Führung durch Thüringen 1933 bis 1945

Territorial gegliedert, informiert der achte, Thüringen betreffende Band der »Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945« über die Stätten der Verfolgung durch die Naziherrschaft, über Orte des Widerstands sowie über Grabstätten und andere Gedächtnisorte. So werden Kreis für Kreis, Ort für Ort für das Land Thüringen erfaßt und beschrieben. Die Beschreibungen für jeden Ort gliedern sich durchgängig in die Abschnitte »Widerstand und Naziterror« und »Konzentrationslager und Zwangsarbeit«, hin und wieder ergänzt durch »Rassistische Verfolgung und ›Euthanasie‹«.

Vorgestellt werden die Stätten des Naziterrors, die frühen Konzentrationslager Nohra und Bad Sulza, die späteren Buchenwald und Dora und ihre Außenlager, die SA-Folterstätten, die Gefängnisse und Zuchthäuser u.a. in Ichtershausen und Gräfentonna. Beschrieben werden die Stationen der Verfolgung der Juden, der Sinti und Roma bis zu ihrer Deportation in Vernichtungslager. Dokumentiert werden die Orte der Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen, zivilen Zwangsarbeitern und KZ-Gefangenen, so das Kriegsgefangenenstammlager IX C Bad Sulza und seine Arbeitskommandos, die Zwangsarbeiterlager zahlreicher Groß- und Mittelbetriebe der Industrie, der Land- und Forstwirtschaft, das Arbeitserziehungslager Römhild, die unterirdischen Verlagerungsprojekte der Rüstungsindustrie im Kohnstein und in Ohrdruf. Nachgewiesen werden die Stationen der Ausgrenzung und Ermordung behinderter Menschen, so die Landesheilanstalten Mühlhausen-Pfaffenrode, Blankenhain und Stadtroda samt den ihnen übergeordneten Gesundheitsämtern. Die aufgelisteten Orte der Verfolgung beschränken sich nicht auf jene, an denen sich eine Verfolgungsinstitution befand. Aufgenommen wurde jeder Ort, an dem Menschen verfolgt, verhaftet, verurteilt oder umgebracht wurden – soweit sie bekannt sind. Der Wegweiser kann über viele Orte nur wenige Anhaltspunkte liefern, über manche fehlen auch jegliche Kenntnisse, obwohl Vollständigkeit angestrebt wird. Die Autoren verstehen daher ihre Dokumentation als Zwischenbilanz ihrer jahrelangen Recherchen.

Die Dokumentation der Stätten des Widerstandes ist zwar territorial gegliedert, geht aber von den Menschen aus, die an den angegebenen Orten lebten und in dieser oder jener Form Widerstand leisteten. Das Spektrum ist hinsichtlich der einbezogenen Aktivitäten wie hinsichtlich der sozialen und politischen Spannbreite der bekanntgewordenen Personen umfassend.

Der Band stellt jedem Kreis eine Karte mit der Gemeindeeinteilung voran, dabei geht er von der heutigen administrativen Einteilung aus. Für jeden größeren Ort wird eingangs eine soziale Charakteristik gegeben. Zahlreiche Karten, Lagepläne und Abbildungen verleihen dem Band eine vorzügliche Übersichtlichkeit. Vor allem hinsichtlich der kleineren Gedenkorte, also Grabsteine, Gedenksteine, Denkmäler, ist er reichhaltig mit Abbildungen ausgestattet. Für jeden Kreis werden am Schluß der Dokumentation Quellen und Literaturhinweise angegeben.

Bei Gedenkstätten wird über Adressen. Telefon, Öffnungszeiten und Führungen informiert. Ein Ortsregister erleichtert die Übersicht, ein Personenregister fehlt.

Der Band über Thüringen folgt in Aufbau und Präsentation den sieben Bänden der Reihe »Wegweiser«, die vom Studienkreis Deutscher Widerstand initiiert und in langjähriger Forschungs- und Editionsarbeit realisiert wurden. Bisher erschienen Wegweiser zu Baden-Würtemberg 1, Bremen, Hessen (2 Teilbände), Niedersachsen (2 Bände), Saarland, Schleswig-Holstein 1. Der Band zu Thüringen ist der erste in dieser Reihe über ein Land aus der ehemaligen DDR.

Der Hauptzweck des Bandes und der Reihe besteht darin, Spuren zu sichern und sie vor dem Verdrängt- und Vergessenwerden zu bewahren. Mit seiner detaillierten und umfassenden Rekonstruktion der Stätten von Verfolgung und Widerstand gegen den Faschismus in diesem Lande stellt er allen Antifaschisten solide, zuverlässige Information darüber zur Verfügung, wo und von wem gegen die Nazibarbarei Widerstand geleistet wurde. Regional- und lokalgeschichtlich angelegt, reicht die Bedeutung des Wegweisers über die beschriebenen Territorien hinaus.

Info:
»Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945«, Bd. 8: Thüringen.
Mit einem Vorwort von Frank Spieth, DGB-Landesvorsitzender Thüringen, hrsg. vom Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-45,
Frankfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, 380 S.

Quelle: Junge Welt vom 21.6.2003

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