Vergangenheit des Körner Hellwegs

Jeder der fünf Vorortbereiche, die sich im Dortmunder Nordosten entlang der Hellwegschiene ziehen – Körne, Wambel, Brackel, Asseln und Wickede, bis zur Stadtgrenze Unna – hat sein Eigenleben. Obwohl die Straße selbst ihren Zusammenhang durch die gemeinsame Historie vorweist. Der Hellweg ist etwas Besonderes.

Das wussten schon lange vor den Ortsgründungen entlang des Weges unsere sächsischen Ahnen. Später die Römer, die die Verbindung als Heerstraße nutzen. Im Mittelalter führte der Hellweg von Duisburg bis Höxter. Seine Nachfolger – die preußische Chaussee aus dem frühen 19. Jahrhundert (die heutige B 1) und die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts fertiggestellte Autobahn 44 „folgen prinzipiell der alten Wegführung, wenn sie heute auch unter Umgehung der Innenstädte etwas südlicher verlaufen“, so Reinhild Stephan-Maaser vom Hellweg-Museum Unna.

Schon Kaiser Karl nutzte alten Weg

Dortmunds große Stadthistorikerin Luise von Winterfeld beschreibt in ihrer „Geschichte der Freien- und Hansestadt Dortmund“ in der Auflage von 1956, dass der Name Hellweg, „an dem viele uralte Friedhöfe lagen, mythologisch als Weg galt, der zur Totengöttin Hel“ führte.

Sehr viel nüchterner sei nach von Winterfeld eine Deutung von Karl Rübel aus dem 19. Jahrhundert. Er setzte den Namen mit Kaiser Karl dem Großen in Verbindung (um 800), der zum Schutze des Reichsgutes seine Gefolgsleute an der großen Heerstraße, dem Hellweg, ansiedelte.

Dr. Norbert Reimann beschreibt in der 1994 verlegten „Geschichte der Stadt Dortmund“, dass der Hellweg „als älteste und wichtigste Verkehrsverbindung zwischen Rhein und Weser“ gilt.

Und Reimann weiter: „Der ,Hellweg´ bedeutet ,lichter, breiter Weg´ und bezeichnete wichtige Königs- und Heerstraßen, deren Breite der Länge eines Speeres entsprach. Er war keineswegs nur auf den rheinisch-westfälischen Hellweg beschränkt“.

Körne genießt neben allen übrigen Vororten Dortmunds eine Sonderstellung: Er war der erste Bereich, der nach Dortmund eingemeindet wurde.

Hintergrund des Eingemeindungsbeginns war natürlich der industrielle Fortschritt in den Ruhrgebietsstädten. Fast hätte die neue Stadt Gelsenkirchen die alte Stadt Dortmund überrundet, zumindest, was die Einwohnerzahlen anging.

Denn das blutjunge Gelsenkirchen war von 1900 bis 1905 von 37 000 auf 147 000 Seelen angewachsen. Doch die alte Reichs- und Hansestadt Dortmund reagierte schneller.

Dr. Günther Högl beschreibt diesen „Wettlauf“ in dem vom Stadtarchiv herausgegebenen Band „Geschichte der Stadt Dortmund“ so: „1901 begannen die Eingemeindungsverhandlungen mit der Gemeinde Körne im Kreishaus des Landkreises Dortmund, die am 22. März 1904 mit der Genehmigung des Vertrages abgeschlossen wurden.“ Und mit dem Gesetz vom 1. April 1905 wurde dann Körne als erster Gebietsteil aus dem Landkreis Dortmund in den Stadtkreis Dortmund aufgenommen.

Der Körner Hellweg, zwischen zwei Brücken gelegen, die einerseits die Stadtmitte und andererseits den Vorortsbereich Wambel abschließen, markiert als Hauptverkehrsader eben auch Körne.

An diesem Hellwegbereich haben sich viele Geschäfte angesiedelt, die dem Kunden alles bieten, von Lebensmitteln über Modefachgeschäfte, Apotheken bis Zoohandlung, Reinigungen und vieles mehr. Der Körner Bewohner braucht eigentlich nur zum Hellweg zu gehen und wird fündig. Das betrifft auch den Gastronomiebereich. Die Kneipe an der Ecke, deutsche und ausländische Angebote in den vielen Gaststätten, jeder Geschmack wird „vor Ort bedient“. Und dass die Körner auch zu feiern verstehen, zeigt ihr dreitägiges Fest „Körner Treff“, vom Gewerbeverein ins Leben gerufen, das just jetzt noch bis einschließlich Sonntag rund um das Ärztehaus mit viel Unterhaltung läuft.

1,2 Kilometer lang ist übrigens der Körner Hellweg-Beritt von Brücke zu Brücke. Insgesamt bringt es der östliche Hellweg-Bereich bis Unna auf zehn Kilometer Länge.

Immer mit der Stadt verknüpft

Dass Körne und sein Hellweg politisch zur Bezirksvertretung Innenstadt-Ost und nicht zu der von Brackel gehört, ist wiederum mit der geschichtlichen Entwicklung zu erklären. Das alte Körne, urkundlich im 10. Jahrhundert erstmals erwähnt, hat sich immer mehr zu Dortmund als zu den benachbarten Gemeinden hingezogen gefühlt.

1906, also nach Körnes Eingemeidung, aber vor der Eingemeindung weiterer Ortschaften am Hellweg, eröffnete die Straßenbahngesellschaft des Landkreises eine Strecke auf dem Hellweg, die eben von Körne über Asseln und Wickede nach Unna führte. Nachdem die Straßenbahngesellschaft von der Stadt übernommen worden war, führte die damalige Linie 11 vom Dortmunder Hauptbahnhof bis Unna. Das letzte Stück wurde erst 1965 still gelegt.

Quelle: WAZ Dortmund, 12.9.2003

Schätze der Modezeichnerin Regina May im Stadtarchiv

Fein säuberlich gestapelt, wartet auf einem Tisch im Stadtarchiv Wiesbaden eine kleine Auswahl von Illustrationen, Zeichnungen und Gegenständen aus dem Nachlass von Regina May (1923-1996). Nur ein Teil jener etwa 130 Ausstellungsstücke, die vor genau einem Jahr unter dem Titel „Illustration und Mode. Spiegel der Zeit“ im Museum Wiesbaden zu sehen waren und zuvor auch in der Frankfurter Stadtbücherei und in der Berliner Kunstbibliothek.

Ehemann und Nachlasshüter Achim Koch hat diese Arbeiten seiner Frau als Dauerleihgabe dem Stadtmuseum überlassen. In Wiesbaden lebte Regina May seit ihrer Jugend. Hier soll auch die Sammlung bleiben. Das geplante Stadtmuseum bewahrt sie vorerst in den Räumen des Stadtarchivs auf.

Regina May selbst wäre nie auf die Idee gekommen, ihre Arbeiten auszustellen, bemerkte Achim Koch. „Aber es wäre schade, wenn das Oeuvre meiner Frau bei mir im Keller verstauben würde.“ Schubläden und Schränke seien voll mit noch nicht geordneten Sachen.

Der Name Regina May mag zunächst nur wenigen etwas sagen. Obwohl eines ihrer frühen Werke – ohne Übertreibung – Millionen Bundesbürgern bekannt sein dürfte: der Titelkopf der FAZ. Im Jahre 1949 als frisch gebackene Gebrauchsgrafikerin und Absolventin der Städelschule, „pinselte“ sie in zehn Tagen, wie damals der „Spiegel“ berichtete, den schwierigen Zeitungskopf „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Erst nach mehreren Anläufen fanden die Herausgeber was sie wollten. Der schließlich genehmigte Zweizeiler aus Fraktur und Antiqua blieb seither unverändert. Gerahmt und unter Glas liegen Ur- und Endfassung auf einem Tisch im Stadtarchiv. Daneben Zeichnungen aus den späten 40er Jahren: Illustrationen für Wiesbadener Verlage und die Mainzer „Allgemeine Zeitung“.

In der Mainzer Verlagsanstalt hatte Regina May ihre Druckerlehre absolviert und später als Schriftenzeichnerin gearbeitet. Bekannt geworden aber ist sie durch einen unverwechselbar eigenen Strich in Sachen Mode. Mit dem brachte sie zwischen 1950 und 1975 Schwung auf die FAZ-Seite „Für die Frau“ und ins „Constanze-Modeheft“ ebenso. Die Modezeichnungen der 50er Jahre hätten sie wahnsinnig geärgert, weil sie so altmodisch gewesen seien, meinte sie. Dabei herrschte in der Modewelt gerade Christian Diors aufregender New Look mit den schwingenden Ballerinaröcken, den Riesenhüten und armlangen Handschuhen.

Als FAZ-Korrespondentin getarnt, zeichnete Regina May zunächst nur heimlich auf den großen Galas der Couture in Paris, Florenz oder Mailand. Aus Furcht vor Nachahmern war das „Mitzeichnen“ untersagt. Neben ihren schnellen und trotzdem präzisen Skizzen liest man die berühmten Namen Patóu, Dior, Balmain, Givenchy, Cardin und St. Laurent.

Nicht eine Modezeichnerin wie alle anderen wollte sie sein, sondern eine „Modeinterpretin“. Ihre Linien sind klar und erfassen bis hin zur Überzeichnung durch Reduktion immer das auf den Punkt gebrachte Wesentliche. Karikaturen nannte sie ihre Figuren gern. Und hat recht damit, wenn sie die Begabung meinte, genau zu beobachten und ein typisches Merkmal treffsicher zu betonen. Hellwach erkannte sie, was hinter den Kleidern steckt: ein sich wandelnder Zeitgeschmack und ein sich mit ihm wandelndes Frauenbild. „Sie müssen vor allem anderen lernen zu sehen“, hieß ihr „Lehrsatz“ an der Fachhochschule Wiesbaden, wo sie zehn Jahre lang als Dozentin arbeitete.

Ein bewundernswert sicheres Gespür für Entwicklungen und neue Trends habe sie gehabt, so Achim Koch. Bis zu ihrem Tod war sie deshalb bei namhaften Textil- und Accessoires-Firmen als Modeberaterin höchst willkommen. Aus der Beraterzeit stammt ein „Objekt“, das etwas unscheinbar den Stapel mit Zeichnungen krönt. Klein und viereckig glänzt es in schwarzem Lackleder, trägt lange schmale Henkel und einen silbernen Sichelverschluss: Eine Mustertasche für die Collection Nouvelle Couture von Gold-Pfeil. An das Unternehmen hatte Regina May vor Jahren auch ihre einstige Volontärin Jil Sander vermittelt. Die Mode sei ein gefährliches Pflaster für seine Frau gewesen, meinte Achim Koch lächelnd. „Sie hat viel Geld dafür ausgegeben.“ Manchmal sogar ein Paar Schuhe doppelt gekauft, damit im Notfall Ersatz vorhanden war.

Quelle: Wiesbadener Tagblatt, 13.09.2003

Schriften Wilhelm Heinrich Riehls

Am 25. Februar 1912 schreibt Elisabeth Riehl, Tochter des 1897 in München gestorbenen Kulturhistorikers, Soziologen und Schriftstellers Wilhelm Heinrich Riehl, an den Wiesbadener Bibliotheksdirektor Dr. Erich Liesegang: „Anbei übersende ich Ihnen die erwähnten Manuskripte meines Vaters und spreche Ihnen zugleich meine Freude darüber aus, dass dieselben in der Nassauischen Landesbibliothek aufgehoben werden können. Mein Vater hing mit so großer Liebe an seiner Heimat, dass diese Verfügung gewiss in seinem Sinn ist.“

Die zitierte väterliche Heimat waren das Herzogtum Nassau und die Stadt Biebrich am Rhein, wo Riehl 1823 als Sohn des herzoglichen Schlossverwalters Friedrich Wilhelm Riehl (1789-1839) zur Welt kam und seine Kindheit verbrachte. In einer Zeit, als die Rheingasse (heute Rheingaustraße) noch „eine enge doppelzeilige Dorfstraße war, deren Häuser dem Strom den Rücken zukehrten“. Mit dieser Erinnerung beginnt Riehls Novelle „Seines Vaters Sohn“.

Im benachbarten Wiesbaden besuchte Riehl nicht nur die Lateinschule. Anfang April des Revolutionsjahres 1848 übernahm er hier für zwei Jahre die Leitung von August Schellenbergs frisch gegründeter „Nassauischen Allgemeinen Zeitung“. Ab 1854 lebte Riehl in München, wurde Professor für Staatswissenschaft sowie Kulturgeschichte und Statistik, 1883 geadelt und 1885 Direktor des Bayerischen Nationalmuseums. Außer der (heutigen) Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden besitzen auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach sowie die Universitätsbibliothek und das Stadtarchiv in München jeweils Teile des Nachlasses.

Brita Zimmermann, seit 30 Jahren Bibliothekarin in der Landesbibliothek und ein guter Geist des Lesesaals, öffnet den Tresor und entnimmt ihm den Kasten mit Riehl-Handschriften. Er enthält Manuskripte von Novellen, die in den Sammlungen „Geschichten aus alter Zeit“ (1863/64), „Am Feierabend“ (1880) und „Lebensrätsel“ (1888) erschienen sind. Außerdem literarische Porträts für die „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfe aus der Erinnerung gezeichnet“ (1891), Vorworte und Vorträge. Letztere hat Riehl teilweise zu Essays überarbeitet und als „Freie Vorträge“ in zwei Bänden (1873/85) publiziert. Vortragstitel wie „Die Leiden der kleinen Minister“ oder „Der Dilettant auf dem Landtage“ verraten den geübten politischen Journalisten.

Dem „Geist der Öffentlichkeit“ und einem bereits damals verbreiteten allgemeinen Bildungsbedürfnis entsprechend, unternahm Riehl ab den 70er Jahren regelmäßig Vortragsreisen. Die Vorträge widmeten sich der Politik, Kunst und Kulturgeschichte. Als gelegentliche Flucht des Münchner Professors „aus der gemütlichen Häuslichkeit seines akademischen Hörsaals“ und wohl auch als faszinierend weitreichende Wirkungsmöglichkeit genoss Riehl seine Vortragstätigkeit durchaus. Er habe in vierzehn Jahren „112 verschiedene Themen in 462 Wandervorträgen behandelt und in 103 deutschen Städten vor mehr als 180.000 Zuhörern gesprochen“, resümierte er 1884 nicht ohne Stolz im Manuskript zum Vorwort des zweiten Bandes „Freie Vorträge“.

Der Wiesbadener Bestand enthält ebenso einen offenbar unvollständigen oder abgebrochenen, mit „Rheinlandschaft“ überschriebenen Text, „gesprochen im Verein für wissenschaftliche Vorträge zu Crefeld am 24. Oktober 1871“. Elisabeth Riehl bemerkt im Brief an Erich Liesegang, dass ihr Vater „seine Entwürfe meistens selbst vernichtete“ und leider nicht mehr viel „von seiner eigenen Hand“ existiere. „Was noch vorhanden war, ist in keiner Weise geordnet u. es ist mühsam etwas Zusammenhängendes herauszufinden.“

In der Sammlung „Kulturgeschichtliche Charakterköpfe“ erschien Riehls „Idylle eines Gymnasiasten“. Die in seiner Handschrift vorliegende Geschichte erinnert an die Nassauer Jugendzeit, die er in Weilburg/Lahn verlebte: „An der Spitze des Weilburger Gymnasiums stand 'zu meiner Zeit• der Oberschulrat und Direktor Friedrich Traugott Friedemann, eine höchst merkwürdige Erscheinung.“ Der Charakterkopf Friedemann (1793-1853) war später Archivdirektor in Idstein. Die Hessische Landesbibliothek bewahrt auch von ihm Manuskripte auf, sozusagen in idyllischer Nachbarschaft des einstigen Schülers.

Riehls volkskundlich-soziologische Untersuchungen und Theorien, die er in seiner „Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik“ (1851-1869) veröffentlichte, waren schon zu seinen Lebzeiten umstritten und blieben es bis heute.

Quelle: Wiesbadener Tagblatt, 12.09.2003

HH: Besser Rasenmäher als Kahlschlag

Wegen des Besucherandrangs musste vom nüchternen Sitzungszimmer in den repräsentativen Kaisersaal des Rathauses umgezogen werden: Dabei stand im Kulturausschuss der Bürgerschaft das eher nüchterne Thema Haushalt auf dem Programm. Doch ein Punkt des Etatplans 2004 sorgte für regen Besuch: Die von einer drastischen Sparankündigung der Kulturbehörde in ihrer Existenz bedrohten Geschichtswerkstätten hatten mobil gemacht.

Zur Erinnerung: Der Haushalt der Kulturbehörde wird im kommenden Jahr steigen, doch es gibt einen großen Verlierer: Die Zuwendungen von 539.000 Euro für die 14 Stadtteilarchive sollten komplett gestrichen werden. So hieß es Ende Juni. Erschreckt über lautstarke Proteste milderte die Behörde dies ab und kündigte im Juli 133.000 Euro für 2004 an, um zumindest Miet- und Betriebskosten der Stadtteilarchive zu sichern. Fehlen werden die Mittel für hauptamtliches Personal – was von den Betreibern als unabdingbare Voraussetzung dafür angesehen wird, das rege ehrenamtliche Engagement in diesem Bereich zu erhalten.

„Die Archive leisten Arbeit, auf die die Stadt nicht verzichten kann“, sagte Holger Christier (SPD). Darin waren sich alle fünf Fraktionen im Kulturausschuss einig. Damit endete die Gemeinsamkeit auch schon. Die Vertreter der Koalition wollen am Sparplan der Behörde festhalten, während Ausschussvorsitzender Willfried Maier (GAL) fordert, dass nach dem Rasenmäherprinzip gekürzt werden sollte: Die vergleichsweise geringe Einsparung von gut 300 000 Euro könnte besser von mehreren Institutionen geleistet werden, als eine einzige in ihrem Bestand zu gefährden. Dem wollte sich Karl-Heinz Ehlers (CDU) nicht anschließen: Er forderte konkrete Sparvorschläge von Maier und den Mut, dann „das Quieken der Betroffenen“ auszuhalten.

Kultursenatorin Dana Horáková, die gestern mit großem Spezialisten-Gefolge zum Ausschuss gekommen war, setzt auf Gespräche. Ihre Hoffnung: Synergien, Kooperationen, Sponsoren, noch mehr Ehrenamt. Die Opposition bezweifelte ihren guten Willen: Der zunächst geplante totale Kahlschlag sei offensichtlich eine politische Entscheidung gewesen. Nach der heftigen öffentlichen Kritik habe die Senatorin ein bisschen zurückgerudert. Dabei sollte sie jetzt nicht Halt machen. Maier hofft noch auf eine gemeinsame Empfehlung des Ausschusses. Die Schlussabstimmung der Bürgerschaft über den Haushalt 2004 findet am 17. Dezember statt.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 12.9.2003

Denkmale der Tonkunst

Das Schaffen des Rudolstädter Komponisten Georg Gebel hat in der jüngeren Vergangenheit sowohl von der Musikwissenschaft wie der Musikpraxis verstärktes Interesse erfahren. Die Wiederentdeckungen der „Johannes-Passion“ sowie des Weihnachts- und Neujahrsoratoriums seien stellvertretend genannt. Erstere ist in einer inzwischen viel beachteten Einspielung auf CD erschienen, auch die beiden Oratorien werden in Kürze auf dem Tonträgermarkt erhältlich sein.

Das Thüringische Staatsarchiv Rudolstadt, das sämtliche kirchenmusikalische Kompositionen Gebels verwahrt – u.a. 144 Kantaten – und vor kurzem ein deatilliertes Verzeichnis derselben publiziert hat (Frankfurt: Peter-Lang-Verlag 2003), möchte aus Anlass des 250. Todestages auf diesen Komponisten und seine Denkmale der Tonkunst aufmerksam machen.

Der Musikwissenschaftler Dr. Axel Schröter, der im Rahmen eines Erschließungsprojektes des Musikalienbestandes der Hofkapelle Rudolstadt auch die Verzeichnung der Gebelschen Kompositionen vorgenommen hat, wird am „Tag des offenen Denkmals“ einen Vortrag mit praktischen Demonstrationen halten, der über Leben und Schaffen Gebels hinaus auch die technische Erschließung seiner Werke thematisieren wird. Die Werke Gebels bilden den umfangreichsten Autographenbestand, der sich unter den etwa 110 Regalmetern Musikalien des Staatsarchivs Rudolstadt befindet. Sie gehören zugleich auch zu den ältesten dort erhaltenen musikalischen Quellen. Denn dem Schlossbrand von 1735 fiel nahezu die gesamte bis dahin angelegte Musikaliensammlung, über die heute nur noch Inventarisierungslisten Aufschluss geben, den Flammen zum Opfer.

Zu einem Vortrag zum Thema „Denkmale der Tonkunst: Die Kantaten des Rudolstädter Komponisten Georg Gebel (1709-1753)“ mit Musikbeispielen von Dr. Axel Schröter (Weimar/Rudolstadt) wird am Sonntag, 14. September, um 17 Uhr, Porzellangalerie Schloss Heidecksburg eingeladen.

Quelle: OTZ Rudolstadt, 11.9.2003

Fundgrube Ernestinum-Archiv

Celles älteste Schule, das Ernestinum, feiert in diesem Jahr ihren 675. Geburtstag. Pünktlich zum Schuljubiläum ist ein Buch erschienen mit dem Titel „Der deutsche Abituraufsatz am Gymnasium Ernestinum Celle als Spiegel nationaler Geschichte 1830–1970”.

Der Celler Historiker Mijndert Bertram, der die Einführung zu diesem Buch geschrieben hat, hält die Veröffentlichung für eine in Deutschland bislang einzigartige Pionierarbeit, die auf überregionale Aufmerksamkeit stoßen werde. Ihre Besonderheit liege in der Vollständigkeit und im Längsschnitt, der einen Zeitraum von 140 Jahren umfasst.

Über die Jahre hinweg sind im Archiv des Ernestinums http://www.ernestinum-celle.de/ alle Abiturarbeiten aufbewahrt worden, die seit dem ersten staatlich abgenommenen Abitur im Jahr 1830 am ältesten Gymnasium der Stadt geschrieben worden sind. In dieser Schatzkammer im Keller des jetzigen Schulgebäudes machten sich der Archivar Gunter Thies und die Geschichtslehrerin Elke Haas auf die Suche nach allen vorhandenen Abiturthemen für den Deutschen Aufsatz bis zum Jahr 1970. Die Schüler eines Geschichts-Leistungskurses und die Referendarin Jessica Schirmer arbeiteten mit, indem sie jede Menge Abituraufsätze studierten, ältere Arbeiten, die noch in deutscher Schrift geschrieben worden sind, transkribierten und teilweise auch kommentierten.

Eine Auswahl dieser ausgearbeiteten Aufsätze sind im zweiten Teil des Buches abgedruckt. Sie stammen aus den historisch bedeutenden Abschnitten deutscher Geschichte, und zwar aus den Jahren 1830, 1848, 1872, 1917, 1941, 1943, 1950 und 1970 und geben ein beeindruckendes Zeugnis von den Wertvorstellungen, Erziehungsidealen und Problemen der jeweiligen Zeit und der Nation.

Quelle: Cellesche Zeitung, 9.9.2003

Syke 1929 bis 1949

Am 27. Oktober kommt erstmals die Syker Geschichts- und Schreibwerkstatt zusammen, die in verschiedenen „Zeitfenstern“ Syke in den Jahren 1929 bis 1949 untersuchen will. Montagabend fand hierzu im Stadtarchiv ein vorbereitendes Treffen statt. Gelegenheit, mögliche Themenfelder abzustecken. Gelegenheit aber auch, um Grundsätzliches zu klären: Wie zum Beispiel soll mit den Namen ehemaliger NS-Größen umgegangen werden, deren Familien heute noch in Syke leben?
FDP-Ratsfrau Edda Frerker, eine von einem guten Dutzend Bürgern/innen, die bislang an der Geschichtswerkstatt teilnehmen wollen, meldete Bedenken an: „Ist eine Namensnennung wirklich notwendig?“

Für Sykes Stadtarchivar, den Historiker Hermann Greve, der das Zeitfenster-Projekt leitet, kein wirkliches Problem: Um die Namensnennung bekannter Nazi-Größen, die Personen des öffentlichen Lebens in Syke waren, führe kein Weg vorbei. „Die sind ohnehin bekannt, die können wir ruhig nennen.“
Andererseits gehe es nicht an, Namen auf einzelne Aussagen oder bloße Beschuldigungen hin zu nennen. „Letztlich kommt es auf unsere Sensibilität an, wie wir mit Namen umgehen.“
Grundsätzlich gehe es bei dem Projekt aber nicht um einzelne Menschen, betonte Greve. „Es geht primär um Ereignisse, um Verhandlungsabläufe.“ Fast 60 Jahre nach Ende des Nazi-Regimes Anklageschriften verfassen zu wollen, sei absurd. „Es geht um die Kunst des Verstehens und des Erkennens“, formuliert Greve die generelle Zielvorgabe der Geschichts- und Schreibwerkstatt.
Die historische Recherche soll in einer Veröffentlichung münden, in der die einzelnen Ergebnisse zu dem jeweiligen Zeitfenster präsentiert werden. Angedacht sind drei solcher Fenster: Von 1929, dem Jahr, in dem die Syker NSDAP-Ortsgruppe gegründet wurde, bis 1933, dann von 1933 bis 1945, schließlich vom Kriegsende 1945 bis zur Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949. Für das erste Zeitfenster setzt Greve etwa zweieinhalb Jahre Arbeit an.

Wie diese Arbeit konkret aussieht, bleibt den Teilnehmern selbst überlassen. „Das ist eine reine Neigungsveranstaltung“, betont Greve. Ob persönliche Erlebnisse zu Papier gebracht, Interviews geführt, Zeitungen oder Archive ausgewertet werden – alles ist möglich, alles ist erlaubt. „Und es muss auch nicht jeder am Ende ein eigenes Kapitel schreiben“, stellt Greve klar. Roter Faden der gemeinsamen Arbeit ist allein, durch ein jeweils fest umrissenen Zeitfenster auf Sykes Geschichte zu blicken.

Für das nötige Handwerkszeug im Umgang mit historischen Quellen aller Art wird Hermann Greve je nach Bedarf in den ersten Treffen des Projektes sorgen. Auf Wunsch der Teilnehmer hat er auch eine Liste möglicher Themen für die Zeit von 1929 bis 1933 erstellt, von der Krise in Landwirtschaft und Kleingewerbe in der Weimarer Republik und der Arbeitslosigkeit auf dem Lande, über den Behördenstandort Syke bis hin zu Großkundgebungen der NSDAP und Wahlen in Syke.
Wobei Greve eines besonders am Herzen liegt: „Wir schreiben keine wissenschaftliche Arbeit für die Schublade. Das soll ein spannend zu lesender Band werden.“

Kontakt:
Stadtarchiv Syke
Nienburger Straße 5
D-28857 Syke
Postfach 1365
D-28847 Syke
Tel: +49 (4242) 4204

Quelle: Syker Kurier (WK), 11.9.2003

Lorenz Okens Nachlass ist geordnet

Offenburg kümmert sich um das Erbe eines der großen Söhne der Stadt. Horst Neuper, Historiker aus Jena, hat im Auftrag der Kulturstiftung Offenburg den Freiburger Nachlass von Lorenz Oken aufgearbeitet. Der Wissenschaft steht damit neues Material für die Erforschung des Lebenswerks des aus Bohlsbach stammenden Naturphilosophen, Naturwissenschaftlers und führenden Kopfs im deutschen Vormärz zur Verfügung.

Was die Traditionen des Vormärz und der 48er-Revolution angeht, verfolgt die Stadt Offenburg eine Doppelstrategie, die man mit Feiern und Forschen beschreiben könnte. Im Oken-Jahr 2001 feierte Bohlsbach ein rauschendes Fest in Erinnerung an Oken. Gleichzeitig vergab die Kulturstiftung den Auftrag an Horst Neuper, den handschriftlichen Nachlass Okens, Briefe und Schriften, die mehr oder weniger unverzeichnet in der Freiburger Unibibliothek lagen, zu ordnen. „Das war eine Kärrnerarbeit“, würdigte OB Edith Schreiner seine Arbeit, die nun in drei Exemplaren – eines in der Uni Freiburg, eines in der Uni Jena und eines im Offenburger Stadtarchiv – vorliegt. Worin die besondere Schwierigkeit der Aufarbeitung lag erläutert Kulturchefin Susanne Asche: „Oken war Mediziner und Sie wissen, wie Mediziner schreiben“. 

Quelle: Badische Zeitung, 11.9.2003

StA Villingen erhält Gustav Walzers Nachlass

Manche älteren Villinger erinnern sich noch an Gustav Walzer (1899-1966), der in der Zähringerstadt aufgewachsen ist und sich einen Namen als Heimatforscher gemacht hat. Seine Witwe vermachte jetzt der Stadt das archivarische Vermächtnis des Verstorbenen. „Dieser Nachlass ist unersetzbar und einmalig für die Villinger Personengeschichte vor 1800“, urteilte Stadtarchivar Heinrich Maulhardt. 
 
Am 9.9. übereignete Gustav Walzers Witwe Clara (95) und die Tochter Brigitte im Stadtarchiv Villingen das Material mit ihrer Unterschrift an die Stadt. Bei der Schenkung handelt es sich um den heimat- und familiengeschichtlichen Nachlass Gustav Walzers: insgesamt 7,5 Meter Dokumente und neun laufende Meter Bibliotheksgut. Heinrich Maulhardt und seine Mitarbeiterin Ute Schulze nutzten den Anlass, um die stadtgeschichtlichen Schätze der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Den Großteil seines Berufslebens hat Gustav Walzer an der Handelsschule in Neustadt im Schwarzwald verbracht. Dort war er während des Zweiten Weltkrieges und erneut ab 1951 Lehrer an der Handelsschule. Seine Freizeit aber hatte der Oberstudienrat der Wissenschaft verschrieben. Ob Pfarrhäuser, Friedhöfe oder Amtsstuben, ständig war der leidenschaftliche Heimatforscher auf der Suche und bei der Auswertung alter Geschichtsurkunden und -quellen. „Er war mehr im Archiv als zu Hause“, erinnert sich seine Tochter Brigitte nicht ohne Bedauern. Was der Familie abging, kam der Geschichtsforschung zu Gute. Ganz besonders der Villinger Stadtgeschichte. In den 50-er Jahren begann Walzer auf der Basis eines Werksvertrags damit, die einzigartigen Villinger Bürgerbücher herauszugeben. Außerdem hat er auf nicht weniger als 15000 Karteikarten die Personen des Villinger Stadtarchivs nachgewiesen. Für die Personen- und Ahnenforschung in Villingen, so verdeutlichte gestern der Stadtarchivar, ist diese Fleißarbeit von unschätzbarem Wert.

Walzer muss ein fast besessener Forscher und Sammler gewesen sein. Wie seine Tochter gestern berichtete, stand ihr Vater in den Sommerferien jeden Morgen um 5 Uhr auf und fuhr mit dem ersten Zug ins fürstenbergische Archiv nach Donaueschingen. Oder eben nach Villingen. Seine heimatgeschichtlichen Studien fanden indes 1966 ein jähes Ende. Er erlag, kaum pensioniert, einer Lungenembolie. Beerdigt wurde er dort, wo er sich eigentlich zu Hause fühlte: in Villingen.

Nach dem Tod versicherte der Villinger Oberbürgermeister Severin Kern der Witwe, dass die Stadt das unvollendete Werk Gustav Walzers, die Edition der Bürgerbücher, zu Ende führen und seinen Namen in Ehren halten werde. Auch dieser Brief ist Bestandteil des Nachlasses. Die Stadt hat sich übrigens an Kerns Versprechen gehalten, auch wenn bis zur Einlösung rund 35 Jahre ins Land gehen sollten. Vor zwei Jahren hat das Stadtarchiv die Bürgerbücher, die von Walzer bereits zur Hälfte aufgearbeitet waren, gemeinsam mit dem Historiker Andreas Nutz in Druckform herausgegeben. In den Bürgerbüchern sind sämtliche Personen verzeichnet, die vom Mittelalter bis zum Jahre 1800 in die Villinger Bürgerschaft neu aufgenommen wurden.

Eigentlich, so erzählte gestern seine Tochter Brigitte, sollte Gustav Walzer nach dem Wunsch der Eltern Pfarrer werden und genoss somit eine höhere Schulbildung. Doch zum Priester fühlte er sich nicht berufen. Er studierte Germanistik, Volkswirtschaft und Geschichte und Altphilologie und war in den Fremdsprachen Französisch, Englisch, Latein, Griechisch und Hebräisch zu Hause.

„Doktor Käfer“

Als Mann umfassender humanistischer Bildung war er vielseitig interessiert und gestaltete auch seine Wanderführungen beim Schwarzwaldverein Neustadt zu heimatgeschichtlichen Exkursionen aus. Nebenbei sammelte er alles mögliche, von Briefmarken bis Insekten. Für seine umfassende Käfersammlung war er bei seinen Nichten und Neffen als „Doktor Käfer“ bekannt, wie seine Tochter gestern zum Besten gab. Diese Sammlung, so berichtete sie, hätten ihm leider die Franzosen während der Besatzungszeit abgenommen.

Einige seiner historischen Sammlungsstücke, etwa Lebensmittelkarten aus dem Ersten Weltkrieg, finden jetzt Eingang in das Stadtarchiv. Heinrich Maulhardt zählt Walzer neben Josef Honold und dem Arzt Nepomuk Hässler zu den drei maßgeblichen Villinger Heimatforschern der 50-er und 60-er Jahre. „Das Stadtarchiv kann sich glücklich schätzen, diesen Nachlass zu haben“, unterstrich er gestern.

Kontakt:
Stadtarchiv Villingen-Schwenningen
Amt für Kultur, Abteilung Stadtarchiv und Museen
Lantwattenstraße 4
78050 Villingen-Schwenningen
Telefon 07721 / 82-2383
Telefax 07721 / 82-2387
stadtarchiv@villingen-schwenningen.de
 
Quelle: Südkurier, 10.9.2003

Friedrich von Bodenstedt

Spaziert man rechter Hand vom Kriegerdenkmal ins Nerotal, lässt Bismarck mit Pickelhaube und Schwert links des Schwarzbachs liegen und nähert sich der Nerotalquelle, entdeckt man wenige Schritte vom Weg, halb im Grün versteckt, einen verwitterten marmornen Stein mit antikisierendem Relief. Es ist das 1953 hier aufgestellte, eher bescheiden und verlassen wirkende Denkmal für den 1892 in Wiesbaden gestorbenen, auf dem nahen Nordfriedhof begrabenen Dichter Friedrich von Bodenstedt.

Gedichtzyklus

Im Jahre 1851 war sein auf Goethes Spuren wandelnder und heute fast vergessener „orientalischer“ Gedichtzyklus „Die Lieder des Mirza Schaffy“ erschienen. Er hatte dem 1819 im hannoverschen Peine geborenen Schriftsteller und Übersetzer weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus Ruhm und Erfolg eingebracht. Bodenstedts erstes Wiesbadener Denkmal, eine 1894 vom Berliner Bildhauer Robert Bärwald geschaffene Bronzebüste auf Marmorsockel, stand am entgegengesetzten Ende der Taunusstraße in der Anlage hinter der Kurhauskolonnade. Sie wurde 1942 „wegen Metallmangels“ eingezogen.

Gegen Ende seines rastlosen Lebens ließ sich Bodenstedt 1877 oder 1878 – je nach Literaturlexikon – in Wiesbaden nieder. Am 30. April 1879 jedenfalls versah er einen heute in der Hessischen Landesbibliothek befindlichen „Brief an Unbekannt“ mit dem Absender „Wiesbaden, Taunusstraße 41“. Splitter oder Teile seiner nachgelassenen Handschriften werden außer in Wiesbaden auch in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt.

Rund 90 Exponate

In Berlin, wo Bodenstedt zeitweilig tätig war und zahlreiche seiner Werke verlegt wurden, existiert eine umfangreiche Sammlung von Manuskripten. Zum Wiesbadener Bestand gehören rund 90 Nummern. Darunter 65 von Bodenstedt geschriebene Briefe aus den Jahren 1847 bis 1892, oft ohne namentliche Anrede oder Hinweis auf den Empfänger, sowie literarische Manuskripte. Beispielsweise 14 Blatt einer zwischen 1867 und 1875 in Meiningen entstandenen autobiografischen Skizze „Im Vaterhause“. Unter dem Titel „In der Heimat“ fand sie später Verwendung im ersten Band der „Erinnerungen aus meinem Leben“ (Berlin 1888-1890). Ein interessantes Zeitdokument, lebendig und lesenswert wie Bodenstedts Reisebeschreibungen.

„Das Beste von Allem“

Ganz im Gegensatz etwa zu den Romanen, Erzählungen oder gar Dramen, die schon kurz nach seinem Tod als unbedeutend und „ohne hervorstechende Eigenart“ galten. Auch wenn der Autor selbst am 21. September 1855 stolz erklärte, seine Tragödie „Demetrius“ in fünf Akten sei „das Beste von Allem“, was „ich überhaupt je geschrieben“.

In der Literaturwissenschaft bis heute unbestritten sind seine Verdienste als Übersetzer russischer Autoren, vor allem Alexander Puschkins, Michael Lermontows und Iwan Turgenjews. Ein Brief an Turgenjew befindet sich ebenfalls in Wiesbaden. Außerdem mehrere fein mit Feder und Tinte geschriebene Zwei- oder Vierzeiler, die Bodenstedt „ja offenbar in großer Anzahl produziert und verschenkt“ habe, wie 1962 Bibliotheksdirektor Dr. Franz Götting (1905-1973) einem Antiquar mitteilte, der ihm Autographen zur Begutachtung geschickt hatte.

Vor allem in den 1970er Jahren, so erinnert sich Dr. Wolfgang Podehl als freundlich-hilfsbereiter Spezialist für die Handschriften und Nachlässe, seien in größerem Umfang Bodenstedt-Autographen angekauft worden. In einem der Umschläge steckt neben Handschriften ein Kuriosum:

Noble Speisekarte

Die noble, goldumrahmte Speisekarte des Hotels oder Restaurants „Palugyay“ aus dem damals ungarischen Pressburg (heute Bratislava) vom 28. Januar 1878 mit kulinarischen Anspielungen auf Bodenstedts Werk: Croquettes aus „kleinen Liebesliedern“, Kalbsfricandeau garniert in „Schira's Fluren“, Salade „á la Puschkin und Lermontoff“ und Compots als Reminiscenzen an „Tausend und ein Tag im Orient“.

Erste Stücke aus dem Nachlass stammen möglicherweise von Bodenstedts Tochter Mathilde (um 1856-1941). In einem Brief bietet sie nach dem Tod ihrer Mutter 1902 einem „Herrn Doctor“ Autographen ihres Vaters an. Der anonyme Adressat könnte Dr. Erich Liesegang (1860-1931) gewesen sein, seit 1898 Leiter der Wiesbadener Bibliothek.

Aufgeschlossener Geist

Bodenstedt war ein unruhiger, allem Neuen aufgeschlossener Geist. Ein „anregender, viel sprechender Mann u. mir sehr sympathisch“, urteilte 1888 der im Wiesbadener Park-Hotel an der Wilhelmstraße logierende Berliner Ägyptologe und Schriftsteller Georg Ebers und freute sich dessen häufiger Besuche.

Quelle: Wiesbadener Tagblatt, 11.9.2003

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