Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera 2/2020

Unter dem Titel „Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera“ berichtet das Stadtarchiv Gera vierteljährlich über aktuelle Entwicklungen und historische Themen rund um eigene Arbeit. Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie hatte auch das Stadtarchiv Gera für rund zwei Monate seine Türen für die öffentliche Benutzung schließen müssen. Unter Berücksichtigung der allgemein geltenden Hygieneregeln (Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung und Einhaltung der Abstandsregeln) ist das Stadtarchiv Gera seit dem 18.5.2020 wieder für die Benutzung geöffnet. Da aufgrund der geltenden Hygienevorgaben nur eine beschränkte Anzahl an Benutzerinnen und Benutzern im Lesesaal zeitgleich forschen kann, ist eine vorherige schriftliche oder telefonische Anmeldung und Terminbestätigung durch das Stadtarchiv zur Einsichtnahme in das Archivgut unerlässlich.

In seinem 2. Informationsbrief 2020 spannt das Stadtarchiv Gera einen chronologischen Bogen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit. Dabei werden die Streiche der „bösen Geraer Gassenjungen“ ebenso in den Blick genommen wie die um 1950 verpönte „Amerikanisierung im Tanzsaal“ in der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Wanderbericht aus einem historischen Stadtführer sowie die Bildvorstellung eines Exponates aus der neuen Ausstellung in der Geraer Kunstsammlung mit dem Titel „Wundersam Wirklich. Magischer Realismus aus den Niederlanden“ laden zur Erkundung der Stadt Gera und ihrer Sehenswürdigkeiten ein.


Abb.: Pyke Koch: Vrouwen in de straat (Frauen auf der Straße), 1962-1964

Zu dem Bild schreibt Dr. Claudia Schönjahn, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kunstsammlung Gera, in den Nachrichten aus dem Stadtarchiv Gera 1/2020: Pyke Kochs „Frauen auf der Straße“ könnten auch von dem Geraer „Spießerschreck“ Otto Dix stammen, der in den 1920er-Jahren mit seinen Darstellungen leichter Mädchen in aufreizender Haltung den braven Bürger provozierte. Der 1901 geborene niederländische Maler Pyke Koch, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Pieter Frans Christian hieß, benannte sich nach der Pykestraat, einer in Nimegens Rotlichtviertel gelegenen Straße, in der er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte. Diese Kindheitserfahrungen prägten ihn grundlegend und so beschäftigte er sich in seinen Werken immer wieder mit Sexualität und Genderthemen zu einer Zeit, als dies noch ziemlich verpönt war. Tatsächlich ist der Titel „Frauen auf der Straße“, den der Maler seinem Gemälde gab, auch nicht ganz korrekt. Bei genauer Betrachtung wird erkennbar, dass die vermeintliche Dame in der Bildmitte mit roter Perücke und grauer Federboa eigentlich ein Mann ist, nämlich Pyke Koch selbst. Er und sein(e) Nachbar(in) zu seiner Rechten beobachten mit geöffneten Mündern einen Vorgang, der dem Betrachter verborgen bleibt, während die dritte Person im Bild ihren Blick in entgegengesetzte Richtung schweifen lässt. Die drei befinden sich vor einem herunter gekommenen Gebäude – der Ziegelbau mit dem metallenen Pflock im Vordergrund lässt an eine verlassene Fabrikhalle denken. Dass die drei eher am Rande der Gesellschaft stehen, wird nicht nur aus der Umgebung ersichtlich: Details wie die schlechten Zähne verweisen auf ihre prekäre soziale Stellung. Auch in weiteren Werken behandelt Pyke Koch solche Außenseiterthemen. So stellt er in seinem auf dem ersten Blick sehr romantisch wirkenden Gemälde mit dem Titel „Nocturne“ („Nachtstück“) ein Pissoir dar – ein bis dato unerhörtes Bildmotiv! Dazu kommt, dass solche Örtlichkeiten oft als Treffpunkt Homosexueller dienten. Auch hier lenkte er auf hintergründige Weise die Aufmerksamkeit auf Genderthematiken und war damit seiner Zeit voraus.

Die Ausstellung kann bis zum 30.8.2020 im Rahmen der Öffnungszeiten (Mittwoch bis Sonntag sowie an Feiertagen von 12.00 bis 17.00 Uhr) der Kunstsammlung Gera in der Orangerie besichtigt werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Gera
Gagarinstraße 99/101
07545 Gera
Tel. 0365/838-2140 bis 2143
stadtarchiv@gera.de
www.gera.de/stadtarchiv

Gegen archivfachliche (Selbst-)Beschränkungen

In München steht ein Stadtarchiv.

Der Fachverband VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. appelliert in einer Stellungnahme an den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München, Dieter Reiter (SPD), bei einer geplanten Neuaufstellung des Stadtarchivs München archivfachliche Standards zu wahren und die Leitungsstelle fachlich zu besetzen (VdA-Stellungnahme vom 11.5.2020).

Das Stadtarchiv München gilt als eines der größten kommunalen Archive Deutschlands. Es ist eine Dienststelle des Direktoriums und gehört damit zum Aufgabenbereich des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt München. Der seit 2008 amtierende Amtsleiter Dr. Michael Stephan ist zum 1.5.2020 in den Ruhestand getreten.

Abb.: Rand oder relevant? Selbstdarstellung des Stadtarchivs München auf seiner Homepage, Ausschnitt

Bereits Ende Juli 2019 hat die Münchner Stadtratsfraktion Die Grünen/Rosa Liste beantragt, das Stadtarchiv zum Institut für Stadtgeschichte umzuwidmen: „Das im Direktorium angesiedelte Stadtarchiv wird als Institut für Stadtgeschichte mit der ‚Stadtgeschichte‘ des Kulturreferats zusammengeführt und im Kulturreferat angesiedelt – in enger Kooperation mit Stadtmuseum, Jüdischem Museum und NS-Dokumentationszentrum.“ In ihrer Antragsbegründung führt die Fraktion aus: „In aller Regel sind Stadtarchive Teil der Kulturverwaltung (z.B. in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Gelsenkirchen). Die Münchner Besonderheit, das Archiv im Direktorium anzusiedeln, scheint einem veralteten Verständnis geschuldet, das die Aufgabe tendenziell als reines Sammeln von Behördenakten versteht. Eine moderne und zeitgemäße Form verbindet die archivarische mit historischer, forschender und an ein breites Publikum vermittelnder Arbeit (sowie Beratung von Verwaltung und Politik). Darum ist eine Überführung in das Kulturreferat (in einer Organisationseinheit mit der Stadtgeschichte) und eine enge Zusammenarbeit mit Stadtmuseum, Jüdischem Museum und NS-Dokumentationszentrum sinnvoll. So schafft man ein einheitliches Kompetenzzentrum für die Geschichte unserer Stadt. Der Begriff Institut für Stadtgeschichte ist dafür angemessen. So heißen schon entsprechende Einrichtungen in Frankfurt am Main und in Gelsenkirchen.“ (Antrag der grünen Stadtratsfraktion vom 31.7.2019)

Vor dem Hintergrund des Amtsleiterabschieds und der Kommunalwahl im März 2020 wird dieser Antrag zur vermeintlichen „Weiterentwicklung“ des Münchner Stadtarchivs derzeit weiter diskutiert. – In einem auch im Internet veröffentlichten Schreiben an Oberbürgermeister Reiter vom 11.5.2020 äußert der VdA seine Sorge hinsichtlich einer Umbildung des Stadtarchivs zu einem Institut für Stadtgeschichte mit Zuordnung zum Kulturreferat. Mit dieser Umbildung würde nach Auffassung des VdA-Vorsitzenden Ralf Jacob, der selbst Leiter eines Stadtarchivs ist, „die Gefahr der Schwächung der archivischen Kernaufgaben und Verengung des Tätigkeitsspektrums auf die historische Bildungsarbeit“ einhergehen. Die zugleich im Raum stehende Infragestellung der Notwendigkeit einer archivfachlichen Leitung des Stadtarchivs München alarmiere den VdA zusätzlich.

In dem ausführlichen Schreiben des VdA an den Münchner Oberbürgermeister wird vor allem mit dem Mittel einer Trennung von Kern- und Randaufgaben in der Archivarbeit und dem vermeintlichen Vorrang der „archivischen Kernaufgaben“ argumentiert. Historische Bildungsarbeit und Archivpädagogik werden hingegen lediglich als Bereicherung des kommunalarchivischen Tätigkeitsspektrums interpretiert, die nicht „auf Kosten der archivischen Kernaufgaben“ geschehen dürften. Als Kernaufgaben werden die Überlieferungsbildung und Bewertung, die Erhaltung, Erschließung und Nutzbarmachung von Archivgut angeführt. Erst deren professionelle Erfüllung ermögliche letztlich die Bildungsarbeit.

Der VdA hebt zurecht auf die Behördenfunktion von Archiven ab, auf ihre wichtige Rolle hinsichtlich der Transparenz des Verwaltungshandelns und der Gewährung bürgerschaftlicher Rechte, ja, auf die demokratische „Systemrelevanz“ von Archiven gerade in Zeiten von Fake News-Konjunkturen. Der VdA spaltet aber unnötigerweise die archivischen Fachaufgaben in Kern- und Randgebiete auf, in wichtige und unwichtige, vorgeschaltete und nachgeordnete Tätigkeiten und trennt damit letztlich auch seine Mitglieder in vor- und nachrangige Kasten. Gerade unter Verweis auf das Bayerische Archivgesetz, das der VdA zur Definition der „Kernaufgaben“ als „Pflichtaufgaben“ anführt, wäre es geboten gewesen, im Sinne des notwendigen Plädoyers für eine archivfachliche Amtsleiterbesetzung und die Belassung des Münchner Stadtarchivs beim Direktorium des Stadtverwaltung den umfassenden, inklusiven Aufgabenkanon im zeitgemäßen Selbstverständnis des Archivwesens auszudrücken: „Archivierung umfaßt die Aufgabe, das Archivgut zu erfassen, zu übernehmen, auf Dauer zu verwahren und zu sichern, zu erhalten, zu erschließen, nutzbar zu machen und auszuwerten.“ (Art. 2 Absatz 3 Bayerisches Archivgesetz vom 22. Dezember 1989). Die Auswertung des Archivgutes ist eine facharchivarische Tätigkeit. Es dreht sich bei der Aufgabenwahrnehmung der Archivarinnen und Archivare nicht nur darum, das Archivgut „nutzbar und auswertbar“ zu machen, damit Dritte es auswerten können. Es verbirgt sich dahinter vielmehr das gesamte Spektrum archivischer Aufgaben und Kompetenzen, die nicht zuletzt von den auf den Feldern der Archivpädagogik und Historischen Bildungsarbeit Tätigen seit über 30 Jahren mühsam vom Außenseiterdasein mitten in die Archive hinein, um es in der Bildsprache des offenen Briefes zu formulieren: vom Rand zum Kern archivischen Selbstverständnisses getragen worden sind. – Es muss bei dem wichtigen Engagement für den Schutz der Archive vor politischen Beschneidungen auch hierum gehen. Fachliche Selbstbeschränkungen sind hingegen genau das falsche Signal.

Stuttgart 1942

Stadtarchiv Stuttgart setzt Geschichtsprojekt mit Medienpartnern um

Das Stadtarchiv Stuttgart realisiert ein umfangreich angelegtes Geschichtsprojekt unter dem Titel „Stuttgart 1942“. Die Grundlage des Projekts bildet ein Bestand von rund 12.000 Fotos. Diese wurden 1942 im Auftrag der Stadtverwaltung erstellt und vom Stadtarchiv digitalisiert. Sie dokumentieren das Straßenbild sowie Alltagsszenen von einem großen Teil des noch unzerstörten Stuttgarts. Die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten sind Kooperationspartner und werden die Fotos und Themen des Jahres 1942 in einer Artikelserie präsentieren und kommentieren. Daneben bieten sie eine Online-Bildersuche an, mit welcher der Bestand im Volltext durchsucht werden kann. Die Beiträge sind im Internet abrufbar.

Abb.: Seltener Anblick im Sommer 1942: Eine junge Familie mit Vater (Foto: Stadtarchiv Stuttgart)

Stuttgarts Erster Bürgermeister Dr. Fabian Mayer dankte allen Beteiligten für dieses innovative Kooperationsprojekt: „Ich freue mich über das Engagement unserer lokalen Zeitungen für die Stadtgeschichte. Das Projekt ist ein weiterer Beweis für die digitale Kompetenz und Präsenz unseres Stadtarchivs.“

Mit dem gemeinsamen Projekt „Stuttgart 1942“ wollen das Stadtarchiv, die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten den Alltag der Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger zwischen Naziherrschaft und scheinbarer Normalität greifbar machen. 1942 war das letzte Jahr, bevor Stuttgart im Luftkrieg zur „Heimatfront“ wurde. Das Projekt „Stuttgart 1942“ arbeitet somit einen der Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Bilderschatz auf und wagt gleichzeitig einen neuen Blick auf die Realität in einer deutschen Großstadt mitten im Zweiten Weltkrieg. Dazu gehört auch das, was die Bilder von dieser Realität nicht zeigen oder verschweigen.

Linkwww.stuttgarter-zeitung.de/stuttgart-1942

Kontakt:
Stadtarchiv Stuttgart
Bellingweg 21
70372 Stuttgart
Telefon +49 711 216-91512
Lesesaal +49 711 216-91514
Fax +49 711 216-91510
poststelle.stadtarchiv@stuttgart.de
www.stuttgart.de/stadtarchiv/

Quelle: Stadt Stuttgart, Pressemitteilung, 11.5.2020

Neuer Leiter im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr

Mülheims Kulturdezernent Marc Buchholz und der Leiter des Kulturbetriebs, Frank Baudy, begrüßten in diesen Tagen den neuen Leiter des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr und des Hauses für Stadtgeschichte, Dr. Stefan Pätzold. Der Historiker und Archivar war von 1999 bis 2001 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für die Geschichte des Mittelalters der Universität Magdeburg, von 2001 bis 2005 am Stadtarchiv Pforzheim sowie von 2005 bis April 2020 als stellvertretender Leiter am Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte tätig. Seit Mai 2020 leitet er nun das Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr.

Abb.: Kulturdezernent Marc Buchholz begrüßt den neuen Leiter des Stadtarchivs Dr. Stefan Pätzold. (v.l.) Jens Roepstorff, Stellvertretender Archivleiter, Stefan Pätzold, Marc Buchholz, Frank Baudy, Leiter Kulturbetrieb vorm Stadtarchiv im Haus der Stadtgeschichte, Von-Graefe-Straße 37 (Foto: Walter Schernstein)

Als Nachfolger des ehemaligen Leiters Dr. Kai Rawe hatte er sich im Bewerbungsverfahren gegen zahlreiche Konkurrenten durchgesetzt. Rawe ist nunmehr Leiter des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte, das ebenfalls das Archiv und historische Museum der Stadt umfasst. Dr. Pätzold freut sich in Mülheim auf die abwechslungsreiche, spannende und vielseitige Aufgabe und darauf, mit den Mülheimerinnen und Mülheimern über die Geschichte ihrer Stadt ins Gespräch zu kommen.

Kontakt:
Stadtarchiv
Haus der Stadtgeschichte
Von-Graefe-Straße 37
45470 Mülheim an der Ruhr
Telefon (Sekretariat): 0208 455 4260
Telefon (Lesesaal): 0208 455 4268
Fax: 0208 455 58 4260
stadtarchiv@muelheim-ruhr.de
www.stadtarchiv-muelheim.de

Quelle: Stadt Mülheim an der Ruhr, Pressemitteilung, 8.5.2020; WAZ, 25.5.2020

Georeferenzierung älterer Karten und Pläne mittels Crowdsourcing

Mit historischen Karten in die Vergangenheit eintauchen

Das Staatsarchiv des Kantons Zürich hat in den letzten Jahren seine historischen Karten digitalisiert und online verfügbar gemacht. Nun startet es zusammen mit dem Amt für Raumentwicklung ein Projekt, in dem die Öffentlichkeit die alten Karten georeferenzieren kann. Interessierte können so nicht nur die Vergangenheit erforschen, sondern auch alternative Realitäten erkunden.

Abb.: Beim Georeferenzieren wird der heutigen Weltkarte eine historische Karte gegenübergestellt, wodurch übereinstimmende Punkte markiert werden können (Karten: Kanton Zürich).

Das Staatsarchiv besitzt rund 20.000 historische Karten und Pläne vom 16. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Darunter befinden sich einzigartige Stücke wie die Kartenwerke von Jos Murer (1530-1580) oder Hans Conrad Gyger (1599-1674), aber auch zahlreiche Pläne für Bauprojekte von Strassen, Brücken, Schulhäusern und Verwaltungsgebäuden im Kanton Zürich. Die Sammlung ist vollständig digitalisiert und online verfügbar. Nun soll sie mit Hilfe der Öffentlichkeit noch besser erschlossen werden, indem jedes Dokument geografisch genau verortet wird: „Georeferenzierung mittels Crowdsourcing“ nennen das die Fachleute.

Wer sich beteiligen will, muss keine Fachperson sein. Mit der Webplattform „Georeferencer“ ist es spielend leicht, eine historische Karte mit der aktuellen Karte zu vergleichen und übereinstimmende Punkte wie Straßenkreuzungen, Flussmündungen oder Ecken von markanten Gebäuden zu identifizieren. Je mehr Punkte man mit einem Klick auf beiden Karten markiert, desto genauer wird die historische Karte auf der heutigen Weltkarte eingepasst – eben georeferenziert. Hier zeigt sich dann auch, wie präzis die Kartographen von früher gearbeitet haben: Insbesondere die ältesten Kartenwerke aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind oftmals noch stark verzerrt. Aber ab dem 18. Jahrhundert erlaubten neue Vermessungsmethoden und -werkzeuge die Erstellung immer genauerer Karten.

Alternative Realitäten erkunden
Bei älteren Karten und Plänen kann das Georeferenzieren herausfordernd sein, weil manche der abgebildeten Bauwerke nicht mehr existieren, weil Straßen verlegt oder Gewässer korrigiert wurden. Auch Uferzonen und Waldränder verlaufen heute teilweise anders als früher. Hier ist manchmal etwas Spürsinn gefragt, bis man sich auf einer historischen Karte orientieren kann. Sind aber beispielsweise die Felder rings um Uster auf den kunstvollen Zehntenplänen von 1679 und 1765 erst einmal verortet, steht der Erkundung einer längst vergangenen Zeit und Umgebung nichts mehr im Weg – einer Realität, die durch die Industrialisierung und das enorme Bevölkerungswachstum des 19. und 20. Jahrhunderts für immer umgestaltet wurde. Eindrücklich erkennt diese Veränderungen, wer im „Georeferencer“ mittels Schieberegler zwischen den historischen Plänen und der heutigen Weltkarte hin- und herwechselt.

Einen wahren Schatz stellen Pläne von Bauprojekten dar, die nie realisiert wurden. Hier lässt sich zum Beispiel erfahren, welche gigantischen Ideen in den 1930er Jahren für ein Kantonsspital auf dem Burghölzliareal oder in den 1950er Jahren für die Winterthurer Kantonsschule Rychenberg existierten. Oder für das kantonale Staatsarchiv gab es zunächst Neubauprojekte am Parkring oder am Zeltweg, bevor es 1982 an seinem heutigen Standort auf dem Areal Irchel realisiert wurde. Durch die Georeferenzierung von heute teilweise utopisch anmutenden Plandokumenten lassen sich also am Computer, Tablet oder Smartphone alternative Realitäten erkunden: Wie sähe es im Kanton Zürich heute aus, wenn gewisse Entscheidungen anders ausgefallen wären?

GIS-Browser mit historischen Karten
Nach Abschluss des Projekts sollen die georeferenzierten historischen Kartendokumente über den GIS-Browser des Kantons Zürich (maps.zh.ch) der Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung gestellt werden und damit ein Fenster in die Vergangenheit öffnen. Bereits jetzt können dort die Meisterwerke der frühen Zürcher Kartographie – die Murerkarte aus dem 16. und die Gygerkarte aus dem 17. Jahrhundert – in georeferenzierter Form betrachtet werden. Das Amt für Raumentwicklung hat für das Projekt zudem eigens einen Kartenservice entwickelt, auf dem die Häuser aus verschiedenen Zeitepochen zu erkennen sind, was das Georeferenzieren älterer Karten und Pläne enorm erleichtert.

Wer sich für das Projekt interessiert und mithelfen möchte, den großen Schatz an historischen Karten und Plänen des Staatsarchivs Zürich mit Georeferenzen noch wertvoller zu machen, kann über folgenden Link beginnen: https://archives-quickaccess.ch/search/stazh/plan.

Kontakt:
Staatsarchiv des Kantons Zürich
Winterthurerstrasse 170
CH-8057 Zürich
Telefon+41 43 258 50 00
Fax+41 43 258 52 49
staatsarchivzh@ji.zh.ch
www.staatsarchiv.zh.ch

QuelleGemeinsame Medienmitteilung der Direktion der Justiz und des Innern und der Baudirektion, Kanton Zürich, 6.5.2020

Podcast zum Stasi-Unterlagen-Archiv

Was genau machen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Archiv? Wer nutzt die Akten und warum? Wie diskutieren Forschende, Interessierte sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über die DDR und das Wirken der Stasi? Wie wichtig sind historische Orte für ein historisches Archiv?

Seit April 2020 ist „111 Kilometer Akten. Der offizielle Podcast des Stasi-Unterlagen-Archivs“ auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen online. Moderiert von Sprecherin Dagmar Hovestädt und dem freien Radio-Journalisten Maximilian Schönherr, der die Idee zum Podcast an den BStU herangetragen hatte, will die Reihe Einblicke in die Arbeit des Stasi-Unterlagen-Archivs geben und den Dialog mit Nutzerinnen und Nutzern der Akten suchen (Folge 0).

Episoden mit Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Nutzerinnen und Nutzern wechseln sich ab mit Veranstaltungsmitschnitten von Events des Stasi-Unterlagen-Archivs. Dabei geht es um historische und aktuelle Themen aus der Beschäftigung mit dem Archiv und seiner Geschichte, die durch eine kurze Diskussion der beiden Moderatoren über die Folge eingeleitet wird. Jede Episode endet mit einem Ton-Beispiel aus dem Archiv, präsentiert von der Dokumentarin Elke Steinbach (BStU).

In der Auftakt-Folge 1 spricht der Bundesbeauftragte Roland Jahn über seine Erfahrungen in der DDR und seine langjährige Beschäftigung mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur und erläutert die Zukunft des Archivs.

In Folge 2 spricht die Wissenschaftlerin Anne Pfautsch mit Maximilian Schönherr über ihre Suche nach historischen Quellen zur DDR-Fotografie und Familienforschung im Stasi-Unterlagen-Archiv.

Folge 3: Ab dem Dezember 1989 besetzten mutige Bürgerinnen und Bürger die Dienststellen der Stasi in Erfurt und anderen Städten der DDR und schließlich im Machtzentrum des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin. In unserem Podcast kommen zwei Zeitzeugen sowie ein Historiker zu Wort, der die Vernichtungsaktionen der Stasi wissenschaftlich untersucht hat.

Folge 4: Dr. Karsten Jedlitschka arbeitet seit 2007 beim BStU, zunächst im Archiv und seit 2017 betreut er die Anträge von Forschern und Journalisten, darunter auch solche zu Akten aus der NS-Zeit. Er hat zudem einen Faible für die Geschichte des Archivwesens.

Folge 5: Im März 1989 stürzte der DDR-Flüchtling Winfried Freudenberg mit einem selbstgebauten Ballon in West-Berlin in den Tod. Die Künstlerin und Autorin Caroline Labusch hat die tragische Geschichte des letzten Mauertoten rekonstruiert. Im Gespräch reflektiert sie die Stasi-Akten, die sie für ihr Buch „Ich hatte gedacht, wir können fliegen“ ausgewertet hat.

Kontakt:
Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)
Karl-Liebknecht-Straße 31/33
10178 Berlin
Telefon: 030 2324-50
Telefax: 030 2324-7799
post@bstu.bund.de
www.bstu.de

Leitungswechsel im BLHA Potsdam

Amtswechsel in turbulenten Zeiten: Mario Glauert übernimmt die Leitung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam. Zum 1. Mai 2020 tritt der Potsdamer die Nachfolge von Klaus Neitmann an, der das Archiv 27 Jahre geleitet hatte.

Abb.: Kulturministerin Dr. Manja Schüle überreicht Prof. Dr. Klaus Neitmann (links) die Entlassungsurkunde und Prof. Dr. Mario Glauert (rechts) die Ernennungsurkunde, Bild: MWFK

„Ich freue mich, dass mit Mario Glauert ein erfahrener Archiv-Manager die Leitung unseres staatlichen Archivs für Brandenburg übernimmt“, sagte die Brandenburgische Kulturministerin Dr. Manja Schüle anlässlich der Amtsübergabe am 29.4.2020. Mit seiner umfassenden Expertise in den Bereichen Bestandserhalt, Informationstechnologien und Digitalisierung bringe er die richtigen Voraussetzungen mit, um die Herausforderungen bei der weiteren Digitalisierung der Bestände und der Entwicklung neuer, digitaler Zugänge zum weltweiten Wissen zu bewältigen. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihm“, so Schüle. Der neue Direktor übernimmt das Amt von Prof. Dr. Klaus Neitmann, der das Archiv seit 1993 leitete und zum 1. Mai in den Ruhestand tritt.

Die Amtsübernahme findet unter erschwerten Bedingungen statt: Wegen der Corona-Pandemie mussten die Feierlichkeiten zur Amtsübergabe abgesagt werden. Kulturministerien Schüle empfing die beiden Direktoren in kleinstem Kreis in ihrem Büro. Auch der Betrieb des Archivs mit seinen rund 60 Beschäftigten ist eingeschränkt. „Ich freue mich, dass wir das Landeshauptarchiv derzeit wenigstens eingeschränkt öffnen können“, so der neue Direktor. „Denn Archive sind vor allem für Menschen da, nicht nur für Akten.“

Die historische Überlieferung des Landes für die Öffentlichkeit möglichst einfach zugänglich zu machen, gehört zu den Zielen des neuen Leiters: „Viele Tausend Akten, Urkunden und Karten des Archivs sind schon digital nutzbar. Aber es müssen in den nächsten Jahren noch viel mehr werden.“ 2019 hatte das Landeshauptarchiv begonnen, digitalisierte Akten und Pläne online in seiner Datenbank zu veröffentlichen.

Zur Person
Prof. Dr. Mario Glauert wurde 1969 in Berlin geboren. Er lebt mit seiner Frau, einer Tochter und einem Sohn in Potsdam. Nach dem Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Freien Universität Berlin promovierte er 1999 zum Dr. phil. mit einer Arbeit zur mittelalterlichen Geschichte. Mario Glauert legte die archivarische Staatsprüfung an der Archivschule Marburg ab und übernahm 2002 die Leitung des Referats Bestandserhaltung im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Seit 2006 war er dort ständiger Vertreter des Direktors und Leiter der Abteilung Zentrale Archivdienste.

Seit 2011 ist er Honorarprofessor am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam mit den Lehrschwerpunkten Bestandserhaltung, Digitalisierung, Archivbau und Archivmanagement. Mario Glauert ist Mitglied in zahlreichen Gremien, unter anderem als Vorsitzender des Fachbeirats der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken (KEK) sowie des DIN-Normenausschusses Information und Dokumentation. Zudem vertritt er die deutschen Archive im Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (AWBI) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Kontakt:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Dienstanschrift: Am Mühlenberg 3, 14476 Potsdam, OT Golm
Postanschrift: Postfach 600449, 14404 Potsdam
Telefon: 0331 5674-0
Telefax: 0331 5674-212
poststelle@blha.brandenburg.de

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Pressemitteilung, 29.4.2020

Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 13/2020

Die Texte des neuen Bandes – 13/2020 – der „Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv“ umfassen neben stadtgeschichtlich relevanten Beiträgen auch diverse Einblicke und „Werkstattberichte“ aus der Arbeit des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg.

Inhaltsverzeichnis

Joachim Kemper · Editorial

Erich Staab · „Bey allen beliebt“: Georg Anton Kreusser, Konzertmeister in Mainz und Aschaffenburg

Matthias Klotz · Das Aschaffenburger Landwehrbataillon 1826–1869

Stephanie Goethals · Der italienische Eisverkäufer Giovanni De Fanti

Frank Jacob · Backen unterm Hakenkreuz: Eine Quellenedition

Heike Görgen · Die Sicherungsverfilmung der Aschaffenburger Protokollbücher von 1819 bis 1969: 150 Jahre Aschaffenburger Stadtgeschichte for Future

Frank Luther · Das KEK-Förderprojekt der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes im Stiftsarchiv der Stadt Aschaffenburg. Ein Werkstattbericht aus der Bestandserhaltung

Ulrike Klotz · As Time Goes By… Ein Vierteljahrhundert nach dem Abzug der US-Streitkräfte aus Aschaffenburg

David Reis · Die neuen „Schaufenster zur Stadtgeschichte“ (2019)

Adrian Siedentopf · Holz, Baum, Wald und Du – Welche Bedeutung hat Holz in unserem Leben?

Johannes Schuck · Führt der digitale Wandel zu einer Veränderung eines traditionellen Berufsbildes? Laptop statt Bleistift?

Info:
Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, Band 13 (2020), 151 S. mit zahlreichen Abbildungen, ISSN 0174-5328. 10 €.
Ab Oktober 2020 zusätzlich online abrufbar im Blog des Archivs.

Bestellungen über stadtarchiv@aschaffenburg.de

Virtuelle Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Kassel in der DDB

Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld

Die Ausstellung „Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld“ bespielt die universale Konstellation des Sendens und Empfangens exemplarisch in ganz unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Ebenen. Geboten wird u.a. neben der Überlieferung der theologischen Komponente beim Abendmahl und diversen Verwaltungsszenarien auch der persönliche Austausch von Informationen (Grundschüler im Archiv), die Papiervarianten per Post (Briefmarke) und Schreibmaschine sowie Online-Versionen (Kommunikation via Archion.de oder Archivportal-d.de). Über fünf Jahrhunderte wirft die virtuelle Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs Kassel in der Deutschen Digitalen Bibliothek ein paar Schlaglichter auf dieses Universalthema – Kommunikation ist und bleibt „ein weites Feld“ (Theodor Fontane, Effi Briest).

Zur Ausstellung: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/communicanten/

Abb.: Landeskirchliches Archiv Kassel G 2.9 Nr. 17, Schreibmaschine Leihgabe Peter Heidtmann-Unglaube (Foto Wischhöfer).

Themengebiete der virtuellen Ausstellung „Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld“

  • Reisewege des Apostels Paulus
  • Zweite Reformation in Hessen-Kassel
  • Communicantenlisten
  • Zirkularbuch
  • Kirchensiegel
  • Schreibmaschine
  • Heut gehn wir in’s Archiv – Lernort Archiv
  • Briefmarke
  • Bleistifte

Die virtuelle Ausstellung Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld wird veröffentlicht von:
Landeskirchliches Archiv der
Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
Lessingstraße 15A
34119 Kassel
archiv@ekkw.de
www.archiv-ekkw.de

Archivanhänger in Sankt Augustin

Ökologische Archivalientransporte des Stadtarchivs

Seit einiger Zeit ist im Stadtgebiet von Sankt Augustin ein markanter Fahrradanhänger unterwegs: Unter dem Motto „Geschichte bewegt!“ transportieren Jennifer Knorr, Bundesfreiwilligendienstleistender Malte Romünder und Stadtarchivar Michael Korn immer häufiger die notwendigen Archivalien mit Fahrrad und Anhänger.

Abb.:  Michael Korn, Jennifer Knorr und Malte Romünder (v.l.n.r.) mit Dienstfahrrad und Archivanhänger zeigen wie die wertvollen Archivalien wetterfest transportiert werden (Foto: Stadtarchiv Sankt Augustin).

Bei viel frischer Luft profitieren sowohl die Umwelt als auch die Kondition der Beschäftigten, wenn der Weg vom zentral gelegenen Rathaus zur Quellenübernahme bei Privatpersonen oder zum wöchentlichen Transport ins Archiv-Außenmagazin im Schulzentrum Niederpleis führt. Für den Wetterschutz der meist einmaligen Unterlagen stehen stabile und haltbare Kunststoffkisten bereit. Ein wenig Werbung für das Stadtarchiv Sankt Augustin macht der Anhänger dank angebrachter Werbetafeln außerdem, er fällt halt auf.

Seit vergangener Woche ist auch wieder eine kosten- (und kontakt-)freie Ausleihe der über 3.500 Bücher aus der Bibliothek des Stadtarchivs möglich. Diese bietet allen Interessierten historische und aktuelle Literatur nicht nur zu Sankt Augustin und der Region, sondern auch zu vielen allgemeinen geschichtlichen Themen von der Urzeit bis zur Gegenwart. Eine aktuelle Übersicht ermöglicht eine PDF-Datei auf www.sankt-augustin.de/stadtarchiv. Für Bestellungen und Beratungen ist das Stadtarchiv telefonisch und per E-Mail erreichbar.

Kontakt:
Stadtarchiv Sankt Augustin
Markt 1
53757 Sankt Augustin
Tel. 02241/243-337
stadtarchiv@sankt-augustin.de

Quelle: Stadt Sankt Augustin, Pressemitteilung, 118/2020, 21.4.2020

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