»Archivar:in«, »Archiwar«, »Archivar a.D.«, »Archiv-Wesen«?

Zeitschrift für Archivwesen erhält einen neuen Namen.

Die Redaktion von „ARCHIVAR. Zeitschrift für Archivwesen“ kündigt die abermalige Umbenennung der zentralen deutschen archivfachlichen Vierteljahresschrift an. Der Beirat der Zeitschrift, in dem das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und der VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archive e.V. jeweils mit drei Mitgliedern vertreten sind, hat im Frühjahr 2021 beschlossen, diese „gendergerecht umzubenennen“. Die ausschließlich männliche Bezeichnung des Berufs im 2007 gewählten Titel der Zeitschrift sei „nicht mehr zeitgemäß“ und von der „personellen Realität“ im Archivwesen „längt überholt“. – Das ist zwar bereits vor anderthalb Jahrzehnten der Fall gewesen, und auch schon damals gab es Stimmen (aus allen Genera der Mitgliederschaft), die allein die Streichung des männlichen Artikels der Zeitschrift als nicht zu Ende gedacht empfanden.

Doch anders als der „Verein deutscher Archivare“, der sich auf dem 71. Deutschen Archivtag in Nürnberg 2000 in „Verband deutscher Archivarinnen und Archivare“ umbenannte, um u.a. dem großen Anteil an Frauen im Archivwesen gerecht zu werden, wird die seit 2007 als „Zeitschrift für Archivwesen“ (wohlgemerkt: nicht die, sondern das Archivwesen) untertitelte Grande Dame der deutschen Archivpublikationen diesem Beispiel nicht folgen und fortan „ARCHIVARIN und ARCHIVAR“ heißen oder – gemäß den eingetretenen Mehrheiten – schlicht „ARCHIVARIN“. Die in die engere Wahl – vermutlich der Redaktion, des Beirats und des VdA-Vorstands – gelangten Vorschläge lauten hingegen „Zeitschrift für Archivwesen“, wodurch der bisherige Unter- zum Haupttitel promoviert würde, und „Archivtheorie und -praxis“, was aufgrund der Bindestrich-Kleinschreibung ein wenig holprig und für die bibliothekarische Formalerschließung (Gruß an die Kolleg:innen!) ein wenig herausfordernd erscheint.

Das generische Maskulinum wird jedenfalls fortan (angepeilt ist Heft 1/2023) auch im deutschen Archivwesen nicht mehr Standard sein. Der Name der Zeitschrift „ARCHIVAR“ solle nunmehr „geschlechterneutral geändert werden“, wie es in der bereits eingangs zitierten Mitteilung „In eigener Sache“ in der aktuellen Ausgabe 4/2021 vom „ARCHIVAR“ weiter heißt. – Von ihrer Gründung im Jahr 1947 bis Ende 2007 war die Zeitschrift unter dem Titel „Der Archivar. Mitteilungsblatt für deutsches Archivwesen“ erschienen. Mit der ersten Ausgabe des Jahrgangs 2008 fiel der Artikel „Der“ zugunsten eines „neutraleren Titel[s]“ fort, und der Untertitel wurde dem gewandelten Selbstverständnis angepasst – weg von der gleichsam unidirektionalen Kommunikationsrichtung des alten „Mitteilungsblattes“.

Die sprachliche Nähe, die diskursive Diffusion und die teilweise Übereinstimmung von grammatischem und biologischem Geschlecht im Deutschen lassen die Duden-Grammatik (ebenfalls eine publizistische Instanz) in der Debatte um gendergerechte Sprache mittlerweile (9. Auflage 2016) zwischen „sexusspezifisch“ (geschlechtsbezogen) und „sexusindifferent“ (geschlechtsneutral) unterscheiden. Aber auch diese Kategorisierungen sind heute nicht über jede Kritik erhaben, so dass der bisherige Archivar, wie auch das Archivwesen die Untiefen der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter nur umschiffen können, wenn sich die zukünftige Zeitschrift für Archivwesen weder indifferent noch neutral präsentiert. Der Titel fordert im Archivwesen immer noch Dignität ein, verliert jedoch angesichts des vielfach in Blogs und Foren verlagerten archivarischen Austauschs und der dort geführten archivfachlichen Debatten an Relevanz.

Quelle: Archivar 4/2021: In eigener Sache, 230; Archivar 1/2008, 5; Der Archivar 3/2007, 203; Der Archivar 4/2007, 394f.; archive.nrw: Über den „Archivar“ (Stand: 1.12.2021)

Jugendliche forschten zum Sport in Gemeinschaften

Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2020/2021 beschäftigte sich mit Sportvereinen und ihrer Vergangenheit.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 16.11.2021 in Schloss Bellevue die Gewinnerinnen und Gewinner der fünf ersten Preise des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2020/2021 ausgezeichnet. „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“, so lautete das Ausschreibungsthema des 27. Geschichtswettbewerbs an dem sich bundesweit über 3.400 Kinder und Jugendliche mit 1.349 eingereichten Beiträgen beteiligten.


Abb.: Bundespräsident Steinmeier im Gespräch mit zwei der Erstpreisträgerinnen und -träger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2020/2021, Simon Große-Bley und Malin Käter, in Schloss Bellevue (Foto: Bundespräsidialamt/Guido Bergmann). – Bei Klick auf’s Bild: Ansprache des Bundespräsidenten anlässlich der Bundespreisverleihung.

Zeitlich beleuchteten die Schülerinnen und Schüler insbesondere die Zeit der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands. In mehr als 150 eingereichten Beiträgen, ob in Schriftform, im Audioformat oder als Film, verfolgten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die historische Entwicklung diverser Sportvereine und untersuchten dabei, inwiefern die Vereinsmitgliedschaft das Leben der Sportlerinnen und Sportler beeinflusste, wer überhaupt Mitglied werden konnte und welchen Stellenwert sportliche Erfolge mit Blick auf den Vereinszusammenhalt einnahmen.

»Vereine haben für die Gesellschaft als auch für die Politik und Wirtschaft eine große Bedeutung, denn diese fördern das Zusammenleben und verstärken das Gefühl miteinander verbunden zu sein. Vereine sind also soziale Orte, in denen die Mitglieder innerhalb des Vereins ihren persönlichen Interessen nachgehen und sich selbst verwirklichen können. Außerdem bietet ein Verein eine Abwechslung von Alltag und Beruf«, erklärt eine Schülerin aus Erlangen. In ihrem Beitrag betrachtet die Teilnehmerin die Entstehungsgeschichte von Vereinen in Deutschland, wie sich diese über die Zeit im 19. und 20. Jahrhundert verändert haben, welche Hürden es mit Blick auf die Unabhängigkeit von der Politik zu meistern galt und welchen Mehrwert das sportliche Zusammenkommen für die Gesellschaft bereithält.

Häufig wählten die Schülerinnen und Schüler einen persönlichen Zugang über die eigene Vereinsmitgliedschaft und interviewten Vereinsvertreter, um sich den historischen Kontext als auch die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu erschließen.

Vereinsmitgliedschaft: Ein Privileg oder ein Recht für alle?
Die Schülerinnen und Schüler forschten zur Mitgliedschaft in diversen Sportvereinen und deren Veränderung zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte. Von der Gründung des ersten Golf-Clubs in Deutschland, über die Entwicklung des Tennissports oder die Bedeutung von Reitsportvereinen für die Politik – stets lag der Fokus auf der Frage, inwiefern die Vereinsmitgliedschaft die damaligen sozialen Strukturen widerspiegelte. So fragten sich beispielsweise zwei Zwölftklässler aus Kronberg im Taunus, wann der Golfsport überhaupt entstand, welche Gesellschaftsschicht ihn damals wie heute ausübt und inwiefern die Mitgliedschaft aus sozialen oder sportlichen Gründen angestrebt wurde. Letztlich halten beide Teilnehmer fest, dass es in Vereinen auch immer um gesellschaftlichen Austausch sowie die Repräsentation in der Öffentlichkeit geht. Des Weiteren untersuchten beispielsweise zwei Schülerinnen der 12. Klassenstufe aus Königstein in ihrem Beitrag, auf welche Art und Weise bereits bestehende Reitsportvereine im NS-Regime genutzt wurden, um die Mitglieder auf den Krieg vorzubereiten und die NS-Ideologie zu verbreiten. Aber eben auch, um durch die Mitgliedschaft und das Verbot anderer Vereine gezielt bestimmte Gruppen, wie beispielsweise Jüdinnen und Juden, auszugrenzen.


Abb.: Die Trainingsgruppe des Schwimmvereins SSV 70 Halle-Neustadt, 1979 (Foto: Dr. Matthias Mitte)

Identitätsfrage: Wer sind wir vor und nach der Wiedervereinigung?
Sowohl innerhalb der DDR als auch der BRD spielte sich das sportliche Leben vielerorts in Vereinen ab. Die gemeinsame sportliche Betätigung, die Bildung einer Gemeinschaft und das Ziel körperlicher Bestleistungen stand gleichermaßen im Fokus des Vereinslebens. Zugleich gab es jedoch auch tiefgreifende Unterschiede mit Blick auf die Organisation sowie die staatliche Einflussnahme auf und Repräsentation durch die Vereine. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Ausübung des Rock’n’Roll-Tanzes, dessen Entstehung und Entwicklung in der DDR und BRD ein Zehntklässler aus Dresden untersuchte. Insbesondere in der DDR löste das Rock’n’Roll-Tanzen neben dem Generationenkonflikt auch politischen Gegenwind aus: Der aus den »feindlichen, kapitalistischen USA« importierte Musik- und Tanzstil wurde durch seine Popularität als Gefährdung für die Ideologie der sozialistischen Regierung eingestuft. Der Mauerfall bedeutete für die Rock’n’Roll-Begeisterten in der DDR also nicht allein einen politischen Wechsel, sondern auch endlich den freien Zugang zu Musik, Turnieren und Trainingslagern. Doch es änderte sich nicht nur der Zugang zu Sportarten nach 1989, sondern auch die Struktur der Vereine selbst, wie zwei Neuntklässlerinnen anhand ihrer Ausstellung zur Geschichte ihres Schwimmvereins in der DDR und später der BRD aufzeigen. »Während man am Anfang von einem Einspartenverein sprechen konnte, welcher auf das Schwimmen spezialisiert war, wurde er nach der Wiedervereinigung Deutschlands zu einem selbstständigen Mehrspartenverein, welcher dadurch so viel mehr Sportangebote zu bieten hat als einfach nur das Schwimmen.«

Zusammenhalt: Gemeinsam schafft man alles oder ein Wettmessen in geschlossener Gesellschaft?
»Wir sitzen alle in einem Boot«, heißt es im Titel eines Beitrags des Geschichtswettbewerbs 2020/2021, der die Geschichte von vier hessischen Rudervereinen im Hinblick auf gesellschaftliche Umbrüche genauer beleuchtet. Insbesondere die Einflussnahme der jeweiligen Regierung und die Verbreitung ihrer politischen Ansichten waren stets von entscheidender Bedeutung, wenn es um die Struktur und das Leben der deutschen Sportvereine geht. So führte die Gleichschaltung der Vereine im Nationalsozialismus im Falle der hessischen Rudervereine zu gravierenden Mitgliederrückläufen und teils der Auflösung dieser, da die politischen Werte über dem Sport standen. Sport wurde als Mittel zur Stärkung der Volksgesundheit und Volksgemeinschaft betrachtet und im Sinne der NS-Ideologie missbraucht – bestimmten Bevölkerungsgruppen, die nicht dem arischen Gesellschaftsbild des NS-Regimes entsprachen, wurde der Zugang zum Vereinsleben gar untersagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die geschichtliche Aufarbeitung in den Vereinen auf unterschiedliche Weise, teils steht diese jedoch bis heute noch aus. Die Hürden für die Aufnahme von neuen Mitgliedern wurden in vielen Vereinen herabgesetzt, was viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer als ein verändertes Wettbewerbsverständnis und als einen Schritt hin zu einem gelebten Miteinander deuten. Auch bildeten neu gegründete Vereine einen wichtigen Anschlusspunkt in der wachsenden Zuwanderungsgesellschaft der BRD und der DDR.

spurensuchen 2021: Die Ergebnisse des Wettbewerbs im Magazin spurensuchen. Im neuen Magazin spurensuchen werden die Erstpreisträgerinnen und Erstpreisträger sowie die Themen der 50 bundesbesten Arbeiten vorgestellt. Die Wettbewerbsergebnisse zeigen, wie der Geschichtswettbewerb an Schulen ganz selbstverständlich zur Schulkultur gehört.

Über den Geschichtswettbewerb
Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.

Link: Kurztexte 50 Bundespreise

Kontakt:
Körber-Stiftung
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon +49 · 40 · 80 81 92 – 145
Telefax +49 · 40 · 80 81 92 – 302
gw@koerber-stiftung.de

Quelle: Körber-Stiftung Geschichtswettbewerb, News, 29.11.2021; Bundespräsident, Geschichtswettbewerb, 16.11.2021

Bilddokumentation über den Bau des Laufenburger Wasserkraftwerks

Das Laufenburger Wasserkraftwerk, das zwischen dem schweizerischen Laufenburg und seiner badischen Schwesterstadt Laufenburg liegt, gilt in technikgeschichtlicher Hinsicht als Pioniertat. Es ist das älteste quer zum Fluss stehende Laufwasserkraftwerk am Rhein und war zu seiner Bauzeit (1909-1914) das leistungsstärkste Flusskraftwerk in Europa. Für den Bau des Kraftwerkes wurde die Stromschnelle von Laufenburg – auch „kleiner Laufen“ genannt – gesprengt, und stattdessen eine Wehranlage errichtet.


Abb.: Die gesamte Staustufenunterseite des Wasserkraftwerks Laufenburg (Foto: Taxiarchos228, FAL, via Wikimedia Commons, 18. Mai 2014)

Für den Südkurier berichtet Charlotte Fröse über einen besonderen Zugang für das Stadtarchiv Laufenburg: Durch Vermittlung der Bad Säckinger Stadtarchivarin Eveline Klein konnte Martin Blümcke, Stadtarchivar der Stadt Laufenburg, eine große Sammlung von Fotografien zum Bau des Kraftwerks Laufenburg übernehmen. Das heute unter Denkmalschutz stehende Wasserkraftwerk am Hochrhein, das unter Leitung der Ingenieure Gruner und Natter erbaut worden war, ging am 14. Mai 1914 in Betrieb.

Das nun vom Stadtarchiv Laufenburg übernommene Album mit rund 540 originalen Fotografien aus der Zeit des Kraftwerkbaus stammt aus dem Privatbesitz von Joachim Scheffzek, Oberstudiendirektor im Ruhestand aus Esslingen und Enkel des ursprünglichen Besitzers Josef Koder. Koder war Regierungsbaumeister und in der Zeit von 1908 bis 1913 an führender Stelle der Mannheimer Firma Grün & Bilfinger am Bau des Kraftwerks tätig. Die Aufnahmen in dem etwa 15 Zentimeter dicken und acht Kilogramm schweren Album dokumentieren eindrücklich die einzelnen Bauphasen.


Abb.: Zeitweise arbeiteten bis zu 1.500 Mann auf der Jahrhundertbaustelle, vor allem über dem Wasser des Rheins. Aber auch unter Wasser wurde gearbeitet, Taucher übernahmen diese gefährliche Arbeit. – Dieses Bild ist mit dem Datum 12. September 1912 versehen (Bildrepro: Charlotte Fröse)

Der frei zugängliche Artikel von Charlotte Fröse im Südkurier („Pionierleistung der Technik in Bildern“) vereint weitere interessante Hintergründe zum Bau des Kraftwerks sowie zur Übergabe des Albums an das Stadtarchiv Laufenburg, präsentiert überdies noch mehrere Bilder aus der Fotosammlung.

Kontakt:
Stadt Laufenburg
Stadtarchivar Martin Blümcke
(Archiv Feuerwehrgebäude)
Hauptstraße 30
79725 Laufenburg
Tel.: 07763 / 7935
barbara.rueb@web.de

Quelle: Charlotte Fröse, „Pionierleistung der Technik in Bildern: Stadtarchiv erhält einen besonderen Schatz“, in: Südkurier, 26.11.2021; Art. „Kraftwerk Laufenburg“, in: Wikipedia, 23.10.2021

Neuer Stadtarchivar für Ratingen

Dr. Sebastian Barteleit (52) leitet seit November 2021 das Stadtarchiv Ratingen. An seinem ersten Arbeitstag am 2. November begrüßten ihn Kulturdezernent Patrick Anders und Kulturamtsleiterin Andrea Töpfer mit einem Blumenstrauß und wünschten ihm einen guten Start an der neuen Wirkungsstätte.


Abb.: Kulturdezernent Patrick Anders (l.) und Kulturamtsleiterin Andrea Töpfer (r.) begrüßen den neuen Stadtarchivar Dr. Sebastian Barteleit (Foto: Stadt Ratingen)

Der promovierte Historiker war viele Jahre als Archivar des höheren Dienstes im Bundesarchiv Berlin tätig, wo er zuletzt als Abteilungsleiter beispielsweise für die Archivtechnik und die zentralen fachlichen Dienste zuständig war. „Ich freue mich sehr auf die Aufgabenvielfalt eines kommunalen Archivs“, sagte Dr. Barteleit, der in Bochum und Freiburg studiert und anschließend in Münster und Osnabrück promoviert hat.

Im Rahmen des Begrüßungsgesprächs wurden auch gleich die ersten großen anstehenden Themen angesprochen: die digitale Langzeitarchivierung, die Übernahme der Aktenbestände aus der Verwaltung und nicht zuletzt das Ratinger Stadtjubiläum im Jahr 2026.

Barteleit folgt auf Dr. Erika Münster-Schröer, die Stadtarchiv und Medienzentrum Ratingen in Personalunion geleitet hat. Nach 31 Jahren in Diensten der Stadt Ratingen war die Stadtarchivarin und Leiterin der Stadtbibliothek im Herbst 2020 in den Ruhestand getreten. Bürgermeister Klaus Pesch dankte ihr aus diesem Anlass für ihre in vielfacher Hinsicht wegweisende und engagierte Arbeit. „Durch akribische Spurensuche haben Sie wichtige Aspekte der Ratinger Stadtgeschichte aufgehellt. Die Spuren, die Sie durch Ihre Arbeit hinterlassen, muss man nicht lange suchen. Sie sind für alle leicht auffindbar.“


Abb.: Ein paar Erinnerungen an Ratingen gab Bürgermeister Klaus Pesch der langjährigen Stadtarchivarin und Büchereileiterin Dr. Erika Münster-Schröer mit in den Ruhestand – verbunden mit einem herzlichen Dankeschön für drei Jahrzehnte wegweisende und engagierte Arbeit (Foto: Stadt Ratingen).

Dazu reicht ein Blick auf die Liste ihrer Publikationen, die rund 70 Positionen umfasst – vom Aufsatz in der Quecke oder in der Werkreihe „Ratinger Forum“ über Monografien zu historischen Spezialthemen bis hin zum stadtgeschichtlichen Überblickswerk „Ratingen. Geschichte 1780 bis 1975“, das sie mit fünf weiteren Autoren im Jahr 2000 verfasste. So unterschiedlich die Formate, so vielfältig waren auch die Themen, über die sie schrieb. Es gibt aber auch deutliche Schwerpunkte, etwa die Geschichte der Frauen, die Geschichte der Juden und die Hexenverfolgung – mal mit, mal ohne Ratinger Bezug.

Außer den Schriften bleibt aber auch eine Reihe von Innovationen und Projekten in beiden städtischen Einrichtungen mit ihrem Namen verbunden: die Übernahme und Aufarbeitung des Fotoarchivs Klöckner und des Filmarchivs Kürten und in der Bibliothek die Einführung der Onleihe und der RFID-Technik, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Dr. Erika Münster-Schröer schloss ihr Studium mit dem 2. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien im Jahr 1982 ab, aber es war keine gute Zeit für angehende Lehrer, vor allem nicht in den Fächern Deutsch und Geschichte. Sie arbeitete ein paar Jahre an Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen der Region, bevor sie im Rahmen eines befristeten Projekts zum Thema „Geschichte der Frauen“ 1989 zur Stadt Ratingen kam. Nach dem Projekt kam eine unbefristete Einstellung, und 1995 wurde ihr die Leitung des Ratinger Stadtarchivs übertragen. 2007 übernahm sie zusätzlich die Leitung der Stadtbibliothek Ratingen.

„Als heimathistorisch interessierter Mensch fand ich es immer wieder inspirierend, Frau Dr. Münster-Schröer zuzuhören, wenn sie mit ihrer großen Kenntnis und beruflichen Leidenschaft Aspekte Ratinger Geschichte erläuterte“, sagt Bürgermeister Pesch. Darauf wird er möglicherweise auch in Zukunft nicht verzichten müssen, denn Dr. Erika Münster-Schröer bleibt Ratingen, „wo ich mehr als 30 Jahre lang wirklich sehr gern gearbeitet habe“, schon durch ihre Mitgliedschaft im Heimatverein verbunden. Und zur Stadtgeschichte gibt es immer Interessantes zu erforschen und zu publizieren, was aufgrund ihrer beruflichen Doppelaufgabe in den letzten Jahren ein wenig zu kurz kam.

In der Nachfolge von Dr. Erika Münster-Schröer werden die beiden Stellen – Leitung des Stadtarchivs Ratingen und Leitung der Stadtbibliothek Ratingen – wieder getrennt besetzt. Anders als im Stadtarchiv ist die Leitung der Stadtbibliothek derzeit noch vakant.

Kontakt:
Stadtarchiv Ratingen
Dr. Sebastian Barteleit
Mülheimer Str. 47
40878 Ratingen
Telefon 02102 550-4190
stadtarchiv@ratingen.de

Quelle: Stadt Ratingen, Pressemitteilung, 2.11.2021; Stadt Ratingen, Pressemitteilung, 1.10.2020

Vom analogen zum digitalen Stadtarchiv Würzburg

„Alle im Stadtbezirk Würzburg geschlachteten Bären aller Art, Hunde, Katzen, Füchse, Dächse, Iltisse, Igel und Flusspferde müssen, bevor sie zerlegt und zum Genusse für Menschen zubereitet oder feilgehalten oder verkauft werden, auf Trichinen untersucht werden.“ Diese Vorschriften zur Untersuchung von – selbst in der Weimarer Republik – sehr speziellem Schlachtvieh auf gefährliche Fadenwürmer fasste der Würzburger Stadtrat im Jahr 1930. Die Niederschrift der Sitzung, auf der dieser Beschluss gefasst wurde, befindet sich in einem von 163 Ratsprotokoll-Bänden aus den Jahren 1860 bis 1944, die das Stadtarchiv Würzburg aktuell und in den nächsten Monaten von einem externen Dienstleister digitalisieren lässt.


Abb.. Die Digitalisierung im Stadtarchiv Würzburg schreitet voran (Foto: Stadtarchiv Würzburg/R. Busse).

Das Gleiche geschieht mit den ca. 85.600 Würzburger Leichenschauscheinen der Jahre 1826 bis 1913. Gefördert wird dieses Digitalisierungsprojekt, dessen Kosten auf insgesamt rund 63.000 Euro geschätzt werden, durch Bundesmittel der Digitalisierungsoffensive „WissensWandel“ für Bibliotheken und Archive innerhalb des Programms „Neustart Kultur“.

Ratsprotokolle und Leichenschauscheine
Ausgewählt wurden die beiden Bestände unter folgenden Gesichtspunkten: Bei den Ratsprotokollen handelt es sich um die zentrale Überlieferung der politischen Gremien der Stadt, die wichtige Entscheidungswege und Weichenstellungen nachzeichnen – und dies in einer Zeit vielfältiger Umbrüche: vom souveränen Königreich Bayern innerhalb des Deutschen Bundes, über die Einigungskriege und die Integration Bayerns in das entstehende Deutsche Reich hin zu den Gründerjahren und dem Fin de Siècle und dann weiter über den Ersten Weltkrieg, die krisengeschüttelte Weimarer Republik und den NS-Unrechtsstaat bis hinein in die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Diese Protokolle sind umso bedeutsamer und wichtiger, als viele andere Unterlagen der Stadtverwaltung aus dieser Zeit am 16. März 1945 untergingen.

Die Leichenschauscheine, die von dem Arzt ausgefertigt wurden, der den Tod festgestellt hatte, ergänzen nicht nur den durch Kriegsverluste lückenhaften Bestand der Sterberegister der Jahre 1876 bis 1913, sondern ermöglichen Personenforschung anhand originär kommunaler Unterlagen bereits 50 Jahre vor dem Einsetzen der Personenstandsunterlagen. Darüber hinaus enthalten die Leichenschauscheine Informationen, die über die Angaben in Sterbeurkunden und kirchlichen Sterberegistern hinausgehen, wie z.B. Todesursache, Dauer von Krankheiten, Bestattungsdatum, Wohnort und Wohnungsgröße, und stellen daher für die (lokale) Sozialgeschichtsforschung einen noch weitgehend ungehobenen Schatz dar.

Nach Abschluss der Digitalisierung werden diese wichtigen Quellen den Benutzerinnen und Benutzern an Bildschirmen im Lesesaal auf komfortable Weise und ohne Wartezeit zur Verfügung stehen. Zugleich werden die bereits angegriffenen Originale in Zukunft geschont, weil sie normalerweise nicht mehr vorgelegt werden müssen. Die letzten drei Ratsprotokoll-Bände (1936-1944) wurden – da im Original schreibmaschinenschriftlich abgefasst – überdies mittels OCR-Technik gescannt und sind somit besonders komfortabel recherchier- und durchsuchbar. Mittelfristig ist geplant, die Digitalisate der interessierten Öffentlichkeit auch über das Internet zugänglich zu machen. Und so wird es dann möglich sein, dass überall auf der Welt Menschen Zugriff auf diese Quellen haben und sich so aus erster Hand ein Bild von den Ereignissen der genannten Jahre machen können – auch dort, wo Flusspferde ein alltäglicherer Anblick sind als im Würzburg des Jahres 1930.

Kontakt:
Stadtarchiv Würzburg
Neubaustraße 12
97070 Würzburg
Tel: 0931 – 37 31 11
Fax: 0931 – 37 31 33
stadtarchiv@stadt.wuerzburg.de

Quelle: Stadt Würzburg, Pressemitteilung, 18.11.2021

300 Karikaturen von Gerald Manz im Stadtarchiv Pforzheim

Begonnen hat es 1984 mit einem gezeichneten Leserbrief an Pforzheimer Zeitung bezüglich der umstrittenen Gebühren für die Kinderrutsche im Wartbergbad. Seit den 1990er Jahren zeichnete Gerald Manz seine Karikaturen dann regelmäßig für den Pforzheimer Kurier und die Badischen Neuesten Nachrichten. Unlängst hat der Pforzheimer Karikaturist rund 300 seiner Karikaturen dem Stadtarchiv Pforzheim übergeben.


Abb.: Gerald Manz mit seinen Karikaturen, die nun als Archivgut allen Interessierten im Stadtarchiv Pforzheim zugänglich sind (Foto: Deecke, Stadtarchiv Pforzheim) 

„Beim Sortieren meiner Zeichnungen während des Corona-Lockdowns im vergangenen Winter staunte ich nicht schlecht, dass viele der Motive zum Pforzheimer Stadtgeschehen, von denen viele vor nahezu drei Jahrzehnten entstanden sind, auch das heutige Datum tragen könnten“, erklärt Gerald Manz die Entscheidung, dem Stadtarchiv seine Werke zu übergeben: „Die Pforzheimer Stadtgeschichte zeigt somit nicht nur eine fortschreitende Entwicklung, sondern dokumentiert in vielen Bereichen ebenso eine Wiederholung oder gar Konsolidierung von Strukturen. Die Zeichnungen an einem Ort zu wissen, zu dem sie ihren direkten Bezug haben, ist mir ein Anliegen gewesen.“

Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler zeigt sich erfreut über den Neuzugang an Archivgut: „Diese einzigartige Sammlung, die der Pforzheimer Kommunalpolitik den Spiegel vorhält, steht nun im Stadtarchiv allen Interessierten offen“, freut sich Schüssler. Selbst mit spitzer Feder auf einer Karikatur verewigt, zollt sie dem Schaffen von Gerald Manz Anerkennung: „Die Karikaturen von Gerald Manz sind kritisch und treffend, zielen aber niemals unter die Gürtellinie. Diese Satire bereichert den politischen Diskurs und fordert dazu heraus, die eigenen Positionen zu hinterfragen.“ Dass die überspitzt-ironischen Kommentare zur Kommunalpolitik für künftige zeitgeschichtliche Fragestellungen aussagekräftige Quellen sein können, liegt auf der Hand und macht das Stadtarchiv zum passenden Verwalter der Sammlung.


Abb.: Ebbe in der Kasse (1993). Die Misere beim Unterhalt der Bäder in Pforzheim führt zu drastischen Maßnahmen (Zeichnung: Gerald Manz; Stadtarchiv Pforzheim S71-41 HO)

Recherchiert werden kann das Oeuvre online im Rechercheangebot des Stadtarchivs Pforzheim als Bestand S71. Die Themenvielfalt umfasst dabei mit Bildung, Sozialem, Kultur, Sport, Umwelt, Verkehr, Finanzen und vielem anderen mehr das ganze Spektrum der Pforzheimer Lokalpolitik und Stadtgesellschaft. Angesehen werden können die Karikaturen im Lesesaal des Stadtarchivs. Auf der Website des Pforzheimer Stadtarchivs steht außerdem eine kleine Auswahl von Karikaturen mit Erläuterungen online. Damit die Archivnutzerinnen und -nutzer mit den Karikaturen arbeiten können, hat Diplom-Archivarin Andrea Binz-Rudek den Bestand in den letzten Monaten bearbeitet und in der Datenbank des Stadtarchivs erfasst: „Das Verzeichnen war nicht nur amüsant, sondern auch deshalb besonders angenehm, weil die Unterlagen bereits vorbildlich geordnet waren.“

Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man. Daher erstaunt, wie viele der Karikaturen unabhängig vom Entstehungsjahr inhaltlich noch oder wieder hoch aktuell sind. Auch historisch gesehen standen manche Pforzheimer Themen immer wieder auf der Agenda. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee, im kommenden Jahr eine „Archivführung in zehn Karikaturen“ anzubieten. Im Rahmen der Reihe Montagabend im Archiv und in Kooperation mit der Löblichen Singergesellschaft von 1501 Pforzheim zeigen Gerald Manz und Archivleiterin Klara Deecke an Karikaturen aus den Bereichen Verkehr, Kultur, Politik, Wirtschaft, Umwelt und Sport, welche historischen Quellen und Dokumente dazu im Stadtarchiv verwahrt werden und wie sie recherchiert und genutzt werden können. Die Kooperation zwischen Gerald Manz und dem Stadtarchiv Pforzheim ist mit der Übergabe der Karikaturen an die Öffentlichkeit also noch lange nicht beendet.

Kontakt:
Stadtarchiv Pforzheim – Institut für Stadtgeschichte
Kronprinzenstr. 28
75177 Pforzheim
Tel. 07231 39 2899

Quelle: Stadt Pforzheim, Pressemeldung, 25.11.2021

Die Gedächtnisinstitutionen Archive, Bibliotheken und Museen im Ampel-Koalitionsvertrag

Aufarbeitung, Erinnerung und Opferfürsorge im digitalen Aufbruch.

Ein Koalitionsvertrag bietet einen Überblick über das Regierungsprogramm und über die wichtigsten Vorhaben der künftigen Regierung. Gute Koalitionsverträge mit konkreten Politikversprechen zu verhandeln, das lohne sich für die Politikgestaltung der Koalitionäre wie für das öffentliche Vertrauen in die Regierung, urteilt die Bertelsmann-Stiftung. Die Umsetzung der Koalitionsverträge erhöhe die Glaubwürdigkeit; von daher seien sie ein wichtiges und chancenreiches Instrument für Verbindlichkeit und Rechenschaft auch gegenüber den Wählerinnen und Wählern.

Parteien und Regierungen seien überdies besser als ihr Ruf, was auch für die bisherige Große Koalition gelte, so die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Schlussbilanz zum Koalitionsvertrag der GroKo 2018-2021 unter dem Titel „Versprechen gehalten“. Von den insgesamt 294 Versprechen des Koalitionsvertrages 2018 wurden, wie zuvor bereits, fast 80 Prozent ganz oder teilweise umgesetzt. Die Regierung habe weitgehend das getan, was sie zuvor versprochen hat. Die offenbar guten Vertrauenswerte zur Umsetzungstreue von Koalitionsverträgen seien daher auch eine „Chance für die neue Regierung“.

Nach rund einmonatigen Verhandlungen haben nunmehr SPD, Grüne und FDP ihren Koalitionsvertrag vorgelegt. Die Ampel-Parteien präsentierten das 177 Seiten starke Dokument mit dem Titel „Mehr Fortschritt wagen – Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ am 24.11.2021 der Öffentlichkeit. Die neue Regierung wird aus 17 Ministerien bestehen (neu ist ein Ressort für Bauen). Es wird kein eigenes Digitalministerium geben, das aber künftig zum Verkehrsressort gehört.

Im Ampel-Koalitionsvertrag für die Jahre 2021 bis 2025 werden verschiedene Ziele ausgegeben; das Inhaltsverzeichnis führt sieben Themenbereiche auf, neben Klimaschutz, Arbeitswelt, Bildung und Europa im Kapitel „Freiheit und Sicherheit, Gleichstellung und Vielfalt in der modernen Demokratie“ auch den Abschnitt „Kultur- und Medienpolitik“ (S. 121-127). Kultur solle in ihrer Vielfalt als Staatsziel verankert werden. Die Neustart-Programme werden zunächst fortgeführt, um den Übergang nach der Pandemie abzusichern. Die neue Regierung wird die Kulturstiftung des Bundes und den Bundeskulturfonds ausbauen. Man werde ein „Kompetenzzentrum für digitale Kultur“ schaffen, das Kulturakteurinnen und Akteure berät, vernetzt und qualifiziert. Die Koalition fördert den Aufbau eines „Datenraums Kultur“, der sparten- und länderübergreifend Zugang zu Kultur ermöglicht. Zur Kulturförderung gehöre zudem, öffentliche Bibliotheken „als dritte Orte“ zu stärken und Sonntagsöffnungen zu ermöglichen (S. 122). Bibliotheken sollen, wie Kultur und Sport insgesamt, zur „Stärkung des Zusammenhalts“ von unbürokratischen und ausgeweiteten Investitions- und Sanierungsprogrammen profitieren (S. 128). Museen werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.

Ausführlicher wird der Koalitionsvertrag beim Thema „Filmerbe“: „Mit der Filmförderungsnovelle wollen wir die Filmförderinstrumente des Bundes und die Rahmenbedingungen des Filmmarktes neu ordnen, vereinfachen und transparenter machen, in enger Abstimmung mit der Filmbranche und den Ländern. Wir prüfen die Einführung von Investitionsverpflichtungen und steuerlichen Anreizmodellen und schaffen gesetzliche Rahmenbedingungen, um die steuerliche Behandlung von Filmkoproduktionen rechtssicher zu gestalten. Kinos und Festivals fördern wir verlässlich und bewahren unser nationales Filmerbe“ (S. 123). – Dass die Filmförderungsnovelle als vermeintliche „Spitzenförderung“ unter Filmemachern nicht unumstritten ist, wird den Koalitionären bewusst sein.

Hinsichtlich des Urheberrechts will sich die Regierung für „fairen Interessenausgleich“ einsetzen und die Vergütungssituation für kreative und journalistische Inhalte, auch in digitalen Märkten, verbessern. „Wir wollen Informations- und Meinungsfreiheit auch bei automatisierten Entscheidungsmechanismen sicherstellen. Die gerade in Kraft getretene Reform werden wir u. a. in Hinblick auf Praxistauglichkeit evaluieren. Wir wollen faire Rahmenbedingungen beim E-Lending in Bibliotheken. Analoge Spiele sollen im Sammelkatalog der Deutschen Nationalbibliothek benannt werden können“ (S. 123).

Einen eigenen Abschnitt stellt die „Erinnerungskultur“ dar, in dem es u.a. heißt: „Wir begreifen Erinnerungskultur als Einsatz für die Demokratie und Weg in eine gemeinsame Zukunft. Wir schützen unsere Gedenkstätten. Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes werden wir unter Einbezug des Deutschen Bundestages, der SED-Opferbeauftragten und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie im Zusammenwirken mit den in diesen Bereichen Aktiven aktualisieren und die Gedenkstättenarbeit auskömmlich finanzieren. Lokale Initiativen wollen wir fördern und Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen digital zugänglich machen. Wir treiben die Geschichtsvermittlung der und in die Einwanderungsgesellschaft voran. Das Förderprogramm „Jugend erinnert“ wird verstetigt und modernisiert. Wir fördern Forschung in Gedenkstätten“ (S. 124f.).

In Verantwortung für Holocaust-Überlebende wird Deutschland „die laufenden Entschädigungsleistungen wie auch die finanzielle Unterstützung für die Pflege der heute hoch betagten Holocaust-Überlebenden konsequent sicherstellen, um ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Gleichzeitig sollen die Zukunftsaufgaben der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts besondere Sichtbarkeit erlangen. Hierzu gehören insbesondere der Aufbau einer zentralen digitalen Themenplattform zur Wiedergutmachung von NS-Unrecht und die Verstärkung und dauerhafte Förderung von Holocaust Education“ (S. 110).

Mit Blick auf die Opfer der SED-Diktatur heißt es im Koalitionsvertrag, dass die neue Regierung im Einvernehmen mit den Ländern die Beantragung und Bewilligung von Hilfen für die SED-Opfer, insbesondere für gesundheitliche Folgeschäden, erleichtern wird. Man werde die Definition der Opfergruppen an die Forschung anpassen und die SED-Opferrente dynamisieren. „Wir richten ergänzend einen bundesweiten Härtefallfonds für die Opfer ein und entwickeln hierfür die Stiftung für ehemalige politische Häftlinge weiter“ (S. 110f.).

Gestärkt werden soll die Bundesstiftung Aufarbeitung, indem die Standorte der Außenstellen des Stasi-Unterlagen-Archivs „qualitativ entwickelt“ werden. Auch werde die begleitende Forschungs- und Bildungsarbeit unterstützt, ebenso „die Einrichtung des Archivzentrums SED-Diktatur und die Weiterentwicklung der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin zum Campus für Demokratie“ (S. 125).

So wie man sich weiterhin der Aufgabe stellen wird, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter gemäß dem Washingtoner Abkommen an die Eigentümerinnen und Eigentümer zurückzuführen (und die Verjährung des Herausgabeanspruchs von NS-Raubkunst ausschließen wird), so wird die neue Regierung mit Blick auf das „Koloniale Erbe“ Deutschlands insbesondere die „Rückgabe von Objekten aus kolonialem Kontext“ unterstützen (S. 125). Koloniale Kontinuitäten sollen überwunden werden. In der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik will die Bundesregierung die „Mittler“ stärken, insbesondere das Goethe Institut, den Deutschen Akademischen Austauschdienst, die Alexander von Humboldt-Stiftung, das Deutsche Archäologische Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen. Und in der „kulturellen Bildung“ soll es einerseits in Deutschland „neue Präsenzformate“ geben, wie auch gemeinsame Kulturinstitute der europäischen Partner in Drittländern und den „Aufbau einer digitalen europäischen Kulturplattform“ (S. 126).

Zum Themenfeld „Moderner Staat“: Zu ihrer Beschleunigung soll die Digitalisierung von Planungs- und Genehmigungsprozessen mit Priorität umgesetzt werden: Man werde „Behörden mit notwendiger Technik ausstatten, IT-Schnittstellen zwischen Bund und Ländern standardisieren und das digitale Portal für Umweltdaten zu einem öffentlich nutzbaren zentralen Archiv für Kartierungs- und Artendaten ausbauen. Bereits erhobene Daten sind, ggf. durch Plausibilisierungen, möglichst lange nutzbar zu machen“ (S. 12).

Der Abschnitt „Freiheit und Sicherheit“ behandelt u.a. die Eingriffe des Staates in die bürgerlichen Freiheitsrechte. Dort heißt es in Bezug auf die Regelungen zur Vorratsdatenspeicherung, dass man diese derart ausgestalten werde, dass „Daten rechtssicher anlassbezogen und durch richterlichen Beschluss gespeichert werden können“ (S. 109). Und weiter: „Zum Schutz der Informations- und Meinungsfreiheit lehnen wir verpflichtende Uploadfilter ab“ (S. 110). Nachrichtendienste werden im Koalitionsvertrag als ein „wichtiger Teil der wehrhaften Demokratie“ bezeichnet: „Wir achten das verfassungsrechtliche Trennungsgebot von Polizei und Nachrichtendiensten. Wir stärken und bauen die Kontrolle, insbesondere die parlamentarische, aller nachrichtendienstlichen Tätigkeiten des Bundes weiter aus. Das Sicherheitsrecht des Bundes, einschließlich der Übermittlungsvorschriften reformieren wir umfassend. Hilfsorgane der Parlamentarischen Kontrolle stärken wir. Die Wahrnehmung der Rechte Betroffener verbessern wir. Kontrolllücken schließen wir. Die Arbeit der Dienste wird durch eine fundierte wissenschaftliche Analyse gestärkt und differenziert. Wir schaffen eine unabhängige Kontrollinstanz für Streitfragen bei VS-Einstufungen und verkürzen die archivrechtlichen Schutzfristen auf maximal 30 Jahre“ (S. 110).

Im Kampf gegen den Rechtsextremismus will Bundesregierung die weitere Aufarbeitung des NSU-Komplexes energisch vorantreiben und ein „Archiv zu Rechtsterrorismus“ in Zusammenarbeit mit betroffenen Bundesländern auf den Weg bringen. Der 11. März, der ja bereits Europäischer Gedenktag für die Opfer des Terrorismus ist, wird auch nationaler Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt (S. 107). – Aufwertung erfahren soll auch der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (S. 119).

Insgesamt ist der Koalitionsvertrag der Ampel aus SPD, Grünen und FDP in der Kulturpolitik, die prinzipiell Aufgabe der Bundesländer ist und für die es auch in der neuen Bundesregierung wiederum eine Staatsministerin für Kultur und Medien (Claudia Roth von Bündnis 90 / Die Grünen) geben wird, von Kontinuität gekennzeichnet, was ihm nicht zum Nachteil gereichen muss. Einige Großprojekte, wie der „Campus für Demokratie“ und die Rückgabe kolonialer Raubkunst, sind explizit benannt. Bei anderen Aufgabenfeldern mit Bezug auf das Historische Forschen und Lernen sucht man zwischen den Zeilen nach Anknüpfungspunkten und Zusagen. Daher scheint es u.a. von Bedeutung zu sein, dass der im Koalitionsvertrag mehrfach benannte und längst überfällige „umfassende digitale Aufbruch“ den „digitalen Staat“ und die „digitale Verwaltung“ nicht eng und gleichsam organisationstheoretisch interpretiert, sondern Archive, Bibliotheken und – die im Koalitionsvertrag beinahe gänzlich ausgesparten – Museen an den „digitalen Innovationen“ und an der „digitalen Infrastruktur“ teilhaben lässt, ja, sie diese mitentwickeln lässt. Die Erinnerungskultur ist in ihrer Breite und Tiefe, das kann man aus dem Ampel-Vertrag durchaus ersehen, eine generationsübergreifende Aufgabe zur lebendigen und wehrhaften Gestaltung der Demokratie. Investitionen in die Gedächtnisinstitutionen sind daher keine Investitionen in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft der Gesellschaft. – Nach der kommenden Legislaturperiode wird man sehen (und beurteilen), ob und inwieweit die Regierung das getan hat, was sie im jetzt vorgelegten Koalitionsvertrag versprochen hat.

Quelle: Bertelsmann-Stiftung: EINWURF 3/2021 Versprechen gehalten – Schlussbilanz zum Koalitionsvertrag der GroKo 2018-21, 22.10.2021; Tagesschau, Innenpolitik: Abschluss der Koalitionsverhandlungen, 24.11.2021; Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Koalitionsvertrag zwischen SPD, BÜNDNIS 90/Die GRÜNEN und FDP, Nov. 2021

Friedrichshafen präsentiert Opferlisten des Zweiten Weltkriegs

Das Stadtarchiv Friedrichshafen hat die bislang bestehenden Listen zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs, die in Friedrichshafen oder als Militärangehörige oder als Opfer des nationalsozialistischen Regimes auswärts ums Leben kamen, überprüft und zusammengeführt. Die Listen zu den Opfern können nun von Interessierten in einem Schauraum im Stadtarchiv eingesehen werden.


Abb.: Die zerstörte Altstadt gilt als Symbol für die Schrecken des Luftkriegs über Friedrichshafen. Hier eine Aufnahme nach dem 28.4.1944, von der Wilhelmstraße Richtung Westen (Foto: Stadtarchiv Friedrichshafen, Sammlung Jakob Hättig).

Das Stadtarchiv Friedrichshafen hat die zur Verfügung stehenden Quellen nach vier Kategorien ausgewertet und in jeweils neuen Aufstellungen zusammengefasst: „Opfer des Widerstands und der Verfolgung durch das NS-Regime“, „Luftkriegstote“, „Ausländerinnen und Ausländer“ sowie „Soldaten“. – Bei den Opfern von Widerstand und Verfolgung wurden ums Leben gekommene jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, Widerstandskämpfer sowie in Friedrichshafen eingesetzte deutsche KZ-Häftlinge aufgenommen. Im Unterschied etwa zu KZ-Häftlingen aus Osteuropa war bei dieser Personengruppe in der Regel ein politischer Hintergrund für die Einweisung verantwortlich. Diese Liste umfasst derzeit 25 Personen.

Als Luftkriegstote sind mit Namen fassbar 734 Personen, darunter 233 Ausländerinnen und Ausländer, überwiegend in der Zwangsarbeit oder als KZ-Häftlinge eingesetzt, 437 deutsche Zivilisten und 64 Militärangehörige. Die Friedhofslisten verzeichnen zehn über Friedrichshafener Stadtgebiet gefallene alliierte Flieger.

Rund 380 Ausländerinnen und Ausländer sind im Zweiten Weltkrieg in Friedrichshafen gestorben. Zu den bereits erwähnten Opfern während der Luftangriffe kamen vor allem Todesfälle durch schwere Krankheiten, begünstigt durch Unterernährung und mangelnde Hygiene. Größte Einzelgruppe waren die russischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mit 114 Toten, im Jahre 1950 auf dem Ehrenfeld 32 des Hauptfriedhofs Friedrichshafen beigesetzt. Größte Gruppe unter den „Westarbeitern“ bildeten die rund 90 auf dem Maybach-Betriebsgelände beim Luftangriff vom 20. Juli 1944 umgekommenen italienischen Militärinternierten. Hier sind dem Stadtarchiv bis heute nicht alle namentlich bekannt. Insgesamt waren Tote aus vielen europäischen Nationen zu beklagen.

Bei den Militärangehörigen überrascht die hohe Zahl von 1.211 Belegen, die die Recherche des Stadtarchivs ergeben hat. Allein in den Sterberegistern bis 1973 konnten 857 im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten namhaft gemacht werden, zahlreiche weitere Listen vervollständigen das Bild.

Insgesamt kann man von rund 2.000 Kriegsopfern ausgehen, da es häufiger vorkommt, dass ein und dieselbe Person in mehreren Listen parallel geführt wird.

Betreut wurde das Projekt von Hartmut Semmler vom Stadtarchiv. Unterstützt und begleitet wurde die Recherche durch Dr. Christa Tholander aus Friedrichshafen. Carmen Dienel und Bryndis Kern, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs, haben bei der Erfassung des umfangreichen Datenmaterials unterstützt. Interessierte können die Listen sind nun in einem Schauraum des Stadtarchivs Friedrichshafen einsehen. Eine vorherige Kontaktaufnahme per E-Mail ist notwendig.

Bundesverdienstkreuz am Bande für Christa Tholander
Erst kürzlich hatte Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand im Namen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Dr. Christa Tholander überreichen können. Vorgeschlagen für die Ehrung wurde Christa Tholander von Ministerpräsident Winfried Kretschmann.


Abb.: Oberbürgermeister Andreas Brand (rechts) überreichte im Namen des Bundespräsidenten das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Dr. Christa Tholander (Foto: Stadt Friedrichshafen).

Ende der achtziger Jahre hatte Dr. Tholander mit 52 Jahren das Abitur nachgeholt, Geschichte und Anglistik in Konstanz studiert und ihr Magisterstudium 1996 mit der Magisterarbeit „Fremdarbeiter: Ausländische Arbeitskräfte in Friedrichshafen von 1939-1945“ abgeschlossen. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie ihre Dissertation mit dem Titel „Fremdarbeiter 1939 bis 1945 – Ausländische Arbeitskräfte in der Zeppelin-Stadt Friedrichshafen“. Sie reiste dafür zu den Zeitzeugen bis nach Polen und Belarus und interviewte dort insgesamt mehrere Dutzend Personen.

Noch heute kümmert sich Dr. Christa Tholander um Anfragen von Nachkommen ehemaliger Zwangsarbeiter. „Mit ihrem Engagement wollen Sie Vorurteile abbauen und bemühen sich um Ausgleich und Versöhnung“, dankte OB Brand Christa Tholander. Auch das Stadtarchiv Friedrichshafen sei durch die Forschungen in der glücklichen Lage, auf fundierte Erkenntnisse über die nationalsozialistische Zeit in Friedrichshafen zurückgreifen zu können. Sie setzte sich u.a. für eine angemessene Gestaltung der beiden Ehrengräber 19 und 32 auf dem städtischen Friedhof ein. In diesen Ehrengräbern ruhen in Friedrichshafen ermordete, umgekommene und umgebettete Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge. Hier hat sie durch Nachforschungen und Erkundungen in höchstem Maße zur Klärung beigetragen.

Ein weiterer Erinnerungsort in Friedrichshafen ist die Präsentation „Zwangsarbeiter“ im Dornier-Museum. Zusammen mit ihrem Mann hat Dr. Tholander für das Museum die Geschichte der Zwangsarbeiter bei Dornier aufgearbeitet und Hördokumente von Zeitzeugen zusammengetragen.

„Sowohl für das Geschichtsgedächtnis unserer Stadt als auch für die Versöhnungsarbeit kann Ihr Engagement nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie haben in erheblichem Maße zur Aufarbeitung der NS-Geschichte in unserer Stadt beigetragen. Darüber hinaus haben Sie sich für die Bewahrung dieser Erkenntnisse eingesetzt, die Schaffung von Erinnerungsorten mit Ihrer Arbeit unterstützt und nicht zuletzt Versöhnungsarbeit durch die Begegnung von Menschen aus einst verfeindeten Nationen geleistet“, so Oberbürgermeister Andreas Brand in seiner Laudatio. Dem Dank schlossen sich die Leiterin des Zeppelin Museums, Dr. Claudia Emmert, der Leiter des Stadtarchivs, Jürgen Oellers, und der frühere Oberbürgermeister Josef Büchelmeier an.

Kontakt:
Stadtarchiv Friedrichshafen mit Bodenseebibliothek
(Max-Grünbeck-Haus)
Katharinenstraße 55
88045 Friedrichshafen
Tel. +49 7541 209-150 (Stadtarchiv) oder -153 (Bodenseebibliothek)
Fax +49 7541 203-88842 (Stadtarchiv)
stadtarchiv@friedrichshafen.de
https://stadtarchiv.friedrichshafen.de

Quelle: Stadt Friedrichshafen, Nachrichten, 8.5.2021; Stadt Friedrichshafen, Nachrichten, 10.11.2021; Stadt Friedrichshafen, Nachrichten, 24.11.2021

Erschließung der BLHA-Überlieferung zum Braunkohlenbergbau abgeschlossen

Das Brandenburgische Landeshauptarchiv in Potsdam hat die Erschließung seiner Überlieferung zum Braunkohlenbergbau abgeschlossen. Die online veröffentlichten Daten ermöglichen einen Überblick über alle im Landeshauptarchiv verwahrten Aktenbestände von Bergbauunternehmen in der Lausitz vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.


Abb.: Gesamtansicht der Fabriken der „Eintrachtwerke“, 1906 (Quelle: BLHA, Rep. 75 Eintracht Braunkohlenwerke AG, Welzow Nr. 471)

Nachdem die Bestände der DDR-Braunkohlenwerke bereits seit einigen Jahren online durchsuchbar waren, schließen neue Erschließungsangaben die Lücke zu den Unterlagen aus der Zeit vor 1945. Zudem informieren inhaltliche Einleitungen über die Geschichte der jeweiligen Unternehmen, über deren Grubenbetriebe sowie über die Geschichte der Bestände.

Bearbeitete Bestände:
Rep. 75 Anhaltische Kohlenwerke AG (AKW), Halle (Saale)/Berlin
Rep. 75 Eintracht Braunkohlenwerke AG, Welzow
Rep. 75 F. C. Th. Heye Braunkohlenwerke GmbH, Annahütte
Rep. 75 Ilse Bergbau AG, Grube Ilse bei Senftenberg
Rep. 75 Matador Bergbaugesellschaft mbH, Reppist bei Senftenberg
Rep. 75 Niederlausitzer Kohlenwerke AG, Berlin
Rep. 75 Senftenberger Kohlenwerke AG, Senftenberg

In den Unterlagen findet sich eine Vielzahl an Unterlagen über Anlage und Ausbau von Grubenbetrieben. Sie betreffen unter anderem den Aufschluss von Tagebauen, Investitionen in Technologie der Förderung und Brikettierung. Die in den 1880er Jahren gegründeten Kapitalgesellschaften erwiesen sich als leistungs- und konkurrenzfähig für die technologischen und finanziellen Herausforderungen, die der Aufschluss tiefer liegender Kohlenschichten im Tagebau stellten. Sie modernisierten fortlaufend ihre Tagebaue durch Übergang auf die Großraumförderung, den Einsatz von Abraumförderbrücken und immer größeren Baggern sowie durch Anlegung eines verzweigten Systems von Kohlen- und Anschlussbahnen, das einen kostengünstigen und schnellen Transport von Kohlen zwischen Tagebauen und Brikettfabriken und auch zu den Abnehmern von Kohle als Brennstoff oder als Grundstoff für die Kohlenchemie sicherstellte.

Das Wirken von Leitungsgremien (Aufsichtsrat, Vorstand, Gesellschafterversammlung) ist in den Beständen in unterschiedlicher Breite dokumentiert. Nahezu alle Bestände enthalten Unterlagen über die Zusammenarbeit der Unternehmen mit dem Deutschen Braunkohlen-Industrie-Verein e.V. und vor allem mit der regionalen Interessenvertretung der Werke im Lausitzer Revier, dem Niederlausitzer Bergbauverein e.V. mit Sitz in Senftenberg, der auch als Arbeitgeberverband in Tarifverhandlungen fungierte und zur Abstimmung über verschiedene überbetriebliche Fragen des Bergbaus (Grubenrettungswesen, Rekultivierung) diente. Die in den Beständen vorhandenen Protokolle, Rundschreiben und statistische Erhebungen bieten einen Gesamtblick auf den Braunkohlenbergbau in der Niederlausitz vor 1945.

Besonders umfangreich vorhanden sind in den Beständen Akten über Erwerb und Verwaltung des Kohlenfelderbesitzes. – Mit dem Kohlenabbau veränderten die Unternehmen gewachsene Landschafts- und Siedlungsstrukturen. Diese Eingriffe spiegeln sich am auffälligsten in Akten über die Verlegung von Wasserläufen und bereits vorhandener Infrastruktur (Straßen, Wege) wider. Sie treten noch deutlicher in Unterlagen über Entschädigungen für Grundwasserabsenkungen, den Bau von Wasserversorgungsanlagen und die Beteiligung an der Niederlausitzer Wasserwerksgesellschaft zutage. Entstehung und Ausbau von Arbeiterkolonien und Werkssiedlungen zur Unterbringung von Arbeitern dokumentieren sich in Akten zum Siedlungs- und Wohnungsbau, zur Beteiligung an Siedlungsgesellschaften und zur Übernahme von Kommunal- und Patronatslasten (Kirchen- und Schulbau).

Alle Bestände enthalten schließlich auch eine thematische breite Überlieferung zu den Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten im Bergbau. Die Bandbreite der Überlieferungen weist auf zahlreiche Auswertungsmöglichkeiten hin – auch über die Geschichte des Bergbaus hinaus. Insbesondere für die Orts- und Regionalgeschichte der Niederlausitz können die Akten von Interesse sein.

Kontakt:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv
Am Mühlenberg 3
14476 Potsdam

Postanschrift:
Postfach 600449
14404 Potsdam

Telefon: +49 (0) 331 5674-0
Telefax: +49 (0) 331 5674-212
poststelle@blha.brandenburg.de
https://blha.brandenburg.de

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Aktuelles, 19.11.2021

Hannover und die Hanse zur Zeit des Stralsunder Friedens 1370

Das Stadtarchiv Hannover hatte 2020 das 650. Jubiläum des Stralsunder Friedens zum Anlass genommen, Hannovers Verhältnis zur Hanse zu untersuchen. Die entstandene Ausstellung „Hannover und die Hanse zur Zeit des Stralsunder Friedens 1370“ konnte pandemiebedingt nur online gezeigt werden. Jetzt wird die Ausstellung, nun erweitert um originale Dokumente aus dem späten 14. Jahrhundert, analog präsentiert.

Die Ausstellung stellt die politischen Akteure und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor, zeigt Urkunden und Bücher der Verwaltung und sucht nach Spuren der Hanse in Hannover. Mit welchen Themen haben sich die Ratsherren um 1370 beschäftigt? Wie engagierte sich Hannover im Krieg um die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Ostsee? Welche Rolle spielte Hannover im Netzwerk der Hanse? Kannte und nutzte man die neuen Privilegien, die Lübeck und die Seestädte für das Hanse-Bündnis erkämpften?

Vor 650 Jahren schlossen die verbündeten Hansestädte mit König Waldemar IV. von Dänemark den Frieden von Stralsund. Die Hanse konnte ihre Vormachtstellung in der Ostsee behaupten und eine Bestätigung weitreichender Privilegien erkämpfen. Der Friedensschluss von Stralsund gilt als Höhepunkt der Hansegeschichte. Er ist auch deshalb bemerkenswert, weil hier eine kleine Städtegruppe einen Sieg erkämpfte, dessen Privilegien der ganzen Hanse-Gemeinschaft zugutekamen – und das fast 200 Jahre lang.

In den zehn Jahren der Auseinandersetzung waren Hannover und die anderen sächsischen Städte mit dem Ausbau der eigenen politischen und wirtschaftlichen Stellung beschäftigt. So konnte in Hannover der Mauerring nach dem Abriss der herzoglichen Burg direkt vor den Toren der Stadt endlich geschlossen werden. Dies erlaubte der Stadt eine rechtliche Abgrenzung, die Demonstration ihrer politischen Stellung und den Schutz vor feindlichen Überfällen. Der geschlossene Mauerring mit 32 starken Türmen war so wichtig, dass die spätere Stadtgeschichtsschreibung deshalb meinte, die „Aufnahme“ in die Hanse auf das Jahr 1371 setzen zu müssen.


Abb.: Das „rote Stadtbuch“, Stadtprotokollbuch (Stadtarchiv Hannover, I.AA.3 Nr. 8232)

Die Quellen aus der Stadtschreiberei belegen die für zentral angesehenen Schwerpunkte des städtischen Lebens: Eigentums- und Erbschaftsfragen, Dotationen an Kirchen und Altäre, Schuldverträge, Privilegien, die Verzeichnung der Neueinwohner*innen und Rechtsbelehrungen galten für so wichtig und erhaltenswert, dass sie auf teurem Pergament geschrieben wurden. Die ältesten Aufzeichnungen der Stadtverwaltung, zum Beispiel Einnahmen aus den städtischen Mühlen, stammen erst aus dem Ende des 14. Jahrhunderts und wurden dann auf Papier verzeichnet.

„Echt hansische“ Spuren finden sich auch heute noch im Alltagsleben der Stadt. Wie im gesamten Hansekulturraum wurde in Hannover mit Backstein gebaut und in Niederdeutsch kommuniziert. Auch in Hannover trainierten die Einwohner ihre Wehrtüchtigkeit durch das „Papageienschießen“. Den eigenen Einwohnern und fremden Kaufleuten wurde die Möglichkeit des Gebetes am Altar von St. Olav, dem Schutzpatron der Seefahrer, geboten.

Die Archivausstellung „Hannover und die Hanse zur Zeit des Stralsunder Friedens 1370“ ist ein Projekt des Stadtarchivs Hannover mit Unterstützung des städtischen Büros für internationale Angelegenheiten und Teil der Veranstaltungsreihe „Frieden 2020+. Verantworten – Bewahren – Machen!“.

Die Öffnungszeiten sind Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von 9 bis 13 Uhr. Anmeldungen sind per Telefon oder Mail möglich.

Kontakt:
Stadtarchiv Hannover
Am Bokemahle 14-16
30171 Hannover
Tel.: +49 511 168-42173
Fax: +49 511 168-46590
stadtarchiv@hannover-stadt.de
http://www.hannover.de/stadtarchiv

Quelle: Stadt Hannover, Pressemitteilung, 16.11.2020; Stadt Hannover, Pressemitteilung, 22.11.2021

  • Um AUGIAS.Net aktuell zu halten, würden wir uns auch über Ihre Mithilfe freuen: Nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf, wenn Sie Neuigkeiten aus dem Archivwesen haben (Nachrichten, Literatur, Links, Termine etc.).
Top