Westfälischer Zeuge des Holocaust. Neue DVD porträtiert Kurt Gerstein

Eine der \“merkwürdigsten, widersprüchlichsten und auch unheimlichsten Figuren des Widerstands im \“Dritten Reich\“ hat der Schauspieler Ulrich Tukur Kurt Gerstein genannt. Jetzt erinnert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit einem Filmporträt an den in Münster geborenen Augenzeugen des Holocaust, der viele Bezüge nach Hagen besaß und besitzt, wie zum Beispiel das Kurt-Gerstein-Haus in Hagen-Berchum.

\“Das Leben Kurt Gersteins ähnelt einer Achterbahnfahrt\“, urteilt Dr. Markus Köster, Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen, das den Film gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Matthias-Film gGmbH als DVD für die Bildungsarbeit herausgebracht hat.
Gersteins Elternhaus steht auf der Heerdestraße in Münster. Hier wurde er am 11. August 1905 als Sohn des Landgerichtspräsidenten Ludwig Gerstein und seiner Frau geboren und hier verlebte er die ersten sechs Jahre seines Lebens. In den 1920er Jahren fand Gerstein, dessen Jugend von häufigen Umzügen geprägt war und der vielleicht auch deshalb als schwieriges Kind galt, seine geistige Heimat in der protestantischen Jugendbewegung. Nach einem Bergbaustudium wurde er 1933 auf Drängen der Familie, aber auch aus beruflichen Gründen, Mitglied der NSDAP. Noch im gleichen Jahr protestierte Gerstein, der inzwischen in Hagen lebte, als Bundesführer im Bund Deutscher Bibelkreise heftig gegen die Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ. Drei Jahre später führte seine andauernde Kritik an antichristlichen Tendenzen des nationalsozialistischen Regimes zu seinem Ausschluss aus der NSDAP; es folgten mehrere Festnahmen, KZ-Haft und ein Berufsverbot. 

1941 vollzog sich dann eine weitere, ausgesprochen überraschende Wende in Gersteins Leben: Als Freiwilliger trat er in die Waffen-SS ein. Seinen konsternierten Freunden erklärte er, einen Blick hinter die Kulissen des Terrorregimes, \“in die Feueröfen des Bösen\“ tun zu wollen. Im Hygiene-Institut der Waffen-SS machte Gerstein rasch Karriere und gelangte schließlich tatsächlich in die Vernichtungslager Belzec und Treblinka, wo er Augenzeuge der Massenvergasung von Juden wurde. Tief geschockt versuchte er die internationale Öffentlichkeit zu informieren, fand aber kaum Gehör. 

Nach dem Krieg galt er zunächst als \“belastet\“; erst 1965 wurde er rehabilitiert. \“Bis heute lässt Gersteins erstaunliche Biografie immer noch viele Fragen offen, seine Person sperrt sich gegen alle gängigen Täter-Opfer-Kategorisierungen der nationalsozialistischen Zeitgeschichte\“ so Markus Köster.

Am 29. Januar 2007 wurde die DVD-Edition in Anwesenheit von Hagens Oberbürgermeister Peter Demnitz, LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch und dem Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, im Historischen Centrum Hagen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Anschluss an die Filmvorführung diskutierten Alfred Buß und der Filmemacher Claus Bredenbrock gemeinsam mit den beiden Historikern Bernd Hey und Ralf Blank über Gersteins Rolle und Position in der Gesellschaft.

Info:
Zum Preis von 14,90 Euro plus Versandkosten (bzw. 45 EUR mit dem Recht zur Öffentlichen Vorführung und zum Verleih) kann die DVD mit Begleitheft beim LWL-Medienzentrum für Westfalen (medienzentrum@lwl.org, Fax: 0251/591-3982) oder im Buchhandel erworben werden.

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