Heimerziehungs-Ausstellung mit Video-Führung und Übersetzung in Gebärdensprache

Die seit 2015 erfolgreich nicht nur durch Baden-Württemberg wandernde Ausstellung über die Heimerziehung in der baden-württembergischen Nachkriegszeit („Einmal Heimkind – immer Heimkind? Heimerziehung in Baden–Württemberg 1949-1975“) wird vom Landesarchiv Baden-Württemberg jetzt auch online als Video-Führung angeboten.

Die Ausstellung bietet einen Einblick, wie der Alltag in vielen Kinderheimen aussah – vielseitiges Bildmaterial und Dokumente wie Speisepläne, Aktenauszüge und Briefe geben Aufschluss darüber. Zeitzeugenberichte bereichern die Darstellung um die Perspektive der Betroffenen und geben tiefe Einblicke in die Gefühlswelten der ehemaligen Heimkinder. Die psychische und körperliche Gewalt, die vielfach an der Tagesordnung stand, wird ebenso thematisiert wie die oft nur kurzen Momente des Glücks.


Abb.: Strenger Zeitplan für die Zöglinge im Kinderheim Kleinglattbach (Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Fotosammlung, U 127)

Das System der Heimerziehung und die Rolle der Jugendämter beim Prozess der Heimeinweisung werden ebenso beschrieben wie die Aufsicht und Kontrolle der Träger und Einrichtungen. Zudem werden die rechtlichen Aspekte des Themas diskutiert. Wie verlief die Verfolgung von Straftaten, die in Heimen begangen wurden? Welche Möglichkeiten boten sich den Zöglingen zur Beschwerde oder Anzeige? Welche Probleme ergeben sich heute dabei, den Betroffenen „gerecht“ zu werden, die häufig noch in der Gegenwart unter den Folgen der Heimerziehung leiden? – Neben der historischen Darstellung der Heimerziehung wird auch der Aufarbeitungsprozess der Geschichte der Heimerziehung thematisiert.

Entstanden ist die Ausstellung im Projekt Heimerziehung (2012-2018) am Landesarchiv Baden-Württemberg. Auch über das Projektende hinaus stößt die Schau auf reges Interesse. Kein Wunder, ist doch das Thema nach wie vor aktuell. Die thematisierten Missstände beschränken sich nicht nur auf die Kinder- und Jugendhilfe. Viele Inhalte der Wanderausstellung treffen auch auf Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie zu – mit ihnen beschäftigt sich seit 2019 das Dokumentationsprojekt Zwangsunterbringung. Dazu gehören Internate von Gehörlosenschulen, in denen zahlreiche Betroffene belastende Erfahrungen gemacht haben. Daher hat das Landesarchiv Baden-Württemberg die Ausstellung um dieses Thema ergänzt und die Führung auch mit einer Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache (DGS) auf dem Youtube-Kanal des Landesarchivs zugänglich gemacht.

Auch die Begleitpublikation zur Wanderausstellung „Einmal Heimkind – immer Heimkind?“ leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschehnisse in baden-württembergischen Kinderheimen und gibt einen Überblick über verschiedene Fragestellungen zum Thema Heimerziehung. Analog zu den Kapiteln der Ausstellungen werden die Themen in jeweils mehreren Aufsätzen vertieft und erweitert. Zeitzeugenberichte ergänzen die Darstellung durch die Sicht von ehemaligen Heimkindern und einer Erzieherin.

Kontakt:
Landesarchiv Baden-Württemberg
Eugenstraße 7
70182 Stuttgart
Telefon: +49 711 212-4272
landesarchiv@la-bw.de

Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Nachrichten, 17.6.2021, sowie Themen/Zugänge: Ausstellungsinformationen.

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