Die Akademie der Künste scheint beim Bau ihres neuen Hauses am Pariser Platz vom Pech verfolgt zu sein. Nach dem Streit um ausstehende Zahlungen für das Projekt und den Stopp der Arbeiten durch die Baufirma wurde gestern bekannt, dass die Archivräume von Schimmelpilzen befallen sind.
Ein Mitarbeiter habe am 31. Juli im vierten Untergeschoss „einen massiven Befall der Wände mit Schimmelpilzen entdeckt“, heißt es in einer Erklärung der Akademie. „Als Sofortmaßnahme versucht man, die Luftfeuchtigkeit rauszukriegen“, sagte der Präsidialamtssekretär der Akademie, Hans Gerhard Hannessen, der Berliner Zeitung. Die Akademie sieht sogar den Sinn des Neubaus am Pariser Platz in Frage gestellt. Denn am Dienstag wurde ihr ein Schreiben des Generalunternehmers, der Firma Pegel & Sohn, an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bekannt. Darin heißt es: „Weiterhin machen wir – wie schon in der Vergangenheit – darauf aufmerksam, dass die Untergeschosse nicht für Archive geeignet sind.“ Die Menge der Luftumwälzung sei für „ein hochwertiges Archiv nicht geeignet“.
In der Erklärung der Akademie heißt es dazu, dies sei ihr bisher verschwiegen worden. Für die Akademie sei es aber gerade entscheidend, dass die Untergeschosse voll nutzbar sind. „Sonst hat das Gebäude keinen Sinn“, sagt Hannessen. Bis in zwölf Meter Tiefe reichen die Untergeschosse, die Platz für die wertvollen Bestände der Akademie bieten sollen. „Der Auftrag war, vier Magazinetagen anzulegen – für hochwertiges Archivmaterial“, sagt Hannessen. „Wir müssen gewährleisten, dass die Kunstsammlungen konservatorisch korrekt bewahrt werden.“ Es komme ihm vor, „als wenn man ein Opernhaus baut und nicht bedenkt, dass dort ein Orchester spielen muss“, ärgert er sich.
Sollten die Untergeschosse nicht geeignet für das Archiv sein, wäre damit etwa die Hälfte der Fläche in der neuen Akademie betroffen. Lediglich die Veranstaltungssäle und Ausstellungsflächen in den übrigen Etagen wären dann nutzbar. Die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Rohland, sagte, sie könne die Darstellung, die Untergeschosse seien für ein Archiv ungeeignet, nicht nachvollziehen. Zu dem Schimmelbefall sei es nach Auskunft der Firma Pegel gekommen, weil eine andere Firma die Baustelle vor dem Verlassen abgeschlossen habe, ohne für eine ausreichende Luftzikulation zu sorgen. Jetzt werde der Schaden beseitigt. Vom Architekturbüro Günter Behnisch, der das Gebäude entwarf, war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.
Ursprünglich sollte das Archiv am bisherigen Akademie-Standort am Hanseatenweg in Tiergarten erweitert werden. Nach dem Mauerfall wurde diese Planung jedoch geändert und die Akademie sollte an ihren alten Standort am Pariser Platz zurückkehren. Um Geld in die Kassen des Landes Berlin zu spülen, wurde der hintere Teil des Akademie-Grundstücks an der Behrenstraße verkauft. Dort entstand ein Erweiterungsbau des Hotel Adlon. Eigentlich hätte das Archiv in diesem Bereich errichtet werden sollen. Nach dem Verkauf des Grundstücksteils wurden die Untergeschosse bis zu einer Tiefe von zwölf Metern notwendig. Dass dort wertvolle Kunstwerke und Archivalien aufbewahrt werden sollte, habe man den Senatsverwaltungen „in aller Klarheit“ mitgeteilt, teilte die Akademie mit.
Archivare vertreten zwei Glaubensrichtungen
Bei der Wahl der geeigneten Mittel zur dauerhaften Sicherung von Dokumenten gibt es unter Archivaren zwei Glaubensrichtungen: Eine Gruppe setzt auf natürliche Baumaterialien, die andere auf die Technik in Form einer ordentlichen Klimatisierung. Die war besonders bei Bauten, die nach dem nach Zweiten Weltkrieg entstanden, angesagt. Aber die Technikgläubigen bekamen in den siebziger und achtziger Jahren Konkurrenz durch die Naturanhänger. Dabei hat möglicherweise auch die Ölkrise und die damit zusammenhänge Frage, was bei Stromausfällen passiert, eine Rolle gespielt.
Entscheidend für die sachgerechte Lagerung von kostbaren Dokumenten sind zwei banale Werte, erzählt ein promovierter Archivar, der seinen Namen allerdings lieber nicht in Zusammenhang mit den Schimmel-Problemen im unterirdischen Archivtrakt des Neubaus der Akademie der Künste in der Zeitung lesen möchte: eine Temperatur, die zwischen 14 und 16 Grad Celsius liegen sollte, und eine 40- bis 45-prozentige Luftfeuchtigkeit. Kommt es zu Schwankungen, sollten diese gleichmäßig ausfallen.
Ist im Archiv der Schimmel schon drin, darf es nicht mehr zum Sporenflug kommen. Der wird verhindert, indem die Akte luftdicht verpackt wird. Der Nachteil dieser Maßnahme liegt auf der Hand: das Dokument ist nicht mehr einsehbar. Je nachdem, was drinsteht, kann dies natürlich auch ein Vorteil sein. Soll das kontaminierte Werk zugänglich bleiben, kann es durch Begasung von Schimmelpilzsporen befreit werden.
Quelle: BZ, 7.8.2003, Morgenpost, 8.8.2003
