Kriegsgefangene Franzosen als Zwangsarbeiter beim Ems-Vechte-Kanalbau 1870/71

Archivalie des Monats Januar 2022 des Stadtarchivs Lingen.

Überlegungen zum Bau des Ems-Vechte-Kanals hatte es bereits seit den 1830er Jahren gegeben. Der neue Kanal sollte die Ems bei Hanekenfähr südlich von Lingen mit der Vechte in Nordhorn verbinden. Doch machte man sich nach dem Kriegsausbruch im Juli 1870 wenig Hoffnung auf baldige Realisierung – was sich jedoch bereits nach wenigen Monaten ändern sollte.


Abb.: Der Ems-Vechte-Kanal bei Hanekenfähr. Das Foto entstand 1909 (Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 3009).

Aus der letztlich entscheidenden Schlacht des Deutsch-Französischen Krieges gingen Anfang September 1870 die deutschen Truppen bei Sedan siegreich hervor. 21.000 Soldaten des französischen Heeres gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach der bald darauf erfolgten Kapitulation der französischen Armee wurden weitere 86.000 Franzosen gefangengenommen und zum Arbeitseinsatz ins Deutsche Reich deportiert.

Nunmehr konnte auch der Osnabrücker Landdrost Konstantin von Quadt ankündigen, dass zum Bau des Kanals französische Kriegsgefangene herangezogen werden würden. Es galt, ein fast 22 Kilometer langes Kanalbett mit einer Sohlenbreite von 8,50 Metern und einer Tiefe von knapp 2 Metern auszuheben. Zum Bau eines linksemsischen Kanalsystems wurden umgehend drei Gefangenenlager errichtet, eines in Papenburg, eines in Emmeln und das dritte in Hanekenfähr. Es erhielt den Namen „Neu-Sedan“. Weitere Baracken entstanden auf der Arbeitsstrecke entlang des anvisierten Kanalverlaufs. Die ersten jeweils 1050 für Lingen bestimmte Kriegsgefangenen erreichten am 6. und am 8. Oktober 1870 Lingen. Das für 2.100 Personen konzipierte Lager in Hanekenfähr war damit voll belegt. Mit den Kriegsgefangenen kam auch eine starke Wachmannschaft zu ihrer Beaufsichtigung in die Stadt. Ihre Soldaten wurden größtenteils bei der Lingener Bevölkerung einquartiert.

Für die Lingener war die Ankunft der französischen Soldaten eine Attraktion. Lingener Schiffseigentümer boten kostenpflichtige Vergnügungsfahrten zum Kriegsgefangenenlager an. Auf Wunsch legte sogar der Zug bei Hanekenfähr einen außerplanmäßigen Zwischenstopp ein. Und die Lagerleitung verkaufte Eintrittskarten zum Besuch des Lagers. Viele Franzosen schnitzten kleine Kunstgestände, mit denen sich Handel treiben ließ. Mitte November 1870 wurde das Lager allerdings wieder für den Publikumsverkehr geschlossen, aus Sicherheitsgründen, und auch aufgrund der schlechten hygienischen und baulichen Zustände bei winterlichen Temperaturen.

Rund die Hälfte der Soldaten, die die Lingener Kriegsgefangenschaft nicht überlebten, starb an Typhus. Auch die Ruhr und Lungenentzündungen forderten regelmäßig Opfer. Allein bis Ende des Jahres 1870 starben 23 Kriegsgefangene. Ihre Zahl sollte weiter steigen. 101 verstorbene Kriegsgefangene fanden auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhe.


Abb.: Das Denkmal zur Erinnerung an die verstorbenen französischen Kriegsgefangenen auf dem Alten Friedhof (Foto: Stadtarchiv Lingen).

Bereits einen Monat vor dem Friedensschluss am 10. Mai 1871 zur Beendigung des deutsch-französischen Krieges wurde das Lager in Hanekenfähr geschlossen. Im Juni 1871 wurden die Baracken in Hanekenfähr, in Emmeln und Papenburg auf Abriss versteigert.

Den vollständigen Beitrag „Französische Zwangsarbeiter in Hanekenfähr“ der Rubrik „Archivalie des Monats“ findet man auf den Seiten des Stadtarchivs Lingen.

Kontakt:
Stadtarchiv Lingen (Ems)
Baccumer Straße 22
49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591 / 91671-11
stadtarchiv@lingen.de

Quelle: Archivalie des Monats Januar 2022, 4.1.2022

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