Flut-Katastrophe legt altes Nazi-Versteck in Hagen frei

Zuvor bereits Fundstücke aus der Zeit des Kriegsendes wiederentdeckt.

Das Hochwasser in NRW hatte katastrophale Auswirkungen auch auf die Stadt Hagen. In Hagen-Eckesey brachte die Flut ein „geheimes Nazi-Geheimversteck“ zur Vorschein, wie Der Westen in dramatisierender Tautologie aus einem Artikel der Westfalenpost berichtet. Die Funde seien nach dem Hochwasser in NRW in einer aufgeweichten Rigipswand gefunden worden.


Abb.: RTL-Filmbericht (nach Werbung): „Spektakulärer Fund in Hagen: Hochwasser spült geheime Nazi-Dokumente frei“

Ein mittlerweile nicht mehr funktionstüchtiger „Revolver, Schlagringe, penible Dokumentationen über den Stand von Schwangerschaften der Frauen im Stadtteil, noch originalverpackte Gasmasken oder Protokolle über Lebensmittelrationierungen sowie Briefe von und zur Front“ seien im Zuge der Aufräumarbeiten gefunden worden. Die Gegenstände waren offenbar seit Ende des Zweiten Weltkrieges dort versteckt gewesen. Ein Geschichtslehrer entdeckte nun die Utensilien, die vermutlich vor den im April 1945 auf Hagen vorrückenden US-amerikanischen Truppen versteckt worden sind. Die Fundstücke wurden dem Stadtarchiv Hagen übergeben.


Abb.: Luftaufnahme der Stadt Hagen am Tag nach dem britischen Luftangriff vom 15. März 1945 (Foto: Stadtarchiv Hagen)

Mitte März 1945 war die südwestfälische Großstadt Hagen von einem letzten britischen Luftangriff getroffen worden. Das Bombardement forderte fast 700 Tote. Große Teile der Innenstadt und der angrenzenden Stadtviertel lagen in Trümmern. Ein halbes Jahr später wird bei Aufräumarbeiten vor dem Bunker in der Körnerstraße eine Taschenuhr bei einer männlichen Leiche gefunden, stehengeblieben am 15. März 1945 um 20.32 Uhr. Die Geschichte hinter der Uhr entdeckt das Stadtarchiv Hagen erst 75 Jahre später.


Abb.: Die Taschenuhr wurde bei Aufräumarbeiten vor dem Bunker in der Körnerstraße in der Tasche einer unbekannten, männlichen Leiche gefunden, stehengeblieben am 15. März 1945 um 20.32 Uhr (Foto: Peter Fröhlich, Landesarchiv NRW)

Bei Recherchen in den Akten der Hagener Polizei im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen – Abteilung Westfalen in Münster im Oktober 2020 sichtete das Team des Hagener Stadtarchivs auch Akten, die sich mit der Bergung der Opfer des Luftangriffs am 15. März 1945 befassten. „In den Akten fanden wir einen Umschlag mit einer Taschenuhr, die bei einer getöteten Person, vermutlich ein Wehrmachtssoldat, auf dem Vorplatz des Bunkers in der Körnerstraße geborgen wurde. Die Uhr blieb um 20.32 Uhr stehen und konserviert den Zeitpunkt des britischen Luftangriffs sowie den Tod seines Besitzers“, erklärt Dr. Ralf Blank, Historiker und Leiter des Stadtarchivs Hagen. Der unbekannte Soldat gehörte vermutlich zu den Schutzsuchenden, die sich vor dem Hochbunker gedrängt hatten, um noch eingelassen zu werden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Bunkerbereich aufgeräumt und von Trümmern befreit. Dabei wurde am 7. September 1945 der unter Schutt begrabene Soldat entdeckt, in der Tasche die stehengebliebene Uhr mit einem Gehäuse aus Edelstahl. Diese war großer Hitze ausgesetzt – das Deckglas fehlt, die Oberfläche ist korrodiert. Zudem fehlt der Sekundenzeiger. Im oberen Teil ist noch eine Inschrift zu erkennen, die auf die Kienzle Uhrenfabrik AG verweist. Die Uhr stammt aus den 1930er Jahren und besaß ursprünglich ein helles Ziffernblatt mit einem umlaufenden, vergoldeten Ring sowie vergoldeten Zeigern.

Nach der Bergung der unbekannten Person wurde die Taschenuhr in die Vermisstenakte gelegt und blieb vorerst im Bestand des Polizeipräsidiums Hagen im Landesarchiv NRW in Münster. Obwohl die Kriminalpolizei bis in die 1970er Jahre immer wieder zu Anfragen nach vermissten Personen des Luftangriffs ermittelte, konnte die Identität des Soldaten auch anhand der Taschenuhr bis heute nicht geklärt werden. – Die Uhr befindet sich mittlerweile als Dauerleihgabe des Landesarchivs im Besitz der Stadt Hagen und ist ab 2022 im Stadtmuseum Hagen zu sehen.

Einen Monat nach dem britischen Luftangriff eroberten US-Truppen die Stadt und die heute zu Hagen gehörenden Gemeinden. Die Bevölkerung geriet zwischen die Fronten, über 150 Menschen Zivilisten und Soldaten fanden während der Kämpfe um den 15. April 1945 meist durch Artilleriebeschuss den Tod. Im Hagener Stadtgebiet deckten die Alliierten zahlreiche durch die Geheime Staatspolizei in den letzten Kriegswochen begangene Kriegsverbrechen auf.

Kontakt:
Stadtarchiv Hagen
Eilper Straße 132 – 136
WBH-Campus
Gebäude D („Archivturm“)
58091 Hagen
Telefon: +49 (0) 2331/207-3339 o. -3050
Telefax: +49 (0) 2331/207-2447
stadtarchiv@stadt-hagen.de

Quelle: WP, 30.7.2021; Der Westen, 3.8.2021; Klartext-Verlag, Publikationshinweis, 2020; Stadt Hagen, Pressemitteilung, 13.7.2021; RTL.de, News und Stories, 5.8.2021

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