Die Bestände des Stadtarchivs der Hansestadt Stralsund

\“Das Stralsunder Archiv hat stets einen guten Ruf gehabt\“, heißt es in einem Bericht des Jahres 1882. Wer vermag das zu glauben? Es stehen dem nämlich Aussagen entgegen, die ein anderes Bild ergeben. Da spricht Bartholomäus Sastrow, der als Protonotar für eine geordnete Kanzlei und Archiv sorgte, 1589 davon, \“wat dat vor ein Confusum chaos mit der Schriverie alhir thom Sunde gewesen\“, so daß er \“erst richtig Prothocol geholden\“. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahmen die Klagen über den Zustand des Archivs noch mehr zu. So heißt es in einem Protokoll vom 11.11.1668, daß \“einige der Cantzleyverwandten […] um die Beschaffenheit des Archivi sich wenig bekümmern noch bei Erheischung behufige Nachrichten daraus geben können\“. Die dänische Regierung als neuer Herr der Stadt, wünschte 1716 archivalische Nachrichten, doch fand man das Archiv \“so in Confusion und Unordnung, daß es nicht schlechter sein könne\“. Wenige Jahre später fiel die Charakterisierung des Archivs so aus: \“nur im Dienst ergraute Beamte können sich darin zurechtfinden.

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Abb: Das Archivgebäude (Foto: Stadtarchiv Stralsund)

Diese Zeiten sind überwunden, schaut man sich das Archiv heute an. Die Liste der im Stadtarchiv bereits bearbeiteten Bestände zeigt, dass der größte Teil des dauerhaft aufzubewahrenden Schriftgutes bearbeitet ist. Mit der Besetzung der Archivdirektorenstelle durch Herbert Ewe 1952 begann die Phase der intensiven Aufarbeitung des Aktenbestandes. Im Vordergrund stand zunächst der Zeitraum bis 1945. Aufgebaut wurde auch die zeitgeschichtliche Dokumentation. Vor allem handelte es sich hierbei um die Fotosammlung. Heute gehören mehr als 28.000 Bilder zum Bestand. Selbstverständlich hat mittlerweile die digitale Fotografie Einzug gehalten. Es sind aber auch die Plakatsammlung, das Theaterarchiv und die Druckschriftensammlung gezielt vergrößert worden. Sukzessiv kam es dann zu den ersten Übernahmen aus den unterschiedlichen Ratsbereichen. Parallel dazu wurden die Protokolle der Ratssitzungen und die der Stadtverordnetenversammlung übernommen und aufgearbeitet.
Um auf aktuelle Fragen Antworten geben zu können, begann die Erarbeitung einer Stadtchronik.

Neben den Findbüchern für die einzelnen Bestände entstand ab 1954 das so genannte \“Generalregister\“. Hierbei handelt es sich um ein in drei Bereiche geteiltes Karteikartensystem (\“Papiercomputer\“), das in Schlagworten auf geographische, sachliche und namentliche Bezüge der Einzelbestände verweist. Es begann auch die Auswertung der aktuellen Tageszeitungen und die der des 19. Jahrhunderts.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Aktenbestandes nach 1945 erfolgte für den Zeitraum 1945 bis 1970. Die zweite große Scheibe sollte von 1971 bis 1990 reichen. Doch niemand konnte wissen oder ahnen, dass es zu diesem Zeitpunkt auch eine gesellschaftliche Zäsur geben sollte. Leider waren aus den Ratsbereichen 1990 noch längst nicht alle Schriftgutübernahmen getätigt. Denn heute muss festgestellt werden, dass wohl ein nicht unerheblicher Teil des Schriftgutes bis zum Frühjahr 1990 nicht den Weg in das Stadtarchiv, sondern in den Schredder gefunden hat. Der Versuch der Verwaltungsarchivarin so viel wie möglich Schriftgut zu sichern, stieß auf freundliche Unterstützung in der neu strukturierten Verwaltung. Selbst heute noch kommt manch \“Zufallsfund\“ in das Stadtarchiv.

Bereits ab Sommer 1990 bot sich die Chance, die zur Verzeichnung anstehenden Bestände EDV-gestützt zu bearbeiten. Als Aufgabe steht aber seitdem auch, die früheren Bestände gleichfalls noch so zu erfassen. Mittlerweile ist das Verzeichnungsprogramm der \“ersten Stunde\“ abgelöst und durch das vom Uni-Archiv Greifswald entwickelte Programm \“ARIADNE\“ ersetzt worden (Portal Ariadne). Damit ist auch erreicht, dass die bisher EDV-verzeichneten Bestände im World Wide Web recherchierbar sind.

Die Sicherung der Bestände auch für zukünftige Generationen gehört zweifelsfrei zu den wichtigsten Aufgaben im Archivwesen. Deshalb sind im Stadtarchiv Stralsund gezielt Maßnahmen zur Digitalisierung ergriffen worden. So sind die Urkunden, Postkarten, der größte Teil der Bildsammlung nicht mehr im Original vorzulegen, sondern können am Bildschirm betrachtet und ausgedruckt werden. 

Das Portal des Archivs ermöglicht einen unkomplizierten Zugang zu den Beständen, auch für Anfänger in der \“PC-Welt\“. Ein Problem kann das Archivwesen natürlich nicht klären, die Haltbarkeit der Speichermedien, die Möglichkeiten der Konvertierung und sicherlich noch manch anderes Hard- und Softwareproblem. Dennoch birgt der Einsatz der Computertechnik für Mitarbeiter und Nutzer so viele Vorteile, so dass an einem sinnvollen Einsatz unbedingt festgehalten werden sollte. Blickt man allerdings in die Amtsstuben der Verwaltung, so stehen vor dem Archivwesen riesengroße Herausforderungen. Das papierlose Büro, das elektronische Siegel und vieles noch gar nicht Absehbares seien nur kurz angeführt.

Kurzum, die Aufgabe eines Kommunalarchivs war und wird sicher auch immer bleiben, das Gedächtnis einer Stadt oder eines Landkreises zu sein. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, sind alle Maßnahmen zu ergreifen, die Vielfalt der Überlieferung zu sichern, aufzuarbeiten und den Benutzern zur Verfügung zu stellen.

Mehr über das Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund ist unter der Internetadresse www.stralsund.de/freizeit/stadtarchiv/index.htm zu erfahren.

Dr. Hans-Joachim Hacker (Stadtarchiv Stralsund)

Quelle: Zeitgeschichte regional, 9. Jg. 2005, H. 1, 96f. mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

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