Zwei Kilometer Akten für die Bürger

In der kommenden Woche treffen sich in der Villa Clementine 30 Archivare von Land, Kommunen und kirchlichen Einrichtungen. Sie gehören dem im Juni gegründeten Landesverband Hessen im VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (Info) an. Im Vordergrund steht die Einrichtung einer Beratungsstelle für Gemeinden, die nicht über eigene Archive verfügen. Gastgeberin ist Dr. Brigitte Streich, Leiterin des Wiesbadener Stadtarchivs und Vorsitzende des Landesverbands. 

Zwei Kilometer Akten stehen derzeit im Stadtarchiv für den „Kunden“ zur Verfügung. Sie können von Bürgern eingesehen werden, zwei weitere Kilometer harren der Aufbereitung. Und täglich gehen neue Unterlagen ein. Brigitte Streich: „Akten, Dokumente, Briefe kommen von allen Ämtern der Stadt zu uns, auch Unterlagen der städtischen Eigenbetriebe.“ Aufgabe des Stadtarchivs ist es, Handeln und Arbeitsweise der Behörde zu dokumentieren.

„Nur fünf bis zehn Prozent aller Akten werden von uns übernommen, aufbereitet und archiviert“, schränkt die Leiterin des Stadtarchivs ein. Der Aktenberg soll überschaubar bleiben. „Nicht aufbewahrt werden zum Beispiel Bußgeldbescheide.“ Keinesfalls zu bewältigen wären auch die Unterlagen über Sozialhilfe. „Da haben wir uns darauf geeinigt, Samstagsgesprächexemplarisch alle Akten von Personen zu verwahren, deren Name mit einem bestimmten Buchstaben beginnt,“ beschreibt Brigitte Streich die raumsparende Lösung des Problems.

Ihre Arbeit leisten die Archivare in Etappen: Prüfung des angebotenen Schriftguts, Übernahme, Aufbereitung, Bereitstellung für die Öffentlichkeit. Dabei gilt es eine Reihe von Vorschriften zu beachten. Datenschutz und Archivgesetz geben den Rahmen vor. So dürfen Personalakten erst 30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die Arbeit des Stadtarchivs ist nicht auf die Stadtverwaltung beschränkt. Oft bieten Bürger private Unterlagen oder Fotosammlungen an. Häufig, so die Archivarin, sorgen Testamente für eine Bereicherung des Bestands. Auch Politiker überlassen gelegentlich dem Stadtarchiv Unterlagen über ihr Wirken.

Das Stadtarchiv ist bemüht, alle Wünsche von Besuchern zu erfüllen. Dabei ist mitunter wahre Detektivarbeit zu leisten. Brigitte Streich nennt zwei Beispiele. Da wollte ein Mann dem Verdacht nachgehen, seine Geburt der NS-Einrichtung „Lebensborn“ zu verdanken. Sein Wunsch war es, seine Eltern ausfindig zu machen.

Fall zwei: Ein alter Herr, unehelich geboren, suchte nach seiner Familie. Die Mutter war vor 1933 verstorben, der Sohn wurde später adoptiert. Wegen seiner jüdischer Vorfahren gaben die Adoptiveltern den Jungen ab, er landete mit acht Jahren auf einem Bauernhof. Die Suche nach dem leiblichen Vater blieb ohne Erfolg, gefunden wurde hingegen die Adoptivfamilie.

Gute Kunden des Stadtarchivs sind Bürger, die sich der Heimatkunde widmen oder an einer Chronik ihrer Familie arbeiten. „Manchmal wollen Leute, die ein altes Haus gekauft haben, auch die Geschichte dieses Anwesens erforschen“, schildert Brigitte Streich die Anliegen der Besucher. Dazu gehören mitunter auch ganze Schulklassen, die Aufträge ihrer Lehrer umsetzen wollen – etwa die Aufklärung von Schicksalen während der NS-Zeit.

Der Service für den Bürger ist offenkundig. Das kommunale Archiv verhilft ihm zu Nachweisen für andere Behörden, erleichtert häufig Aufklärung von Grundstücksangelegenheiten. Bei der Ausweisung von Baugebieten kann ein gut geführtes Archiv Aufschluss über Altlasten im Boden geben.

„Das Archiv ist ein Kristallisationspunkt für die Identifikation mit der Gemeinde“, offenbart die Leiterin des Stadtarchivs. Dennoch hat eine Umfrage bei 400 Kommunen ergeben, dass nur jede fünfte Gemeinde über Archive verfügt, die von hauptamtlichen Kräften betreut werden. Jeweils 25 Prozent setzten für diese Aufgabe nebenberufliche oder ehrenamtliche Helfer ein, gut ein Viertel der Kommunen glaubt ohne Archive auszukommen.

Dort existieren lediglich Registraturen – nicht für die Öffentlichkeit aufbereitete und zugängliche Aktensammlungen. Staatsarchive können einspringen, die Gemeinden durch Übernahme und Betreuung von Unterlagen entlasten. Hilfe soll auch die Beratungsstelle leisten, über deren Aufbau die Archivare am 26. November in Wiesbaden beraten werden.

Kontakt:
Stadtarchiv Wiesbaden
Im Rad 20
65197 Wiesbaden
Telefon:  0611 / 31-3329, 31-3747, 31-5429 
Fax:  0611 / 31-3977 
stadtarchiv@wiesbaden.de

Quelle: Wiesbadener Tagblatt, 22.11.2003

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