Forschungsband zu 350 Jahren Geschichte des Schlossplatzes in Münster

Lange war die Fläche vor der Universität Münster nach dem Mann benannt, der Hitler zum Kanzler ernannte. Zwei Jahre lang beschäftigte sich eine Historikerkommission in Münster nicht nur mit dem "Hindenburgplatz", sondern mit allen Straßennamen der Stadt und schlug elf davon zur Umbenennung vor, darunter eben auch den Hindenburgplatz vor der Uni. Es gab Diskussionsveranstaltungen, Argumente wurden gründlich ausgetauscht, der neue Name ausgiebig besprochen, Meinungsforscher ermittelten einen klaren Trend für die Umbenennung. Mitte März 2012 entschied der Münstersche Stadtrat schließlich, den Hindenburgplatz in Schlossplatz umzubenennen. Doch Konservative protestieren lautstark. Nun mischen auch Rechtsextreme in dem Streit mit – eine PR-Katastrophe, die in Münster ihresgleichen sucht, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Bereits im Februar 2012 gab der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ein Buch zu Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur heraus. Nunmehr veröffentlicht das LWL-Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen einen weiteren Band, der die aktuelle Diskussion um die Straßenumbenennungen in Münster unterfüttert:

Freies Schussfeld für Kanonen zwischen Zitadelle und Stadt, Forum für Paraden, politische Bühne für Fürstbischöfe, Könige, Kaiser, Gauleiter, Präsidenten und Kanzler, Inspirationsquelle für Skulptur-Künstler aus aller Welt, Parkplatz, Fläche für den Send und andere Events: Zur bewegten Geschichte des Schlossplatzes ist jetzt ein umfassender Forschungsband erschienen. Damit liegt zum ersten Mal eine wissenschaftliche Publikation zu 350 Jahren Planungs-, Bau- und Nutzungsgeschichte des weitläufigen Areals zwischen Altstadt und Schloss, zwischen Neutor und Gerichtsstraße vor.

Die gemeinsame Arbeit vom Stadtmuseum Münster und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ist zugleich Begleitbuch für die gleichnamige Ausstellung "350 Jahre viel Platz! Schlossplatz – Hindenburgplatz – Neuplatz" (ab 2. Oktober im Stadtmuseum). "Der 250-seitige Forschungsband passt gut in das Profil unserer Schriftenreihe über Baudenkmäler in Westfalen", erläutert Herausgeber Dr. Markus Harzenetter, Leiter des LWL-Amtes für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Mehr als zwei Jahre Forschungsarbeit liegen hinter dem Wissenschaftlerteam aus den beiden Häusern um Museumsdirektorin Dr. Barbara Rommé; die Initiative dazu kam vom früheren LWL-Chefdenkmalpfleger und Landeskonservator Prof. Dr. Eberhard Grunsky.

Zeichnungen, Kartenausschnitte, Fotografien – die früheste datiert aus 1857 – führen den Leser anschaulich durch drei Jahrhunderte. Hilfreich sind die neu erarbeiteten Pläne, die Veränderungen des zweiteiligen Platzgefüges rasch erfassen lassen. "Dieser Band ist eine Basis für weitere Forschungen und Planvorhaben in den nächsten Jahren", hofft Autor Dr. Bernd Thier vom Stadtmuseum. Rund 20 Beiträge skizzieren die historische Bedeutung der Esplanade (freies Schussfeld), beleuchten differenziert aber auch offensichtliche Mängel im heutigen Erscheinungsbild. Bernd Thier: "Besonders die Chronologien zur Nutzung des Platzes sind mit dem Aufsatz zur Platzrandbebauung als Referenzwerke zum Nachschlagen angelegt."

Gäbe es ein Ranking, wäre der Schlossplatz mit seinen 12,5 Hektar der zweitgrößte Stadtplatz in Europa (Stand vor 1939) noch vor Berühmtheiten wie Place de la Concorde (8,7) oder Petersplatz (3,5). Mehr Fläche weist mit 12,6 Hektar nur die Esplanade des Quinconces im französischen Bordeaux auf. Erst der Bau der Zitadelle 1661 unter Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen ließ den Platz vor Münsters Stadttoren als unverbautes Schussfeld entstehen. Die Esplanade, von Barockbaumeister Schlaun in zwei Plätze aufgeteilt, blieb immer unbebaut. Mit den Resten der sternförmigen Zitadelle – heute Schlossgarten – dem Residenzschloss und der grünen Promenade ein Areal mit viel Potential.

Das, so spiegeln die Aufsätze, schon immer Planer und Gestalter beflügelte. Beiträge skizzieren mit Akribie die "vielen Papier gebliebenen Projekte" aus rund 300 Jahren. Darunter: die Schifffahrtstraße zwischen Zwolle und Münster mit einem Kanalbassin am Neuplatz (1723), ein zweites Kanalprojekt vom Rhein bis zur Elbe über den Neuplatz (1862-1864) und – immer wieder – städtebauliche Ideenwettbewerbe. Dokumentiert werden auch die tatsächlich realisierten Bebauungen am Rand des Platzes.

Ebenso spannend zu lesen sind die Beiträge von Menschen und Ereignissen auf der Fläche, die als politische Bühne für die Stadt- und Landesgeschichte eine große Rolle spielte. Der ersten Huldigungsfeier anno 1661 sollten viele folgen – für Fürstbischöfe, preußische Könige wie für den deutschen Kaiser. Ob Spießrutenlaufen von Deserteuren, ob Paraden oder Massenaufmärsche: bis 1945 dominierten auf dem großen Platz militärische Nutzungen.

Selbst in der Kunst. Bis 1942 demonstrierte, nur unweit vom Schlossportal, das mächtige Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. herrschaftliche Macht. Später sollte sich das Gelände als "heimlicher Star" aller möglichen Skulptur-Projekte in Münster entwickeln. Für 17 Projekte war der Platz zwischen 1977 und 2007 Inspirationsquelle. Vier Arbeiten sind bis heute erhalten.

Während des Zweiten Weltkrieges wuchs zwischen Luftschutzgräben Getreide auf dem Paradeplatz. Nissenhütten sorgten nach dem Krieg für Notunterkünfte. 130.000 Teilnehmer feierten zuvor 1930 den Deutschen Katholikentag. Als Parkplatz und Heimat des Sends und als einen multifunktionalen Stadtraum für Kultur, Sport und Freizeit kennt man ihn heute. Auch der langwierigen Namensfindung ist ein Kapitel gewidmet. Diese beginnt nicht etwa in den letzten Jahren, sondern sie geht um viele Jahrhunderte zurück. Und sie zieht sich bis zum Bürgerentscheid am 16. September 2012.

Info:
Der Band "Schlossplatz – Hindenburgplatz – Neuplatz in Münster. 350 Jahre viel Platz". 11. Arbeitsheft, Herausgeber LWL-Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. 255 Seiten, 276 III., Tabellen, graphische Darstellungen, gegen eine Schutzgebühr (10 Euro) im Stadtmuseum Münster erhältlich.

Quelle: Stadt Münster, Pressemitteilung, 6.9.2012

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