Badische Landeskirche erschließt Pfarrarchive

Rechnungen, Protokolle und Berichte über Unzucht

Seien es prügelnde Katholiken, SPD-feindliche Pfarrer oder unziemlicher Tanz im Wirtshaus – in badischen Gemeinden wurde in den vergangenen 500 Jahren viel gestritten. Jetzt werden bei einem „Archiv-Projekt“ zahlreiche Eskapaden wiederentdeckt.

Im 18. Jahrhundert ging es zwischen Katholiken und Protestanten rauer zu. So sollen vor der Kirche in Brehmen (Main-Tauber-Kreis) Katholiken auf das Ende des Gottesdienstes gewartet haben, um die Protestanten zu verprügeln, erzählt Mareike Ritter, als Archivarin bei der Evangelischen Landeskirche in Baden zuständig für die Archiv- und Registraturpflege in Pfarrämtern, Dekanaten, Verwaltungsämtern. So hat sie es zumindest in einem Archiv-Dokument gelesen.

Diese Geschichte ist eine von zahlreichen „geistigen Schätzen“, die die badische Kirche derzeit wiederentdeckt. Seit Beginn des Jahres 2018 läuft das mehr als 2,1 Millionen Euro teure Projekt „Sicherung und Bearbeitung der Pfarrarchive“. Anders formuliert: Fünf Archivpfleger sichten, sortieren und bewerten die Schriften in den rund 700 Pfarrarchiven zwischen Mannheim, Lörrach und Konstanz.

„Aus Platzmangel lagern viele Akten aus den vergangenen 500 Jahren auf Dachböden, in Kellern oder Abstellräumen“, erklärt Projektinitiatorin Ritter. Dort seien die Dokumente aber durch Temperaturschwankungen, Staub, Feuchtigkeit oder unqualifiziertes Aussortieren gefährdet.

Kirchenbücher sind allerdings nicht in den Archiven zu finden. Sie werden separat in den Pfarrämtern gelagert oder als Depositum im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe aufbewahrt. Dafür Protokolle von Ältestenkreis-Sitzungen, Gemeindebriefe, Berichte über die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche und Freikirchen, Massen an Rechnungen, Abendmahl-Listen, Gottesdienst-Abläufe, Urkunden, Schenkungen, Kaufverträge, Schriften zum Schul- und Religionsunterricht sowie Berichte über Streitereien in den Gemeinden.
So wurde zum Beispiel einem Pfarrer in Gondelsheim (Karlsruhe) Anfang des 20. Jahrhunderts Voreingenommenheit vorgeworfen: Er soll SPD-Sympathisanten ausgeschlossen haben, berichtet Projektmitarbeiterin Johanna Wohlgemuth. In fast jedem älteren Archiv finden sich auch Streitereien über Unzucht. „Je nach Epoche beschweren sich die Pfarrer über den Tanz im Wirtshaus, Glücksspiel oder Mofa fahren“, erzählt Wohlgemuth. Ein großes Thema seien auch uneheliche Schwangerschaften.

Einige wenige der Archivakten stammen aus der Zeit nach der Reformation, erst ab 1650 wird die Quellenlage etwas reichhaltiger. „Viel ging im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) verloren“, sagt Ritter. Und es sei damals auch nicht üblich gewesen alles aufzuschreiben. Erst im 18. Jahrhundert fingen die Pfarrer an, Ausgaben und Einkünfte sorgfältig zu dokumentieren. Mit Einführung von Schreibmaschinen, Kopierern, Computern und Drucker sei im 20. Jahrhundert eine „wahre Papierwut“ ausgebrochen.

Ritter und Wohlgemuth können die Entstehungszeit eines Dokuments schon an der Schriftart und dem Papier erkennen. Zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert wurden verschiedene Schriften wie „Fraktur“, „deutsche Kurrentschrift“ oder „Sütterlin“ benutzt. Und es gilt: „Je älter das Papier, desto besser“, erklärt Ritter. Ab dem 19. Jahrhundert sei mehr Holz eingearbeitet worden, das Papier wurde säurehaltiger. Daher sei es bröseliger und werde schneller braun.

Ziel des Projektes ist es, die Archive auf die archivwürdigen Unterlagen zu reduzieren und gemeinsam mit den Pfarrgemeinden sicher zu lagern. Die historisch besonders wertvollen Archive werden, wenn von den Pfarrgemeinden gewünscht, im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe aufbewahrt. So wie die Geschichte über die „prügelnden Katholiken“.

Kontakt:
Evangelischer Oberkirchenrat
– Landeskirchliches Archiv –
Blumenstraße 1-7
76133 Karlsruhe
Tel: 0721/9175-795
Fax: 0721/9175-550
archiv@ekiba.de

Quelle: Leonie Mielke, epd, Landesdienst Südwest, Nr.23, 1.2.2018

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