Museum multimedial (CFP)

Moderne Medien versorgen uns nahezu jederzeit und überall mit einer Flut von Bildern und Sounds, als „normale“ Bestandteile unseres Alltags prägen sie große Teile unserer Welt und Welt-Wahrnehmung. Auch innerhalb der Kulturinstitutionenlandschaft sind facettenreiche audiovisuelle Sammlungen keine Ausnahmeerscheinungen mehr. Dennoch unterscheidet sich gerade ein Museum audiovisueller Objekte in wesentlichen Aspekten von anderen musealen Sammlungen, nicht nur durch ambivalente Rezeptionsgewohnheiten. Fotografien, Filme und Audiodokumente führten im Museum lange Zeit ein Schattendasein als Arbeitsbehelfe oder Visualisierungsinstrumente. Diese eigentlich als überholt zu betrachtende Tradition des „Hilfsmediums“ im Dienste dreidimensionaler Exponate prägt bis heute ihren Objektstatus in wenig vorteilhafter Weise.

Die vielschichtigen Bedeutungen und Funktionen audiovisueller Medien im Museum werden in dem Symposium "Museum multimedial. Foto / Film / Video / Audio zwischen scheinbar wertlosen Dokumentationshilfen und dem virtuellen Museum der Zukunft" (9./10.12.2011) ebenso diskutiert wie deren Entwicklung von sekundär wirksamen Dokumentationsgehilfen zu emanzipierten Kunstwerken und historisch relevanten Einzelstücken. Aktueller Bezugspunkt dieser Veranstaltung ist die Präsentation der neukonzipierten Multimedialen Sammlungen am Universalmuseum Joanneum, die aus dem vormaligen Bild- und Tonarchiv hervorgegangen sind.

Panel 1: Objekt, Dokument oder doch Kunstwerk?

Anders als bei Bibliotheken und Archiven musste um die Aufnahme der Fotografie – ähnlich wie bei Film – ins Museum jahrzehntelang gerungen werden. Diese wurde dann über die Anerkennung der Fotografie als Kunstwerk gerechtfertigt. Gerade mal hochpreisige historische (Kunst-)Werke renommierter KünstlerInnen, wie etwa jene von Edward Steichen oder László Moholy-Nagy, bekommen demzufolge ausreichendes Marketingbudget und damit auch Aufmerksamkeit. Historische Fotos, Filme oder Audioaufzeichnungen sowie Dokumentationen ohne expliziten künstlerischen Anspruch fristen hingegen im musealen Kontext oft ein schmählich vernachlässigtes Schattendasein. Erst im Kontext neuer Diskurse und nach der Verneinung der Formel „Museum=Kunstmuseum“ wird der Wert dieser Arbeiten diskutiert. Folgende Fragen ergeben sich für dieses Panel:

  • Worin liegt die Ursache für diese „Minderbewertung“ vor allem im musealen Kontext? Welche historischen Leitlinien prägten und prägen die ästhetische Kategorie der „Erfahrung“, der Einschätzung und der Rezeption?
  • Fehlt multimedialen Objekten tatsächlich die vermeintliche Aura des Dreidimensionalen? Leiden sie unter der Bürde der „Flachware“ oder sind ihre Qualitäten nur über das Moment des wertenden Vergleichs greifbar?
  • Wie verhält es sich mit der hierarchisierenden Vorstellung, dass Fotografien und Audiodokumente eigentlich nur als Informationsträger gesellschaftlicher Entwicklungen – wie zum Beispiel in der Dokumentarischen Fotografie – oder als Objektfotografie ans Museum gekommen sind? Haben Fotografien allein die Chance, ihren Wert über den Status als Kunstwerk oder als Illustration historischer Ereignisse zu erreichen? Oder wäre es auch möglich, ihr grundsätzlichen Objekt- und Originalcharakter zuzugestehen? Was würde das bedeuten?
  • Wie und warum hat sich der Stellenwert der audiovisuellen Quellen, die von sogenannten „AmateurInnen“ erstellt wurden, im Lauf der letzten Jahre verändert? Welche Überlegungen stehen hinter den Neubewertungen dieser und verwandter Bestände (z. B. Werbe- und Industriefilm)?

Panel 2: Das „Original“: Digitale Reproduzierbarkeit vs. Bedeutung des Unikats?

Gerade Museen bauen, sowohl in den hausinternen Forschungen, bei Ausstellungen als auch in der aufgewerteten Frage der Vermittlung, auf den Objektcharakter des Originals. Nichts desto trotz und mit gutem Grund entstanden im Zuge der Digitalisierungswelle in den letzten Jahren gleichsam Paralleluniversen digitaler Daten. Zuerst als finale Strategie der Langzeitarchivierung, dann als Öffnung und damit einhergehend als Demokratisierung der Sammlungen gepriesen, produziert diese Situation eine Vielzahl potentieller und bereits spürbarer Konflikte:

  • Kann und muss das Museum weiterhin ein Ort der Deutung und Vermittlung sein oder muss es im Web 2.0 ihre Deutungsmacht an die breite Öffentlichkeit abgeben? Welches Spannungsverhältnis ergibt sich zwischen Expertinnen- bzw. Expertendiskurs und schwarmhaft gedachter öffentlichkeitsgetragener Meinungsbildung?
  • Welche Situation entsteht, wenn abseits kommerzieller Bilderflut auch Museen ihre audiovisuellen Daten frei zugänglich ins Netz stellen? Kann oder muss sich das Museum überhaupt von diesem „Datenrauschen“ abheben? Und wenn ja, weshalb und wie?
  • Inwieweit sind die institutionsgebundenen Zusatz- und Metadaten als integrativer Teil der jeweiligen Bestände anzuerkennen? Welche Spannungsverhältnisse ergeben sich zwischen Objekt und Beschreibungsdaten, nicht zuletzt unter Einrechnung aktueller, oft auch wirtschaftlich ausgerichteter Verwertungsversuche beider?
  • Ist es weiterhin möglich, insbesondere in den prekären Zeiten schmaler Kulturbudgets, (noch) von einem originären „Objekt“ sprechen zu können? Inwieweit stellen sich hier Fragen nach Bewahrung und Schutz?
  • Welche Strategien spiegeln sich in den aktuellen Debatten um den Status des „Objekts“?
  • Welche Möglichkeiten ergeben sich für die bewahrenden Institutionen hinsichtlich einer positiven Einbindung der Öffentlichkeit in der Auseinandersetzung mit dem „Original“? Wie beeinflussen Angebote wie Mashups oder UGC das Bewusstsein der zu sensibilisierenden Öffentlichkeit? Welche Vorteile und Risiken bergen entsprechende Ansätze?

Panel 3: Politiken des Sammelns: Regional, national, global – ganz egal?

Nicht nur im Wettstreit um BesucherInnenzahlen wird immer wieder auf international renommierte Objekte zurückgegriffen. Auch Wert und Ansehen institutioneller, insbesondere musealer Sammlungen scheinen sich zwangsläufig an deren wertvollsten Stücken zu bemessen. Wenn nun aber Institutionen, oftmals in derselben Stadt, Objekte der gleichen FotografInnen und KünstlerInnen sammeln, wodurch unterscheiden sich die Sammlungen dann überhaupt? Dürfen beispielsweise Objekte regionaler Provenienz für öffentliche Häuser und mit ebensolchen Geldern nur in der jeweiligen Region erworben werden? Oder sind solche lokalen Bezüge und Überlegungen in Zeiten der Globalisierung selbst für Museen längst passé? Mögliche Fragestellungen dieses Panels wären:

  • Erscheinen Strategien der Spezialisierung oder möglichst umfassende Generalsammlungen als der (derzeit) gangbare und auch zukunftsträchtige Weg? Welche Möglichkeiten sind hier auch hinsichtlich der Darstellung, Vermittelbarkeit und Auswertung von Sammlungsbeständen denkbar und plausibel?
  • Wie haben sich die Veränderungen von Sammlungspolitiken auf die generelle Vorstellung der „Sammlung“ und die Arten von regionalen/nationalen/internationalen Kooperationen ausgewirkt?
  • Welche technischen Limitationen hinsichtlich der Sammelbarkeit und langfristigen Einsetzbarkeit von Sammlungsbeständen stellen Herausforderungen dar? Wie kann Problemfeldern wie Konvertierungsaufwand oder Obszoleszenz begegnet werden?

Panel 4: Langzeitarchivierung zwischen Substanzerhaltung und Digitalisierung: Praktische Beispiele und Herausforderungen

Die aufrichtige, reflektierte Arbeitspraxis im Dienste der Öffentlichkeit hat einen immensen Effekt auf die Bestände, die auf dem idealen Zyklus von Sammlung, Erschließung, Restaurierung, Erhaltung und Wiederzugänglichmachung basieren. Die Anforderung eines ausgeglichenen Moderierens zwischen Zugänglichmachung und Bewahrung fördern und fordern – innerinstitutionelle Umstrukturierungen, technische Entwicklungen, das Spannungsverhältnis Theorie-Praxis, rechtliche Rahmenbedingungen und äußere Gegebenheiten einrechnend – ein wohldurchdachtes Umdenken angesichts komplexer Situationen.

Langzeitarchivierung hat, seine gesamtgesellschaftliche Wirkung ständig betonend, Vermittlungsfragen ebenso zu adressieren wie klassische Substanzerhaltung oder Digitalisierungsagenden. In diesem Panel sollen deshalb Projektvorstellungen und Hintergrundüberlegungen ihren Platz haben. Mögliche Themenfelder wären dabei:

  • Wie sehen laufende Langzeitarchivierungsstrategien aus, welche Überlegungen prägen ihre Planung, die eigentliche Arbeit und Umsetzung?
  • Gibt es Best Practise-Beispiele zu Archivierung und Wiederzugänglichmachung, die eine sinnhafte Darstellbarkeit der „unsichtbaren Arbeit“ der Institutionen erlaubt?
  • Wie sehen die spezifischen Erschließungsoptionen und Editionspolitiken innerhalb von Projekten aus? Welche Faktoren sind dabei, etwa auch bei der publikumswirksamen Zugänglichmachung thematisch wie formal sensibler Bestände, zu berücksichtigen?
  • Welchen Stellenwert haben Rechtsfragen im Rahmen einer umfassenden Langzeitarchivierung? Wie sind die Auswirkung europaweiter Diskussionen zu IPR Management und Copyright einzuschätzen? Wie soll, nicht zuletzt auch in diesem Kontext, mit UGC verfahren werden?
  • Ist eine Neuausrichtung von Förderkonzepten notwendig? Welche Veränderungen innerhalb der Förder- und Forschungslandschaft wären für eine sinnvolle, umfassende Langzeitarchivierung notwendig?
  • Wie können mittel- und langfristige Taktiken für eine reflektierte Langzeitarchivierung aussehen? Welche Fehler gilt es in Zukunft zu vermeiden, welche Lehren kann man aus gelungen umgesetzten Projekten ziehen?

Einreichbedingungen:

Die Einreichung muss folgende Teile enthalten:

  • Titel und Abstract des eingereichten Beitrags in deutscher und englischer Sprache im Umfang von max. 2500 Zeichen
  • Bei Paneleinreichungen ist ergänzend ein Überblickskonzept zu den zusammengeführten Beiträgen notwendig.
  • Kurzbiographie und ausgewählter Auszug aus der Liste eigener Publikationen und/oder anderer eigener Aktivitäten und Erfahrungen
  • Kontaktdaten der/des Einreichenden

Die eingereichten Beiträge werden auf Grundlage ihres Inhalts, ihrer Form und der Angemessenheit für die Tagung begutachtet. Alle Einreichenden werden bis 5. Juni 2011 über die Annahme oder Ablehnung des Einzelbeitrags bzw. Panels benachrichtigt.

Die Einreichungen für Einzelvorträge oder Panels sind bis 5. Mai 2011 per E-Mail an elke.murlasits@museum-joanneum.at zu schicken.

Info:
Museum multimedial. Foto / Film / Video / Audio zwischen scheinbar wertlosen Dokumentationshilfen und dem virtuellen Museum der Zukunft
Internationales Symposium der Multimedialen Sammlungen am Universalmuseum Joanneum in Kooperation mit den Medienarchiven Austria
9.−10.12.2011, Universalmuseum Joanneum, Joanneumsviertel 1, 8010 Graz, www.museum-joanneum.at

Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Eine Honorierung der Beiträge ist leider nicht möglich, Reise- und Unterbringungskosten übernimmt die einladende Institution.

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