lochs freizustellen. Das bedeutete für Hessen und die ganze Protestantische Union, dass ihr freier Durchgang entlang des Rheingrabens unterbrochen wird und in die Gewalt des Kaisers und der Katholischen Liga fällt – samt dem Verlust der sehr ertragreichen Zolleinnahmen der Schiffe auf dem Rhein.

Spinola forderte außerdem den freien Durchzug seiner Soldaten auf beiden Seiten des Mittelrheins und lenkte damit das Gespräch auf die übriggebliebene Einflussnahme der protestantischen Union im Generellen. Im Klartext: Wenn der hessische Landgraf und gläubige Calvinist Moritz sein Land vor einer kriegerischen Eroberung sichern möchte, müsse er sich von der Union absagen. Das war ein starkes Stück. Und die hessischen Gesandten, Eitel von Berlepsch, Graf Wilhelm Georg von Solms, Johann Bernhard von Dalwigk und Christian von Boyneburg, wurden unsicher, denn darauf waren sie nicht vorbereitet. Sie hatten von Moritz von Hessen-Kassel keine Vorgaben bekommen und baten daher um eine Unterbrechung der Verhandlungen. Doch sie ließen sich von den kaiserlichen Gesandten irritieren, die ihnen nur eine zweiwöchige Unterbrechung der Verhandlungen gewährten. Deshalb nahmen die hessischen Gesandten die Forderungen von katholischer Seite an, ergänzten aber, dass sie es anschließend noch mit dem Landgrafen absprechen wollten.

Das taten sie – und Landgraf Moritz tobte über das Verhalten seiner Bevollmächtigten. Wieso hatten sie die Forderung schon vorbehaltlich angenommen? Das sei Amtsmissbrauch! Anderthalb Monate rang der Landgraf mit sich, weshalb die Verhandlungen, die am 24. Januar 1621 begonnen hatten, erst nach mehr als zwei Monaten abgeschlossen wurden. Am 5. April verpflichtete sich Landgraf Moritz als einer der damaligen Wortführer der protestantischen Union, von dieser und dem geächteten ehemaligen Pfalzgrafen, Kurfürsten von der Pfalz und böhmischen König Friedrich V., abzulassen. Dafür wurde sein Land von kaiserlichen Soldaten verschont.

Das also beinhaltete das Binger Traktat, das den frühen Frieden bedeutet hätte.

Bingen, die Friedensstadt
Aber wieso ist im Museum am Strom nun das Binger Traktat von 1621 ausgestellt und nicht der Binger Friedensvertrag?


Abb.: Das Binger Traktat im Museum am Strom in Bingen (Stadtarchiv Bingen)

Das hat mit der eingangs erwähnten seltenen Verwendung von Frieden, zu tun und dem gleichen Ursprung von Friede (pax) und Vertrag bzw. Vereinbarung (pacti, pactio). Das verdeutlicht noch einmal, wie sehr damals zwischen dem politischen Frieden (Beendigung eines Krieges durch einen Vertrag) und dem himmlischen, religiösen Frieden (Erlösung, Ewigkeit) unterschieden wurde.

Im 17. und 18. Jahrhundert werden also für den Binger Frieden ganz unterschiedliche Begriffe verwendet. Nicht nur Traktat, sondern auch Verhandlung oder Vertrag. Binger Friede, Binger Vertrag, Binger Vereinbarung – so viel Unterschied gab es damals weithin nicht.


Abb.: Pax Aurea. Kupferstich von Daniel Meisner, 1620 er Jahre, im Museum am Strom, Bingen, erinnert an den Binger Frieden (Stadtarchiv Bingen).

Umso überraschender ist dieser Kupferstich. Mit „Pax Aurea“, goldener Friede, übertitelt, zeigt er eine völlig andere, einmalige Überlieferung. Der Stich wurde in den 1620er Jahren von Daniel Meisner erstellt. Also nur wenige Jahre nach dem Ereignis, als – wie eingangs erwähnt – das damalige deutsche Reich noch gar nicht von einer intensiven Friedenssehnsucht ergriffen worden war. Und zu einer Zeit, als Bingen noch nicht viel unter den Konsequenzen des 30jährigen Krieges gelitten hatte.

Untertitelt ist der Stich mit den lateinischen Worten: „Nulla salus bello, / pacem te poscimus omnes: / Aurea libertas in firma pace tenetur.“ (Kein Heil durch den Krieg. / Frieden, wir fordern dich alle: / Goldene Freiheit wird durch dauerhaften Frieden bewahrt.). Die daran anschließenden deutschen Worte demonstrieren, dass Meisner nicht damit rechnete, dass der Krieg erneut angefacht werden und Bingen davon betroffen sein könne.

Der Binger Friede hätte in der Tat weitreichende Folgen haben können.

Bingen im Krieg
1631, durch den Eintritt von Schweden in den 30jährigen Krieg, wurde Bingen nicht mehr nur aus militär-strategischen Gründen in den Krieg involviert, sondern besetzt. Der schwedische König Gustav Adolf war bereits im Dezember 1631 im Rheingau gegenüber von Bingen, orientierte sich dann aber zunächst in Richtung Bayern. Im Frühjahr 1632 kehrte er zurück und konnte zügig die Stadt einnehmen. Bei den Kämpfen zwischen Schweden und den in Weiler lagernden kaiserlichen Soldaten wurde jedoch Kloster Rupertsberg zerstört.

Von April 1632 bis Mai 1660 war Bingen dann fast dauerhaft besetzt, allerdings von Militärpersonen wechselnder Herkunft. Der Krieg endete für Bingen nicht mit dem Westfälischen Frieden, sondern vielmehr mit dem Abzug der französischen Truppen im Mai 1650. Daran schloss sich aber noch eine zehnjährige Zeit als kurfürstliche Garnisonsstadt an. Erst 1660 war Bingen wieder selbstständig. Wenn auch nur für ein Vierteljahrhundert, denn 1689 wurden die Stadt Bingen und ihre Umgebung von französischen Truppen gebrandschatzt. Es begann die Zeit des neunjährigen Krieges, der umgangssprachlich auch als Pfälzischer Erbfolgekrieg bezeichnet wird.

Bingens Besatzungen im 30jährigen Krieg
Da es zahlreiche Legenden oder Halbwahrheiten in der heimatgeschichtlichen Literatur gibt, die sich als Narrativ weitervererben, hier etwas Fakten.

04.1632 – 08.1634 Schweden Die Zeit der schwedischen Besatzung war weitaus nicht so drastisch wie in manch allzu unkritischer heimatkundlicher Literatur beschrieben: Es gab keine systematische Zerstörung, Tötungen und Brandstiftung (Ausnahme: Rupertsberg).
08.1634 – 08.1635 Kaiser & Kurmainz (verbündet) Im Frühjahr/Sommer 1635 fanden einige Kämpfe zwischen kaiserlichen Truppen aus Bingen und weimar-französischen im Rheingau statt.
08.1635 – 12.1635 Weimar & Frankreich (verbündet)
12.1635 – 11.1639 Kaiser & Kurmainz (verbündet)
11.1639 – 08.1640 Weimar & Frankreich (verbündet) Unmittelbar vor nach der erneuten Eroberung der Stadt durch weimarische Truppen flohen viele Bürger. Tatsächlich waren diese neun Monate die wirtschaftlich verheerendste Phase des Krieges für Bingen.
08.1640 – 07.1641 Kaiser & Kurmainz (verbündet) Nach der erneuten Rückeroberung folgte ein strenges Strafgericht des Mainzer Domkapitel gegen jene Binger Bürger, die lieber aus der Stadt geflohen waren als diese zu verteidigen.
07.1641 – 08.1644 ohne Besatzung
08.1644 – 05.1650 Weimar & Frankreich (verbündet)
05.1650 – 1660 Kurmainz

Dieser Artikel erschien auch unter dem gleichen Titel im aktuellen Bingen-Heft, das sich frei verfügbar anschauen und downloaden lässt. In dem Heft befindet sich auch eine kurze wissenschaftlich fundierte Geschichte des Winzerfestes, die in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Bingen entstanden ist.

Kontakt:
Stadtarchiv Bingen
Herterstraße 35
55411 Bingen-Bingerbrück
Tel.: 06721 / 184-354
Fax: 06721 / 184-359

Quelle: Stadtarchiv Bingen, Archivalien erzählen Geschichte(n), Februar 2021

Meldekarte von August Abendroth aus Wattenscheid im Bochumer Stadtarchiv

Einmal im Monat präsentiert das Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte ein besonderes Dokument oder Objekt aus seinen Beständen im „Schaufenster Stadtgeschichte„. Auf diese Weise werden nicht nur historische Ereignisse oder Persönlichkeiten vorgestellt. Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ gewährt auch einen Einblick in die bunte Vielfalt der historischen Zeugnisse, die zum kulturellen Erbe Bochums gehören und die im Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte verwahrt werden.

Im Bestand des Bochumer Stadtarchivs befindet sich im Magazin der Personenstandsunterlagen ein vor ein paar Jahren wieder aufgetauchter kleiner „Schatz“: Ein Teil – nämlich die Buchstaben A bis L – der historischen Wattenscheider Meldekartei aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ob die andere Hälfte der Meldekartei zerstört wurde oder aus anderen Gründen nicht überliefert worden ist, kann heute leider nicht mehr herausgefunden werden.

Die Meldepflicht für den Zu- und Wegzug von Personen hat ihren Ursprung in fremdenpolizeilichen Vorschriften des 19. Jahrhunderts. Nach der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 entwickelte sich die Meldepflicht zum Nachweis über Aufenthaltsort und -dauer einer Person, wie man sie bis heute kennt.

Die hier präsentierte Meldekarte ist die von August Abendroth.


Abb.: Wattenscheider Meldekarte von August Abendroth (Quelle: Stadt Bochum, Stadtarchiv)

Aus dieser geht hervor, dass er in Wattenscheid einige Male verzogen ist, im Jahre 1918 seine Zeit beim Militär verbracht hat und von dort wieder nach Wattenscheid gezogen und ebenda verstorben ist.

Aus den Meldekarten gehen interessante Informationen hervor, die sonst nur schwerlich oder gar nicht herauszufinden wären. Da die Meldekarten komplett durcheinander waren, hat eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs Bochum in mühsamer Sortierarbeit vor ein paar Jahren alle Karten alphabetisch sortiert. Seitdem sind sie für den internen Gebrauch zum Beispiel für die Beantwortung von Anfragen und Recherchen nutzbar, können aber leider aus konservatorischen Gründen nicht im Lesesaal persönlich eingesehen werden. Die Bochumer Meldekartei aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist komplett Opfer der Bombeneinwirkung aus dem 2. Weltkrieg geworden.

Kontakt:
Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte
Wittener Straße 47
44777 Bochum
Tel.: 0234 / 910-9510
stadtarchiv@bochum.de
www.bochum.de/Stadtarchiv

Quelle: Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte, Schaufenster Stadtgeschichte, Archivalie des Monats Februar 2021

Überflutung des Archivgebäudes in Hannover 1946

Die Marke am Dienstgebäude des Niedersächsischen Landesarchivs in Hannover zeigt die beeindruckende Höhe von 2,20 m und weist auf eine der größten Katastrophen hin, die je über die Stadt Hannover hereingebrochen sind.


Abb.: Die Eingangstür zum Archiv (links am Bildrand) stand völlig unter Wasser. Der mit der Kennzeichnung „11.2.46“ versehene Markierungsstrich zwischen den Fenstern zeigt die Höhe des Wasserstandes. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 15)


Abb.: Markierungsstrich des Wasserstandes am 11.2.1946 (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover)

Das sogenannte „Leine-Hochwasser“ vom Februar 1946 traf die von den Bomben des Zweiten Weltkriegs schwer getroffene Stadt Hannover weitgehend unvorbereitet. Der hannoversche Staatsarchivar Hans Goetting berichtet als Augenzeuge: „Als ich mich am frühen Nachmittag des 9. Februar – der Dauerregen der letzten Tage war in leichten Schneefall übergegangen – wie gewohnt zum Bahnhof begab, um zu meiner Familie nach Vorsfelde bei Wolfsburg zu fahren, war der Wasserstand der Leine am Schloß zwar höher als gewöhnlich, gab aber zu begründeten Besorgnissen noch keinen Anlaß“.

Eine durch den seit dem 3. Februar ohne Pause anhaltende Niederschlag entstandene erste Hochwasserwelle hatte allerdings die vorhandenen Wasserspeicher und Rückhalteflächen rasch gefüllt und die Wasserläufe anschwellen lassen. Dennoch stieg der Wasserstand in Hannover am 8. Februar nicht weiter an; am Mittag des 9. Februar gab es an Leine und Ihme noch Spielraum von 1 m bis 1,5 m zu den Deichkronen. Außerordentlich hohe Niederschlagsmengen in der Nacht vom 8./9. Februar lösten dann eine zweite Hochwasserwelle aus, die im inneren Stadtgebiet auf die vorherige Welle, die Hannover noch nicht passiert hatte, traf. Diesen Wassermassen waren die Flussdeiche nicht gewachsen; sie wurden überflutet und brachen.

Der Höchststand der Flut war am 10. Februar um 12 Uhr Mittags erreicht. Zu diesem Zeitpunkt waren 1.666,25 ha Fläche des Stadtgebiets überschwemmt. Besonders schwer wurde die zwischen Leine und Ihme gelegene Calenberger Neustadt betroffen. Hier wurde die Situation dadurch noch verschlimmert, dass ein britisches Treibstofflager auf dem Schützenplatz überflutet wurde und der Strom ca. 700.000 Benzinkanister mit sich riss, die die Durchflüsse unter den Leinebrücken im weiteren Verlauf des Flusses verstopfen sollten.

Der am Morgen des 11. Februar nach Hannover zurückgekehrte Archivar Goetting schildert die Situation: „Das Wasser, welches am Vortrag den gesamten Friederiken-Platz überflutet hatte, war inzwischen leicht zurückgegangen. Dagegen bildeten der ganze Waterloo-Platz, Adolfstraße und Archivstraße noch einen riesigen See. Das gesamte Gebäude des Staatsarchivs und der Provinzialbibliothek befand sich in einem reißenden Strom, der von der Waterloostraße heruntergeschossen kam und sich in die tiefer gelegene Calenberger Neustadt hinter dem Regierungsgebäude ergoß“. Linden war so bis zum 13. Februar vollständig von der Verbindung mit der Stadt Hannover abgeschnitten.

Zahlreiche vom Luftkrieg verschonte Wohnhäuser wurden vorübergehend unbrauchbar. Die nach den Bombenangriffen nur notdürftig wiederhergestellte Infrastruktur in der Stadt – Straße, Deiche, Fernsprech- und Telegraphenanlagen, Energieversorgung – wurde schwer getroffen. An öffentlichen Gebäuden wurden u. a. das Leine-Schloss, das Neue Rathaus, das Polizeipräsidium an der Hardenbergstraße sowie das Regierungsgebäude (heute Umweltministerium) und das Staatsarchiv überschwemmt. Die Arbeit der Verwaltung, die ohnehin vor die kaum lösbare Aufgabe gestellt war, die Versorgung der Stadtbewohner mit dem Lebensnotwendigen irgendwie zu organisieren, wurde damit noch einmal erheblich beeinträchtigt.

Auch die historische Überlieferung wurde schwer getroffen. Schon längst archivreifes Registraturgut der Stadtverwaltung, das in den Kellerräumen des Neuen Rathauses gelagert war, wurde überschwemmt.


Abb.: Einige Gänge waren angefüllt mit Büchern und Akten, die durch den Druck des einströmenden Wassers aus den Fächern der Regale oder von den einstürzenden Stapeln hier zusammengeschwemmt waren. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 18)


Abb.: Die meisten Gänge zwischen den Regalen waren mit Aktenstapeln vollgestopft. Durch das steigende Wasser wurden die Aktenbündel gehoben, und die Stapel stürzten zum Teil zusammen, so dass sich die durchnässten Bündel fest unter einander und an den Regalen verkeilten. Nur die obersten, beim Schwimmen gegen die Decke gepressten Pakete, blieben trocken. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 17)

Die gerade erst in großer Eile aus den Auslagerungsorten zurückgeführten Urkunden und Akten des Staatsarchivs – mangels Aufzüge im Erdgeschoss des Gebäudes aufgeschichtet – wurden überspült.


Abb.: Zusammengeschwemmte Akten, Urkundenkisten, sonstiges Gerät, sowie der Fußboden – alles war nach dem Abfließen des Wassers mit einer mehrere Zentimeter dicken Schlammschicht bedeckt. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. Nr. 19)

Die Aktenfaszikel lösten sich dabei auf und gerieten durcheinander; alles wurde von einer dicken Schlammschicht überzogen.


Abb.: Die dicke Schlammschicht in dem leeren Fache eines Regales ist durch die Austrocknung rissig geworden und hat sich bei einsetzendem Frost mit einer glänzenden Eisschicht überzogen. Im Hintergrunde eine, von einem 40 Meter entfernten Arbeitsplatz, durch den Wasserstrom hierher geschwemmte Siegelkapsel. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 20)

Nach dem Abklingen der Flut bildete sich auf den unersetzlichen Dokumenten rasch Schimmelpilz.


Abb.: Um die Räume rascher auszutrocknen, wurden offene Koksöfen in den Gängen aufgestellt. Umhergeschwemmte Aktenbündel aus umgestürzten Stapeln bedecken im Hintergrunde den Fußboden. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 21)


Abb.: Zur Austrocknung mussten sämtliche durchnässte Akten in die oberen Stockwerke befördert werden. Durch ein Fenster werden die oft 20 – 30 kg schweren Bündel auf die Straße geschafft und von dort in einer Kiste nach oben gewunden. (Bildrechte: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488 Aufn. 22)

Auch die Registratur des Regierungspräsidenten im ebenfalls überfluteten Nachbargebäude war von dem Hochwasser betroffen und erlitt ähnliche Schädigungen. Mit den Folgen kämpfen die Archivarinnen und Archivare bis heute.

Kontakt:
Niedersächsisches Landesarchiv
Am Archiv 1
30169 Hannover
Tel.: 0511 / 120 66 01
Fax: 0511 / 120 66 39
poststelle@nla.niedersachsen.de

Quelle: Aus den Magazinen des Landesarchivs Hannover (Februar 2021): Überflutung des Archivgebäudes in Hannover durch Leinehochwasser (1946), (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover BigS Nr. 7488)

Errichtung der Kasernen in Lingen-Reuschberge im Zuge der kriegsvorbereitenden Aufrüstung der Wehrmacht

Ein wesentlicher Bestandteil nationalsozialistischer Politik war die letztlich kriegsvorbereitende Aufrüstung der Wehrmacht. Im ganzen Reich wurden in bislang ungekannter Größenordnung neue Militärbauten errichtet. Zwei dieser Militärbauten stellt das Stadtarchiv Lingen (Ems) als Archivalie des Monats Februar vor.

Nachdem das Reichswehrministerium beschlossen hatte, Lingen bis Oktober 1935 mit einem Infanteriebataillon und einer Artillerieabteilung zu belegen, schlossen Stadt und Heeresverwaltung im Mai 1934 einen Garnisonsvertrag. Die Stadt verpflichtete sich dabei zur Übergabe von 21 Hektar Land in Reuschberge. Rund drei Viertel des Landes befand sich allerdings gar nicht in städtischen Besitz. Die Stadt musste es erst von dem durchaus nicht verkaufsbereiten Grafen Emanuel von Galen erwerben – und verstieß damit prompt gegen ein entsprechendes Verbot des preußischen Innenministeriums. Das Gelände gehörte ursprünglich zur Gemeinde Darme. Erst mit der Erwerbung durch die Stadt wurde es nach Lingen eingemeindet. Im August begannen die Bauplanungen. Täglich waren bis zu 500 Arbeiter an den Bauarbeiten beschäftigt. Viele Lingener Handwerksbetriebe beteiligten sich, aber auch Arbeitslose wurden herangezogen. So konnte man im März 1935 Richtfest feiern.

Das 1. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 37 (Osnabrück) unter dem Kommando von Major Lütkenhaus war bereits im Oktober 1934 in der Stadt eingetroffen. Es musste in Behelftsunterkünften untergebracht werden und siedelte erst später auf das Kasernengelände über. Tatsächlich handelte es sich um zwei lediglich durch einen Drahtzaun voneinander getrennte Kasernen. Das Infanterie-Bataillon übernahm die Walter-Flex-Kaserne, benannt nach dem völkisch-nationalistischen Kriegsdichter Flex.


Abb.: Stabsgebäude und Eingang zur Walter-Flex-Kaserne (Foto: Stadtarchiv Lingen (Ems))

Die 1. Abteilung des Artillerieregiments Nr. 6 (Minden) unter Major Hünermann bezog am 3. Oktober 1935 – dem Tage der offiziellen Einweihung – die Scharnhorstkaserne, benannt nach dem preußischen Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst.

Als die Artillerieabteilung mit Geschützen und Pferden am Lingener Bahnhof ankam, war die Stadt festlich geschmückt.


Abb.: Die Artillerie-Abteilung auf dem Marktplatz (Foto: Stadtarchiv Lingen (Ems))

Feierlich wurde sie auf dem Marktplatz empfangen, danach erfolgte auf dem Exerzierplatz der Walter-Flex-Kaserne die Schlüsselübergabe.


Abb.: Einweihungsfeier auf dem Exerzierplatz der Walter-Flex-Kaserne, 3. Oktober 1935 (Foto: Stadtarchiv Lingen (Ems))

Kaum einen Monat später wurden infolge der Wiedereinführung der Wehrpflicht auf dem Marktplatz die ersten Rekruten vereidigt. Es sollte ein bald regelmäßiges Ritual werden.

Die Bauarbeiten gingen unterdessen weiter und wurden – unter anderem mit der Errichtung einer Militärbadeanstalt – erst 1938 abgeschlossen. Die Stadt hatte inzwischen bemerkt, dass sie sich in eine missliche Lage manövriert hatte. Denn während sie sich im Garnisonsvertrag verpflichtet hatte, das Gelände frei von Rechten Dritter zu übergeben, hatte sie dem Grafen von Galen dort Wegerechte zugesichert. Dadurch verzögerte sich die Übergabe. Graf von Galen war noch nicht ausbezahlt, als das Gelände längst bebaut war, und die Standortverwaltung musste die Stadt wiederholt auffordern, ihnen das Gelände endlich zu übereignen. Die Wehrmacht bemühte sich derweil um Bürgernähe. Alljährlich wurden ein „Tag der Wehrmacht“ und ein Militärsportfest durchgeführt, zu Standortübungen wurde die Bevölkerung eingeladen, und die Militärbadeanstalt durfte auch von Lingener Sportvereinen genutzt werden.

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939. Unter einem Vorwand überfiel Deutschland Polen. Während das deutsche Ziel von Anfang an die gewaltsame Errichtung eines Großreiches war, sah Lingens NS-Bürgermeister Plesse die Kriegsschuld vielmehr bei den „Plutokratien des Westens“. Auch in Lingen stellten sich die ersten Reservisten bereits am 26. August. Die Mobilmachung wurde nicht öffentlich bekannt gegeben, die Einberufungsbefehle wurden den Wehrpflichtigen von der HJ und der Post zugestellt. Bald waren die Kasernen überfüllt, und es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Auch die Schulen und Säle der Stadt waren mit neu aufgestellten Einheiten belegt. Schließlich zogen rund 3000 Mann des Infanterieregiments 37 von Lingen aus zum Westwall. Darunter war auch das inzwischen von Oberstleutnant Hennicke kommandierte, in Lingen ansässige 1. Bataillon. Das Bataillon war zunächst in Frankreich und Belgien im Einsatz, dann ab 1941 in Ostpreußen. Das 37. Regiment wurde im Juni 1944 zerschlagen. Denselben Weg nach Westen nahm auch die Lingener Artillerieabteilung. Später nahm sie im Osten am sog. Unternehmen „Barbarossa“ teil, wo sie im Juni 1944 ebenfalls vernichtet wurde. In Lingen verblieben lediglich einige Ausbildungseinheiten. Bald erreichten die ersten Gefallenenmeldungen die Heimat. Schülerinnen berichteten immer wieder von gefallenen Brüdern und Vätern. Oberstleutnant Hennickes Frau war als Lehrerin in der Höheren Mädchenschule beschäftigt. Im September 1941 berichtete sie dort voller Freude, ihr Mann habe soeben das Ritterkreuz verliehen bekommen. Erst einige Tage später erfuhr sie, dass er zu diesem Zeitpunkt längst tot war.

Zur Abwehr der vorrückenden Westalliierten sollte 1944 die sogenannte Emsstellung errichtet werden, ein weitläufiges System von Panzergräben westlich der Ems. Ein Teil der Emsstellung wurde im Raum Elbergen tatsächlich realisiert. Vor allem niederländische Zwangsarbeiter kamen dabei zum Einsatz. Für ihre nur dürftige Ernährung zeichneten zum Teil auch die beiden Lingener Kasernen verantwortlich. Im selben Jahr wurde Lingen von zwei schweren Luftangriffen getroffen. Mehrere hundert Soldaten der beiden Kasernen beteiligten sich nachher an den Aufräum- und Bergungsarbeiten. Anfang April 1945 wurde Lingen von britischen Truppen erobert. Im Vorfeld waren die Kasernen von den Deutschen eilig geräumt worden. So konnten die Engländer die Kasernen bald besetzen. Sie hatten sie zunächst irrtümlich für eine Kläranlage gehalten.

Quellen und Literatur

• Stadtarchiv Lingen, Allgemeine Sammlung, Nr. 879, Nr. 1084
• Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.
• Stadtarchiv Lingen, Sammlung Schulchroniken, Nr. 42, Nr. 43, Nr. 57.
• Bojer, Reinhard: Sag mir, wo die Gräber sind… Kriegserinnerungen aus Darme, Lingen 2002.
• Höing, Hubert: Systematischer Überblick über die Geschichte der Stadt, in: Ehbrecht, Wilfried (Hg.): Lingen 975-1975. Zur Genese eines Stadtprofils, Lingen (Ems) 1975, S. 250-268.
• Lensing, Helmut: Das Wirken des Grafen Emanuel von Galen im Emsland während der Weimarer Republik und der NS-Zeit, in: Emsländische Geschichte 14 (2007) , S. 94-169.
• Lensing, Helmut: Der Zweite Weltkrieg in der Grafschaft Bentheim und im Lingener Land. Heimat und Front im Spiegel der Kriegsbriefe der Grafschafter und Lingener NSDAP, in: Emsländische Geschichte 17, S. 449-541.
• Remling, Ludwig (Hg.): Das Kriegsende 1945 im Raum Lingen (Materialien zur Lingener Geschichte 3), Lingen 1996.
• Remling, Ludwig: Der Kampf um Lingen Anfang April 1945, in: Emsländische Geschichte 22 (2015), S. 186-211.
• Trepkowski, Ralf: Wehrmachtseinheiten in Lingen 1933-1945 (Examensarbeit), Münster o.J.

Kontakt:
Stadtarchiv Lingen (Ems)
Baccumer Straße 22
49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591 / 91671-11
stadtarchiv@lingen.de

Quelle: Stadtarchiv Lingen (Ems), Archivalie des Monats Februar, 2.2.2021

Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera 1/2021

Unter dem Titel „Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera“ informiert das Stadtarchiv Gera vierteljährlich über aktuelle Entwicklungen und historische Themen rund um eigene Arbeit und vermittelt damit einen Einblick in die Vielgestaltigkeit und die inhaltliche Bandbreite der im Stadtarchiv verwahrten Unterlagen.

Die Ausgabe 1/2021 des online abrufbaren Informationsbriefes des Stadtarchivs Gera nimmt Gesellenwanderbücher näher in den Blick. So gibt beispielsweise das vor 180 Jahren von dem damals 15 Jahre alten Geraer Fleischergesellen Ernst Wilhelm Harnisch auf seiner Wanderschaft mitgeführte Gesellenwanderbuch Aufschluss über dessen damalige Aufenthalte in über 50 Städten. Aufgrund der Einzigartigkeit der Gesellenwanderschaft als Kulturform zählt diese inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.


Abb: Auszüge aus dem Wanderbuch des Geraer Fleischergesellen Ernst Wilhelm Harnisch aus den Jahren 1841 bis 1843 (Stadtarchiv Gera)

Im Wanderbuch des Fleischergesellen Ernst Wilhelm Harnisch aus Gera ist zu lesen, dass der Wandernde sein Wanderbuch bei der Obrigkeit des Ortes, in welchem er übernachtete, unabhängig von einer beruflichen Beschäftigung dort, vorzeigen und abzeichnen lassen musste. Die Aufzeichnungen im Wanderbuch sollten dokumentieren, dass sich der Geselle im Rahmen seiner Wanderschaft „anständig, sittlich und fleißig betragen“ hatte. Auch gegensätzliche Verhaltensweisen wie Diebstahl, Teilnahme an öffentlichen Aufständen oder anderweitiges negatives Auftreten sollte im Wanderbuch dokumentiert werden und gegebenenfalls die Zulassung zum späteren Erwerb des Meisterrechts und des Bürgerrechts im Heimatort verhindern.

Ein weiterer Artikel in den Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera 1/2021 dokumentiert auf anschauliche, quellenbasierte Art die Anfänge und die Entstehung der Siedlung „Hammelburg“ in der Ernseer Flur ab dem Jahr 1926. Der dritte Beitrag informiert über den Lebensweg von Johanna Spangenberg (1894-1979), welche von 1929 bis 1932 für die SPD als Abgeordnete im Geraer Stadtrat mitwirkte.

Kontakt:
Stadtarchiv Gera
Gagarinstraße 99/101
07545 Gera
Tel. 0365/838-2140 bis 2143
stadtarchiv@gera.de
www.gera.de/stadtarchiv

Faschings-Ski-Springen in Traunstein

Der Fasching naht mit großen Schritten – am 16. Februar ist bereits Faschingsdienstag – und auch die Schneelage ist durchaus zufriedenstellend. Aber: Bedingt durch das unsägliche Coronavirus ist heuer nicht erst am Aschermittwoch alles vorbei, nein, wir haben zwar „närrische Tage“, aber das, was man gemeinhin darunter versteht, fällt quasi völlig aus. Gleiches gilt bei geschlossenen Seilbahnen und Liften auch für das alpine Skivergnügen. Nur Tourengeher und Langläufer kommen (wenigstens teilweise) auf ihre Kosten – und natürlich auch der Fernsehsportler, denn der Weltcupzirkus darf seine Veranstaltungen, vom Langlauf über die Abfahrt bis zum Skispringen, weiterhin durchführen, wenn auch vor leeren Rängen und unter strengen Auflagen.

Skisport und Fasching – wie passt das, abgesehen von dem sich teilweise überschneidenden Zeitraum, zusammen? Dieser Frage soll hier historisch nachgegangen und dabei gleichzeitig an das Thema des Monats Januar 2021 vom Stadtarchiv Traunstein angeknüpft werden: Skispringen (Ein Traunsteiner Fotograf dokumentiert die Eröffnung der Skisprungschanze am Kälberstein in Berchtesgaden).

Blicken wir also mit einem am 16.2.1931 im Traunsteiner Wochenblatt veröffentlichten Bericht 90 Jahre zurück, als die Schanzenadler ihre erste Hochphase hatten und ihren waghalsigen Sport in Traunstein auf der Bürgerwaldschanze vor zahlreichen Zuschauern präsentierten – ernsthaft, aber auch unter den besonderen Bedingungen, die der Fasching nun einmal einfordert.

„Es war eine gute Idee des Traunsteiner Skiklubs, zwei Motiven Rechnung zu tragen, die den Fasching 1931 kennzeichnen: Die ernste Lage einerseits und das Bedürfnis der Menschen, mit Humor über diese ernste Lage hinwegzukommen, andererseits. [Dieses Motto würde auch aktuell sehr gut passen; Anm. d. Verf.] Beiden Motiven wurde der Skiklub Traunstein gerecht, indem er bei seinem maskierten Faschings-Springen Sportsgeist mit Faschingsfröhlichkeit verband. Es wurden trotz der maskierten ‚Brettlhupferei‘ ganz nette Sportsleistungen gezeigt. Auf die einzelnen Kostüme und Sprungleistungen einzugehen erübrigt sich durch den angenehmen Umstand, dass alle das Beste leisteten. Bei [= ungefähr] 1200 Zuschauer, zu denen leider auch Nichtzahlende gezählt werden müssen, hatten sich trotz des kalten Wetters eingefunden.

Das Faschingsspringen eröffnete die Primadonna Haßlbergianera mit einem schön gestandenen Sprung. Und nun folgten unter dem Halloh [sic] der Zuschauermassen Masken auf Masken: ‚Die Blauseidene‘* (Hehl Hans), ‚der Berliner Klause‘ in der kurzen Wichs mit Ballons auf den Skiern (Empl Toni), ‚der Reiseonkel‘ (Hans Pirkl), ‚die Bäuerin von Axdorf‘ (Tiefenthaler Daniel) und die ‚Bäuerin von der Au‘ (Empl Alois), ‚die Sennerin von der Strohn‘ (Fellner Hans), ‚Pat und Patachon‘ (Hölzensauer und Haßlberger), ‚die letzte in Traunstein übriggebliebene Sommerfrischlerin‘ (Mitterer Gg.), ‚das Bauernehepaar‘, wobei Sie mit einem Korb (Empl Toni) und Er mit einem Schirm (Hölzensauer) über die Schanze gingen, aber auch alle übrigen Masken […] erregten allgemeinen Beifall.


Abb.: Doppelsprung von Alois Empl und Hans Hölzensauer beim Faschingsspringen am Sonntag, den 15. Februar 1931 (Foto: Nachlass Meiche unter der Signatur MOS 212 im Stadtarchiv Traunstein)

Die Rolle des Verkehrsschutzmannes (Josef Müller) war sehr gut. Mit dem Riesenarm konnte das Springen einwandfrei gelenkt werden. Im Ganzen traten 25 Springer in drei Gängen an. Dank der vorzüglichen, stets bewährten Organisation der Leitung klappt alles tadellos. Abends vereinigte man sich zu einer gemüthlichen Unterhaltung im Hotel Wispauer, wo auch die Preisverleihung vorgenommen wurde. Alle Masken erhielten Preise in eß- und trinkbarer Form. Zum Schluße sei auch die Teilnahme der Siegsdorfer und Bergener Springer erwähnt. Dem Skiklub Traunstein ist aber noch – was im Hinblick der Entwicklung des Wintersportes in Traunstein und des weiteren Ausbaues der Sprungschanze sehr zu begrüßen ist – eine ganz nette Summe übriggeblieben. Ski Heil!“

Der am 16. Februar 1931 im Traunsteiner Wochenblatt veröffentlichte Bericht beschreibt exakt die gezeigte (und wiederum im Nachlass Meiche unter der Signatur MOS 212 entdeckte) Fotografie: Den Doppelsprung von Alois Empl (1913-1942) und Hans Hölzensauer (geboren 1901 in München, später nach Inzell verzogen) beim Faschingsspringen am Sonntag, den 15. Februar 1931, einer, so die damalige Vorankündigung, „Attraktion für Traunstein“, wie man sie sich heute in dieser Form (leider) nicht mehr vorstellen kann.

* „Blauseidene“: Gemeint war damit Christine Sinzinger (1854-1923), die als ledige Privatiere ab 1885 in Traunstein lebte und einen Hang zu blauer Kleidung (Blusen und Schürzen) hatte, was ihr diesen Spitznamen einbrachte. Sie galt als Traunsteiner Original und war scheinbar auch acht Jahre nach ihrem Ableben ein Begriff.

Kontakt:
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Stadtplatz 39
83278 Traunstein
Tel.: 0861 / 65-250 und 0861 / 65-287
Fax: 0861 / 65-201
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83276 Traunstein

Quelle: Stadtarchiv Traunstein, Archivale des Monats Februar 2021

Hallesche Bäckereimaschinenfabrik mischt im Stadtarchiv Halle (Saale) mit

Eine Werbeschrift der Halleschen Bäckereimaschinenfabrik („Habämfa“) aus der zeitgeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs Halle (Saale) wird dort als Archivalie des Monats Februar präsentiert. Vor einer „Habämfa MULTIPLEX“ stehend, verweist der Bäcker mit strahlendem Blick auf seine Backwaren und verspricht besseres Brot durch gemischtes und gesiebtes Mehl.


Abb.: Werbeschrift „MULTIPLEX“, 1950, 29,5 x 21 cm, Vorderseite (Stadtarchiv Halle (Saale))

Auf den folgenden Seiten des farbig bebilderten Prospekts finden sich nähere Informationen und Darstellungen zu dieser neuartigen Mehlmisch- und Siebanlage. Unter dem Arbeitsplatz sind die Tröge für Lagerung, Mischen und Sieben des Mehls und der Maschinenantrieb angeordnet. Vor allem kleinere Bäckereien wird diese Werbeschrift über die platzsparende Anlage der „Habämfa“ angesprochen haben.


Abb.: Werbeschrift „MULTIPLEX“, 1950, 29,5 x 21 cm, Rückseite (Stadtarchiv Halle (Saale))

Wie diese und andere Werbe- und Informationsschriften in der zeitgeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs Halle (Saale) belegen, war Halle bereits um 1900 ein Zentrum des Bäckereimaschinenbaues. Zahlreiche Fabriken produzierten hier verschiedene, speziell für das Bäckereigewerbe bestimmte Einrichtungen, von Teigteil- und Knetmaschinen über Schlag- und Rührmaschinen, bis hin zu Backöfen und Sackausklopfmaschinen.

Zahlreiche Neu- und Weiterentwicklungen in dieser Branche gehen auf Hallesche Firmen zurück. So ließ sich die Hallesche Bäckereimaschinenfabrik Rausch & Filbry, die seit Gründung 1919 unter dem Logo „Habämfa“ (Hallesche Bäckereimaschinenfabrik) firmierte, die MULTIPLEX wohl schon vor dem II. Weltkrieg patentieren. Nach Kriegsende war die alte Firma enteignet und zusammen mit der ehemaligen Firma „Eberhardt“ als nunmehr volkseigener Betrieb „VEB Habämfa“, einer Vereinigung volkseigener Maschinenbaubetriebe, der VVB NAGEMA, zugeordnet worden.

Das vom Stadtarchiv Halle (Saale) als Archivalie des Monats Februar 2021 vorgestellte doppelseitige Werbeblatt erschien 1950 als Nachauflage einer älteren Schrift, wobei die ursprüngliche Firmenbezeichnung und Adresse unter einem schwarzen Balken verschwanden und der aktuelle Name hinzugefügt wurde.

Mit vollautomatischen Bäckereimaschinen und kompletter Fertigstellung von Großbäckereien im In- und Ausland erlangte die HABÄMFA auch zu DDR-Zeiten Bedeutung. Nach Privatisierung 1990 stellte sie 1994 ihren Betrieb ein.

Kontakt:
Stadtarchiv Halle (Saale)
Rathausstraße 1
06108 Halle (Saale)
Tel.: 0345 / 221-3300

Postanschrift
Stadt Halle (Saale)
Stadtarchiv
06100 Halle (Saale)

Quelle: Stadtarchiv Halle (Saale), Archivalie des Monats Februar 2021

Universitätsklinikum Dresden übergibt Dokumente zur Corona-Pandemie ans Stadtarchiv Dresden

Corona-Tagebuch, Schilder, Prozessbeschreibungen und weitere Unterlagen dokumentieren die Ausnahmesituation. Das Stadtarchiv Dresden ergänzt mit offiziellen Materialien den Bestand an privaten Dokumenten der Corona-Sammlung. Das Uniklinikum setzt die zu Pandemiebeginn gestartete kontinuierliche Dokumentation fort und erkennt hierin ein großes Lernpotential für die Zukunft.

Am 8.2.2021 übergab das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden eine stattliche Sammlung an Unterlagen zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie an das Stadtarchiv Dresden.

Mit zahlreichen Dokumenten wie Verfahrensanweisungen, Hinweisschildern, Postern, mehreren Ausgaben des Mitarbeitermagazins „Carus Intern“ und des Newsletters „Carus Quick“ sowie dem Corona-Tagebuch und dem monothematisch auf die Corona-Krise zugeschnittenen Jahresbericht erhalten spätere Generationen einen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten, mit denen das Dresdner Uniklinikum dieser Gesundheitskrise strukturiert begegnet ist. In den vergangenen Jahrzehnten seines Bestehens wurde das Uniklinikum noch nie mit einem krisenhaften Geschehen dieses Ausmaßes konfrontiert.

Die jetzt übergebenen Unterlagen dokumentieren einerseits die organisatorischen sowie administrativen Maßnahmen des Klinikums, um Patienten und Mitarbeiter vor einer Infektion zu schützen und andererseits alle Aktivitäten, durch die es gelungen ist, die Therapien analog zu den wachsenden Erkenntnissen der Wissenschaft zu optimieren. Dies dient nicht nur dem Nachweis der zahlreichen Maßnahmen und Aktivitäten, sondern vor allem auch der Möglichkeit, aus gemachten Erfahrungen für die Zukunft zu lernen, um möglichst optimal auf derartige Krisen vorbereitet zu sein.

Zwei Exemplare der im März 2020 selbst genähten Schutzmasken nebst einer zweiseitigen Anleitung zum Nacharbeiten, ein Patienten-Fragebogen der Corona-Ambulanz, das im Spätsommer erschienene „Corona-Tagebuch“, Mitarbeitermagazine und -newsletter, Verfahrensanweisungen beziehungsweise Prozessbeschreibungen, Hinweisschilder in verschiedenen Größen, der Jahresbericht 2019 und weitere Dokumente gehen als Zeitzeugen der COVID-19-Pandemie in das kollektive Gedächtnis des Stadtarchivs Dresden über.

Ein entsprechendes Paket mit diesen Unterlagen und Objekten nahm der Leitende Archivdirektor Prof. Thomas Kübler gemeinsam mit der Historikerin Mandy Ettelt aus den Händen von Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand, Prof. Maria Eberlein Gonska, Leiterin des Zentralbereichs Qualitäts- und Medizinisches Risikomanagement sowie Janko Haft, Kaufmännischer Vorstand des Uniklinikums, entgegen.


Abb.: (v.l.n.r.:) Prof. Maria Eberlein Gonska, Leiterin des Zentralbereichs QRM, Prof. Thomas Kübler, Leitender Direktor des Stadtarchivs Dresden, Janko Haft, Kaufmännischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums und Michael Doerwald, Creative Director der Dresdner Agentur Ketchum (Foto: Uniklinik Dresden)

„Bereits im April 2020 haben wir damit begonnen, eine Corona-Sammlung aufzubauen. Anfangs waren es vor allem Objekte und Dokumente aus Privathand“, sagt Prof. Thomas Kübler. „Neben dieser privaten Ebene ist es für uns als Stadtarchiv jedoch wichtig, auch Unterlagen zu bekommen, die das Geschehen aus der Perspektive öffentlicher Einrichtungen dokumentieren. Bei der Bewältigung der Pandemie in der Stadt spielt das Universitätsklinikum als öffentliche Institution eine zentrale Rolle. Deshalb ist es für unsere Arbeit sehr wichtig, Dokumente und Objekte aus dem Klinikbetrieb übernehmen zu können. Umso erfreulicher ist es, dass uns das Uniklinikum bei unserer Arbeit so unkompliziert unterstützt.“

„Um in der heraufziehenden Pandemie so wirksam und auch nachhaltig wie möglich agieren zu können, haben wir am Uniklinikum frühzeitig ein Krisenmanagement etabliert. Angesichts einer Situation, die in dieser Form und diesem Ausmaß absolutes Neuland darstellte, war uns klar, dass wir unser Tun immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen. Das aber geht nur, wenn wir alle Maßnahmen und die davorliegenden Entscheidungsprozesse sorgfältig in Form einer Chronik dokumentieren“, erinnert sich Prof. Michael Albrecht an die ersten Monate der Pandemie.

„Anhand dieser Dokumente lassen sich die im Zuge der COVID-19-Pandemie ergriffenen Maßnahmen und Aktivitäten eindrucksvoll belegen“, ergänzt Prof. Maria Eberlein-Gonska. „Allein in den ersten beiden Monaten der Krise wurden über 1.100 Dateien in Form von Einträgen mit anhängenden Protokollen und Berichten angelegt, aktuell überblicken wir bereits mehr als 2.000. Ohne eine systematische Aufbereitung und Ablage dieser Dokumente in einer strukturiert aufgebauten Datenbank wäre ein großer Teil dieses Wissens in seiner Gesamtheit nicht verfügbar und würde den so wichtigen Lernprozess während und nach der Krise verhindern.“

Aus ganz unterschiedlichen, auch rechtlichen Gründen lassen sich derzeit viele dieser internen Dokumente nicht direkt in den Archivbestand überführen. „Es bleiben jedoch genügend Unterlagen, die wir bereits heute den nachfolgenden Generationen hinterlassen können. Sie werden ihnen helfen, das komplexe Geschehen in der Pandemie besser zu verstehen. Mit der Bitte um Unterlagen zur Corona-Krise hat das Stadtarchiv Dresden bei uns offene Türen eingerannt. Ich bin mir sicher, dass die ersten, heute übergebenen Dokumente nur der Anfang dessen sind, was das Universitätsklinikum den Archiven in den Jahren nach Ende der Krise zur Verfügung stellen kann“, so der Medizinische Vorstand weiter.

„Die Inhalte vieler Unterlagen wirken erst einmal ganz banal. Beispielsweise benötigten wir von einem zum anderen Tag Hinweistafeln und Wegweiser, damit Menschen mit Infektionsverdacht den direkten Weg in die Corona-Spezialambulanz finden und dabei keinen Kontakt zu Mitpatienten haben. Auch klinikumsintern gab es viel zu kommunizieren – zum Beispiel eine Anleitung zum richtigen Anlegen der Schutzausrüstung und auch zur Durchführung eines qualitativ hochwertigen Abstriches für die nachfolgende Testung. Auch solche Unterlagen, inclusive Foto- und Videodokumentationen, geben ein gutes Bild von der Situation im Uniklinikum ab“, sagt Janko Haft, Kaufmännischer Vorstand des Uniklinikums.

Insgesamt waren es bisher rund 1.000 Dokumente und Schilder, die es im Corporate Design zu gestalten galt. – Angesichts der sich oft ad hoc ändernden Situationen waren darunter immer wieder kurzfristige über Nacht oder das Wochenende zu erledigende Aufträge. Abgearbeitet wurden sie durch das von Michael Doerwald geleitete Grafikerteam der Dresdner Agentur Ketchum. Diese gestalterische Arbeit fand nun den Weg ins Dresdner Stadtarchiv.

Kontakt:
Landeshauptstadt Dresden
Stadtarchiv Dresden
Prof. Thomas Kübler
Amtsleiter / Leitender Archivdirektor
Tel.: 0351 / 4881501
TKuebler@Dresden.DE

Quelle: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Pressemitteilung, 8.2.2021

Der grobe Gottlieb zu Dannenwalde

Was einen flüchtigen Strafgefangenen mit einer toten Preußenkönigin und sowjetischen Raketen verbindet.

Gleichsam am Ausgang des sogenannten Fürstenberger Zipfels, bis Ende 1933 zu Mecklenburg-Strelitz und seit Mitte 1950 zu Brandenburg gehörend, liegt das ehemalige Gutsdorf Dannenwalde. Der nebst Tornow südlichste mecklenburgische Ort, 1890 erstmals an der 200-Einwohner-Marke kratzend, zeigt auf dem Ansichtskartenmarkt verblüffende Präsenz. Dafür genügten im Grunde vier seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgenommene Fotomotive: das ganz gern als Schloss bezeichnete Guts- oder Herrenhaus, gefolgt von – in dieser Reihenfolge – Gastwirtschaft und neugotischer Oktogon-Kirche, und schließlich das 1877 errichtete Bahnhofsgebäude.

Die Häufigkeit des Gasthof-Motivs mag zunächst irritieren, aber das ändert sich bei genauerem Hinsehen. Denn die Ansichtskarten ließen den jeweiligen Dorfkrug-Inhaber nicht ungenannt: W. Albrecht, O. Günther, H. Lordain und Fritz Rickmann. Zumindest letzterer nannte sein mit drei verschiedenen Aufnahme-Perspektiven vertretenes Haus, vor welchem Hintergrund auch immer, „Der grobe Gottlieb“ und warb überdies mit „Gute Küche, solide Preise“.


Abb.: Dannewalde – Dorfstraße mit Gasthof (Foto: Landeshauptarchiv Schwerin: LHAS, 13.2-5, Nr. 1/170)

„Werbung“ ist dann wohl das Stichwort für die Präsenz der Wirtschaft auf den im Übrigen von verschiedenen Verlagen produzierten Ansichtskarten – die Inhaber nutzten sie für Werbezwecke. Einem der Verleger unterlief in der Herstellung ein vermutlich flüchtiger und dennoch schwerwiegender Fehler, aus dem sich diese „Archivalie des Monats Februar“ des Landeshauptarchivs Schwerin letztlich speist.

Die Buchbinderei und Papierhandlung Paul Fielitz in Fürstenberg vergaß ein „n“ zu setzen, so dass deren undatierte Postkarte nicht Dorfstraße und Gasthof im mecklenburgischen „Dannenwalde“ zeigte, sondern in einem nicht zu lokalisierenden „Dannewalde“! Über eventuelle Konsequenzen lässt sich lediglich spekulieren, aber das Wirtshaus bietet dann doch mehr als nur die Folie für ein Kuriosum. Einerseits stellte es zumindest 1925 ein Kunst- und Geschichtsdenkmal des Freistaates Mecklenburg-Strelitz dar, fand es sich doch mit Foto im gleichnamigen Kompendium des Stargarder Kirchenrates Georg Krüger wieder, im Übrigen neben bzw. nach der erwähnten Dorfkirche und dem Herrenhaus. Andererseits war der Dorfkrug am Morgen des 7. November 1850 nichts weniger als ein Schauplatz von National-, wenn nicht gar von Weltgeschichte. Und zwar weder erst- noch letztmalig.

Denn zum einen war er am 25. Juli 1810 der letzte mecklenburgische Ort bei der Überführung des Leichnams der am 19. Juli mit nur 34 Jahren in Hohenzieritz verstorbenen preußischen Königin Luise geb. Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, deren antinapoleonischer Patriotismus sie bereits zu Lebzeiten zur Ikone und nach ihrem Tod zum Mythos werden ließ, nach Berlin-Charlottenburg. Allerdings widersprechen sich die Quellen, ob der Wechsel von einer Strelitzer auf eine preußische Eskorte im mecklenburgischen Dannenwalde oder im preußischen Fischerwall – je keinen halben Kilometer entfernt von der über den sogenannten Wentow-Kanal zwischen Kleinem und Großen Wentow-See verlaufenden mecklenburgisch-preußischen Grenze – stattfand. Auf der einst preußischen Seite erinnert jedenfalls ein 1811 errichteter, 1910 restaurierter und 2002 sanierter Gedenkstein an das Geschehen.

Und zum anderen hätte am 14. August 1977 von Dannenwalde aus, seit 1952 dem DDR-Bezirk Potsdam zugehörig und damit letztlich nicht einmal mehr brandenburgisch, gut und gern ein dritter Weltkrieg seinen Lauf nehmen können. Vermutlich von einem Blitzschlag ausgelöst flogen zwischen 14.00 und 19.45 Uhr dort stationierte sowjetische Katjuscha-Raketen unkontrolliert da durch die Luft, wo auch Kern- oder chemische Waffen vermutet wurden. Zum Ärgsten kam es nicht, es ließen „nur“ 70 Angehörige der Roten Armee ihr Leben und zivile Sachschäden in Höhe von 37.000 DDR-Mark fielen an. Ob davon auch die nunmehrige Konsum-Gaststätte „Alter Dorfkrug“, wie der „grobe Gottlieb“ in der DDR hieß, betroffen bzw. zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch existent war, ist gegenwärtig nicht geläufig.

Doch zurück zur Weltgeschichte, die am 7. November 1850 kurz in Dannenwalde rastete. Die Deutsche Revolution von 1848/49 formte manchen Biedermann zum politisch Radikalen, so auch den Bonner Universitätsprofessor für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte Gottfried Kinkel. Als Teilnehmer am Sturm auf das Siegburger Zeughaus und am Badischen Aufstand geriet er in die Fänge der preußischen Justiz, die sich mit einer lebenslangen Zuchthausstrafe revanchierte. Allerdings war diese Rechnung ohne den ehemaligen Studenten Carl Schurz gemacht, der seinen Professor in der Nacht vom 6. auf den 7. November spektakulär aus der Festung Spandau befreite. Sie entwichen gen Norden, „bis die Flüchtlinge die Strelitzsche Grenze bei Dannenwalde erreichten. Sie atmeten hoch auf, als sie das mecklenburgische Wappen erblickten. Die dringendste Gefahr war überstanden. In Dannenwalde machten sie kurze Rast. Der Gastwirth daselbst hat später gerichtlich ausgesagt, daß am 7. November Morgens 8 Uhr zwei Fremde in einer Chaise mit zwei dunklen abgetriebenen Pferden bei ihm angekommen wären. […]. Von Dannenwalde fuhren die Flüchtlinge in langsamerem Tempo nach der Strelitzschen Stadt Fürstenberg, wo sie anhalten und ausspannen mußten, weil die Pferde keinen Schritt mehr vorwärts konnten.“

So beschrieb es später der Rostocker Anwalt Moritz Wiggers, der beiden zu einem Schiff ins sichere England verhalf. Gottfried Kinkel reüssierte dann in England und der Schweiz, Carl Schurz in den USA – als Lincolns Botschafter in Spanien, als Unions-General im Bürgerkrieg, als Senator für Missouri und als Innenminister.

Kontakt:
Landeshauptarchiv Schwerin
Graf-Schack-Allee 2
19053 Schwerin
Tel.: 0385 / 588791 11
Fax: 0385 / 588794 12
poststelle@lakd-mv.de

Quelle: Dr. Matthias Manke, Landeshauptarchiv Schwerin, Archivalie des Monats Februar 2021

Vor 75 Jahren Naturkatastrophe von unfassbarem Ausmaß durch Hochwasser in Gütersloh

„Eine Naturkatastrophe von noch nicht übersehbaren Ausmaßen suchte unsere schöne Heidestadt heim“, so beschrieb ein Gütersloher Autor am Sonntag, 10. Februar 1946 die Katastrophe, die Gütersloh am Freitagabend, 8. Februar 1946 heimsuchte. Im Gütersloher Stadtarchiv ist dieses Ereignis kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs dokumentiert, an das sich ältere Gütersloher und Gütersloherinnen noch lebhaft erinnern.

Dämme rissen – Mauern wurden niedergedrückt
Als in den Abendstunden des 8.2.1946 wegen erhöhter Hochwassergefahr die Sirenen anschlugen, versammelten sich spontane Hilfstrupps, um das Schlimmste zu verhindern. Auch die in Gütersloh nach dem Krieg als Besatzungsmacht stationierten Briten und die “Deutsche Arbeitshilfe” packten mit an. Mauern wurden eingerissen, Abwassergräben gegen die immer größer werdende Wasserflut geschaufelt und Keller besonders gefährdeter Häuser leergeräumt, um wenigstens das Wichtigste in Sicherheit zu bringen. Aber mit dem Tempo des immer schneller ansteigenden Wassers konnten die Kolonnen auf Dauer nicht mithalten. Dämme rissen, Mauern wurden niedergedrückt und Brücken brachen unter den Wassermassen zusammen.

Durch die weit über die Ufer getretene Dalke war die Innenstadt schnell vom restlichen Stadtgebiet abgeschnitten, heißt es in den Quellen des Stadtarchivs Gütersloh. Die Bewohner und Bewohnerinnen der überfluteten Häuser versuchten sich mit Hilfe der aus Holz und leeren Kanistern zusammengezimmerten Boote in Sicherheit zu bringen.


Abb.: Die Dalkeüberschwemmung (hier an der Neuenkirchener Straße Ecke Dammstraße) im Jahr 1946 hatte teils verheerende Ausmaße (Foto: Stadt Gütersloh)

Großer Schaden durch Wassermassen
Wie sich schnell herausstellte, war der durch die Wassermassen entstandene Schaden immens. Lebensmittel und wertvolles Saatgut waren vernichtet, Keller komplett vollgelaufen, Häuser nicht mehr bewohnbar und die Schäden an Straßen, Brücken und Kanälen fast unüberschaubar – das ein dreiviertel Jahr nach Ende des Krieges, der auch in Gütersloh Tod und Zerstörung gebracht hatte. So lagen unter anderem der Bahnhof und die Blessenstätte in Schutt und Asche. Aber nicht nur die Gegend rund um die Dalke wurde schwer vom Hochwasser getroffen. Auch das nördlich gelegene Areal rund um den Schlangenbach wurde nicht verschont. Hier kam es durch die Überschwemmungen zu massiven Schäden an den überwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen.

„An größeren eingestürzten Brückenbauwerken ist die im Zuge der Reichsstraße 61 am Westring liegende Dalkebrücke und die im Zuge der Rhedaer Straße über die Wapel führende Brücke zu nennen. Bei dem Einsturz der Brücke am Westring ist auch der unter der Dalke liegende gedükerter (unterirdischer) Schmutzwasserkanal beschädigt und zum Teil vom Hochwasser fortgerissen.“ So geht es aus einem Schreiben der Gütersloher Verwaltung an den Regierungspräsidenten in Minden hervor. Es folgt eine vorsichtig in Reichsmark ausgedrückte Aufstellung der bis März festgestellten Schäden.

Die Dalke war an verschiedenen Stellen in einem solchen Ausmaß über die Ufer getreten, dass im Zentrum liegende Straßenzüge komplett unter Wasser gesetzt wurden. Hausbewohner, die sich nicht mit selbstgezimmerten Booten haben in Sicherheit bringen können, waren in ihren Häusern eingeschlossen. Das an der Dalke liegende Hospital (Elisabeth Hospital) wurde derart beschädigt, dass für die Patienten „Notspeisungen“ vorgenommen werden mussten.

Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten ist es immer mal wieder zu Überschwemmungen gekommen. Eine derartige Überflutung wie 1946 ist heutzutage allerdings – dank Hochwasserschutz – nicht mehr vorstellbar. Rund um die Dalke wurden in den letzten Jahren große Renaturierungsflächen geschaffen, zum Beispiel am Ruhenstroths Weg oder im Westen der Stadt. Hier hat das Wasser deutlich mehr Platz, sich auszuweiten.

Kontakt:
Stadtarchiv Gütersloh
Stephan Grimm
Moltkestraße 47
33330 Gütersloh
Tel.: 05241 / 82-2302
stephan.grimm@guetersloh.de

Quelle: Stadt Gütersloh, Aktuelle Meldungen, 4.2.2021

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