Gedenkbuch für die jüdischen NS-Verfolgungsopfer online

Seit dem 14.12.2007 ist das „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“ auf der Internetseite des Bundesarchivs unter www.bundesarchiv.de/gedenkbuch zugänglich. Gut eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung des Gedenkbuches in seiner 2., wesentlich erweiterten Auflage vom Frühjahr 2006 sind nun die Namen der Opfer im Internet recherchierbar.

Im Mai 2006 stellte das Bundesarchiv in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ diese 2. Auflage des Gedenkbuches vor (siehe Bericht vom 8.5.2006). Zwanzig Jahre nach der ersten Auflage 1986 wurden neueste Forschungsergebnisse auf der Basis der seit 1990 veränderten Quellensituation ausgewertet. Erstmalig fanden insbesondere die Opfer aus dem Gebiet der neuen Bundesländer und der ehemaligen Ostgebiete Berücksichtigung.

Eineinhalb Jahre später legt nun das Bundesarchiv mit der Internetpräsentation wiederum einen verbesserten Arbeitsstand, sozusagen eine 3. Auflage, in elektronischer Form vor. Ziel dieser Bemühungen ist es, den verschiedensten Nutzern einen jederzeit verfügbaren Zugriff auf die Forschungsergebnisse zu ermöglichen. Auf die 2006 veröffentlichte Publikation hat das Bundesarchiv umfangreiche Rückmeldungen und Anfragen erhalten. In den zurückliegenden Monaten wurden die Angaben zu den Namen kontinuierlich verbessert und erweitert.

Auf das Engste verknüpft mit der Arbeit für das Gedenkbuch ist das Projekt „Liste der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich 1933 – 1945“. Die Erstellung der Liste begann im Bundesarchiv im Frühjahr 2005. Grundlage war ein von der Bundesregierung an das Bundesarchiv und an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit Erlass vom 18. Oktober 2004 erteilter Auftrag, eine möglichst vollständige und genaue Liste der ca. 600 000 jüdischen Einwohner zu erstellen, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland – definiert durch die Grenzen vom 31. Dezember 1937 – ansässig waren und wegen ihrer jüdischen Abstammung oder ihres jüdischen Glaubens vom NS-Staat verfolgt wurden oder sich verfolgt fühlten. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ finanzierte mit umfangreichen Mitteln die Erstellung dieser Liste. Die Quellenbasis konnte von anfänglich ca. 300 auf derzeit 1.000 Quellen erweitert werden. Der hohe Synergieeffekt ermöglichte es, die Informationsdichte in kürzester Zeit zu erhöhen. Die Arbeiten daran dauern an.

Parallel zur Eingabe der Korrekturen und Ergänzungen aus den Zuschriften an das Bundesarchiv galt die Aufmerksamkeit der Bearbeiter der weiteren Präzisierung der Deportationsabläufe. Schwerpunkte waren u. a. die Auswertung der Daten aus der Forschungs- und Gedenkarbeit der KZ-Gedenkstätten Ravensbrück, Sachsenhausen, Buchenwald und Neuengamme. Durch Erhebung von Quellen aus ausländischen Institutionen mit der Konzentration auf die Emigration zwischen 1933 bis 1939, also vor der Volkszählung am 17. Mai 1939, konnte für viele der Emigranten nach Belgien, Luxemburg, in die Niederlande und nach Frankreich der Verfolgungsweg, das Schicksal des Einzelnen auch in den verschiedenen Etappen, genauer nachgezeichnet werden. Nicht selten wurden Verfolgungswege rekonstruiert, aus denen deutlich wird, dass Verfolgte drei und mehr Lager zu erleiden hatten.

Dennoch gilt nach wie vor, dass von Vollständigkeit noch nicht gesprochen werden kann. Die Bearbeiter bleiben angewiesen auf und interessiert an Rückmeldungen zu neuen Quellen sowie zu Korrekturen und Ergänzungen. Das Bundesarchiv möchte allen danken, die engagiert unsere Arbeit immer wieder unterstützen. Das Medium Internet bietet die Chance für breite Nutzerkreise, Anteil zu nehmen, an der Arbeit mitzuwirken und der Ermordeten zu gedenken.

Wurden in der Druckfassung 149.625 Namen veröffentlicht, umfasst die aktuelle Präsentation 158.728 Namen, davon rund 155.000 ermordete Personen. Im Vergleich zur vierbändigen Publikation werden auch die Namen aller Personen veröffentlicht, die 1938 nach Polen, hier häufig in den Grenzort Bentschen (Zbaszyn), oder im Sommer 1939 nach Polen abgeschoben wurden, unabhängig davon, ob dem einen oder anderen noch die Emigration glücken konnte und damit die Chance zum Überleben blieb. Die Namen dieses Verfolgtenkreises, insgesamt ca. 7.000 Personen, sind bei der Namenrecherche blau hinterlegt. Unter Die Zwangsausweisung polnischer Juden im Oktober 1938 und ihr weiteres Schicksal finden die Nutzer einen Abriss zur Zwangsausweisung polnischer Juden aus dem Deutschen Reich. Dieses Thema ist bisher in der Literatur noch nicht so präsent wie das gesamte Deportationsgeschehen seit 1941. Die namentliche Veröffentlichung zu diesem Personenkreis stellt ein Novum dar.

Die Geburtsorte wurden im Laufe der Bearbeitung weitestgehend an die territorialen Gegebenheiten zum Zeitpunkt der Geburt angepasst. Die Wohnortangabe entspricht der Erfassung zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai 1939. Die Onlinestellung des Gedenkbuches zeigt erstmalig das Feld Inhaftierung. Dieses enthält die Haftzeiten, die nicht mit der späteren Deportation in Zusammenhang stehen.

Wenn Anfang 2008 das Gedenkbuch online an einem Terminal im Ort der Information des Mahnmals für die ermordeten europäischen Juden in Berlin zur Verfügung steht, ist schließlich ein würdiger und zugleich öffentlichkeitswirksamer Platz gefunden, um dem regen öffentlichen Interesse am Schicksal der jüdischen Einwohner des Deutschen Reiches zu entsprechen. Diesen Terminal stellt die Gedenkstätte Yad Vashem den Besuchern zur Verfügung.

Mit Hilfe eines individuell zu nutzenden Suchfeldes und verschiedener Suchoptionen (Name, Vorname, Geburtsname, Geburtsdatum, Geburtsort, Wohnort, Deportationsdatum und Deportationsort) kann in der nunmehr also fast 159.000 Personen umfassenden Datenbank gesucht werden. Anhand der Trefferliste können die biographischen Einträge zu den jeweiligen Opfern und ihrem Schicksal ausgewählt werden.

Neben dem zentralen Namenverzeichnis und der Suchfunktion stehen die Texte der Druckauflage, die Chronologie der Deportationen sowie die Auswahlbibliographie zur Verfügung.

Die Startseite informiert über die geleistete Arbeit seit der Veröffentlichung im Jahr 2006. Erstmals enthält das Gedenkbuch auch die Namen der Personen, die 1938/1939 nach Polen abgeschoben wurden.

Die Internetnutzer werden gebeten, Ergänzungen und Korrekturen direkt an das Bundesarchiv unter gedenkbuch@barch.bund.de zu richten, um die laufenden Arbeiten daran zu unterstützen.

Kontakt:
Dr. Claudia Zenker-Oertel
Bundesarchiv
Potsdamer Str. 1
56075 Koblenz
c.zenker-oertel@barch.bund.de

Undine Völschow
Bundesarchiv
Finckensteinallee 63
12205 Berlin
u.voelschow@barch.bund.de

www.barch.bund.de

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