Für das russische Kulturministerium gehen die deutsch-russischen Verhandlungen um die Rückgabe des Rathenau-Archivs weiter wie gehabt. Meldungen über eine Note des russischen Außenministeriums, wonach das einst von Präsident Jelzin der deutschen Seite versprochene Konvolut von rund 70.000 Akten zum Staatseigentum und Deutschland zum ehemaligen Feindstaat erklärt wurden (Meldung) und die heftige politische Reaktionen auslöste, seien zu seiner Behörde nicht vorgedrungen, erklärte der Leiter der Restitutionsabteilung Alexander Kibowski.
Nach Ansicht des Kulturministeriums kann der Nachlass des ehemaligen deutschen Außenministers Walther Rathenau, der 1922 in Berlin von Antisemiten ermordet wurde, nicht der offiziellen Kulturbeute zugeschlagen werden, mit welcher sich die Sowjetunion für erlittene eigene Kulturgüterverluste vermeintlich rechtmäßig entschädigte.
Rathenaus Nachkommen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, die sein Archiv von ihnen erpressten. Die Erben leben heute in der Schweiz, weshalb die russische Seite zu erwägen habe, ob die Aktensammlung nach Deutschland oder in die Schweiz gehöre, sagte Kibowski.
Es bleibt die Frage, so die FAZ heute, ob das nominell für die Beutekunst zuständige Kulturministerium von diesbezüglichen Regierungsentscheidungen einfach übergangen wird. Beobachter fragen sich, wie lange Kibowskis Chef, der liberale Kulturminister Schwydkoi, sich unter dem neoimperialen Regime wird halten können.
Quelle: FAZ, 15.1.2004, 33.
Frauenstadtarchiv Dresden widmet sich Traute Richter
Das Frauenstadtarchiv Dresden lädt auch 2004 zu Vorträgen, Lesungen und Foren ins Stadtarchiv, Elisabeth-Boer-Straße 1, ein. Die erste Abendveranstaltung am 28. Januar ist der Dresdner Schauspielerin Traute Richter (1924-1986) gewidmet, die in vier Jahrzehnten mit ihrer Gestaltung großer Frauengestalten der deutschen Klassik Publikum und Kritik überzeugte. Sie, die schon vor dem Krieg das „Gretchen“ spielte, war später am Dresdner Staatsschauspiel als Lady Milford, Lady Macbeth, Minna von Barnhelm zu erleben.
Ihre Frau von Stein in der Inszenierung „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ ging in die Dresdner Theatergeschichte ein. Traute Richter war darüber hinaus aber auch eine gewissenhafte Protokollantin. Sie hinterließ über 2 000 Briefe aus denen sich ein Zeitbild von den Kriegsjahren bis in die Endzeit der DDR erschließt. Die Briefe veranschaulichen die Situation des schöpferischen Menschen im Spannungsfeld zwischen Mündigkeit und Abhängigkeit. Der Schriftsteller und Schauspieler Peter Biele vereinte 1996 in zwei Bänden den brieflichen Nachlass von Traute Richter. Am 28. Januar wird er aus diesen Briefen lesen (19 Uhr, freier Eintritt).
Das Jahresprogramm zur Vortragsreihe „Frauen(-)wirken in Dresden“ ist ab 15. Januar im Rathaus, Dr.-Külz-Ring 19, im Frauenbildungszentrum, im Stadtarchiv, im Kulturamt und in den Ortsämtern kostenfrei erhältlich.
Kontakt:
Frauenstadtarchiv Dresden
c/o Stadtarchiv Dresden
Elisabeth-Boer-Straße 1
01099 Dresden
Telefon: 0351/488-1517
E-mail: NSchoenherr@dresden.de
http://www.frauenstadtarchiv.de/
Quelle: Sächsische Zeitung, 14.1.2004
Ausstellung über Johann Moritz von Nassau-Siegen
Langsam nimmt sie mehr und mehr Gestalt an: die große Ausstellung über den wohl bedeutendsten Fürsten des Siegerlandes: Johann Moritz von Nassau-Siegen. Aus Museen und Archiven fünf verschiedener Länder, aus allen Teilen Deutschlands, Niederlande, Frankreich, Belgien und Dänemark rollen die Lieferwagen an. Sie sind beladen mit Portraits, Gemälden, Stichen, Modellen, Zeichnungen, Büchern, Schriftstücken, aber auch mit handfesten Objekten des Militärwesens (Rüstungen und Waffen). Insgesamt umfasst die bedeutende Präsentation, die in ihrer Zusammenstellung einmalig ist, über 300 teils sehr wertvolle Exponate, die vom 16. Januar bis zum 29. Februar zu sehen sein werden.
An beiden Ausstellungsorten, dem Siegerlandmuseum im Oberen Schloss und dem Museum für Gegenwartskunst arbeitet seit einer Woche ein 20-köpfiges Team mit Hochdruck am Aufbau der Präsentation aus Anlass des 400. Geburtstages des Landesfürsten. Renommierte Museen und Archive entsenden Leihgaben nach Siegen: unter anderem das Mauritshuis (Den Haag), die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Berlin), das Königliche Museum (Brüssel), die Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden). Sogar mit dem Louvre in Paris haben die Initiatoren der Johann Moritz Gesellschaft und des Instituts für Europäische Regionalforschungen der Universität Siegen (IFER) Kontakt aufgenommen. So kommt ein Gemälde des niederländischen Malers Frans Post, der Johann Moritz einst nach Brasilien begleitete, von der Seine an die Sieg.
Das Wirken des Siegerländer Fürsten in Brasilien bildet einen Schwerpunkt der großen Präsentation über sein Lebenswerk. So sind neben Landschaftsgemälden (Post) und lebensnahen Portraits der Ureinwohner (Albert Eckhout) beispielsweise auch die prächtigen Urkunden zu sehen, mit denen Johann Moritz zum Generalgouverneur der Niederlande ernannt wurde. „Dieses wertvolle Ausstellungsstück haben wir erst auf den letzten Drücker bekommen“, erzählt Katja Happe (IFER). Eine Leihanfrage an das Königliche Hausarchiv in Den Haag sei von dort erst negativ beschieden worden. „Sie konnten die Originale nicht finden.“ Doch die Holländer gaben nicht auf und beförderten die Ernennungsurkunde dann doch noch zu Tage.
Solche und ähnliche Geschichten rund um die Vorbereitungen der großen Ausstellung könnten die Initiatoren en masse erzählen.
Quelle: Westfalenpost, 13.1.2004
Rathenau-Nachlass verbleibt in Moskau
Russland will das Archiv von Walther Rathenau nun doch nicht an die Bundesrepublik zurückgeben. Man betrachte, so heißt es in einem Schreiben des Moskauer Außenministeriums an das Auswärtige Amt, den Nachlass als Teil der „kompensatorischen Restitution“ für Kriegssschäden. Die Unterlagen wurden zu staatlichem Eigentum erklärt.
Noch im vergangenen Jahr hatte der russische Kulturminister Michael Schwydkoi die Rückgabe in Aussicht gestellt. Eine Stellungnahme der Kulturstaatsministerin Christina Weiss liegt noch nicht vor.
Wie der „Spiegel“ berichtet, hat ein hoher Regierungsbeamter das Vorgehen der russischen Regierung als Verstoß gegen deutsch-russische Verträge zur Rückführung von Beutekunst bezeichnet. Die Note aus Moskau, in der Deutschland als „ehemaliger Feindstaat“ bezeichnet wird, stelle zudem einen Bruch des Völkerrechts dar. Walther Rathenau war u.a. Außenminister des Deutschen Reiches und hatte 1922 in Rapallo den deutsch-russischen Vertrag geschlossen.
Quelle: FAZ, 13.1.2004, 33.
Rumänischer Geheimdienst behindert Akteneinsicht
Trotz eines Gesetzes zur Öffnung der Archive wird die Aufarbeitung der Vergangenheit in Rumänien durch die Ex-Kommunisten erschwert. Oppositionelle fanden aber einen Weg, 1.500 Namen ehemaliger Mitarbeiter der Securitate zu veröffentlichen.
Als Marius Oprea nach Jahren des Wartens endlich seine Securitate-Akte einsehen konnte, staunte er nicht schlecht. Der 39-jährige Historiker vom Bukarester „Institut für Zeitgeschichte“ hatte einen Stapel dicker Aktenordner erwartet. Doch was er im April 2001 zu Gesicht bekam, waren ganze sechs Seiten. Dabei hat Oprea eine garantiert aktenträchtige Vergangenheit. Das erste Mal verhaftete ihn die Securitate im Sommer 1988. Da hatte er gerade sein Geschichtsstudium in Bukarest und einige illegale Aktionen hinter sich: Mit Kommilitonen hatte er heimlich Flugblätter gegen die Ceausescu-Diktatur verteilt. Nachdem die Securitate ihm und seinen Freunden auf die Spur gekommen war, musste er sich im Zwei-Wochen-Rhythmus beim Geheimdienst zu Verhören melden – bis zum Sturz des Diktators im Dezember 1989.
Die Erfahrungen mit dem Geheimdienst ließen Oprea nicht mehr los. Nach 1989 begann er die Geschichte der Securitate zu erforschen. Inzwischen ist er einer der prominentesten rumänischen Securitate-Experten. Sehr zum Missfallen ehemaliger Securitate-Offiziere, die heute in den Nachfolgegeheimdiensten arbeiten. Oprea ist sich sicher, dass seine Akte nahtlos weitergeführt wurde und er sie deshalb bis heute nicht einsehen kann. Er habe etwa erfahren, erzählt Oprea, dass er bei rumänischen Geheimdiensten als ausländischer Spion geführt werde – weil er des Öfteren mit der deutschen Gauck-Behörde zu tun hatte.
Opreas Fall ist beispielhaft dafür, wie Rumänien mit seiner Geheimdienstvergangenheit umgeht. Nach dem Sturz Ceausescus dauerte es allein zehn Jahre, bis das Parlament ein Gesetz zur Aktenöffnung verabschiedete. Zwar kann seit Frühjahr 2000 jeder rumänische und ausländische Bürger Einsicht in seine Securitate-Personalakte beantragen. Auch Historiker haben die Möglichkeit, die Akten von Ceausescus Geheimdienst zu Forschungszwecken zu studieren. In der Praxis jedoch stößt die Aktenöffnung bis heute auf Hindernisse. Nach dem Aktenöffnungsgesetz brauchen Personalakten mit Informationen, die die nationale Sicherheit Rumäniens berühren, nicht an die Betroffen ausgehändigt werden.
Tatsächlich mussten viele Betroffene feststellen, dass bei Einsicht umfangreiche Teile fehlten. Hinzu kommt, dass die Securitate-Archive nicht von der Aktenöffnungsbehörde (CNSAS) selbst verwaltet werden, sondern von den Nachfolgegeheimdiensten der Securitate, so vom Rumänischen Informationsdienst (SRI). Die Geheimdienste sind zwar gesetzlich verpflichtet, die Archive Stück für Stück dem CNSAS zu übergeben. Sie spielen jedoch auf Zeit. Knapp vier Jahre nach Beginn der Aktenöffnung verwaltet das CNSAS lediglich etwa 4 Prozent des gesamten Archivbestandes. Auch innerhalb der Behörde gibt es Konflikte. Ihr steht ein zwölfköpfiges Leitungsgremium vor, dessen Mitglieder vom rumänischen Parlament nach Parteienproporz entsandt werden. Monatelang erschienen im letzten Jahr die von der regierenden wendekommunistischen „Sozialdemokratischen Partei“ (PSD) eingesetzten Vertreter nicht zu Sitzungen des CNSAS-Leitungsgremiums. Mit der Folge, dass die Arbeit der Aktenöffnungsbehörde praktisch brachlag. Dabei ging es um weitreichende Entscheidungen – unter anderem darum, ob die Namen ehemaliger Securitate-Offiziere veröffentlicht werden können. Für die Regierungspartei ist das natürlich unangenehm, sind doch viele ihrer Mitglieder ehemalige Securitate-Mitarbeiter gewesen. Prominentestes Beispiel ist der PSD-Abgeordnete Ristea Priboi, dem vorgeworfen wird, Gegner der Ceausescu-Diktatur verhört und misshandelt zu haben. Mitte Oktober wurden nach langem Hin und Her erstmals 33 Namen ehemaliger Securitate-Offiziere veröffentlicht, Ende Dezember noch einmal 5 weitere.
Viele dieser Leute sind längst verstorben. „Nach vier Jahren 38 Securitate-Offiziere, davon ein Drittel tot – ein Hohn!“ Marius Oprea schüttelt den Kopf. Er glaubt nicht daran, dass die regierenden Wendekommunisten künftig mehr Offenheit zulassen werden. Deshalb hat Oprea zusammen mit Kollegen vom „Institut für Zeitgeschichte“ ein eigenes Projekt zur Veröffentlichung der Namen von Securitate-Offizieren ins Leben gerufen. Die Methode ist einfach: Oprea und seine Kollegen sprechen mit Leuten, die bereits Einsicht in ihre Akten erhalten haben, und schreiben aus deren Unterlagen die Namen von Securitate-Offizieren heraus. So kamen in den letzten Monaten rund 1.500 Namen zusammen. Mitte Dezember begann die rumänische Wochenzeitung Academia Catavencu mit der Veröffentlichung. „Wir werden das machen, solange wir Namen finden“, sagt Marius Oprea. „Wenn eine staatliche Institution wie die Aktenöffnungsbehörde in ihrer Arbeit absichtlich von der Politik behindert wird, dann muss eben die Zivilgesellschaft eingreifen.“
Quelle: taz Nr. 7255, 12.1.2004, 10
Des Soldatenkönigs blaue Kinder
„Sparen und Plusmachen“ war die Devise des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. In seiner Regentschaft von 1713 bis 1740 tilgte er die Schulden seines Vaters und häufte einen stattlichen Staatsschatz an. Die Wirtschaft kam in Schwung, der Handel gedieh. Nur die Musen mussten schweigen.
Um so intensiver kümmerte er sich um seine Soldaten. Während andere Monarchen Juwelen und Mätressen sammelten oder als Bauherren glänzten, hielt der Soldatenkönig nach großen und kräftigen Männern für sein Eliteregiment Ausschau. Sonst knausrig, war Friedrich Wilhelm die oft gewaltsame und trickreiche Anwerbung hoch gewachsener Kerls im In- und Ausland beträchtliche Summen wert. Er wies drei-, vierstellige Talerbeträge für die Rekrutierung langer und schöner (!) Männer oft weit weg von Brandenburg und Preußen an und gab pro Einberufenem ein Vielfaches dessen aus, was Beamte, Pfarrer und Lehrer im Jahr verdienten.
Das ist eines der Themen einer neuen Quellenpublikation aus dem Geheimen Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Jürgen Kloosterhuis, der Direktor der Schriften- und Dokumentensammlung, erschließt darin die in Berlin-Dahlem erhaltenen Akten zur Regimentskultur der Königsgrenadiere unter Friedrich Wilhelm I. Die Dokumente vermitteln ein faszinierendes Bild der Potsdamer Elitetruppe, die sich der König zum eigenen Schutz und zum Pläsier hielt. Kloosterhuis räumt in der detailreichen Edition mit Legenden und Klischees rund um die blau gekleidete Palastgarde und Kampftruppe auf und schildert, wie die Rekrutierung und der Militärdienst aussahen.
Um seine „blauen Kinder“ nach Potsdam zu locken, war dem Herrscher nahezu jedes Mittel recht, auch Täuschung und Menschenraub. Friedrich Wilhelm I., der sich als Obrist seiner Langen Kerls fühlte, übernahm für sie rundum die Verantwortung. Zum Beispiel setzte er sie nie ernsthaften Kampfhandlungen aus.
Nach seinem Tod (1740) löste sein Sohn, König Friedrich II. („der Große“), die Truppe auf und übernahm sie in die „normale“ Armee, wo sie schon bald in den schlesischen Kriegen verheizt wurde. „Sie fochten, bis sie den Geist aufgaben; sodann deckten sie mit ihren schönen Leibern, in Reihen und Gliedern gestreckt, ihren blutigen Schlachtplatz“, beschrieb ein Zeitgenosse das klägliche Ende vieler Angehöriger des ebenso gefürchteten wie belächelten Königsregiments.
Aus den Dokumenten geht deutlich hervor, dass der Soldatenkönig bis in Einzelheiten genaue Einsicht in den von ihm geschaffenen militärischen Mikrokosmos hatte, der zum Vorbild des künftigen preußischen Staates werden sollte, und jede Disziplinlosigkeit, jeden Fluchtversuch drakonisch ahndete. Die Akten belegen etwa, dass der König die Uniformierung der Garde vorschrieb und überwachte. Er sorgte sich gelegentlich persönlich darum, dass weit weg wohnende Frauen und Kinder nach Potsdam übersiedelten, und er griff ein, wenn sich Offiziere Geld aneigneten, das den Soldaten zustand.
Aufschlussreich war auch die soziale Zusammensetzung der Truppe. „In der gleichen Reih, im selben Glied des Königsregiments schulterten gegebenenfalls Adlige und Unterschichten das Gewehr, exerzierten wohlhabende Hausbesitzer neben Kleinkriminellen, manövrierten gutsituierte Familienväter zusammen mit sozial entwurzelten Heimatlosen“, schreibt Kloosterhuis. Wer da in Reih und Glied beieinander stand, geht aus so genannten „Rangierrollen“ hervor. Wie Offiziere und Rekruten aussahen und uniformiert waren, zeigt der Bildanhang.
Dort findet man auch die Abbildung der Skelette von zwei 2,12 Meter und 2,23 Meter großen Grenadieren, die beim Soldatenkönig gedient hatten. Man muss kein Experte sein um zu erkennen, wie schwer die bedauernswerten Riesen an ihrer ungewöhnlichen Körpergröße litten. Nicht einmal das dreißigstes Lebensjahr sollten sie erreichen.
Info:
Legendäre „Lange Kerls“. Quellen zur Regimentskultur der Königsgrenadiere Friedrich Wilhelms I., 1713-1740. Bearbeitet und herausgegeben von Jürgen Kloosterhuis. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, 752 Seiten, 62 Euro.
Quelle: Märkische Allgemeine, 12.1.2004
Kreisheimatbund Diepholz beleuchtete das Schicksal von Gefangenen
„Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“ war das Thema des Ausschusses „Heimatkunde im Unterricht“ des Kreisheimatbundes Diepholz am Donnerstag Nachmittag bei seiner Zusammenkunft im Syker Kreismuseum. Unter den Teilnehmern konnte Museumschef Dr. Ralf Vogeding als Gastgeber neben Vertretern der Heimatvereine auch Frauen und Männer aus dem Schuldienst begrüßen.
Manfred Schimpff, der im Kreisheimatbund Diepholz den Ausschuss „Heimatkunde im Unterricht' leitet, lag am Herzen, dass in Schulen wie auch in der Öffentlichkeit das Schicksal von 20 000 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die während des II. Weltkriegs im Bereich des Kreisheimatbundes darbten, nicht länger totgeschwiegen wird.
Er konnte verschiedene Referenten gewinnen, die sich bereits intensiv mit diesem bedrückenden Kapitel deutscher Geschichte befasst haben. Angeführt wurden sie vom Museumsdirektor Dr. Vogeding selbst. Auf Anregung des früheren Oberkreisdirektors hatte das Kreisheimatmuseum die Wanderausstellung „Der Willkür ausgesetzt' diesem Thema gewidmet.
Nur die enge Zusammenarbeit mit den Gemeindearchiven habe sie ermöglicht, beteuerte Vogeding und fühlte sich dadurch bestätigt, dass die Ausstellung ab kommender Woche „auf Tour geht“ und bereits für ein ganzes Jahr ausgebucht ist. Dann erläuterte er sehr bewegend die Fotos und Dokumente dieser regionalen Konfrontation mit erlebter Geschichte.
Aus Nienburg/Weser war die Journalistin Sabine Hildebrandt gekommen, deren Dokumentations-Roman „Wir wussten nichts davon' 2002 erschien. Sie entwickelte daraus eine Homepage mit Zeitzeugenaussagen, Dokumenten und Links zu weiteren Quellen. Offensichtlich kam diese sehr gut an und wird nun als CD-ROM den Schulen angeboten.
Falk Liebezeit, Archivar aus Diepholz, hatte für den Landkreis die Ortspresse nach Spuren der NS-Zeit durchforstet und daraus eine Materialsammlung erstellt: „Ein Findbuch', wie er sich äußerte, „für ortsnahe Unterlagen über Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenenlager oder NS-Strukturen.'
Erich Hillmann-Apmann stellte sein Buch „Schwarme – ein Dorf im Nationalsozialismus' vor, das diese Strukturen wiedergibt. Daneben nimmt es sich aber auch der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter an. Wolfgang Wortmann schließlich zeigte seinen Videofilm „Heil Hitler, Herr Lehrer', in dem Zeitzeugen anschaulich ihre Jugend zwischen 1933 und 1948 Revue passieren lassen.
Mit ihrer Ehrlichkeit beeindruckten die Zeitzeugen sichtlich die Zuschauer.
Quelle: Weser Kurier (Syker Kurier), 10.1.2004
Archiv der Gesellschaft Casino jetzt im Stadtarchiv Duisburg
Altes kann so schön sein. Gerade ist wieder ein bedeutendes Stück Gesellschaftsgeschichte der Stadt sichergestellt worden. Das Stadtarchiv Duisburg hat jetzt das Archiv der traditionsreichen „Gesellschaft Casino“ in Verwahrung genommen und damit vor dem Auflösen gerettet. Die Gesellschaft Casino wurde 1858 gegründet und ist somit eine der ältesten Gesellschaften in der Umgebung. In ihrem Archiv finden sich entsprechend interessante wie alte Vermächtnisse aus dem gesellschaftlichen Leben des bürgerlichen und gut situierten Milieus wieder.
Hauptsächlich sind es Akten, alte Jubiläumsfestschriften, Korrespondenzen. So ist beispielsweise ein Dankensschreiben von Hindenburg aus dem Jahr 1932 zu finden, mit dem er sich für die Einladung zu einem der traditionellen Herrenabende im Duisburger Hof bedankt. Auch etwas zu früherer Zeit sicher Schmackhaftes ist wieder aufgetaucht. Eine Flasche Wein aus dem Jahr 1946. Jener Traubensaft war in früherer Zeit für die ehrwürdige Herrengesellschaft ein wichtiges Element ihrer Existenz.
In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lagerte die Gesellschaft Casino Wein im Wert von damals etwa 400 000 Mark in ihren Kellern in der Altstadt. „Heute wären das Millionenwerte“, schwärmt der Ehrenpräsident Helmut Wehage. Bis zu 30 Fuderfässer (Inhalt: 1000 l) müssen sich in nur einem Gewölbe befunden haben. Von ihren Besitztümern musste sich die Gesellschaft allerdings trennen.
Vieles ist im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Später mussten die diversen Immobilien an der Kasinostraße, der Steinschen Gasse und der Beekstraße verkauft werden. Der Erlös hilft den etwa 150 Mitgliedern heute noch in der Finanzierung ihrer Veranstaltungen, an deren Top der traditionelle Herrenabend steht. Die Inhalte des Archivs waren bisher in diversen Kellern verteilt. Mit der neuen Lösung sind die Gesellschaft wie Stadtarchivar Hans Georg Kraume sehr glücklich.
Kontakt:
Stadtarchiv Duisburg
Karmelplatz 5
47049 Duisburg
stadtarchiv@stadt-duisburg.de
Quelle: NRZ online, 10.1.2004
Praktisch: Archivkunde für FAMI
Seit dem Sommer 1998 gibt es den Ausbildungsberuf \“Fachangestellte/r für Medien- und Informationsdienste\“ (FAMI), der unter anderem in der Fachrichtung Archiv angeboten wird. Umfassende praktische und theoretische Ausbildungsanforderungen sollen für ein attraktives fachliches Niveau der Absolventen des neuen Berufsfeldes sorgen. Als problematisch erwies sich bisher allerdings häufig die inhaltliche Qualität des Unterrichts.
Der nunmehr erschienene Leitfaden \“Praktische Archivkunde\“ kann hier gegensteuern. Das als \“Gemeinschaftswerk\“ aller Referentinnen und Referenten des Westfälischen Archivamtes in Münster (WAA) entstandene Buch ist dabei in der Geschichte der Bundesrepublik das erste archivfachliche Handbuch, das das gesamte Archivwesen behandelt.
Das 360 Seiten umfassende, u.a. mit einem Sachindex, einem Glossar, einem separaten Literaturverzeichnis sowie zahlreichen Bildern und sinnvollen tabellarischen Übersichten ausgestattete Werk handelt in einzelnen Aufsätzen schwerpunktmäßig die diversen archivarischen Tätigkeiten von der Überlieferungsbildung über die Erschließung von Archivgut bis zur Öffentlichkeitsarbeit ab. Es ist dabei trotz seines Umfangs keine schwer handhabbare Enzyklopädie, sondern präsentiert neben den jeweils grundlegenden Sachinformationen zu einzelnen Praxisfeldern auch regelmäßig Problemlagen, vor die die aktuelle Archivarbeit gestellt ist.
So erläutert beispielsweise Hans-Jürgen Höötmann die Einflussmöglichkeiten der Archivarinnen und Archivare auf die Schriftgutverwaltung vor dem Hintergrund der durch die Büroreform um 1930 eingetretenen Veränderungen. Oder Brigitta Nimz, die Initiatorin des Leitfadens, wägt in einem ihrer Beiträge für das Buch die Chancen und Grenzen der dauerhaften Archivierung elektronischer Informationen und Informationsträger ab.
Der Leitfaden ist in seiner Anlage und seinen Beispielen als Produkt des WAA naturgemäß (nordrhein-)westfälisch geprägt; aufgrund der Funktion des WAA als Archivberatungsstelle insbesondere für das kommunale Archivwesen kommen dem Band und den Lesern die hierdurch gesammelten Erfahrungen und Mitwirkungen bei der Installierung des neuen Ausbildungsganges FAMI jedoch sehr zugute, so dass er bundesweit einsetzbar ist.
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort (7)
Einführung
- Brigitta Nimz: Das Berufsbild der Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Archiv (11)
- Norbert Reimann: Grundfragen und Organisation des Archivwesens (19)
Archivarische Tätigkeiten
- Hans-Jürgen Höötmann: Schriftgutverwaltung und Überlieferungsbildung (49)
- Katharina Tiemann: Bewertung und Übernahme von amtlichem Registraturgut (77)
- Brigitta Nimz: Archivische Erschließung (97)
- Gunnar Teske: Sammlungen (127)
- Brigitta Nimz: Archivbibliothek (147)
- Rickmer Kießling: Archivtechnik (169)
- Brigitta Nimz: EDV und Archive (201)
- Rickmer Kießling: Benutzung von Archivalien (227)
- Horst Conrad: Archivische Öffentlichkeitsarbeit (251)
Hilfswissenschaften und Geschichte
- Wolfgang Bockhorst: Quellenkunde (263)
- Wolfgang Bockhorst: Hilfswissenschaften der Geschichte (273)
- Werner Frese: Zur Entwicklung der Schrift (283)
- Horst Conrad: Grundzüge der Verwaltungsgeschichte in Nordrhein-Westfalen (299)
Anhang
- Fachbegriffe des Archivwesens (315)
- Literaturverzeichnis (325)
- Verzeichnis wichtiger Internetadressen (335)
Anlagen
- Musterdienstanweisung (339)
- Musterbenutzungsordnung (340)
- Musterdepositalvertrag (342)
- Bundesarchivgesetz (344)
- Archivgesetz NW (347)
- Informationsfreiheitsgesetz (350)
- Code of Ethics (353)
Sachindex (355)
Info:
Norbert Reimann (Hg.): Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv, Ardey-Verlag Münster 2004, geb., 360 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 3-87023-255-2
Beste Arbeitsbedingungen im Kreisarchiv Apolda
Es war und ist ein Kraftakt ohnegleichen: Kurz vor Weihnachten 2002 zog das Kreisarchiv aus der Apoldaer Brandesstraße 7 in ein früheres Berufsschulinternat in der Lessingstraße 48 und damit in ein weitaus geräumigeres und auch helleres Domizil. Nun ist die Villa zwar längst beräumt, doch solange in dem Plattenbau an der Lessingstraße noch die Handwerker das Sagen haben, kann der Schlussstrich unter den Umzug nicht gezogen werden.
„Im Moment wird die Brandmeldeanlage eingebaut und die vierte von insgesamt vier Etagen gemalert“, erklärt Archivarin Annette Beyer, weshalb sich noch Kabel durch die Flure schlängeln und hie und da Werkzeugkisten, Leitern und Farbeimer im Wege stehen. Etwa 3000 laufende Meter Akten – papierne Geschichte aus fünf Jahrhunderten – und rund 250 laufende Meter Bücher, Zeitungen, Broschüren, Karten und Pläne mussten Archivleiterin Ingeborg Depner und ihre Kolleginnen Renate Schur und Annette Beyer in der Brandesstraße in Umzugskisten packen – und am neuen Ort wieder in die Regale stellen. „Drei Wochen lang hat ein Lkw täglich zwei Ladungen transportiert – 300 Umzugskisten pro Tour. Ein laufender Meter Akten wiegt ungefähr einen Zentner“, macht Annette Beyer deutlich, wie viel Arbeit trotz der Umzugs-profis auf den drei Frauen lastete – bei insgesamt nur drei Schließtagen.
Doch die Gegebenheiten im neuen Domizil entschädigen das Trio für diese Tortur: Auf allen vier Etagen ist in 20 Räumen Platz für jeweils etwa 48 laufende Meter Akten, die zu beiden Seiten der großen Fenster gut sichtbar in Regalen aufbewahrt werden, dazu Arbeitstisch und Stuhl. Im Keller lagern – gleichfalls trocken und vor Zugriff sicher – in Hebelschubanlagen die Verwaltungsakten des Landratsamtes.
Platz zur Genüge
„Bislang sind erst etwa zwei Drittel der Fläche belegt – wir haben also noch für mindestens 400 laufende Meter Akten Platz“, freut sich Renate Schur darüber, dass mit dem neuen Haus ein Domizil für lange Zeit gefunden wurde. Denn der Bestand wächst ständig – gerade auch in diesen Tagen, da die Stadtarchive von Blankenhain und Kranichfeld in das Kreisarchiv zurückkehren. Längst eingearbeitet in den umfangreichen Bestand wurde Archivmaterial u.a. aus Bad Berka, Tannroda und Hopfgarten.
Über Mangel an Arbeit können sich die Mitarbeiter des Kreisarchivs indes auch nach dem Auspacken der letzten Umzugskiste nicht beklagen: Noch ist nicht alles, was einmal ins Archiv wanderte, auf Karteikarte und per PC erfasst, „auch historische Akten müssen zum Teil noch gesichtet werden“, erklärt Annette Beyer angesichts unzähliger dickleibiger Mappen mit vergilbtem Papier. Überdies sind pro Jahr an die 200 Besucher zu betreuen, die beispielsweise Bauakten einsehen wollen, Ahnenforschung betreiben, historische Dokumente für wissenschaftliche Arbeiten oder für Vereins- oder Ortschroniken suchen. Was das die Besucher kostet, ist in einer Gebührensatzung exakt festgelegt.
Das Kreisarchiv ist montags von 9 bis 12, dienstags von 9 bis 12 und 13 bis 15.30 sowie donnerstags von 9 bis 12 und 13 bis 18 Uhr geöffnet.
Kontakt:
Landratsamt Apolda
Landkreis Weimarer Land
– Kreisarchiv –
Bahnhofstr. 44
D-99510 Apolda
Tel.: 03644-555856
(Dienstsitz: Lessingstraße 48, Apolda)
Quelle: TLZ Weimar, 7.1.2004