Hanauer Ausstellungen locken mit Raritäten

„Wir können Sachen zeigen, die es in Hanau lange nicht zu sehen gab,“ so machte Dr. Anton Merk, Leiter der Hanauer Museen, gestern Appetit auf zwei Sonderausstellungen mit denen zwei stadtgeschichtliche Jubiläen im Historischen Museum Schloss Philippsruhe ausklingen. Am heutigen Samstag öffnet im Erdgeschoss die Schau „700 Jahre Altstadt Hanau“ (Info), am morgigen Sonntag in der Museumsgalerie die Ausstellung „400 Jahre Jüdische Gemeinde in Hanau“ (Info) (jeweils 16 Uhr).

Der Titel der Ausstellung über jüdisches Leben in Hanau hat gestern für Irritationen gesorgt. Der Titel, der auf den Einladungskarten und einer städtischen Werbebroschüre abgedruckt ist, impliziere, dass es eine jüdische Gemeinde heute noch in Hanau gibt, sagte gestern bei einer Präsentation der beiden Ausstellungen Stadtrat Rolf Frodl. Die jüdische Gemeinde war durch nationalsozialistischen Terror spätestens 1942 ausgelöscht. Den in einer Auflage von 5.000 Exemplaren gedruckten Werbe-Flyer hat Frodl gestern eingezogen, auch, weil im Text die Passage enthalten war, Hanau sei an der nationalsozialistischen Machtergreifung „nicht beteiligt“ gewesen. Das sei ein „nicht hinzunehmender Satz,“ sagte Frodl. Der Text der Werbebroschüre sei mit der Leitung des Fachbereichs Kultur nicht endabgestimmt gewesen. Korrekt heißt das Jubiläum „400 Jahre Judenstättigkeit“, bezieht sich auf den Erlass, mit dem Graf Philipp Ludwig Juden in seiner Stadt ansiedelte.

Die 400 Jahre alte Originalurkunde, die üblicherweise im Staatsarchiv in Marburg lagert, ist eines der Kernstücke der Ausstellung. Ziel der Präsentation sei zu zeigen, wie integriert und prägend das Leben der jüdischen Gemeinde in Hanau gewesen ist. Die Gemeinde habe herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht, die der Bedeutung und dem Ansehen Hanaus in außerordentlicher Weise gedient hätten, sagte der Kulturdezernent.

Zu diesen Persenönlichkeit zählt der 1800 im Hanauer Getto geborene Maler Moritz Daniel Oppenheim. Nach einem Tipp aus den Reihen der Hanauer Märtesweinvereinigung ist es gelungen, ein weiteres Bild des Künstler für das Museum anzukaufen. Das Werk „Maria und Anna im Garten“ sei eine Rarität, das erste bekannte Gemälde aus der italienischen Zeit Oppenheims, so Merk. Aus den ersten beiden Jahren, die der junge Oppenheim in Italien verbrachte, sind bisher lediglich Ölskizzen und Zeichnungen bekannt gewesen. Oppenheim sei einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts. Sein Zyklus mit Bildern aus dem altjüdischen Familienleben bringt in der Ausstellung jüdische Riten und Gebräuche den Besuchern nahe.

Der jüdische Ritus spiele sich weniger in der Synagoge, als vielmehr in den Familien ab, sagte Merk. Dazu sind eine Reihe von Kultgegenständen wie Leuchter und Schalen erforderlich, deren Herstellung bis heute ein Arbeitsfeld der traditionsreichen Hanauer Silberschmieden ist. Auf Vorbildern des 19. Jahrhunderts fußende aktuelle Stücke sind in Schloss Philippsruhe zu sehen. Ein Raum ist der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Hanau gewidmet. Weitgehend unkommentiert lässt das Museum die auf und vor dem Hanauer Bahnhof aufgenommenen Fotos von der Deportation Menschen jüdischen Glaubens wirken.

Ein alte Urkunde steht auch im Mittelpunkt der Ausstellung „700 Jahre Altstadt„: Das ebenfalls als Leihgabe aus Marburg zu sehende Original des Stadtrechtsprivilegs von 1303. Mit Plänen, Bildern, Modellen und Fundstücken zeichnet die Ausstellung die Geschichte der Hanauer Altstadt nach von der Burg bis zur Zerstörung am 19. März 1945. Erstmals präsentiert werden Fundstücke, die bei Bauarbeiten rund um den Congress Park, den Standort der ehemaligen Burg Hagenowe, zu Tage kamen, Scherben sowie Gräber aus dem Dreißigjährigen Krieg.

In der Reihe „Sonntags um 3“ gibt es morgen um 15 Uhr eine Führung durch die Sonderausstellung, die sich im Schwerpunkt mit der Altstadt und ihrer Umgebung in Plänen und Ansichten befasst.

Beide Ausstellungen werden vom Museum gemeinsam mit dem Hanauer Geschichtsverein getragen. 80 Prozent der Stücke der Altstadt-Ausstellung sind Eigentum des Vereins. Die Altstadtausstellung ist bis 14. März zu sehen, „400 Jahre Judenstättigkeit“ bis 4. Januar.

Schloss Philippsruhe – Anfahrt:
Mit dem PKW: BAB (A3) Ausfahrt Hanau, B 43.
BAB (45, 66), Ausfahrt Hanau, Hanauer Kreuz (A 66) Ausfahrt Hanau Nord. Mit der Bahn:
Hauptbahnhof: (S8), dann Buslinie 10 bis Schloß Philippsruhe. Westbahnhof: (Regionalbahn 55) Buslinie 1/10 bis Schloß Philippsruhe

Quelle: Offenbach-Post, 22.11.2003

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