Simon Wiesenthal Zentrum unterstützt Ermittlungen der VVN-BdA

Anzeigen gegen über 200 mutmaßliche Kriegsverbrecher aus der Gebirgstruppe der Wehrmacht haben die VVN-BdA und der Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege erstattet und damit zahlreiche Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt. Beide Organisationen werden auch dieses Jahr zu Pfingsten in Mittenwald eine Gegenveranstaltung gegen das Treffen des Kameradenkreises der Gebirgstruppe veranstalten, der sich dort unter der Schirmherrschaft der Bundeswehr Jahr für Jahr versammelt und eine Traditionslinie des Vergessens, des Vertuschens, ja der Strafvereitelung verfolgt. Die Wehrmacht sei „sauber“ geblieben und die Edelweißtruppe sei ohnehin das denkbar Edelste gewesen. Selbstverständlich wissen sie, dass diese Darstellung nur für die rechtfertigende Öffentlichkeitsarbeit taugt und der Strafvereitelung dient.

Im Falle der Massaker von Kephallonia und Kommeno vom August und September des Jahres 1943 ermitteln nunmehr jedoch Staatsanwälte in Ludwigsburg, Dortmund und München gegen Hunderte der Veteranen. Der Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Centers Dr. Stefan Klemp teilte zudem mit, seine Organisation unterstütze die Ermittlungen. Außerdem wolle sie auch in diesen Fällen – wie zuvor schon in rund hundert Fällen – erreichen, dass den ehemaligen Tätern die Kriegsopferrente entzogen werde.

Das Verhältnis der Bundeswehr zum Traditionsverband Gebirgstruppe war und ist von Kritiklosigkeit geprägt. In der Divisionsgeschichte „Gebirgsjäger. Die 1. Gebirgsdivision 1935-1945“ (Bad Nauheim 1954) tat General Karl Wilhelm Thilo, vor 1945 Stabschef dieser Division und nach Gründung der Bundeswehr Kommandeur der gleichnamigen Division der Bundeswehr, die Kriegsverbrechen an wehrlosen Kriegsgefangenen auf Kephallonia mit dem banalen und zugleich zynischen Satz ab: „Nach zweitätigem erbittertem Kampf fällt die Inselstadt Argostoli und sind die italienischen Truppen überwältigt.“ Den Mord an 10.000 Montenegrinern Anfang 1943 bilanziert Thilo so: „Widerstand nach Jägerart im schnellen Zupacken gebrochen.“ Als der antifaschistische Rechercheur Jakob Knab wegen dieser offenkundigen Leugnung der Kriegsverbrechen eine Anfrage an Thilo richtete, erhielt er am 21. August 1992 zur Antwort: „Die Behauptung der Ermordung sind Lüge und bewußte Diffamierung unserer Soldaten. Sie sind das Porto nicht wert, das mich dieser Brief kostet.“ Wie Thilo waren zahlreiche Gebirgsjäger an Kriegsverbrechen beteiligt. Niemand von ihnen wurde zur Verantwortung gezogen.

Die Bundeswehr schweigt eisern zu den Verbrechen der Gebirgstruppler. Sie hält zum Traditionsverein. Als dem zuständigen Divisionskommandeur in Sigmaringen und dem Verteidigungsminister in Berlin angeboten wurde, die zu Pfingsten nach Mittenwald eingeladenen Zeitzeugen auch als Redner vor den Soldaten in den Kasernen in Mittenwald und Umgebung zuzulassen, da blieb das Angebot unbeantwortet. Aufs Bundeswehrgelände lässt man nach wie vor nur die Gebirgsjäger und hört sich allein ihre Versionen an.

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Quelle: Ulrich Sander, VVN/BdA NRW, 27.3.2004

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