Spatzenjäger sind bewahrt

In Wurmbergs Gemeindearchiv sind fünf Bände voller Geschichte und Geschichten vor dem Verfall bewahrt worden. Maulwurfsfänger und Spatzenjäger im frühen 19. Jahrhundert oder der schwierige Start für die Waldenser im Heckengäu: Davon berichten schwere Archivbände, die jetzt restauriert wurden.

In den Jahren 1812 und 1813 hatten die Gemeindeoberen Neubärentals kein Herz für Maulwürfe und Spatzen. Um den Erdwühlern an den Kragen zu gehen, leistete sich die arme und unter den Lasten der napoleonischen Kriege leidende Gemeinde einen fest angestellten Maulwurfsfänger und zahlte ihm Kopfprämien. Jeder Neubärentaler hatte außerdem die Pflicht, jährlich zwölf Spatzenköpfe abzuliefern. Wer das tat, sollte eigentlich sechs Kreuzer von der Gemeinde bekommen. Doch in der alten Bürgermeisterrechnung dieser Jahre steht: „Heuer lieferten zwar alle den Ansatz, es wurde aber, wie bisher, dafür bezahlt: 0.“ Dass trotzdem eifrig Spatzen geliefert wurden, lag daran: Wer keine zwölf Köpfe brachte, zahlte zwölf Kreuzer Strafe.

Solche Geschichten aus den alten Orten finden sich in den Bänden des Wurmberger Gemeindearchivs, die seit 1715 akribisch zusammengetragen worden waren. Vermögensaufstellungen in Steuerbüchern, Aufzeichnungen über die Gemeindefinanzen oder über Grundstückshandel geben Einblick in den Alltag von früher. Eine Fundgrube für Historiker, die dieser Tage an einer Chronik Wurmbergs arbeiten.

Doch vieles aus den 40 Regalmetern voll alter Bücher und Akten war am Zerbröseln, Verschimmeln oder Zusammenbacken, Buchrücken platzten, die Buchbindung löste sich auf. Wurmberg hat mit dem Kreisarchiv des Enzkreises, das die rund 1.600 Titel voller Wurmberger Vergangenheit geordnet hat, diesen Verfall gestoppt. „Es ist wichtig, dass diese Quellen für die Nachwelt erhalten bleiben“, freute sich Bürgermeister Helmut Sickmüller über die erneuerten und konservierten Bände mit den ursprünglich schwersten Schäden, die Kreisarchivar Konstantin Huber gemeinsam mit den Restauratoren Helmut und Matthias Raum übergeben hat.

Die Experten von der Schwäbischen Alb sind mit Gas dem Schimmel zu Leibe gerückt, sie haben aus zerbröckelten Blättern wieder ganze gemacht und Bindung und Einband den alten Akten nachempfunden. Aber wie wird aus dem Fragment einer Seite wieder eine ganze? Helmut Raum spricht da von „anfasern“. Die alte Tinte wird fixiert. Dann werden die alten Blätter wie bei ihrer Produktion ins Wasser gelegt. Dabei wird ihnen die Säure entzogen, die das Papier angreift. Im Wasser wird dann das alte mit neuem Papier umgeben.

Spannende Geschichten

Wenn Konstantin Huber Fakten und Kuriositäten aus den restaurierten Bänden berichtet, sagt Matthias Raum: „Das ist unheimlich spannend zu erfahren. Wir müssen so viel an den Büchern arbeiten, dass wir sie nicht lesen können.“ Dabei steckt viel drin. Etwa im Steuer- und Messprotokoll von 1718 für Wurmberg, Neubärental und Lucerne, die Siedlung der Waldenser. Für die deutschen Bauern sind darin teils stattliche Fachwerkgebäude aufgelistet, bei den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich sprachen die Behördendagegen oft von einer „schlechten Baraque“ oder von „Erdhäußlin“.

Die Restauration ist laut Huber gelungen. Jetzt kommt es auf die Lagerung an, wie lange diese Geschichte dem Zahn der Zeit entgeht. Vorerst bleiben die Bände beim Enzkreis. Überlegungen für einen geeigneten Raum in Wurmberg seien aber schon angestellt worden. „Was man für die Vergangenheit der Gemeinde ausgibt, ist sinnvoll verwendetes Geld“, so Bürgermeister Sickmüller. Und was heißt schon knappe kommunale Kassen. Die Bürgermeisterrechnung Neubärentals weist 1813 jährliche Einnahmen von rund 394 Gulden aus. Dem standen Ausgaben von rund 660 Gulden gegenüber. 

Kontakt:
Bürgermeisteramt Wurmberg
Uhlandstraße 15
75449 Wurmberg
Fon: 07044/9449-0
Fax: 07044/9449-40
info@wurmberg.de

Kreisarchiv Enzkreis, Landratsamt
Zähringerallee 3
75177 Pforzheim
Tel.: (07231) 308423
Fax: (07231) 308837
kreisarchiv@enzkreis.de

Quelle: Pforzheimer Zeitung, 21.11.2003

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