Crowdsourcing-Projekt. Ungeklärte Provenienz von Urkunden aus dem 12. bis 19. Jahrhundert

1919/1920 erwarb das Staatsarchiv Hamburg neben ca. 40.000 Siegeln und einer dazugehörigen Fachbibliothek Urkunden und Wappenbriefe von den Erben des Hamburger Kaufmanns Paul Trummer. Die Sammlung, deren Schwerpunkt auf den Siegeln liegt, entstand Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

Da das Interesse Paul Trummers beim käuflichen Erwerb den Siegeln galt, fehlt der Urkundensammlung eine innere Systematik. Die Urkunden stammen aus ganz Deutschland und aus weiten Teilen Europas; u.a. aus England, Spanien, Frankreich, Russland und den Niederlanden. Auch Papsturkunden werden in der Sammlung aufbewahrt.

Bereits beim Erwerb der Urkunden durch das Staatsarchiv Hamburg waren sich die Archivare im Klaren, dass den Urkunden der Zusammenhang zu den Beständen des Staatsarchivs fehlt; die Stadt Hamburg hatte allerdings ein testamentarisch verfügtes Vorkaufsrecht und die Urkunden sollten bei den Siegeln der Siegelsammlung bleiben.

Die Urkunden blieben ein Fremdkörper im Staatsarchiv Hamburg: Bis heute steht die Erschließung der Urkunden aus, der Forschung sind die Urkunden kaum bekannt.

Das Staatsarchiv Hamburg möchte nun in einem Crowdsourcing-Projekt die Provenienz der Urkunden klären und stellt Arbeitsdigitalisate der Urkunden auf Flickr zur Verfügung. Interessierte sind eingeladen, mit Hilfe der Kommentarfunktion Angaben zu den Urkunden beizusteuern, die sie zu identifizieren helfen. Vorbehaltlich der Klärung rechtlicher Voraussetzungen wird eine Rückführung auf der Grundlage des Provenienzprinzips in Betracht gezogen. Der Sammlungszusammenhang bliebe durch das Staatsarchiv Hamburg dokumentiert.

In einer ersten Phase wurden zunächst 150 Urkunden digitalisiert und online gestellt, die Online-Stellung der übrigen Urkunden ist geplant.

Link:
https://www.flickr.com/photos/staatsarchiv_hamburg/

Kontakt:
Dr. Christine Axer
Freie und Hansestadt Hamburg
Kulturbehörde
Staatsarchiv
Referat ST 23 – Arbeit, Soziales, Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Kultur, Nichtstaatliche Unterlagen, Sammlungen, Benutzungsdienst
Kattunbleiche 19
D- 22041 Hamburg
Phone: +49 40 428 31 3132
Fax: +49 40 4279-16003
christine.axer@kb.hamburg.de
http://www.staatsarchiv.hamburg.de/

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, Medieninfo, 14.3.2014

Blockentsäuerung im Rahmen der NRW-Landesinitiative Substanzerhalt 2014

Die Entsäuerung von Kulturgut steht bundesweit auf der Agenda der Archive und Bibliotheken. Das ist das Ergebnis einer Expertentagung, zu der die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken Deutschlands (KEK) im Februar 2014 eingeladen und die Ergebnisse einer bundesweit angelegten Datenerhebung in Archiven und Bibliotheken vorgestellt hatte. Die Initiative liegt im öffentlichen Interesse und muss fortgesetzt werden. Das zeigen auch die Erfolge in NRW, wo dank einer Förderinitiative des Landes NRW und vielfältiger Unterstützung durch die Landschaftsverbände inzwischen der Zustand von vielen hundert laufenden Metern Archivgut stabilisiert werden konnte.

Im Newsletter des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums werden Verfahrenshinweise für Archive im Rheinland erläutert:
Das Projekt zur Entsäuerung von säuregeschädigtem Archivgut geht in eine weitere Phase. Ab März 2014 können wieder fest formierte Bestände entsäuert werden. Dies bedeutet für alle nichtstaatlichen Archive im Rheinland, dass Antragstellungen für die Bezuschussung einer Blockentsäuerung ab sofort möglich sind.

Kurzinformation zum technischen Verfahren
Es handelt sich um ein standardisiertes Verfahren der Massenentsäuerung, bei dem fest formierte Archivalien (z.B. fadengebundene Akten oder klebegebundene Bücher) in einer nichtwässrigen Lösung entsäuert werden – bei gleichzeitiger Einbringung einer alkalischen Reserve. Im Technischen Zentrum für Bestandserhaltung in Brauweiler sowie in den Unterzentren des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums (LVR-AFZ) werden die zur Blockentsäuerung vorgesehenen Bestände für die maschinelle Bearbeitung vorbereitet und nach ihrer Entsäuerung kontrolliert. Dazu gehört auch die Überprüfung des pH-Wertes.

Durchführung
Die Auswahl geeigneter Bestände nehmen die Archive vor. Nach Eingang des Antrags beim LVR-AFZ findet eine Vorbesprechung und Beratung hinsichtlich des Blockverfahrens im jeweiligen Archiv statt. Die Transporte der Archivalien zu den Vorbereitungsstellen und zum Dienstleister wie auch die Rücktransporte werden vom LVR organisiert und für die Archive kostenfrei durchgeführt. Die Vor- und Nachbereitung der Blockentsäuerung erfolgen im Technischen Zentrum für Bestandserhaltung in Brauweiler bzw. den Unterzentren des LVR-AFZ. Die maschinelle Blockentsäuerung selbst geschieht beim jeweiligen Dienstleister, in 2014 bei der GSKmbH in Pulheim-Brauweiler.

Kosten
Bei der Blockentsäuerung wird nach Gewicht der Archivalien abgerechnet; für das Projekt besteht ein günstiger Sonderpreis.

Bezuschussung
Das Land NRW unterstützt die Blockentsäuerung von Archivbeständen und stellt dafür im Jahr 2014 Mittel in Höhe von insgesamt 195.000 Euro für die rheinischen Archive zur Verfügung. Die Kosten der Blockentsäuerung werden zu 70 Prozent aus diesen Mitteln finanziert, 30 Prozent sind vom Antragsteller aufzubringen.

Antragstellung
Anträge sind an das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum zu richten. Zum Antragsformular Blockentsäuerung gelangen Sie hier: https://formulare.lvr.de/liplvrdb/action/invoke.do?id=983002i
Das ausgefüllte Formular ist auszudrucken und unterschrieben zu senden an das

LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum
Ehrenfriedstr. 19
50259 Pulheim-Brauweiler

Rückfragen an:
Volker Hingst, Dipl.-Restaurator
(Leitung Bestandserhaltung)
Tel 02234 9854-236
volker.hingst@lvr.de

Dipl.- Rest. Tina Löhr
Dipl.-Rest. Michaela Keil
Dipl.-Rest. Andrea Ollendorf
Tel 02234 9854-368/354
afz.bestandserhaltung@lvr.de 

Quelle: LVR, Newsletter vom 12.3.2014

Partituren aus dem Internierungslager Ruhleben im Hessischen Hauptstaatsarchiv entdeckt

Das Gelände der Trabrennbahn in Ruhleben (Berlin) diente im Ersten Weltkrieg als Internierungslager für v. a. britische Zivilisten, die sich in Deutschland aufgehalten hatten und in Verwahrsam genommen waren. Darunter befanden sich zahlreiche professionelle Musiker, so dass im Lager regelmäßig ambitionierte musikalische Aufführungen stattfanden. In der so genannten Weltkriegssammlung des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden (Abt. 3037) sind bei Ordnungsarbeiten mehrere Partituren ans Tageslicht gekommen, die für Aufführungen im Lager angefertigt worden waren und z. T. Dirigierzeichen enthalten:

Partitur

  • Roland Bocquet (* 1878-nach 1941): „Ballade Nr. 1 in C“, für großes Orchester gesetzt von dem renommierten Dirigenten Frederick Charles Adler (1889-1959).
  • Charles Villiers Stanford (1852-1924): „Te Deum Laudamus“ für Chor und Orchester
  • A. G. Claypole: „Overture on National Airs“ für Streichorchester, zwei Flöten und Klavier.

Hinzu kommen Orchesterfassungen der englischen Nationalhymne, von „Rule Britannia“, „Red, White and Blue“ und „It’s a long way to Tipperary“. Als Ergänzung der Zeitungen und Programme aus dem „Ruhleben Camp“ sind die Noten von außerordentlichem Wert für die Geschichte des Lagers und die (englische) Musikgeschichte.

Kontakt:
Hessisches Hauptstaatsarchiv
Mosbacher Straße 55
65187 Wiesbaden
Telefon: +49 (0) 611 8 81-0
Telefax: +49 (0) 611 8 81-1 45
poststelle@hhstaw.hessen.de 

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv, Medienmitteilung, 11.3.2014

Duisburger Tag der Archive im Landesarchiv

Mitten in seinem Umzug war das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen an seinem neuen Standort im Duisburger Binnenhafen Gastgeber für den 7. Tag der Archive 2014, den die Duisburger Archive unter dem bundesweit gewählten Motto „Frauen – Männer – Macht“ gemeinsam ausrichteten. Neben dem Landesarchiv, dessen Abteilung Rheinland noch bis Ende April die rund 100 laufenden Kilometer Archivgut in die Magazine zu befördern hat, präsentierten sich in den öffentlichen Räumen des Neubaus (Lesesaal, Vortragssäle, Ausstellungstrakt) auch das Stadtarchiv Duisburg und das Archiv des Museums der Deutschen Binnenschifffahrt sowie mit dem ThyssenKrupp Konzernarchiv, dem Grillo-Archiv und dem Haniel Archiv drei Unternehmensarchive.

'Wir fordern die Gleichberechtigung der Frau'. Demonstration von (männlichen) Werksangehörigen der August Thyssen-Hütte AG am 1. Mai 1953 in Hamborn. Im Hintergrund ist die alte Hauptverwaltung der damaligen Auguts Thyssen-Hütte AG zu sehen (Foto: ThyssenKrupp Konzernarchiv)

Abb.: „Wir fordern die Gleichberechtigung der Frau“. Demonstration von (männlichen) Werksangehörigen der August Thyssen-Hütte AG am 1. Mai 1953 in Hamborn. Im Hintergrund ist die alte Hauptverwaltung der damaligen Auguts Thyssen-Hütte AG zu sehen (Foto: ThyssenKrupp Konzernarchiv).

Das Programm der Duisburger Archive zum Tag der Archive sah Führungen im Halbstundentakt vor, aber auch eine Malaktion für Kinder, die das Duisburger Wappen interpretieren konnten. Des Weiteren wurden historische Industriefilme gezeigt, der Rezitator Rolf Peter Kleinen (Geldern) las aus historischen Quellen u.a. des Grillo-Archivs, Schifferin Helga Distel wurde in einem Zeitzeugengespräch mit dem Leiter des Binnenschifffahrtsmuseums, Dr. Bernhard Weber, über den Alltag von Frauen an Bord interviewt, die Duisburger Krimiautorin Silvia Kaffke las aus ihren Romanen, für die sie immer wieder auch in Archiven recherchiert hatte. Ein stark frequentierter Bücherbasar lud zum Stöbern und Kaufen ein; der Erlös fließt an das Jugendzentrum Ruhrorter Hafenkids.

Plakatausschnitt 'Frauenbeschäftigung in der Wirtschaft des Ruhrgebiets während des Zweiten Weltkriegs' (Stadtarchiv Duisburg)

Abb.: Plakatausschnitt „Frauenbeschäftigung in der Wirtschaft des Ruhrgebiets während des Zweiten Weltkriegs“ (Stadtarchiv Duisburg).

Ein Blick in die Magazine im 76 Meter hohen Archivturm ist umzugsbedingt nicht möglich gewesen; eine Fotoausstellung mit großformatigen Bildern im Sockel des 19 Stockwerke hohen Turmes vermittelte aber einige Eindrücke von den Arkana. Höher hätte der Turm im Übrigen nicht sein dürfen, da ab einem 20. Stockwerk eine andere Brandschutzregelung Sprinkler-Anlagen in den Magazinen notwendig gemacht hätte, wie die Archivmitarbeiter im Rahmen ihrer Führungen und Begrüßungen den insgesamt rund 500 Besuchern am Tag der Archive erläuterten. Wasser wolle man jedoch nicht im Haus, sondern nur im Hafen sehen.

In seiner Begrüßung machte der Präsident des Landesarchivs, Dr. Frank Bischoff, gleich deutlich, dass die öffentlichen Debatten und der Parlamentarische Untersuchungsausschuss wegen der Kostenexplosion („millionenschwerer Bauskandal um das Landesarchiv in Duisburg“) die Mitarbeitenden durchaus erheblich tangiere, aber: „Dass das Archiv so häufig in den Schlagzeilen war, hat nichts mit den Architekten oder dem Landesarchiv selbst zu tun. Ich war von Beginn an vom Konzept überzeugt und fühle mich hier seit dem ersten Tag sehr wohl“, so Bischof vor den Gästen im vollen Vortragsraum.

Bilder vom Landesarchiv NRW in Duisburg, aufgenommen im Februar 2014 vom gegenüberliegenden Hafenufer aus (Fotos: Jens Roepstorff):

Der 76 Meter hohe Archivturm (Foto: Jens Roepstorff)

Abb.: Der 76 Meter hohe Archivturm.

Archivturm mit der sich rechts anschließenden 'Welle' der Büros und öffentlichen Räume. Dieser Gebäudetrakt dient auch als Zuwachsfläche und soll zunächst teilweise untervermietet werden (Foto: Jens Roepstorff)

Abb.: Archivturm mit der sich rechts anschließenden „Welle“ der Büros und öffentlichen Räume. Dieser Gebäudetrakt dient auch als Zuwachsfläche und soll zunächst teilweise untervermietet werden.

Fünf Jahre nach dem Einsturz des Historischen Archivs gedenkt Köln der Opfer

Am 3. März 2014 jährte sich zum fünften Mal der Tag, an dem das Historische Archiv der Stadt Köln einstürzte und zwei Menschen in den Tod riss. Der Einsturz steht vermutlich im Zusammenhang mit Bauarbeiten an einem unterirdischen Gleiswechselbauwerk der Neubaustrecke der Nord-Süd-Stadtbahn. Noch in diesem Jahr werden belastbare Erkenntnisse zur Einsturzursache erwartet.

Oberbürgermeister Jürgen Roters hat für die Stadt Köln am Einsturzort am Waidmarkt am 3. März 2014 mit einer Kranzniederlegung der Opfer des Einsturzes gedacht und an die Folgen für Betroffene, Anwohnerinnen und Anwohner sowie das kulturelle Erbe der Stadt Köln und die Stadtgesellschaft erinnert. Verschiedene private Organisationen und Initiativen begleiten diesen Tag mit weiteren Kundgebungen und Aktionen.

Mit dem Gebäude des Historischen Archivs stürzten über 30 Regalkilometer Archivgut in die Tiefe. Zwei Menschen verloren ihr Leben, über 30 Anwohnerinnen und Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Schülerinnen und Schüler benachbarter Schulen mussten zeitweise provisorische Schulräume beziehen.

Fünf Jahre danach konnten viele unmittelbare Folgen des Einsturzes zumindest gemildert werden. Die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner sind in ihren neuen Wohnungen "angekommen". Das Quartier von der Severinstraße bis zum Waidmarkt erholt sich weiterhin von den Beeinträchtigungen, die Schulen sind nach der Grundrenovierung wieder in Betrieb. 95 Prozent der Archivalien sind geborgen und gesichert. Einiges ist bereits restauriert und steht der Wissenschaft wieder zur Verfügung. Eine Teilstrecke der Nord-Süd-Stadtbahn ist in Betrieb genommen worden.

Stadt erwartet Aussagen zur Schadensursache noch in 2014

Die Kranzniederlegung an der Einsturzstelle am Waidmarkt, vorgenommen von Oberbürgermeister Jürgen Roters, gehörte zu einer Reihe von Veranstaltungen, in denen Köln den Opfern des Einsturzes des Historischen Archivs in Köln gedenken wird. Neben der protokollarisch offiziellen Kranzniederlegung exakt fünf Jahre nach dem Einsturz erinnern eine Reihe von Veranstaltungen und Gottesdiensten an dieses Unglück. Nachdem die Bergung der letzten, durch den Einsturz verschütteten Archivalien im Herbst 2012 erfolgreich abgeschlossen werden konnte, haben Stadt Köln und Kölner Verkehrsbetriebe nach den Vorgaben des gerichtlich bestellten Sachverständigen und im Auftrag des Landgerichts Köln vor der östlichen Schlitzwand des Gleiswechselbauwerks ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk errichtet, durch das in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Köln die Ursache des Einsturzes geklärt werden soll. Der Aushub innerhalb dieses Bauwerks hat begonnen. Mit konkreten Aussagen zur Ursache des Einsturzes durch die Gutachter der Staatsanwaltschaft und der Gerichte rechnet die Stadt Köln noch in diesem Jahr. Die Stadt Köln bereitet sich zur Durchsetzung ihrer Ersatzansprüche auf einen Schadenersatzprozess mit einer Schadenssumme von rund 1 Milliarde Euro vor. Neben eigenen Schäden verfolgt die Stadt Köln auch die Interessen zahlreicher, durch den Einsturz geschädigter Leihgeberinnen und Leihgeber des Historischen Archivs.

Am 3. März 2009 stürzte im Zusammenhang mit Bauarbeiten an einem unterirdischen Gleiswechselbauwerk der geplanten U-Bahnstrecke der Nord-Süd-Stadtbahn das Gebäude des Historischen Archivs der Stadt Köln ein. Mitgerissen wurden weitere benachbarte Gebäude. Zwei Menschen verloren ihr Leben. Anwohnerinnen und Anwohner mussten ihre Wohnungen, benachbarte Schulen ihre Räume verlassen.

Rund 30 Regalkilometer Zeugnisse Kölner und Rheinischer Geschichte durchmischten sich mit den eingestürzten Wänden und Decken des Archivs zu einem unterirdischen und oberirdischen Schuttberg. 95 Prozent der Archivalien konnten in einer beispiellosen Anstrengung von Einsatzkräften der Hilfsorganisationen, freiwilligen Helferinnen und Helfern und mit Hilfe eines technisch anspruchsvollen Bergungsbauwerks oberhalb und unterhalb des Grundwasserpegels geborgen werden und wurden zunächst in knapp 20 Asylarchiven in der gesamten Bundesrepublik zwischengelagert. Zwei Drittel der Archivalien sind inzwischen wissenschaftlich erfasst und archivgutgerecht eingelagert. Die Stadt Köln errichtete in Köln-Porz ein neues Restaurierungszentrum für das Historische Archiv, sukzessive können Archivalien wieder aus Asylarchiven nach Köln zurückgeholt und der Forschung wieder bereitgestellt werden. 6.500 Archivalien konnten dort bisher konservatorisch behandelt werden. Geplant ist, noch in diesem Jahr einen Großteil der auswärts gelagerten Archivalien in dem ehemaligen Gebäude des Landesarchives in Düsseldorf und damit in unmittelbarer Nähe Kölns zu konzentrieren. Mit den Vorarbeiten für den Neubau des Historischen Archives in Köln am Eifelwall soll noch in diesem Jahr begonnen werden. Die Fertigstellung ist für das Frühjahr 2019 vorgesehen.

Ein Überblick über die vergangenen fünf Jahre:

Anwohner und Betroffene

Durch den mutigen Einsatz von Mitarbeitern beteiligter Unternehmen und des Historischen Archivs konnten Besucher des Historischen Archivs, Passanten, Schüler und Anwohner wenige Minuten vor dem Einsturz so frühzeitig gewarnt werden, dass sie den unmittelbaren Gefahrenbereich verlassen konnten. Zwei Bewohner eines angrenzenden Wohnhauses verloren im zusammenstürzenden Gebäude jedoch ihr Leben.

36 Anwohner der Nachbarhäuser verloren ihre Wohnungen. Über 40 Mitarbeiter des städtischen Wohnungsversorgungsbetriebs kümmerten sich sofort um die persönlichen Belange der Betroffenen, alle erhielten sofort einen eigenen "Assistenten". Die Betroffenen sind inzwischen mit neuem Wohnraum versorgt und weitgehend in ihrem neuen "Leben" angekommen. Das vom psychologischen Betreuungsteam der Feuerwehr, später vom Psychosozialen Dienst des Gesundheitsamtes betreute Betreuungsprogramm für ursprünglich 180 Personen wird heute nicht mehr in Anspruch genommen. Wenige Einzelfälle benötigen noch privat organisierte Betreuung. Der von der Stadt Köln zur Unterstützung für die Betroffenen in allen Rechts- und Entschädigungsfragen vorgeschlagene Ombudsmann konnte seine Arbeit inzwischen beenden.

Das Gelände eines ehemaligen Nachbargebäudes wurde von der Stadt Köln angekauft, ein zweites Grundstück wird gemeinsam mit dem Eigentümer in eine geplante künftige Bebauung einbezogen.

Die finanziellen Entschädigungen für die unmittelbar Betroffenen wurden über die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) geregelt.

Als Entschädigung für die Beeinträchtigungen durch die laufenden Arbeiten an der Einsturzstelle hat die Stadt Köln finanzielle Vereinbarungen für die unmittelbar betroffenen 40 Anwohner getroffen. Zwischen der Stadt Köln und den Anwohnern besteht ein regelmäßiger Informationsaustausch. Die Belange des Quartiers incl. der Geschäftswelt auf der Severinstraße vertritt der von der Stadt Köln eingesetzte Veedelsmanager. Er ist Ansprechpartner und Verbindungsmann zwischen dem Viertel, KVB und Stadt Köln.

Schulen

Von den Folgen des Einsturzes waren auch die benachbarten Schulen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und Kaiserin-Augusta-Schule sowie die Schule für Lernbehinderte betroffen.

Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (FWG)

Die Generalinstandsetzung des Gebäudes des FWG ist abgeschlossen, die Schule konnte ihr Gebäude wieder in Betrieb nehmen und ihre Interimsquartiere aufgeben.

Kaiserin-Augusta-Schule

Die Kaiserin-Augusta-Schule hat inzwischen ihren Ganztagsbetrieb aufgenommen. Dafür wurden Interimsräume auf dem Schulgelände bereitgestellt. Um den Raumbedarf der Schule langfristig zu decken, wurden die Planungen für einen Erweiterungsbau aufgenommen.

Neubau Historisches Archiv

Im Dezember 2010 hat die Stadt Köln den Architektenwettbewerb für den Neubau des Historischen Archivs am Eifelwall/Luxemburger Straße mit einem internationalen Teilnehmerwettbewerb gestartet. Dem Archiv werden künftig 20.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen, 76,3 Millionen Euro stehen als Kostenrahmen für den Komplex zur Verfügung.

Aus 200 Bewerbungen wurden insgesamt 45 Teilnehmer ermittelt, der siegreiche Entwurf des Büros Waechter & Waechter, Darmstadt, wird nach der erfolgten Konzentration auf die ausschließliche Nutzung durch das Historische Archiv mit dem Rheinischen Bildarchiv derzeit überarbeitet. Die überarbeiteten Pläne liegen vor.

Fachbeirat zum Wiederaufbau

Zur Beratung des Historischen Archivs bei allen Fragen des Wiederaufbaus hat die Stadt Köln einen 16-köpfigen Fachbeirat initiiert. Unter dem Vorsitz des Präsidenten des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Prof. Wilfried Reinighaus, gehören dem Gremium Vertreter des Bundesarchivs, des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), der großen Archive in Köln sowie weitere Experten der Universitäten Köln und Bonn sowie der Deutschen Forschungsgesellschaft an. Sieben Projektgruppen werden begleitet: Bestandszusammenführung, Restaurierung und Konservierung, Digitalisierung und Weiterentwicklung der Software, Öffentlichkeitsarbeit, Hilfekoordination, Betreuung der Nachlassgeber und Depositare, Neubau und Provisorisches Archiv. Bislang wurden sechs Konzepte in acht Sitzungen evaluiert und verabschiedet.

Bergungsbauwerk und Besichtigungsbauwerk

Zur Bergung der unterhalb des Grundwasserspiegels befindlichen Archivalien entstand im Sommer/Herbst 2010 unmittelbar an der östlichen Schlitzwand des Gleiswechselbauwerks am Waidmarkt unter schwierigsten Randbedingungen die sog. Bergungsbaugrube, eine Baugrube innerhalb des Einsturztrichters des Archivgebäudes in der Größe von etwa 16,5 Metern mal 30 Metern. Das Bergungsbauwerk bestand aus 63 Bohrpfählen, die bis in circa 30 Metern Tiefe gebohrt werden mussten. Die Grobreinigung und Sortierung der geborgenen Archivalien erfolgte in einem beheizbaren Versorgungszelt.

Im Zusammenhang mit der Bergung der restlichen Archivalien erfolgte die Beseitigung von insgesamt circa 170 Tonnen Fundamentresten des ehemaligen Archivgebäudes, wobei die größten Einzelfundamente ein Gewicht von bis zu 40 Tonnen erreichten. Die Entsorgung dieser Trümmer- und Fundamentreste war erforderlich, um anschließend das Besichtigungsbauwerk errichten zu können. Insgesamt sind im Rahmen der Bergungsbaugrube rund 3.100 Kubikmeter Erdreich, Fundamentreste und so weiter geborgen worden. Das entspricht circa 500 Lkw-Fuhren.

Ab Herbst 2012 ist im vermuteten Schadensbereich der östlichen Schlitzwand die circa 12 Meter lange und 5 Meter breite Besichtigungsbaugrube auf Anordnung des Landgerichts Köln und im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft Köln errichtet worden, um diesen Bereich vollständig ausschachten zu können und die Einsturzursache beweissicher feststellen zu können.

Zukunft des Grundstücks Severinstraße

Die künftige Nutzung des Einsturzgeländes wird unter breiter Beteiligung der Kölner Bürger diskutiert und entschieden werden. Das Planungsdezernat der Stadt Köln hat dazu eine erweiterte Bürgerbeteiligung entwickelt. Bereits im April 2011 fand dazu die erste öffentliche Informationsveranstaltung in der Piazzetta des Historischen Rathauses statt.

Zu den städtebaulichen Aspekten und Anforderungen, die an die Flächen des ehemaligen Archivs gestellt werden, gehören:

  1. die dringend benötigte Erweiterung der Kaiserin-Augusta-Schule am Georgsplatz
  2. die Schaffung eines Verbindungswegs zwischen Kaiserin-Augusta-Schule, Severinstraße und Friedrich-Wilhelm-Gymnasium.
  3. Auswahl des Ortes und die Gestaltung des Gedenkens
  4. Schließung der städtebaulichen Lücke an der Severinstraße mit der Möglichkeit, im Erdgeschoss Räume für publikumswirksame Nutzungen zu schaffen.

Rechtsverfahren und Schadenssumme

Die Stadt Köln geht von einer Gesamtschadenssumme für die Stadt Köln von mindestens 1 Milliarde Euro aus.

Zur Wahrung ihrer Rechte ist die Stadt Köln nach dem Unglück dem von der KVB unmittelbar gegen die Arbeitsgemeinschaft Nord-Süd Stadtbahn Köln Los Süd eingeleiteten selbständigen Beweisverfahren (Aktenzeichen 5 OH 1/10) vor dem Landgericht Köln als (Mit-) Antragstellerin beigetreten. Im Rahmen dieses Verfahrens erhebt das Gericht Beweis über folgende Fragen:

  1. Was ist die Ursache für den Einsturz?
  2. Hätte sich das Unglück vermeiden lassen und wenn ja, durch welche Maßnahmen?
  3. Liegt ein Verstoß gegen die anerkannten Regeln der Technik vor?

Zur Sicherung der finanziellen Ansprüche der Stadt Köln hat die Stadt Köln außerdem die Einleitung eines weiteren separaten selbständigen gerichtlichen Beweisverfahrens zur Schadenshöhe gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen (zunächst die ARGE Nord-Süd Stadtbahn Köln Los Süd mit ihren ARGE-Partnern) eingeleitet.

Da neben der Stadt Köln und der KVB auch noch zahlreiche Leihgeber durch den Einsturz geschädigt worden sind, hat die Stadt Köln allen Leihgebern des Historischen Archivs angeboten, ihre Schadensersatzansprüche an die Stadt Köln abzutreten. Die meisten Leihgeber haben hiervon Gebrauch gemacht, so dass auch deren Schadensersatzansprüche Gegenstand der beiden gerichtlichen Beweisverfahren sind und damit die Feststellungen der Gutachter auch für die Leihgeber Gültigkeit haben.

Lagerungsdichten des Bodens vor Verdachtsflächen (Fugen) der östlichen Schlitzwand [PDF, 355 KB]

Quelle: Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Inge Schürmann, Pressemitteilung, 24.2.2014