Georeferenzierung älterer Karten und Pläne mittels Crowdsourcing

Mit historischen Karten in die Vergangenheit eintauchen

Das Staatsarchiv des Kantons Zürich hat in den letzten Jahren seine historischen Karten digitalisiert und online verfügbar gemacht. Nun startet es zusammen mit dem Amt für Raumentwicklung ein Projekt, in dem die Öffentlichkeit die alten Karten georeferenzieren kann. Interessierte können so nicht nur die Vergangenheit erforschen, sondern auch alternative Realitäten erkunden.

Abb.: Beim Georeferenzieren wird der heutigen Weltkarte eine historische Karte gegenübergestellt, wodurch übereinstimmende Punkte markiert werden können (Karten: Kanton Zürich).

Das Staatsarchiv besitzt rund 20.000 historische Karten und Pläne vom 16. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Darunter befinden sich einzigartige Stücke wie die Kartenwerke von Jos Murer (1530-1580) oder Hans Conrad Gyger (1599-1674), aber auch zahlreiche Pläne für Bauprojekte von Strassen, Brücken, Schulhäusern und Verwaltungsgebäuden im Kanton Zürich. Die Sammlung ist vollständig digitalisiert und online verfügbar. Nun soll sie mit Hilfe der Öffentlichkeit noch besser erschlossen werden, indem jedes Dokument geografisch genau verortet wird: „Georeferenzierung mittels Crowdsourcing“ nennen das die Fachleute.

Wer sich beteiligen will, muss keine Fachperson sein. Mit der Webplattform „Georeferencer“ ist es spielend leicht, eine historische Karte mit der aktuellen Karte zu vergleichen und übereinstimmende Punkte wie Straßenkreuzungen, Flussmündungen oder Ecken von markanten Gebäuden zu identifizieren. Je mehr Punkte man mit einem Klick auf beiden Karten markiert, desto genauer wird die historische Karte auf der heutigen Weltkarte eingepasst – eben georeferenziert. Hier zeigt sich dann auch, wie präzis die Kartographen von früher gearbeitet haben: Insbesondere die ältesten Kartenwerke aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind oftmals noch stark verzerrt. Aber ab dem 18. Jahrhundert erlaubten neue Vermessungsmethoden und -werkzeuge die Erstellung immer genauerer Karten.

Alternative Realitäten erkunden
Bei älteren Karten und Plänen kann das Georeferenzieren herausfordernd sein, weil manche der abgebildeten Bauwerke nicht mehr existieren, weil Straßen verlegt oder Gewässer korrigiert wurden. Auch Uferzonen und Waldränder verlaufen heute teilweise anders als früher. Hier ist manchmal etwas Spürsinn gefragt, bis man sich auf einer historischen Karte orientieren kann. Sind aber beispielsweise die Felder rings um Uster auf den kunstvollen Zehntenplänen von 1679 und 1765 erst einmal verortet, steht der Erkundung einer längst vergangenen Zeit und Umgebung nichts mehr im Weg – einer Realität, die durch die Industrialisierung und das enorme Bevölkerungswachstum des 19. und 20. Jahrhunderts für immer umgestaltet wurde. Eindrücklich erkennt diese Veränderungen, wer im „Georeferencer“ mittels Schieberegler zwischen den historischen Plänen und der heutigen Weltkarte hin- und herwechselt.

Einen wahren Schatz stellen Pläne von Bauprojekten dar, die nie realisiert wurden. Hier lässt sich zum Beispiel erfahren, welche gigantischen Ideen in den 1930er Jahren für ein Kantonsspital auf dem Burghölzliareal oder in den 1950er Jahren für die Winterthurer Kantonsschule Rychenberg existierten. Oder für das kantonale Staatsarchiv gab es zunächst Neubauprojekte am Parkring oder am Zeltweg, bevor es 1982 an seinem heutigen Standort auf dem Areal Irchel realisiert wurde. Durch die Georeferenzierung von heute teilweise utopisch anmutenden Plandokumenten lassen sich also am Computer, Tablet oder Smartphone alternative Realitäten erkunden: Wie sähe es im Kanton Zürich heute aus, wenn gewisse Entscheidungen anders ausgefallen wären?

GIS-Browser mit historischen Karten
Nach Abschluss des Projekts sollen die georeferenzierten historischen Kartendokumente über den GIS-Browser des Kantons Zürich (maps.zh.ch) der Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung gestellt werden und damit ein Fenster in die Vergangenheit öffnen. Bereits jetzt können dort die Meisterwerke der frühen Zürcher Kartographie – die Murerkarte aus dem 16. und die Gygerkarte aus dem 17. Jahrhundert – in georeferenzierter Form betrachtet werden. Das Amt für Raumentwicklung hat für das Projekt zudem eigens einen Kartenservice entwickelt, auf dem die Häuser aus verschiedenen Zeitepochen zu erkennen sind, was das Georeferenzieren älterer Karten und Pläne enorm erleichtert.

Wer sich für das Projekt interessiert und mithelfen möchte, den großen Schatz an historischen Karten und Plänen des Staatsarchivs Zürich mit Georeferenzen noch wertvoller zu machen, kann über folgenden Link beginnen: https://archives-quickaccess.ch/search/stazh/plan.

Kontakt:
Staatsarchiv des Kantons Zürich
Winterthurerstrasse 170
CH-8057 Zürich
Telefon+41 43 258 50 00
Fax+41 43 258 52 49
staatsarchivzh@ji.zh.ch
www.staatsarchiv.zh.ch

QuelleGemeinsame Medienmitteilung der Direktion der Justiz und des Innern und der Baudirektion, Kanton Zürich, 6.5.2020

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