Bad Mergentheim digitalisiert mit neuem Archivscanner

Im Frühjahr 2021 erhielten das Stadtarchiv Bad Mergentheim und die Stadtbücherei Bad Mergentheim zusammen fast 44.000 Euro Fördermittel aus dem Neustart KulturBundesprogramm „WissensWandel“. Das Geld floss in Digitalprojekte: Tablets für die Stadtbücherei, und das Stadtarchiv konnte insbesondere die Anschaffung eines Archivscanners betreiben. Die Anschaffungen hatte die Stadt Bad Mergentheim (Main-Tauber-Kreis) bereits im laufenden Haushalt eingeplant. Aufgrund der Förderung durch den Bund kann sie das Geld anders verwenden.


Abb.: Bad Mergentheims Oberbürgermeister Udo Glatthaar (re.) und Fachbereichsleiter Kersten Hahn (li.) gratulieren Denise Amann (stv. Bücherei-Leiterin) und Stadtarchivar Alexander Ploebsch im gemeinsamen Innenhof beider Einrichtungen zum Fördererfolg. „Die Anerkennung und Unterstützung durch die Bundesregierung freut mich sehr, weil damit auch die gute Digital-Arbeit in unseren Einrichtungen gewürdigt und unterstrichen wird“, sagt Udo Glatthaar. Vor allem gehe damit ein Mehrwert bei den Diensten und Serviceleistungen der Stadt für ihre Bürgerschaft einher. Kersten Hahn lobt die sorgfältige Antragstellung und Vorbereitung, denn dies sei die Grundlage für den Förder-Höchstsatz von rund 90 Prozent gewesen. (Foto: Stadt Bad Mergentheim)

Hinter dem Projekt Archivscanner verbirgt sich ein wichtiger Beitrag zur Digitalisierung, Professionalisierung und Barrierefreiheit der städtischen Einrichtung. Ein solches Gerät, das mit eigenem Rechner verbunden ist, kann auch große historische Dokumente einlesen, außerdem beispielsweise Glasplatten oder Dias. „Damit wollen wir den vielen Forschenden in unserer Stadt einen einfachen Zugriff auf gebundene, konservatorisch gefährdete und großformatige Archivalien ermöglichen“, erläutert Stadtarchivar Alexander Ploebsch.


Abb.: Der Bad Mergentheimer Stadtarchivar Alexander Ploebsch erfasst eine historische Urkunde mit dem neuen Archivscanner (Foto: Stadt Bad Mergentheim)

Die raumgreifende Anlage des Archivscanners verfügt über dimmbare Leuchtkörper, millimetergenau höhenverstellbare und magnetische Ablageflächen sowie eine hochauflösende Kameralinse. Angeschlossen ist ein PC mit zwei Bildschirmen. Über ein Fußpedal lässt sich der Erfassungs- und Scanprozess auslösen, mit einer Software kann der Scan direkt nachbearbeitet und in verschiedenen Dateiformaten abgespeichert werden.

Während der Corona-Pandemie sei beim Stadtarchiv häufiger nachgefragt worden, ob man historische Dokumente digital zur Verfügung stellen könne. Daher stellte der Archivscanner einen großen Fortschritt dar, um die Bestände „schnell, einfach und schonend“ zu digitalisieren, erläutert Stadtarchivar Ploebsch, der erst seit 1.10.2020 als Nachfolger der in den Ruhestand getretenen Christine Schmidt im Amt ist. Wo bislang im Stadtarchiv maximal bis zum Format DIN A3 auf konventionelle und das Archivgut nicht sonderlich schonende Art digitalisiert worden ist, können mit der neuen Scan-Anlage nunmehr unterschiedliche Objekte und Bücher, Akten und Urkunden, Dias und Negative bis zum Format DIN A0 erfasst werden. Zunächst aber soll die Postkartensammlung digitalisiert werden, anschließend die Glasplatten-Sammlung. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen anschließend über verschiedene Plattformen der Online-Recherche von der professionalisierten Digitalisierung im Stadtarchiv Bad Mergentheim profitieren.

Kontakt:
Stadtarchiv Bad Mergentheim
Stadtarchivar Alexander Ploebsch
Kulturforum
Hans-Heinrich-Ehrler-Platz 35
97980 Bad Mergentheim
Telefon: 07931 574705
Alexander.Ploebsch@bad-mergentheim.de

Quelle: Wochenzeitung BlickLokal, 7.5.2021; SWR, Bad Mergentheim, 3.5.2021; Fränkische Nachrichten, 4.5.2021; Fränkische Nachrichten, 18.6.2021; Fränkische Nachrichten, 14.10.2020

Neue Publikation zum Aschaffenburger Altstadtfriedhof

Der Altstadtfriedhof ist heute der älteste Friedhof Aschaffenburgs, auf dem noch Beisetzungen stattfinden. Dichter und Wissenschaftler, Bürgermeister und Soldaten, Priester und einfache Bürgerinnen und Bürger – sie alle haben hier in den letzten knapp 200 Jahren ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wie kaum anderer Ort in Aschaffenburg ist er ein „biographisches“ Zeugnis der Stadtgeschichte. Eine neue, umfangreich bebilderte Publikation des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg bietet die Möglichkeit, einen historischen Spaziergang über den Friedhof zu unternehmen.


Abb.: Altstadtfriedhof, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter (Foto: Monika Spatz)

Die Autorin und Stadtführerin Monika Spatz hat in akribischer Arbeit Kurzbiographien zu zahlreichen Persönlichkeiten und Familien erstellt; ebenso finden sich aber auch Informationen zu Gräbern von verunglückten oder gefallenen Soldaten, Kriegsgefangenen und zu Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg. Das Buch ist alphabetisch geordnet, bietet aber auch die Möglichkeit eines gezielten Rundgangs über den Altstadtfriedhof – ein Friedhofsplan hilft bei der Orientierung.

„Auf den alten Grabsteinen findet man ganze Stammbäume, man lernt Familiengeschichten und bewegende Einzelschicksale von Menschen kennen, die fern ihrer Heimat gestorben sind. Letztlich ist der Rundgang in Buchform auch ein Aschaffenburger Beitrag zum Immateriellen Kulturerbe der Friedhofskultur in Deutschland – auf Empfehlung der deutschen UNESCO-Kommission war vor eineinhalb Jahren die Aufnahme der Friedhofskultur in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes beschlossen worden“, führt der für das Stadt- und Stiftsarchiv zuständige Referent, Bürgermeister Eric Leiderer, aus.

Die neue Publikation von Monika Spatz ersetzt die vergriffene frühere Publikation der Stadtführerin zum Altstadtfriedhof aus dem Jahr 2009. Für die Neubearbeitung sind die Beiträge überarbeitet und erweitert worden. Mitglieder des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg erhalten das Buch als Jahresgabe kostenfrei. Der Kaufpreis im Buchhandel bzw. direkt beim Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg beträgt 12 Euro.

Info:
Monika Spatz, Steine erzählen Geschichte. Ein Rundgang über den Altstadtfriedhof in Aschaffenburg, Aschaffenburg 2021 (Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, Beihefte, 9). 100 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-922355-41-0. Preis: 12€.

Kontakt:
Stadt- und Stiftsarchiv
der Stadt Aschaffenburg
Wermbachstraße 15
63739 Aschaffenburg
Telefon: +49 6021 4561050
stadtarchiv@aschaffenburg.de
https://stadtarchiv-aschaffenburg.de

Als das Staatsarchiv Amberg noch königlich war

Auf Vermittlung eines langjährigen Benutzers bekam das Staatsarchiv Amberg aus privater Hand ein Emailleschild mit der Aufschrift „Kgl. Kreisarchiv der Oberpfalz“ (Format 15 x 21 cm) geschenkt, das seit 1875 (oder später) am ehemaligen Archivstandort in der Amberger Altstadt als Behördenschild gedient haben dürfte.


Abb.: Behördenschild aus Emaille, im Gebrauch zwischen 1875 und 1910 (Foto: Maria Rita Sagstetter)

Als das Staatsarchiv Amberg sich noch „Kgl. Kreisarchiv der Oberpfalz“ nannte, befand es sich in einem Gebäudekomplex in der Regierungsstraße, der heute vom Landgericht Amberg genutzt wird. Historischer Kern der Anlage ist die unter Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz im Renaissancestil erbaute Regierungskanzlei, die 1547 bezogen werden konnte. Wegen zusätzlichen Raumbedarfs wurden um 1600 zwei angrenzende Privatgebäude gekauft und zu einem „Archivum“ ausgebaut. Seit Ende des 18. Jahrhunderts diente zusätzlich das benachbarte Rentmeisterhaus der Lagerung von Archivgut. 1910 konnte das Amberger Archiv am heutigen Standort in der Archivstraße einen für archivische Zwecke errichteten Neubau beziehen, der in allen Funktionsbereichen eine erhebliche Verbesserung bedeutete.


Abb.: Eingang des 1910 bezogenen Neubaus des Staatsarchivs Amberg (Foto: Peter Litvai, Atelier für Fotografie Landshut)

Nach dem Auszug des Archivs scheint die Emailletafel am bisherigen Standort zurückgeblieben zu sein, da den Eingang zum neuen Gebäude neben dem Wappen des Königreichs als Supraporte auch ein neues Behördenschild zierte. Vermutlich erschien dem Hausmeister oder einem Handwerker das gebrauchte Schild zum Wegwerfen zu schade, weshalb es die Zeiten in Privatbesitz überdauert und schließlich mehr als 100 Jahre später in das Eigentum des Archivs zurückgelangte.

Die alte Bezeichnung „Kreisarchiv“ wurde nach dem Ende der Monarchie durch Verordnung vom 16. Juli 1921 in „Bayerisches Staatsarchiv“ geändert. Seit 1970 lautet der offizielle Behördenname „Staatsarchiv Amberg“.

Kontakt:
Staatsarchiv Amberg
Archivstr. 3
92224 Amberg
Tel. 09621/307911
Fax 09621/307907
poststelle@staam.bayern.de

Quelle: Dr. Maria Rita Sagstetter: Fundstücke aus dem Staatsarchiv Amberg, 13.7.2021

Plakatsammlung zum Fränkischen Volksfest im Stadtarchiv Crailsheim

Eines vermissen die Crailsheimer in diesen Tagen besonders: Das freundliche Winken des „Eilooders“ zum Fränkischen Volksfest. Seit 1951 ist er Symbol der „Fünften Jahreszeit“ in Crailsheim: Damals hatte der Volksfestausschuss einen Wettbewerb für ein Plakat ausgelobt.


Abb.: Im Jahr 1951 von Gottlieb Rettenmaier aus der Taufe gehoben und seither nicht mehr wegzudenken: Dem „Eilooder“ gelang es laut HT-Redakteur Albert Gscheidle schon damals, die Volksfestbesucher „in einen Hexenkessel der heiteren Verirrung zu stürzen“ (Foto: Stadtarchiv Crailsheim).

Fünf Künstler reichten Entwürfe ein, und „nach mancherlei Beratungen und Erwägungen“ – wie es in einem Bericht des Hohenloher Tagblatts vom 15. August 1951 heißt, wählte der Ausschuss den Entwurf des aus Crailsheim stammenden und in Lindau tätigen Künstlers Gottlob Rettenmaier (1901-1983) aus. Seither ist der „fröhliche Franke“ in historischer Tracht mit Regenschirm und Dreispitz das Bildsymbol des Festes schlechthin – nicht nur auf Plakaten, sondern auch auf Festprogrammen und -karten, auf Zugfahrplänen, als Ansteckpin und auf T-Shirts. Seit 1963 grüßt er monumental über einem Torbogen am Eingang zum Volksfestplatz – und seit einigen Jahren auch in Form von Tattoos an delikaten Stellen.

Der Plakatwettbewerb wurde 1951 ausgelobt, weil damals ein Doppeljubiläum gefeiert wurde: 110 Jahre Landwirtschaftliches Bezirksfest, das unter Einbeziehung von Handel und Gewerbe seit 50 Jahren unter der Regie der Stadt Crailsheim als Fränkisches Volksfest gefeiert wurde. Das heißt, die ersten Jahrzehnte wurde das ursprünglich rein landwirtschaftliche Fest noch ohne den einladenden Jungbauern begangen. Die vorherigen Plakate lockten die Feierwilligen mit ganz unterschiedlichem Layout. Sie zeigten scherenschnittartig die Stadtsilhouette und brachten Feststimmung mit Ansichten von Riesenrad und bunten Ballonen.


Abb.: Das älteste erhaltene datierte Plakat (links) stammt aus dem Jahr 1925. – Im Jahr 1949 versprachen bunte Ballone Unbeschwertheit und Vergnügen (Mitte). Die fehlenden Hauben auf den Türmen des Rathauses und der Liebfrauenkapelle erinnerten jedoch noch an die schwere Zeit des Krieges. Rechts: Dieser gemütliche Dickbauch wurde ebenfalls zum Plakat-Wettbewerb eingereicht. Er war im Jahr 1953 das Plakatmotiv, konnte sich jedoch letztlich nicht gegen den „Eilooder“ durchsetzen (Fotos: Stadtarchiv Crailsheim)

Die Volksfestplakate der letzten 100 Jahre haben Eingang gefunden in die Plakatesammlung des Stadtarchivs Crailsheim, wo sie unter der Signatur P 3 kürzlich verzeichnet wurden. Das erste datierte Plakat stammt aus dem Jahr 1925. Vermutlich noch älter ist jedoch ein nicht näher bezeichnetes Plakat: Es zeigt eine Ansicht der Stadt von der Jagst her gesehen, mit Rathausturm und Liebfrauenkapelle, die hinter den Resten der Stadtmauer und der engen Bebauung aufragen. Unter der Darstellung ist die Beischrift zu sehen: „Crailsheim / Großes Fränkisches Volksfest im September“. Im Bildfeld ist oben das Wappen der Stadt mit den drei Krailen und unten rechts – natürlich – ein Horaff platziert. Ein aus gegenständigen Horaffen gebildetes Bandornament umgibt die bildliche Darstellung. Unterzeichnet ist das Blatt mit dem Namen der Druckerei, der Lithographischen Anstalt Max Seeger in Stuttgart, und mit dem Namen „Stierle“. Der Entwerfer ist aufgrund seiner Signatur mit Heiner bzw. Heinrich Stierle zu identifizieren. Stierle wurde 1879 in Stuttgart geboren und war als Maler tätig. Seine impressionistischen Gemälde werden von Zeit zu Zeit auf Kunstauktionen angeboten.

Aus der Tatsache, dass das bunte Treiben „Fränkisches Volksfest“ genannt wird, ist ersichtlich, dass das Plakat frühestens 1901 entstanden sein kann, als das Fest in städtische Verwaltung überging. Stadtschultheiß Hugo Sachs hielt damals, am 24. September 1901, die erste Rede eines Crailsheimer Bürgermeisters zur Eröffnung des Festes. Er erklärte, dass der bisherige Organisator, der Landwirtschaftliche Bezirksverein, das Abhalten des Festes nicht mehr alleine stemmen konnte – und dass daraus jedoch keinesfalls eine Entfremdung zwischen Stadt und Land abzulesen sei, wie böse Zungen behaupteten: „Nichts Lächerliches als das! Glauben Sie denn, daß vielleicht das bösartige Geschwätze einzelner, oder daß die üble Laune eines Zeitungsschreibers oder daß gar die Folgen politischer Wahlen und andere Dinge geeignet sind, eine seit Jahrhunderten bestehende, zur Existenz beider Teile notwendige Freundschaft zwischen Stadt und Land zu trüben und das Band unwandelbarer Treue zu lockern oder zu zerreißen? Nein, niemals!“ Eine gute Ernte bringe gute Geschäfte, Stadt und Land gehörten daher unmittelbar zusammen, so das Stadtoberhaupt. Diese Haltung kam wohl 50 Jahre später zum Tragen, als der „Eilooder“, der fränkische Bauersmann im Sonntagsstaat, erfunden wurde und seither als Festbesucher vor Ansichten der Stadt und des Rummelplatzes präsentiert wird.

Das also seit 1901 von der Stadt Crailsheim unter der Bezeichnung „Fränkisches Volksfest“ durchgeführte Volks- und Heimatfest war im Jahre 1841 von Wilhelm I. von Württemberg (1781-1864) anlässlich seines Silbernen Krönungsjubiläums als „Landwirtschaftliches Bezirksfest zur Hebung und Förderung der Landwirtschaft im fränkisch-hohenlohischen Raum“ gestiftet. Träger des Festes war ursprünglich der damals gegründete Landwirtschaftliche Bezirksverein Crailsheim. Neben allerlei Belustigungen waren Tier- und Obstprämierungen und die Festzüge Hauptbestandteile des Festes. Das Fränkische Volksfest wird traditionell an einem Wochenende im September gefeiert; in den Jahren 2020 und 2021 fand das Volksfest aufgrund der Corona-Pandemie jedoch nicht statt.

Die Stadt Crailsheim hofft darauf, das Fränkische Volksfest im September 2022 wieder im üblichen Umfang durchführen zu können. Dann könnte womöglich auch wieder der „Eilooder“ seines Amtes walten und die Bevölkerung zu den Veranstaltungstagen einladen. Crailsheim hatte für den Job des „Einladers“ bereits einmal ein regelrechtes Casting durchgeführt – mit folgendem Stellen- und Personenprofil: Der „Eilooder“ ist rank, schnittig mit Konfektionsgröße 48/50 für das Eilooder-Kostüm. Er weiß, wie man das Leben genießen kann. Er kann begeistern und Feste feiern, wie sie fallen. Dazu kennt und liebt er Craalse und ist des Hohenlohischen mächtig.

Kontakt:
Stadtarchiv Crailsheim
Marktplatz 1 (Gebäude: Arkadenbau)
74564 Crailsheim
Tel.: 07951 / 403-1290
www.stadtarchiv-crailsheim.de

Quelle: Dr. Helga Steiger, Archivale des Monats, September 2021; Art.: Fränkisches Volksfest, in: Wikipedia, 17.4.2021; www.fraenkisches-volksfest-crailsheim.de; Amtsblatt der Großen Kreisstadt Crailsheim, 49. Jg., Nr. 17, 28.4.2016

Stadtarchiv Leipzig entdeckt Teil einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert

Der Sensationsfund schlummerte in den eigenen Beständen: Im Stadtarchiv Leipzig ist überraschend eine rund 1.100 Jahre alte Handschrift entdeckt worden, das mit Abstand älteste Dokument vor Ort. Oberbürgermeister Burkhard Jung und Archivdirektor Dr. Michael Ruprecht haben das Pergament jetzt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.


Abb.: Drei Männer in Anzügen beugen sich über ein Buch, alle drei tragen weiße Schutzhandschuhe
Bestaunen den Sensationsfund: Dr. Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums, Oberbürgermeister Burkhard Jung und Archivdirektor Dr. Michael Ruprecht (Foto: Stadt Leipzig/ Denise Dörries)

Die Handschrift bildete den Schutzumschlag eines städtischen Leichenbuches aus der Zeit von 1639 bis 1642 – das wertvolle Innenleben des Einbands wurde erst jetzt von Dr. Christoph Mackert, dem Leiter des Handschriftenzentrums der Universitätsbibliothek Leipzig, aufgespürt. In den Beständen des Leipziger Stadtarchivs befinden sich zahlreiche Akten und Geschäftsbücher, deren Einbände aus wiederverwerteten mittelalterlichen Pergamenthandschriften gefertigt wurden. Um die wertvolle Ressource Pergament zu sparen, wurde sie früher häufig recycelt.


Abb.: Stadtarchiv Leipzig entdeckt Teil einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert (Foto: Bertram Kober/ Punctum)

Oberbürgermeister Burkhard Jung ist begeistert: „Nun ist das passiert, was ich insgeheim schon beim Umzug des Stadtarchivs vor zwei Jahren erwartet habe: ein Sensationsfund. Das zeigt, wie ungemein wichtig und fruchtbar es ist, die Quellen unseres Archivs für Wissenschaft und Forschung zugänglich zu machen.“

Dank einer kleinen Gruppe von Spezialwissenschaftlern konnte das herausragende Fragment bereits identifiziert werden. Es gehört zu einer Handschrift, die im zweiten Viertel des neunten Jahrhunderts in der Reichsabtei Fulda entstanden ist – und es ist nicht das einzige in Leipzig. Dr. Christoph Mackert führt aus: „Dieser Fund zeigt auf ganz besondere Weise Querbeziehungen zwischen den Beständen des Stadtarchivs Leipzig und der Universitätsbibliothek, denn von derselben Handschrift haben sich in der UB weitere Fragmente erhalten, die 1927 als Schenkung des Leipziger Professors Eugen Mogk eingegangen waren. Bislang wussten wir nicht, woher Mogk diese bedeutenden Stücke hatte. Nun ist klar, dass sie wohl ebenfalls in Leipzig gefunden und abgelöst wurden. Dank des neugefundenen Fragments wissen wir nun auch, wann die Handschrift aus Fulda nach Leipzig kam und dass sie dort für Einbandmaterial makuliert wurde. Alle Puzzleteile rücken plötzlich an ihren Platz.“

Nach eingehender Untersuchung durch Professor Tino Licht von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg lässt sich nun eindeutig sagen, dass alle Leipziger Fragmente aus einer Handschrift stammen, die den Genesiskommentar des bedeutenden Klerikers und Universalgelehrten Hrabanus Maurus (gestorben 856) überliefert. Dieser war Abt des Klosters, als die Handschrift in Fulda verfasst wurde. Die Bruchstücke überliefern wahrscheinlich Reste des autornahen Hausexemplars des Hrabanus-Kommentars, was sie umso kostbarer macht.


Abb.: Beispiel einer Handschrift von Hrabanus Maurus: Commentarium in epistulam ad Romanos (libb. V-VIII) — Fulda (?), Rhein- oder Maingebiet (?), Mitte bis 3. Viertel 9. Jh. (Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 8108, https://bibliotheca-laureshamensis-digital.de/view/bsb_clm8108/0005)

Archivdirektor Dr. Michael Ruprecht sagt: „Die Geschichte unserer Stadt wird durch den Fund nicht älter, aber es ist doch etwas ganz Besonderes, diese Handschrift einer der bedeutenden Persönlichkeiten der Karolingerzeit in unserem Magazin zu wissen. In den kommenden Jahren soll die Verzeichnung und Auswertung der anderen Einbandfragmente in Kooperation mit dem Handschriftenzentrum erfolgen und wir dürfen sicherlich auf weitere spannende Funde hoffen.“

Das Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig ist eine Service- und Kompetenzeinrichtung der UBL, die handschriftenbesitzende Institutionen bei der Erschließung und Digitalisierung ihrer Handschriftenbestände unterstützt. Das Leipziger Zentrum ist Teil einer bundesweiten Forschungsinfrastruktur von insgesamt sechs Handschriftenzentren, die auf Initiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgebaut wurden und jeweils für bestimmte Regionen Deutschlands zuständig sind.

Das Handschriftenzentrum der UBL betreut in erster Linie die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zusätzliche Schwer­punkte sind Projekte zu deutschsprachigen Handschriften und die Aufarbeitung der vielfach kaum bekannten Klein- und Kleinstsammlungen mittelalterlicher Handschriften.

Kontakt:
Stadtarchiv Leipzig
Straße des 18. Oktober 42
04103 Leipzig
Telefon: 0341 123-3800
Fax: 0341 123-3838
stadtarchiv@leipzig.de
https://stadtarchiv.leipzig.de

Quelle: Stadt Leipzig, News, 1.10.2021; Handschriftenzentrum der UBL

Richtfest des Stadtarchivs Meerbusch in Osterath

Im Frühjahr soll das neue Stadtarchiv Meerbusch neben dem Erwin-Heerich-Haus in Osterath-Bovert seinen Betrieb aufnehmen, am Montag, 27. September, ist das Richtfest für den Neubau gefeiert worden. Zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung und der Nachbarschaft sind der Einladung für die Feierstunde gefolgt.


Abb.: Die Arbeiten am neuen Stadtarchiv Meerbuch schreiten voran. Nun wurde das Richtfest gefeiert (Foto: Stadt Meerbusch)

In seiner Rede betonte Bürgermeister Christian Bommers die Wichtigkeit des Gebäudes, sowohl für die Kommune als auch für Bürgerinnen und Bürger. „Nicht nur, dass das Meerbuscher Stadtarchiv auch Sammlungen aus Nachlässen und Schriftstücke von Familien und Privatpersonen aufbewahrt, um möglichst viele Lebensbereiche in unserer Stadt zu dokumentieren, immer häufiger werden Archive auch bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte genutzt“, so der Bürgermeister.

Als historisches Gedächtnis habe das Archiv daher einen ganz besonderen Stellenwert in der Stadt. „Ein Archiv auf dem Grund und Boden dieser Stadt wird dem langem Atem und dem Kampf um unsere Stadt, den unsere Vorgänger vor etwas mehr als 50 Jahren ausgetragen haben, nur gerecht“, sagte Christian Bommers im Hinblick auf die langjährige juristische und politische Auseinandersetzung um das Fortbestehen Meerbuschs. „Damals war man stolz auf die Eigenständigkeit der Stadt Meerbusch und das, was man erreicht hat. Dieser Stolz um unsere Heimatstadt steht uns auch 51 Jahre später gut zu Gesicht“.

Der Neubau biete, anders als der jetzige Standort in einem Trakt der Adam-Riese-Schule in Büderich, beste Voraussetzungen um das empfindliche Archivgut auch für die kommenden Generationen zu sichern. So sorgt zum Beispiel eine klimastabile Luft in den Lagerräumen für optimale Bedingungen.

Stadtarchivar Michael Regenbrecht bereitet derweil den Umzug des Archivguts vor. „Da ist natürlich eine umfangreiche Planung nötig. Es muss zunächst geschaut werden, was alles mit umzieht. Beispielsweise sind Amtsdrucksachen mittlerweile online verfügbar. Die Dinge, die mit umziehen, müssen dann aber entsprechend schonend verpackt werden, sodass beim Transport nichts beschädigt oder verloren geht“, erklärt der Stadtarchivar.

Der bisherige Standort neben der Adam-Riese-Schule wird für weitere Klassenräume benötigt. Insgesamt entstehen im neuen Stadtarchiv auf einer Fläche von 490 Quadratmetern Platz für die Lagerung, Anlieferung, Säuberung, Sichtung und Digitalisierung neuen Archivguts, Büroräume sowie ein Besucherbereich. Auf dem begrünten Dach wird eine Photovoltaikanlage installiert. Die Fassade des quaderförmigen Baukörpers wird durch eine vorgehängte Verkleidung aus recycelbarem Aluminium gestaltet, in die der Schriftzug „Stadtarchiv“ eingearbeitet wird. 1,4 Millionen Euro soll der Neubau kosten.

Kontakt:
Stadtarchiv Meerbusch
Michael Regenbrecht
Karl-Borromäus-Straße 2a
Meerbusch-Büderich
Tel.: 02132 – 916 358
michael.regenbrecht@meerbusch.de

Quelle: Stadt Meerbusch, Nachrichten, 28.9.2021

Die Grödnerbahn in die Dolomiten

Als im frühen 20. Jahrhundert in Tirol reihum Schmalspur- und Zahnradbahnen entstanden, die Passagiere zuverlässig und schnell von Zentralräumen in Täler und auf Berge brachten, lag es nahe, auch die Dolomiten auf diesem Weg verkehrstechnisch besser zu erschließen.


Abb.: Bahnhof St. Ulrich km 20,0 bahnaufwärts mit Sellagruppe, 1914/18 (K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle – Wien)

Da von einer solchen Stichbahn entscheidende Impulse für die Ankurbelung des Fremdenverkehrs zu erwarten waren, entbrannte um die Trassenführung ein jahrelanger Streit zwischen Bozen, Brixen und verschiedenen Gemeinden des Eisacktals. Die Grödner etwa wollten eine Trasse, die das Tal auf dem kürzesten Weg an die Brennerbahn anbinden sollte, um nicht nur Touristen ins Tal zu bringen, sondern auch die Produkte der lokalen Holzschnitzwerkstätten direkt exportieren zu können.

Von 1906 bis 1915 währte das Tauziehen um die Trassenführung und Finanzierung der Bahn, mit dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 ging dann alles ganz schnell: Im September 1915 begannen die Bauarbeiten an der Grödnerbahn und in nur fünf Monaten errichteten zehntausend Arbeiter, darunter etwa sechstausend russische Kriegsgefangene, unter teils unmenschlichen Bedingungen die gesamte Infrastruktur, die nun vor allem als militärische Nachschublinie für die Dolomitenfront dienen sollte.

Bereits am 6. Februar 1916 fuhr so das erste „Bahnl“ von Klausen bis nach Plan bei Wolkenstein. Kriegsbedingt waren viele Viadukte zunächst noch in Holz errichtet worden und wurden erst sukzessive durch Steinbauten ersetzt. Nach Kriegsende diente die Bahn wieder zivilen Zwecken.


Abb.: Der Hobbyfotograf Mario Geat schoss im Herbst 1938 ein Foto der Bahn an der Haltestelle in Lajen, wo gerade einheimische Fahrgäste zusteigen (Südtiroler Landesarchiv, Bildarchiv Mario und Benjamin Geat, Nr. 426).

Der Grödnerbahn war kein langes Leben beschieden, sie teilte das Schicksal vieler anderer Lokalbahnen: Als der Automobilverkehr auf der Grödner Straße zunehmend überhandnahm, wurde die Bahn 1960 endgültig stillgelegt.

Kontakt:
Südtiroler Landesarchiv
Armando-Diaz-Straße 8/B
39100 Bozen
Italien
Tel. +39 0471 411940
Fax +39 0471 411959
landesarchiv@provinz.bz.it

Quelle: Südtiroler Landesarchiv, Archivale des Monats September 2021, 3.9.2021

Die Bestrafung der Anna Maria Grustin im Jahr 1755

Urteil über die uneheliche Schwangerschaft einer „Dirnin“ in Weil der Stadt.

Nachdem das Stadtarchiv Weil der Stadt im August 2021 das Skortationsprotokoll über das Verhör der unehelichen Schwangerschaft der Anna Maria Grustin als Archivale des Monats vorgestellt hatte, widmet es sich in der Präsentation der Archivale des Monats September 2021 der Verhandlung des Falles bzw. der Verhängung der Strafe durch den Rat der Stadt Weil der Stadt. Diese Informationen finden sich im Ratsprotokoll der Stadt Weil der Stadt aus dem Jahre 1755:


Abb.: Ratsprotokoll aus dem Jahr 1755 (Bestand WB – Bände Weil der Stadt, S. 268f.): Eine Transkription dieser beiden Seiten sowie der Seite 270 aus dem Protokollbuch findet sich hier.

Der Fall der unehelichen Schwangerschaft wurde dem Rat der Stadt Weil in der Sitzung vom 6. Juni 1755 vorgestellt, der Rat verwies auf weitere Ermittlungen, die notwendig seien. Diese wurden dann durch den Stadtschultheiß sowie den Syndicus durchgeführt – deren Untersuchungen und Befragungen sind im „Skortationsprotokoll“ vom 10. Juni 1755 beschrieben.

Anschließend wurde der Fall nach erfolgreicher Ermittlung wieder dem Rat vorgetragen, und zwar ebenfalls am 10. Juni 1755. Folglich wurde also die Anna Maria Grust nebst den weiteren Zeugen zunächst von Stadtschultheiß und Syndicus verhört, ehe sie vor die – vermutlich zeitlich versetzt stattfindende – Ratsversammlung gebracht und dort wiederum befragt wurde.

Am 14. Juni schließlich wurde – nachdem sie ebenfalls am 14. Juni nochmal eingehend befragt und nun wohl endgültig den Joseph Kohlhafer als Vater angegeben hatte – der Fall nochmals in der Ratssitzung ausgebreitet sowie die Strafe verhängt: Anna Maria Grust musste sich vor dem sonntäglichen Gottesdienst mit einem Strohkranz sowie einer Tafel mit der Aufschrift „Strafe der Dirnin Anna Maria Grustin, die sich in Unzucht mit einem Ehemann vergangen“ neben dem Eingang zur Kirche aufstellen. Anschließend wurde sie auf zehn Jahre aus der Stadt verwiesen.

Die große Bedeutung und der immense Aufwand zur Ermittlung des Ehebruchs ist aus heutiger Sicht nur schwer verständlich bzw. nicht nachvollziehbar. In der damaligen Zeit jedoch hingen mit der Institution der Ehe auch handfeste wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen zusammen, wie das Bürgerrecht oder auch die Armenfürsorge durch öffentliche oder kirchliche Einrichtungen. In der streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft früherer Jahrhunderte kamen der Ehe, dem Ehebruch und den unehelichen Schwangerschaften daher große Bedeutung zu, dies mit zum Teil fatalen Folgen für die betroffenen Frauen.

Über den anscheinend verheirateten und nun in den Augen des Rats als Kindsvater feststehenden Joseph Kohlhafer wird in Zusammenhang mit dem Fall der „Dirnin“ Anna Maria Grustin hingegen nichts weiter berichtet.

Kontakt:
Stadtarchiv Weil der Stadt
Stadtarchivar Mathias Graner
Kapuzinerberg 1
71263 Weil der Stadt
Tel.: 07033 309188
Fax: 07033 309190
stadtarchiv@weilderstadt.de

Quelle: Weil der Stadt, Archivale des Monats September 2021, 19.8.2021

Hessische Kleidung aus sechs Jahrhunderten

Mode, Lifestyle und Archiv? Das ist kein Widerspruch! Denn die Lebenswirklichkeit zurückliegender Epochen findet ihren kontinuierlichen Niederschlag auch in den Schrift- und Bildzeugnissen, die im Hessischen Landesarchiv aufbewahrt werden. Damit wird auch die Mode vergangener Tage dokumentiert.


Abb.: Kleidung beim hessischen Lehensdienst, 1498 (Foto: Hessisches Landesarchiv)

Das kann ganz haptisch durch Stoffproben geschehen. Aber auch Modezeichnungen sind seit dem ausgehenden Mittelalter überliefert. Hinzu kommen Kleiderinventare, Werbung, Kleidungsordnungen und Kleidervorschriften und natürlich ein umfangreicher Schriftverkehr über das Anfertigen und Tragen von Kleidung. Zudem werden einzelne Kleidungsstücke aus den Sammlungsbeständen der Archive gezeigt.

Die am 21.9.2021 eröffnete Ausstellung „Lifestyle im Archiv – Hessische Kleidung aus sechs Jahrhunderten“ mit Objekten aus den verschiedenen Standorten des Hessischen Landesarchivs stellt aber weder die Geschichte der Textilherstellung in Hessen noch einen Abriss der Modehistorie dar. Vielmehr wird über verschiedene Themenbereiche, die beispielsweise die Funktion von Kleiderordnungen, Uniformen, Trachten und Fastnachtskostüme in den Blick nehmen, erkundet, was die Sprache der Mode über die jeweilige Zeit aussagt.

In Marburg läuft die Ausstellung bis zum 12. März 2022. Zur Eröffnung hielt Prof. Dr. Kerstin Kraft von der Universität Paderborn einen Abendvortrag mit dem Titel: „Olle Klamotten? Über Kleidung und Mode in der Wissenschaft“.

2022 wird die Ausstellung dann auch im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden sowie im Staatsarchiv Darmstadt zu sehen sein. Zur Ausstellung ist eine begleitende Broschüre erschienen.

Info:
Ausstellung „Lifestyle im Archiv – Hessische Kleidung aus sechs Jahrhunderten“
Termin: bis 12. März 2022
Ort: Hessisches Staatsarchiv Marburg, Friedrichsplatz 15, 35037 Marburg
Öffnungszeiten: Montag-Freitag 9-17.30 Uhr
Besuchshinweis: Telefonische Voranmeldung erbeten: 06421-9250-0. Eine Registrierung vor Ort ist erforderlich (Luca-App). Derzeit ist ein Betreten des Hauses nur mit Negativnachweis (geimpft, getestet, genesen) möglich.

Quelle: Constanze Sieger, Marburg/Hessisches Landesarchiv: Ausstellung „Lifestyle im Archiv“, Sept. 2021

48 Tagebücher von Wolfram Humperdinck fürs Stadtarchiv Siegburg

Das Humperdinck-Gedenkjahr erreichte mit dem 100. Todestag des Komponisten Engelbert Humperdinck am 27.9.2021 seinen Höhepunkt. Lange im Voraus planten die Kulturschaffenden in seiner Geburtsstadt Siegburg die Veranstaltungen. Womit sie anfangs nicht rechnen konnten, war die unverhoffte Unterstützung von prominenter Seite.

Kai Diekmann, einst am Steuer der „Bild“-Zeitung und auch nach seinem Rückzug von der Chefredaktion einer der einflussreichsten Medienmacher der Republik, ist Humperdinckfreund, seit er das Strandhaus auf Usedom erwarb, in welches sich der Künstler zum Komponieren zurückzog. Der Wagner- und Bayreuthfan Diekmann las und hörte sich ein in das Oeuvre des Siegburgers, zeigte schnell Begeisterung für die Musik und begab sich auf die Pirsch nach Archivalien und Antiquitäten, die mit dem Tondichter und dessen Familie in Verbindung stehen.


Abb.: Bürgermeister Stefan Rosemann, Leihgeber Kai Diekmann, Dr. Lothar Witte, der Enkelsohn von Wolfram und Urenkel von Engelbert Humperdinck, sowie Siegburgs Stadtarchivar Jan Gerull (v.r.n.l.) mit den gesammelten Lebensaufzeichnungen. Die Übergabe fand im Rahmen einer Fachtagung im Rhein Sieg Forum statt (Foto: Stadt Siegburg).

Im März 2021 überbrachte er dem Stadtmuseum Siegburg ein Poesiealbum von Humperdincks früh verstorbener Schwester Ernestine. Darin befinden sich die Noten des Stücks „Erinnerung“, das der Meister im zarten Alter von 17 Jahren zu Papier brachte. Als Exponat bereicherte Diekmanns Fund die Ausstellung „Hokuspokus Hexenschuss – Engelbert Humperdinck nach 100 Jahren“. Es unterstreicht die frühe Schaffenskraft eindrucksvoll.


Abb.: Gläserne Hülle für guten Ton. Leihgabe in der Vitrine und für Musikfreunde in Nahaufnahme: Engelbert Humperdinck schuf die Komposition „Erinnerung“ im September 1871, kurz nach seinem 17. Geburtstag. Er widmete sie der jüngeren Schwester Ernestine, schrieb sie in ihr Poesiealbum. Zum Glück für die Nachwelt wanderte das Album nicht auf den elterlichen Speicher, der drei Jahre später, 1874, ausbrennen und das Frühwerk des Tondichters vernichten sollte (Foto: Stadt Siegburg).

Nun bereichert Diekmann die Forschung um einen weiteren Quellenbestand, den er am 25.9.2021 dem Stadtarchiv Siegburg als Dauerleihgabe übergab. Aus privater Hand, vom Nachfahren Dr. Lothar Witte, hat er das Konvolut von 48 Tagebuchjahrgängen aufgekauft. Humperdincks Sohn Wolfram hat sie geschrieben. Sie decken die Zeit 1933 bis 1983 ab.

Wolfram Humperdinck (1893-1985) war Opernregisseur und in leitender Funktion an den Theatern in Leipzig und Kiel tätig. Nach dem Krieg, während seiner Entnazifizierung, wohnte er in Siegburg, arbeitete hier den Nachlass seines Vaters auf und begann an der Biografie zu schreiben. Bis heute ist sie ein Standardwerk der Humperdinck-Forschung. Er war Oberspielleiter des Westdeutschen Landestheaters und Dozent für Opernregie an der Nordwestdeutschen Musikakademie, beides in Detmold, sowie gefragter Regisseur mit Gastspielen im In- und Ausland.

Seine Tagebücher sind, so hat ein erster kursorischer Blick gezeigt, eine wichtige Fundgrube – nicht nur für die Humperdinck-Rezeption während des Dritten Reiches und der Nachkriegsjahre, sondern ganz allgemein für das Musikleben dieser langen Epoche. Darüber hinaus geben die Bücher – und das ist von enormer lokalhistorischer Bedeutung – Einblick in die Bemühungen zum Aufbau einer Humperdinck-Sammlung und eines Museums in der Kreisstadt.

Kontakt:
Stadtarchiv Siegburg
Haufeld 22
53721 Siegburg
Telefon: +49 2241 102-339
stadtarchiv@siegburg.de

Quelle: Stadt Siegburg, Nachrichten, 27.9.2021; Stadt Siegburg: Siegburg aktuell (Newsletter), 17.3.2021

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