Die vergessenen Kinder von Köln

„Am 20. Juli 1942 verließen 1.164 jüdische Bürger mit dem Reichsbahnzug DA 219 ihre Heimatstadt Köln. Darunter 335 Kinder und Jugendliche, vor allem aus den jüdischen Schulen und Kinderheimen der Stadt. Das Reiseziel Minsk in Weißrussland war geheim. Keiner kehrte jemals zurück.“ So lautet die Kurzankündigung zu einem 60-minütigem Film von Jürgen Naumann, den der Westdeutsche Rundfunk am 1.11.2006 um 23.15 Uhr in seinem Dritten Fernsehprogramm erstmalig ausstrahlt. Dr. Martina Kliner-Fruck, Historikerin, Leiterin des Wittener Stadtarchivs und seit Jahren mit der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Witten beschäftigt: „Wir waren bei den Recherchen und Dreharbeiten zu Naumanns Film beteiligt. Ich kann jedem nur empfehlen, sich diese erschütternde Dokumentation am Mittwochabend anzusehen.“ Denn mit diesem Transport wurden auch Wittener Jüdinnen und Juden „in den Osten“ verschleppt:

  • Margarethe Kramer, 1891 in Witten geboren, verzog mit ihrem Ehemann Norbert Kramer nach einer „Zwischenstation“ im so genannten „Judenhaus“ in der Hauptstraße 63 nach Köln. Sie wurde am 20. Juli 1942 nach Minsk deportiert.
  • Kurt Sommer, geboren 1906, wohnte mit seiner Familie in ihrem Haus in der Ruhrstraße 40. Nach der Zwangsenteignung und Unterbringung im „Judenhaus“ meldete er sich nach Köln ab. Er wurde von dort am 20. Juli 1942 nach Minsk deportiert.
  • Der Kaufmann Markus Smulowicz wohnte mit seiner Ehefrau Anna nach Auswanderung der Kinder Willy und Hilde in der Casinostraße 10. Im Mai 1939 meldeten sich die Eheleute nach Köln ab, von wo auch sie am 20. Juli 1942 nach Minsk deportiert wurden.

Laut Fahrplanordnung muss der Transport am Morgen des 24. Juli 1942 auf dem Güterbahnhof der weißrussischen Hauptstadt Minsk angekommen sein. Zunächst suchte die SS aus den 1.164 Menschen des Transportes 40 kräftig aussehende junge Männer für Zwangsarbeiten aus. Dann wurden die Deportierten zu einer etwa 14 Kilometer entfernten Wiese mit einigen Wohnwagen verbracht. Diese Wagen fuhren in die Nähe des Vernichtungslager Trostenez. Dort, in einem kaum einsehbaren Kiefernwald, kamen die so genannten Gaswagen zum Einsatz. Wenn die Kapazitäten nicht ausreichten oder die Wagen defekt waren, haben Erschießungskommandos mit Pistolen und Maschinenpistolen gemordet. Die Leichen wurden in Gruben geworfen. Niemand der nachweislich mit dem Deportationstransport am 20. Juli 1942 von Köln nach Minsk Verschleppten überlebte… 

Eine wesentliche Quellengrundlage für den Film von Jürgen Naumann befindet sich im Stadtarchiv Witten, wo Autor Jürgen Naumann im Mai 2004 die Deportationsliste mit 1.164 Namen und Geburtsdaten der am 20. Juli 1942 von Köln und dem umliegenden Rheinland verschleppten Juden filmte. Die Sammlung Wülfrath war im Oktober 1999 aus dem Märkischen Museum in das Stadtarchiv Witten übernommen worden. Es handelt sich dabei vorwiegend um Akten des „Rheinischen Provinzialinstituts für Sippen- und Volkskörperforschung an der Universität Köln/Rheinische Landeszentrale für sippenkundliche Bestandsaufnahme“ und um den persönlichen Nachlass des ehemaligen Rassenforschers Dr. Karl Wülfrath. Dieser der Stadt Witten übereignete Bestand gelangte 1985 stark verschmutzt und ungeordnet in das Märkische Museum. Dort wurden die Dokumente von der damaligen wissenschaftlichen Museumsmitarbeiterin Ulrike Witzel gereinigt, geordnet und zum Teil erschlossen. Nach zweijähriger intensiver Arbeit konnte sie 1987 ein erstes Findbuch maschinenschriftlich erstellen, das mittlerweile digital erfasst und in Teilen in ein Archivverwaltungsprogramm übertragen worden ist, was Recherchen und den Zugang zu den Dokumenten erleichtert. Der erschlossene Teil des Bestandes umfasst 189 Archivkartons mit über 1.000 Einzelakten für den Zeitraum 1933 bis 1943.

Nach dem bisherigen Stand der Forschung wurden 23 weitere ehemalige Wittener Bürger/Bürgerinnen nach Minsk verschleppt: Julius Examus, Bernhard Grünebaum, Walter Herz, Gertrud Herz geborene Gottstein, Max Mayer Hohenstein, Amalie Isaac geborene Neustädter, Hans Karl Kanarek, Julie Löwenstein geborene Grünebaum, Louis Löwenthal, Johanna Löwenthal, Berta Mendershausen, Helene Mildenberg, Biene Müller, Louis Neugarten, Anna Neuwahl, Lina Rosenbaum, Amalie Schlesinger, Samuel Schlesinger, Isidor Singer, Emma Stein, Hermann Strauss, Emma Strauss, Jenny Wolff. Sie wurden direkt nach Minsk oder über das Getto Theresienstadt nach Minsk deportiert. Keiner der Genannten überlebte. Am 20. Juli 1941 wurde in Minsk, einem bedeutenden Zentrum jüdischen Lebens in Russland, die Errichtung eines Ghettos angeordnet, wo die jüdische Bevölkerung konzentriert werden sollte. Die SS führte in den Straßen des Ghettos immer wieder brutale Mordaktionen durch. Zwischen November 1941 und Oktober 1942 verschleppte die SS insgesamt 35.442 Juden aus Deutschland, aus dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Minsk. Die meisten Opfer wurden zwischen dem 28.und 31. Juli 1942, am 8. März 1943 und im Herbst 1943 ermordet. Bei der Befreiung von Minsk waren nur 10 deutsche Juden am Leben. Im Jahr 2000 hat die Gedenkstätte Yad Vashem (Israel) die in Witten archivierte Sammlung Wülfrath teilweise verfilmt und in einem atombombensicheren Bunker zwecks Überlieferung für die Zukunft eingelagert. Darunter auch sechs Deportationslisten der 1941/1942 von Köln nach Lodz, Riga, Theresienstadt und Minsk deportierten rheinischen Juden.

Kontakt:
Stadtarchiv Witten
Ruhrstraße 69
58449 Witten
Fon: (02302) 581-2416
Fax: (02302) 581-2497
stadtarchiv@stadt-witten.de

Quelle: Universitätsstadt Witten, Presseinformation, 30.10.2006

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