Die Technisierung bei der Crailsheimer Feuerwehr

Vom Ledereimer zum Löschzug.

Eine der ältesten Zeichnungen in der Grafiksammlung des Stadtarchivs Crailsheim zeigt nicht etwa eine historische Stadtansicht oder eine honorige Persönlichkeit, sondern eine kuriose Gerätschaft: Auf einem Traggerüst aus roten Holzbalken und -brettern sitzt ein dekorativ verzierter Kasten. Er wird flankiert von zwei senkrechten Ständern, in denen Hubstangen befestigt sind. Diese kreuzen sich über der Mitte des Kastens und betätigen zwei dünne Eisenstangen, die in den Kasten abgesenkt werden können. Daneben ragt ein Metallrohr empor, dessen waagerecht abgewinkeltes Ende vermutlich geschwenkt werden konnte. Unter dem Kasten ist ein U-förmiges Rohr zu sehen. Offenbar handelt es sich um ein raffiniertes technisches Gerät.


Abb.: Noa Ruthardt von Biberach war ein gefragter Spezialist: Im Stadtarchiv Crailsheim hat sich sein Entwurf für eine Handdruckspritze erhalten (Bild: Stadtarchiv Crailsheim)

Aufschluss gibt eine kleine Beischrift auf der Rückseite des ehemals wie ein Brief gefalteten Blattes: „Modell von einer Waßerkunst“. Das Bild zeigt somit eine Spritze, bei der durch Betätigen der Hebel im Behälter Druck erzeugt wird und somit Wasser gespritzt werden kann. Der „Meister dieses Werkes“, Noa Ruthardt von Biberach, nennt sich stolz auf der Vorderseite. Dort sind auch die Maße des Kastens angegeben. Offenbar hatten die Crailsheimer zu Beginn des 18. Jahrhunderts genug davon, Brände mühselig mit Ledereimern zu löschen. Die Stadt interessierte sich für eine moderne Feuerspritze und holte dazu von weit her das Angebot eines Fachmannes ein. Der Preis der Spritze ist mit 140 Gulden angegeben.

Der „Technikfuchs“ Noa Ruthardt war damals wohl überregional bekannt: Eine von ihm 1733 gefertigte Handdruckspritze hat sich noch in Lienz in Österreich erhalten. Es ist bekannt, dass Ruthardt persönlich von Biberach nach Lienz reiste, um die Handhabung des Geräts zu erklären. Diese vermutlich älteste erhaltene Feuerspritze Tirols war rund 150 Jahre im Einsatz und befindet sich immer noch im Besitz der Lienzer Feuerwehr.

Ein Vergleich zeigt die Ähnlichkeit zum Entwurf im Crailsheimer Stadtarchiv: Auch hier sitzt ein Kasten auf einer Tragkonstruktion, die an den Schmalseiten die Halterungen für die Pumpstangen hält. Das Spritzrohr ragt oben aus dem Kasten heraus. Deutlich wird jedoch auch, dass zum Transport ein Wagen genutzt werden konnte. Dieser wurde in Lienz von Pferden gezogen. Die Spritze in Lienz ist ebenfalls bemalt, auf der mittigen Kartusche ist das Wappen der Adelsfamilie Wolkensteiner zu sehen, daher der Name: Wolkensteiner Spritze. Auf einem Crailsheimer Modell, wenn es wie auf der Zeichnung dargestellt gebaut worden wäre, hätten sich die drei Kraile (gestürzte schwarze Kesselhaken) des Stadtwappens sicher gut in der Wappenkartusche gemacht, die von Löwen und Blattranken umrahmt wird.

Ob diese „Wasserkunst“ jedoch tatsächlich von der Stadt angeschafft wurde, ist bislang nicht bekannt. Dass sich die Stadt schon in früheren Jahrhunderten rege um eine zeitgemäße technische Ausrüstung – und damit um die Sicherheit ihrer Einwohner – bemühte, ist an einzelnen Punkten gut nachvollziehbar: In den Stadtrechnungen ist belegt, dass 1779 eine „größere Feuermaschine“ mit Schlauch angeschafft wurde. Sie stammte aus der Werkstatt des ansässigen Glockengießers Johann Ernst Lösch. Glockengießer Lösch wurde um 1800 regelmäßig für die Wartung der Spritzen bezahlt.

1837 wurde eine alte tragbare Feuerspritze verkauft und ein moderneres Gerät angeschafft. Schon 1857 lieferte die Firma Metz aus Heidelberg eine „Saug- und Feuerspritze“, nachdem im Jahr zuvor die Feuerwehr für alle Männer verpflichtend geworden war. Weil es immer wieder Beschwerden über deren Einsatzeifer gab, wurde schließlich 1877 unter Stadtschultheiß Leonhard Sachs die Freiwillige Feuerwehr gegründet. Dazu holte die Stadt wiederum Angebote für „Feuermaschinen“ ein, wie mehrere Darstellungen eleganter Löschwagen in der Grafiksammlung des Stadtarchivs beweisen.


Abb.: Werbeplakat der Firma Magirus aus Ulm ca. 1860 (Bild: Stadtarchiv Crailsheim)

Von diesen ältesten Feuerlöschgeräten hat sich in Crailsheim allerdings keines erhalten. Das älteste erhaltene Fahrzeug ist der Tanklöschwagen 15/50, der von 1953 bis 1983 in Betrieb war, weitere Oldtimer sind das Löschgruppenfahrzeug 16-TS von 1960 und der Schlauchwagen 2000 aus dem Jahr 1966: „Die sind alle noch fahrbereit“, betont Stadtbrandmeister Armin Klingenbeck. Nach seiner Auskunft besitzt die Crailsheimer Wehr momentan 32 im Dienst stehende Fahrzeuge, sowie zwölf Abrollbehälter und drei Anhänger. Das modernste Fahrzeug ist der kürzlich angeschaffte Kommandowagen, der über einen Hybridantrieb verfügt.

Kontakt:
Stadtarchiv Crailsheim
Marktplatz 1 (Gebäude: Arkadenbau)
74564 Crailsheim
Tel.: 07951 / 403-1290
www.stadtarchiv-crailsheim.de

Quelle: Dr. Helga Steiger, Stadtarchiv Crailsheim, Archivale des Monats Juni 2021

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