Schätze, Schimmel und Sozialgeschichte. Aus dem Alltag eines Bewegungsarchivs

Im Mittelpunkt des folgenden Beitrags[1] von Bernd Hüttner[2] steht ein umfangreicher Zugang an Büchern und Zeitschriften in das Archiv der sozialen Bewegungen Bremen. Im ersten Teil wird anhand der konkreten Bearbeitung dieses Zugangs die Arbeitsweise und die Situation dieses Archivs beschrieben. Im zweiten Teil wird der Zugang inhaltlich dargestellt und vorsichtig versucht, Rückschlüsse auf die politisch-intellektuelle Entwicklung des ehemaligen Besitzers des Zugangs ziehen. 

\"Archiv

Bremen, 29. November 2004. Ich bekomme eine E-Mail von Ulrich Duve, dem Leiter des Klaus Kuhnke-Archiv für populäre Musik an der Hochschule für Künste Bremen. Er möchte dem Archiv der sozialen Bewegungen 30 Kartons politische und historische Literatur sowie Periodika überlassen. Sie stammen vom 1988 tödlich verunglückten Namensgeber des Archivs, Klaus Kuhnke. Das Archiv hat nur den in sein Thema \“populäre Musik\“ passenden Buch- und Periodikabestand aus dem Nachlass übernommen, der umfangreiche Rest war seitdem verpackt eingelagert. Das Archiv selbst wurde 1975 damals noch unter dem Namen Archiv für populäre Musik von den Radio Bremen-Musikredakteuren Klaus Kuhnke, Manfred Miller und Peter Schulze gegründet. Mein Archivarsherz schlägt deutlich höher und die Aussicht auf Zugänge an Büchern und Periodika aus den 1960er und 1970er Jahren ist verlockend, besteht doch sehr viel des bisherigen Archivbestandes aus Material aus den 1980er und 1990er Jahren. 

Bald danach besuche ich das klischeehaft im ehemaligen Heizungskeller der Hochschule versteckte Archiv und besichtige das zu übernehmende Material. Es handelt sich um geschätzt 1.500 Bücher und einige Kisten mit Periodika. Ich sage zu, alles zu übernehmen und gegebenenfalls an andere Archive, zu denen ich Kontakte habe, weiterzuleiten. Ich vereinbare den Abholtermin für die erste Ladung und verabschiede mich, tief beeindruckt von den im Kuhnke-Archiv lagernden 80.000 Langspielplatten. Am 6. Dezember 2004 hole ich ca. 24 Umzugskisten ab, acht Tage später weitere neun Kisten.

\"Blick

Dieser Zugang kommt zu einem unpassenden Zeitpunkt. Zum einen ist die Existenz des Archivs der sozialen Bewegungen aktuell nicht gesichert. Das Archiv nimmt den gesamten Keller des Bremer Infoladens ein, dessen Vertrag zum Jahresende 2005 ausläuft. Die Vermieterin, eine teilprivatisierte städtische Wohnungsbaugesellschaft, hat zwar Interesse das Gebäude zu verkaufen, dafür derzeit aber keine InteressentInnen und hat deshalb signalisiert, unter Umständen auch weiter zu vermieten. Da der 100 Quadratmeter große Keller wegen feuchter Wände eigentlich unbenutzbar ist, habe ich erst im November 2004 alle noch im Keller lagernden Bücher des Archivs, circa 1.500 Bände nach oben in einen kleineren, aber trockenen Raum geschleppt, gleichzeitig die dort in einigermaßen Schutz vor Feuchtigkeit bietenden Archivboxen liegenden Zeitschriftentitel mit den Anfangsbuchstaben B bis J in den Keller umgelagert. Die anderen Zeitschriften (mit den Anfangsbuchstaben K bis Z) sind schon länger in diesen Archivboxen relativ geschützt im Keller untergebracht. Bei solchen Umräumaktionen tut mir nach zwei Stunden alles weh, so dass ich aufhören muss. Das große Problem, dass aus verschiedenen Gründen neue Räume für den Infoladen und das Archiv gefunden (und auch finanziert) werden müssen, begleitet das Archiv schon seit über zwei Jahren.

Im Dezember 2004 besteht der Bestand der Archivs aus ca. 2.000 Büchern, der Zeitschriftenbestand zählt ungefähr 800 Titel mit nennenswerten Beständen, sowie vermutlich fast 1.000 Titel, die als Einzelhefte oder in sehr wenigen Exemplaren vorhanden sind. Hinzu kommen circa 150 Archivboxen und Stehordner mit thematisch einigermaßen sortierten Flugblättern und Broschüren sowie Plakate und über weitere 50 Archivboxen mit unsortiertem Material. Ein Umzug wäre eh ein gewaltiges Unterfangen, da kommt es auf zehn oder zwanzig Kartons mit Büchern aus dem Kuhnke-Archiv jetzt auch nicht mehr an.

Sammeln, erhalten, erschließen

Meine Tätigkeit als Bewegungsarchivar ist vielfältig. Zum einen hat Mensch mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun, die Materialien an das Archiv geben wollen. Diese müssen sachgerecht betreut werden. Wollen viele ihre Dinge einfach nur loswerden, sind andere bewusste SpenderInnen und deshalb sehr interessiert, was mit ihren in langen Jahren politischen Aktivismus angesammelten Dokumente geschieht und am Archiv interessiert. Andere klagen, dass sich ihre Erben einmal nicht um ihre Materialien kümmern werden und sie diese gerne jetzt schon gesichert haben wollen. Es gibt sogar Spender, die ihre Materialien anonym während der Öffnungszeiten des Infoladens abgeben, so dass wir nie erfahren, wer sie sind. Die Tätigkeit des Archivierens selbst ist ebenfalls vielfältig. Sie hat etwas von Wühlen im Müll, von Schatzsuche an sich. Gleichzeitig handelt es sich um eine von kaum jemand – weder vom etablierten Archivwesen noch von den aktuellen Bewegungen – honorierte Bewahrung der gesellschaftlichen Überlieferung.

Ungeachtet der ungewissen Zukunft und der parallel laufenden Gespräche mit verschiedenen AkteurInnen über die Raumsituation beginnt die Bearbeitung des \“Kuhnke\“-Zugangs. Das dabei angewandte Verfahren ist bei allen Spenden an das Archiv gleich. Zuerst wird nach Materialart getrennt und in Bücher, Periodika und Sonstiges sortiert. In diesem Fall handelt es sich vor allem um Bücher, sonstiges Material ist wenig dabei. Gleichzeitig erfolgt die Bewertung, also die Entscheidung, was im Archiv verbleibt, was weggeworfen wird und was an andere Archive weitergegeben sollte.

Seit der Gründung des Archivs haben sich inhaltliche Kontakte und ein Austausch von Archivalien mit vergleichbaren Archiven und Bibliotheken u.a. in Oldenburg, Hamburg, Berlin, Köln, Bonn, Jena, Wien, Zürich und Gera ergeben. Materialaustausch zu den Themen Arbeiterbewegung und Nationalsozialismus gibt es mit der Bibliothek des damaligen Instituts für Regional- und Sozialgeschichte (IRSG) an der Universität Bremen[3] und dem ECO-Archiv Arbeiterkultur und Ökologie der Naturfreunde in Hofgeismar. Ich verwende relativ viel Zeit darauf, doppeltes Material weiterzugeben, von zwei Archiven verfüge ich sogar über Bestandslisten, so dass ich genau weiß, welche Zeitschriftenausgaben diese noch nicht haben und sie dementsprechend mit dem in Bremen doppelten Material versorgen kann. Die Buch- und Zeitschriftenbestände des IRSG sind sogar online über das Internet zugänglich. Zur Abgabe an andere Einrichtungen kommt also das Material in Frage, das im Archiv schon vorhanden ist oder das thematisch nicht passt.

Das letzte ist bei dem aktuell zu bearbeitenden Zugang ziemlich oft der Fall: Bücher zur Kulturpolitik der SED, zur SPD vor 1914 und zu vergleichbaren, anderen Themen, die nicht in das Profil des Archivs passen, werden z.B. an das IRSG weitergegeben. Bei den Periodika sind etliche Hefte auch schon im Archiv vorhanden.

In dem Zugang finden sich Bücher zu Arbeiterkultur und -bildung, aus Literaturwissenschaft, Ästhetik und Volkskunde, zur Kinotheorie, zur kritischen Theorie, zur Sozialgeschichte, zur Geschichte der Arbeiterbewegung (vor allem der Weimarer Zeit), zur Kulturarbeit und -politik in der DDR. Sowie natürlich Bücher von und über Marx, Mao, Lenin, aus und über China, Albanien etc. pp., aber auch von Adorno, Benjamin und Lukacs, ferner Veröffentlichungen zweier sog. K-Gruppen, des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD bzw. anfangs KPD/AO). Erstaunlich ist die inhaltliche Breite, es finden sich sehr viele Titel aus der DDR, bzw. von DDR-nahen AutorInnen, aber auch von anderen Strömungen (dazu näheres unten).

Ich sortiere zwei Kartons mit Büchern für das IRSG aus, die Hefte von drei DDR-Literaturzeitschriften schenke ich dem linken Antiquariat, mit dem wir öfter Material austauschen und habe so den Buchbestand bald auf zehn Kartons zusammengedämpft. Diese stehen nun in Flur – und werden dort noch lange stehen bleiben, zumindest bis neue und hoffentlich groß genug gestaltete Räume gefunden sind.

Zeitgeschichtliche Schätze in mieser Umgebung

Wie wird nun mit den separierten Periodika verfahren? Die Hefte der Periodika mit Titeln mit den Anfangsbuchstaben N bis Z werden, sofern nicht schon vorhanden, in Kartons verpackt und sofort ins Regal gestellt. Die Titel mit den Anfangsbuchstaben A bis M werden zuerst in unsere Zeitschriftendatenbank eingegeben. Doppelexemplare landen nach Abgleich mit den Bestandslisten in den dementsprechenden Ablagen für die Archive in Oldenburg, Jena, Bonn oder das IRSG an der Universität Bremen. Was nun an Periodika noch übrig ist, biete ich in einer Email dem Archiv der Jugendkulturen in Berlin und dem ECO-Archiv an, die beide mit Freude zugreifen. Am 10. Januar 2005 sind alle Periodika aus dem Zugang Kuhnke verarbeitet, nur noch ein kleiner Stapel an Dubletten wartet auf einen Abnehmer. Warten muss ich auch, bis das Computernetzwerk des Infoladens, das das Archiv mitbenutzt, wieder läuft. Das bedeutet die Berge an Zeitschriftenexemplaren, die noch in die Datenbank eingegeben werden müssen, müssen erst einmal zwischengelagert und dementsprechend markiert werden. In der Zeitschriftendatenbank sind Anfang 2005 circa 400 Zeitschriften eingegeben. Da ich ehrenamtlich im Archiv engagiert und mit allen anderen Tätigkeiten mehr als ausgelastet bin, ist nicht absehbar, wann diese Datenbank fertiggestellt und im Internet erreichbar sein wird.

Bei den Periodika handelt es sich um über zwei Dutzend Titel: Zum einen um auffallend viele Titel aus der DDR (Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Marxismus Digest, Einheit), darunter auch Kultur- und Literaturzeitschriften (Sinn und Form, Weimarer Beiträge, Neue Deutsche Literatur), sowie Titel aus westdeutschen, aber DDR-nahen Verlagen (Kürbiskern, Marxistische Blätter). Zum anderen Titel aus der westdeutschen APO-Zeit (Kursbuch, Rote Pressekorrespondenz, alternative) und den verschiedenen Spektren der Nach-APO-Linken: Ästhetik und Kommunikation, Das Argument, Sozialistische Politik, Die Rote Nelke, Theorie und Praxis des Kommunismus, Autonomie, ID-Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten, Befreiung, Berliner Hefte, SPUREN. Überraschenderweise komplett vorhanden sind die Bibliographie zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und die Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, zwei Projekte, die fest dem sozialdemokratischen Milieu zuzuordnen sind, ferner einige Ausgaben des Archiv für Sozialgeschichte, die wie die Bibliographie von der Friedrich-Ebert Stiftung herausgegeben wird. Zu erwähnen sind noch einige kleinere Literaturzeitschriften, wie Linkskurve, ostwind oder Werkstatt, das Mitteilungsorgan des Werkkreis Literatur der Arbeitswelt.

Dann sind da die Zeitschriften bei denen Kuhnke Redakteur war, oder (vermutlich) anderweitig mitgearbeitet hat und die deshalb meist mehrfach vorhanden sind: Die Sozialistische Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, erschienen von 1970 bis 1977; Kuhnke war dort laut Impressum von Juni 1971 bis Dezember 1974 Redakteur. Kämpfende Kunst. Zeitschrift der ISK (Initiative zur Gründung einer Vereinigung sozialistischer Kulturschaffender ), dieses KPD-nahe Periodikum erschien von 1975 bis 1977. Die Berliner Hefte, die von 1976 bis 1981 erschienen und bei denen Kuhnke nur im ersten Heft als Redakteur genannt ist. Schließlich Anschläge, die von Kuhnke und wenigen anderen gegründete und getragene und vom Archiv für populäre Musik selbst herausgegebene Zeitschrift, erschienen 1978 bis 1981. Der Überlieferungszeitraum der Periodika umfasst 1956 bis 1992, der Großteil stammt aus den 1970er Jahren, auffallend wenig ist aus den letzten Jahren vor Kuhnkes Tod überliefert[4].

Ich mache mir den Spaß nachzusehen, wie oft einige, teilweise bisher noch nicht genannte Titel in der Zeitschriftendatenbank der deutschen Bibliothek (ZDB) verzeichnet sind. Einige Titel aus dem Zugang, die nun bei uns lagern, sind nur an einer oder zwei Bibliotheken in der Bundesrepublik vorhanden, andere in vier Bibliotheken, von denen wiederum drei in Berlin beheimatet sind. Dies zeigt deutlich die Bedeutung der Bewegungsarchive und -bibliotheken für die Sicherung der Zeugnisse der neuen sozialen Bewegungen, die ja wiederum wichtiger Bestandteil der nichtstaatlichen gesellschaftlichen Überlieferung sind. Sammeln die Bewegungsarchive dieses Material nicht, tut es niemand oder kaum jemand und sie gehen verloren, bzw. sind nur schwer zugänglich. Die Chance für jemanden, diese Titel aber bei uns zu finden sind nahezu Null, ist doch das Archiv nicht der ZDB angeschlossen und wann die Datenbank – die potentielle RechercheurInnen ja dann auch erst einmal finden müssten – online gestellt wird, steht wie gesagt in den Sternen.

Gerade die sog. Erschließung ist unter ehrenamtlichen Bedingungen, unter denen die meisten Bewegungsarchive arbeiten, kaum zu leisten. Sie ist sehr zeitintensiv – um einen Titel in die Datenbank einzugeben, braucht man zwischen zehn und zwanzig Minuten, und bei uns sind grob geschätzt noch 1.000 Zeitschriftentitel aufzunehmen  – und Erschließungstätigkeiten werden auch, so ist immer wieder zu hören, durch Projektförderung nicht finanziert.

Das Archiv ist als Geschichtsprojekt Teil einer eher theoriefeindlichen und geschichtslosen Szene, der radikalen undogmatischen Linken (Hüttner 2005). Öffentlichkeitsarbeit und Kontakte in ein linksliberales Milieu sind nur durch aktives Handeln herzustellen, was in Bremen passiert. So wird neben einer umfangreichen website immer wieder öffentlich über die Situation des Archivs berichtet, in Bewegungszeitschriften, aber auch in historischen Fachorganen (Hüttner/Vennebusch 2004) für die Anliegen der Bewegungsarchive geworben (Hüttner 2004). Stütze des Archivs ist aber immer noch, jenseits des schwankenden Elans seiner wenigen Mitarbeiter, die Bereitschaft des Infoladens einen Teil seiner Räume umsonst zur Verfügung zu stellen. Modelle, die – für separate Räume – auf der Bezahlung einer Miete durch einen Förderkreis beruhen, wären erst noch zu entwickeln.

Klaus Kuhnke – Fragmente einer intellektuellen Biographie

Klaus Kuhnke wurde 1944 in Rerik an der Ostsee geboren, wuchs in Hamburg auf und  studierte dort Germanistik und Philosophie. Er arbeitet schon ab 1969 als Herausgeber (dazu und zum folgenden Klaus Kuhnke Archiv o.J.). Unter anderem ist er der Herausgeber der berühmten Kinderliedersammlung Baggerführer Willibald, die es von 1973 bis 1979 auf fünf Auflagen brachte. 1969 gab er in typischer APO-Manier das kleine Heftchen Garstige Weihnachtslieder von Hamburg linksliterarisch heraus, in denen umgedichtet klassische Weihnachtslieder erschienen. Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte er als Herausgeber einige Bände, die sich der Dokumentation und Popularisierung aufrührerischen Liedgutes widmeten (u. a Die alten bösen Lieder – Lieder und Gedichte der Revolution von 1848, erschienen 1969, oder Lieder der Arbeiterklasse: 1919 – 1933, erschienen 1971). Er arbeitet später als Rundfunk- und Fernsehjournalist, als Mitautor der über 100-teiligen Radiosendereihe \“Roll Over Beethoven\’\‘ (Radio Bremen/Westdeutscher Rundfunk) und der zehnteiligen Fernsehreihe \“Rock\’n Roll Music\’\‘ (Norddeutscher Rundfunk). 1975 ist er Mitgründer des Archiv für populäre Musik. Viel mehr ist mir über seinen Lebenslauf nicht bekannt. Genauere Aussagen über Klaus Kuhnke sind deshalb fast nicht möglich, es ist hier nur möglich ihn über die Zusammensetzung seiner Bibliothek zu beschreiben. Viele Quellenarten, aus denen sonst Erkenntnisse und Schlüsse gewonnen werden, wie etwa Briefe, persönliche Aufzeichnungen oder auch Tageszeitungen sind nicht überliefert. Eine Detailuntersuchung, welche Bücher Kuhnke tatsächlich auch gelesen hat, welche Unterstreichungen er gemacht hat, erfolgte (bislang) nicht. Es kann also nicht darum gehen, eine intellektuelle Biographie von Kuhnke zu schreiben, dazu ist (mir) zu wenig über ihn bekannt. Es kann hier nur darum gehen, ihn als Angehörigen der sog. 1968er Generation zu beschreiben, an dem einiges bemerkenswert ist.

Folgt mensch Kraushaar (2001), so sind aus der sozialen Revolte von 1968 vier politische Spektren entstanden. Das reformistische, das gemeinhin mit den Jungsozialisten (und auch der SPD) assoziiert wird, zweitens das am Politikmodell der DDR orientierte, das sich um die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) organisierte, drittens die marxistisch-leninistische Strömung, die normalerweise in der Form der kommunistischen Parteien und Bünde und ihrer Vorfeldorganisationen auftritt, und viertens das undogmatisch-neomarxistische, das sich eher um Intellektuelle gruppiert (eine typische Einrichtung dieses Spektrums wäre das Sozialistische Büro mit seiner einflussreichen Zeitschrift links).

Schon bei einer ersten Durchsicht des Kuhnke-Zuganges fällt der Umfang und die thematische und politische Breite des überlieferten Bestandes auf. Sie zeigt, dass Kuhnke über diesen vier Idealtypen steht und diese Einteilung vielleicht auf der Ebene von Organisationen oder organisierten Diskursen hilfreich, aber der Ebene von einzelnen Personen nicht so eindeutig ist.

Ich setzte jetzt voraus, dass Kuhnke die Bücher in seinem Nachlass auch gelesen hat, dies ist sehr vielen Exemplaren auch anzusehen und er nicht zu den Menschen gehörte, die Bücher kauften – aber nicht lasen. Kuhnke hat gelesen, und zwar viel. Er war als Leser Teilnehmer am Markt für Marx (von Saldern 2004) – und auch als Produzent. Die Erstauflage des Buches Baggerführer Willibald betrug z.B. aus heutiger Sicht unerhörte 20.000 Stück. Er schrieb und publizierte auch selbst und war vielfältig publizistisch tätig und – er war Leser. Ich schätze, dass Kuhnke über 1.500 Bücher hinterlassen hat.

Noch bemerkenswerter ist die politische Vielfalt der hinterlassenen Bücher und Periodika. Wie schon erwähnt, rezipierte Kuhnke Periodika aus den letzten drei der angeführten Spektren, und hatte noch zwei wichtige Periodika des ersten, des sozialdemokratischen Spektrums zur Verfügung. Für die 1960er Jahre sind vor allem die Druckerzeugnisse des DKP- und DKP-nahen Spektrums auffällig, es findet sich auch sehr viel in der DDR hergestellte Literatur. Zur Mitte der 70er Jahre macht sich dann eine gewisse Abwendung bemerkbar und eine Annäherung an die KPD bemerkbar (Bacia 1986, Karl 1976). Wie Kuhnke, der zu dieser Zeit immerhin schon für die \“Kulturindustrie\“ arbeitete und dort Blues, Pop und Rock´n Roll kritisch und musikhistorisch aufarbeitete, dazu kam, sich mit einer politischen Organisation auseinanderzusetzen, wenn nicht sogar zu identifizieren, die mit Avantgardeanspruch und unter Bezugnahme auf Lenin, Stalin und Mao das westdeutsche und das ostdeutsche Proletariat \“und die unterdrückten Schichten des Volkes in den Kampf gegen die Bourgeoisie zu führen\“ gedachte, muss hier leider ungeklärt bleiben.

Kuhnke hatte über einen längeren Zeitraum gleichzeitig Zugang zu DDR-Literatur und zu der der KPD, die einen strikt antisowjetischen Kurs verfolgte. Er hatte z.B. 1976 gleichzeitig u.a. das DDR-Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, das Zentralorgan der Spontis, den Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) und das Theorieorgan der KPD zur Verfügung. Diese Tatsache zu interpretieren fällt schwer. Zum einen könnte er z.B. als aktiver KPD-Intellektueller die Organe der \“feindlichen\“ Strömungen nur zum Zwecke der Beobachtung – ohne innere Identifikation – gelesen haben. Die dokumentierbare Tatsache seiner Mitarbeit zumindest an der Gründung der Zeitschrift Berliner Hefte lässt aber schon auf eine Abwendung von der KPD schließen, die auch anhand einiger überlieferter Bücher plausibel ist. Eine Mitarbeit an der Zeitschrift Befreiung lässt sich leider nicht belegen, ist aber möglich. Vielleicht war er auch nur vielfältig interessiert und versuchte verschiedene Debatten mitzuverfolgen, anstatt sich nur einer der Strömungen zuzuordnen, was der Regelfall gewesen sein dürfte – und auch der Organisationslogik der einzelnen Gruppierungen entsprach.

Kuhnke war nicht zuletzt auffällig historisch interessiert. Er interessiert sich sehr für die politische Debatte in der historischen sozialistischen und kommunistischen Bewegung, für kulturellen Avantgardismus im Arbeiterfilm und -theater, für die Geschichte der ArbeiterInnen, ihrer Kultur und ihrer Organisationsversuche. Überraschenderweise sind kaum Exemplare der für die APO und Nach-APO-Zeit charakteristischen Raubdrucke in dem Zugang zu finden. Für die letzten Jahre vor seinem Tod 1988 finden sich kaum noch Periodika, so dass Aussagen über die Interessen oder gar politischen Positionen für diesen Zeitraum leider nicht zu treffen sind. Für die 1970er Jahre ist dies – bei allen Einschränkungen – etwas einfacher. Kuhnke, der 1968 ja 24 Jahre alt war und vermutlich mitten im Studium steckte, neigte während seines Studiums politisch eher den DDR-fokussierten Sichtweisen sozialistischer Politik zu. Zu Mitte der 1970er Jahre nahm er eine gewisse Distanz dazu ein, was vor allem an den überlieferten Druckerzeugnissen der strikt antisowjetischen KPD abzulesen ist, ferner können Periodika wie Befreiung oder auch die Berliner Hefte kaum als SED-freundlich bezeichnet werden, die Befreiung gilt sogar als eher nationalneutralistisches Organ. Von den beginnenden neuen sozialen Bewegungen, von Ökologie oder Feminismus, oder auch zum bewaffneten Kampf findet sich – nichts. Kuhnke war – soweit dies möglich ist zu beurteilen – ein typischer städtischer linker Mann, der in der Kulturindustrie arbeitete, und dies auch nach dem Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen blieb.

Geschichtsarbeit und aktuelle Fragestellungen

Das Bremer Archiv der sozialen Bewegungen begreift sich als Teil der politischen Protestbewegungen, wie viele andere, wenn auch lange nicht alle Archive sozialer Bewegungen. Es gibt dort den Umständen entsprechend eine gewisse Prioritätensetzung. Da dies unter ehrenamtlichen Bedingungen in einem so kleinen Team nicht möglich ist, wird nicht so viel Zeit auf die ordnungsgemäße Erschließung noch des letzten Kreisrundbriefes der Grünen oder jedes oberschwäbischen Antifa-Infos gelegt. Vorrangig weil eher praktikabel ist es vielmehr, sich darauf zu konzentrieren, Dokumente zu sammeln, und sie halbwegs zu sichern und zu sortieren. Weiter gilt es abzuwarten und die Dokumente aufzubewahren bis vielleicht ein neues Interesse an der Geschichte vergangener Kämpfe und Konflikte dem Archiv neue MitstreiterInnen und mehr NutzerInnen zuführt. Politisch fruchtbarer ist eh die Vernetzungsarbeit unter den Bewegungsarchiven und die publizistische Befassung mit der Geschichte und Geschichtsschreibung sozialer Bewegungen.

Was können uns denn die Dokumente überhaupt sagen? Michael Koltan, langjähriger Mitarbeiter des Freiburger Archiv der sozialen Bewegungen in Baden stellt die für jedes Bewegungsarchiv ketzerische These auf, \“dass das gedruckte Wort allein die Geschichte der Bewegungen nicht nur nicht ausreichend repräsentiert, sondern geradezu verfälscht\“ (Koltan 2003:1). Mensch steht also immer wieder davor, die Dokumente zu interpretieren und politisch mit ihnen zu arbeiten. Dabei kann es nicht naiv darum gehen, die Geschichte der VerliererInnen zu schreiben, im Sinne einer geschichtswissenschaftlich mehr als überholten \“Darstellung wie es eigentlich gewesen ist\“ – denn dieses \“eigentlich\“, diese Realität gibt es nicht. Wichtig sind die Fragen, die heute gestellt werden – und die werden vom aktuellen politischen Standpunkt und Interesse des/der Fragenden bestimmt.

Literatur

  • Bacia, Jürgen, 1986: \“Die Kommunistische Partei Deutschlands [Maoisten]\“, in: Richard Stöss (Hrsg.): Parteien-Handbuch, Bd. 3 EAP-KSP, Opladen, S. 1810-1830.

  • Hüttner, Bernd, 2004: \“Reflexionen zum Verhältnis von staatlichen, kommunalen und ´alternativen Archiven´\“, in Archiv-Nachrichten Niedersachsen. Mitteilungen aus niedersächsischen Archiven 8, S. 131-134.

  • Hüttner, Bernd, 2005: \“Täglich grüßt das Murmeltier\“, in Richard Heigl, Petra Ziegler, Philip Bauer (Hg.): Kritische Geschichte. Perspektiven und Positionen, Leipzig, S. 115-132

  • Hüttner, Bernd / Vennebusch, Bernd, 2004: \“Fünf Jahre Archiv der sozialen Bewegungen Bremen\“, in Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte 13/14 (Dezember 2004), S. 79-82

  • Karl, Frank D., 1976: Die K-Gruppen. Entwicklung, Ideologie, Programme; Bonn

  • Klaus Kuhnke Archiv, o.J.: Klaus Kuhnke Archiv für Populäre Musik, Selbstdarstellungsfaltblatt (nach 1998)

  • Koltan, Michael, 2003: \“Unkonventionelle Materialien benötigen unkonventionelle Herangehensweisen\“, online unter http://www.soziologie.uni-freiburg.de/asb/pdf/alexandria.pdf (21.05.2005)

  • Kraushaar, Wolfgang, 2001: \“Denkmodelle der 68er-Bewegung\“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 22-23/2001, S. 14-27

  • von Saldern, Adelheid, 2004: \“Markt für Marx. Literaturbetrieb und Lesebewegungen in der Bundesrepublik in den Sechziger- und Siebzigerjahren\“, in Archiv für Sozialgeschichte 44 (Die Siebzigerjahre. Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland), 2004, S. 149-180


Anmerkungen

[1] Leicht korrigierte Online-Version eines im Mai 2005 abgeschlossenen Beitrages aus dem Buch: 

[2] Autoreninfo
Bernd Hüttner, geboren 1966, Politikwissenschaftler. 2 Kinder. Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen. Gründer und unbezahlter Mitarbeiter im Archiv der sozialen Bewegungen Bremen. Verfasser von Archive von unten. Bibliotheken und Archive der neuen sozialen Bewegungen und ihre Bestände, Neu-Ulm 2003. Mit Gottfried Oy und Norbert Schepers (als Hg.): Vorwärts und viel vergessen. Beiträge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen, Neu-Ulm 2005. Seit 2006 Koordinator des bundesweiten Gesprächskreis Geschichte der Rosa-Luxemburg Stiftung und kooptiertes Mitglied der Historischen Kommission beim Bundesvorstand der Linkspartei.PDS. Artikel und Rezensionen in verschiedenen Bewegungs- und Geschichtszeitschriften. Seit 1993 Autor in CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation. Mitbegründer des Webportal www.kritische-geschichte.de. Blogger bei www.linkslog.de und in der Rubrik \“Archive von unten\“ bei Archivalia.

[3]  Diese Bibliothek firmiert seit September 2005 als Bibliothek für Sozial- und Humanwissenschaften und wieder unter der alleinigen Verantwortung der Stiftung für Sozialgeschichte (www.stiftung-sozialgeschichte.de).

[4]  Laut Auskunft von Ulrich Duve, Leiter des Klaus-Kuhnke Archiv (www.kkarchiv.de), ist es unwahrscheinlich, dass gedrucktes Material existierte, das nicht in den Nachlass und damit in das Archiv gelangt ist. Eine am 20. Dezember 2004 gestartete Kontaktaufnahme zu einem Mitbegründer des Kuhnke-Archivs führte erst am 15. Juni 2005 zu einem Interview mit Peter Schulze zur Geschichte des Archiv und zum Leben von Kuhnke. Dessen Ergebnisse fanden aber keine Aufnahme mehr in diesen Beitrag.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


  • Um AUGIAS.Net aktuell zu halten, würden wir uns auch über Ihre Mithilfe freuen: Nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf, wenn Sie Neuigkeiten aus dem Archivwesen haben (Nachrichten, Literatur, Links, Termine etc.).
Top