Schätze im Bad Homburger Stadtarchiv

Die Städte Bad Homburg und Münster planen gemeinsam eine Ausstellung, bei der die älteste bislang bekannte Ansicht der westfälischen Stadt im dortigen Museum gezeigt werden soll. „Dieser Wunsch ist aus Münster an unser Stadtarchiv herangetragen worden, nachdem die Karte dort überraschend bekannt geworden ist“, berichtet Oberbürgermeisterin Dr. Ursula Jungherr, „Bad Homburg stellt das wertvolle Stück selbstverständlich gerne zur Verfügung.“ 

Die Entdeckung der Karte durch den Marburger Historiker Dr. Holger Th. Gräf hatte vor allem in Münster, dann aber auch in Bad Homburg ein breites Medienecho ausgelöst. Die Karte von Münster ist ein gutes Beispiel dafür, dass in Archiven scheinbar unentdeckte Schätze schlummern. Sie sind allerdings – wie die Karte auch – in den Findbüchern der jeweiligen Archive verzeichnet. Doch erwarten die Historiker, die ihre Bedeutung einschätzen könnten, solche Stücke nicht an diesem Ort. Zugang zu den Findbüchern anderer Archive haben sie aber nur, wenn sie dort mit interessanten Archivalien rechnen. Für die Leiterin des Bad Homburger Stadtarchivs, Dr. Astrid Krüger, ist dieser „Sensationsfund“ deshalb ein Grund, in einem Beitrag für die „Hessischen Archivnachrichten“ für Online-Findbücher zu plädieren. Damit hätten Heimatforscher die Chance, Bestände der Archive im Internet zu erkunden.

Tatsache ist, dass keiner der westfälischen Heimatforscher diesen Schatz im Archiv der hessischen Kurstadt vermutet hatte – und deshalb auch niemand im Gotischen Haus gesucht hat. Dabei ist das wertvolle Stück längst erfasst und verzeichnet. Wäre das Findbuch online abrufbar, wäre die Karte von Münster für jeden Interessenten auffindbar gewesen. So aber bedurfte es eines Zufalls: Eine Gruppe von Marburger Studenten mit ihrem Dozenten Dr. Holger Gräf vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde bekam diese bei Archivführungen gerne gezeigte Karte zu sehen. Das frühneuzeitliche Stück zog die Aufmerksamkeit des Wissenschaftlers auf sich. Er stellte den „Fund“ bei einer kurz darauf stattfindenden Tagung des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster vor. Dort war man begeistert! Die Forscher in Münster identifizierten die Stadtansicht schnell als älteste bislang bekannte. Sie zogen damit die Aufmerksamkeit der Medien auf den Fund. Das Ergebnis: Ende April 2008 wird das gute Stück den Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit im Stadtmuseum von Münster präsentiert und anschließend eine Woche lang ausgestellt werden.

Das Blatt gehört zu einem Nachlass, der weitere Kostbarkeiten enthält. Er stammt von dem 1885 in Homburg verstorbenen preußischen Archivrat Friedrich Ludwig Carl von Medem. Dabei handelt es sich um einen von 62 im Stadtarchiv aufbewahrten Nachlässen. Von Medem war zunächst am Staatsarchiv in Stettin tätig, bevor er versuchte, in dem sich entwickelnden westfälischen Archivwesen Fuß zu fassen. In dieser Zeit „archivischer Unordnung“ baute er sich eine hochrangig bestückte Sammlung auf, zu der neben zahlreichen Urkunden aus dem Pommerschen auch Stücke westfälischer Provenienz gehören. Zu letzteren zählt ein Handschriftenfragment, dessen Wert für die historische Forschung mit dem der Münster-Karte durchaus vergleichbar ist: Es handelt sich um die zweite Seite eines Briefes des Theologen Ratramnus von Corbie († nach 866) an Erzbischof Rimbert von Bremen und Abt Adalgar von Corvey. Thema ist die Ehe unter Verwandten. Das Schreiben stammt aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Es wurde im 10. Jahrhundert auf frei gebliebenen Seiten des so genannten „Herforder Evangeliars“ abgeschrieben. Später hat jemand Seiten aus dem Evangeliar entfernt, darunter auch die Seite, die sich in von Medems Nachlass befindet. Das Bad Homburger Stadtarchiv kann somit das heute in Krakau aufbewahrte „Herforder Evangeliar“ um ein interessantes Blatt ergänzen.

Die Stadtansicht von Münster und das frühmittelalterliche Handschriftenfragment sind nur zwei Beispiele bedeutender Archivalien, die im Nachlass von Medem ruhen und deren Relevanz die Grenzen der Homburger Stadtgeschichte sprengt. „Ihre Existenz ist den Homburger Heimatforschern und den Mitarbeitern des Stadtarchivs zwar sehr wohl bekannt, doch würde kein anderer Forscher dieses Material in unserer Stadt vermuten“, so Oberbürgermeisterin Dr. Jungherr. Zumindest bei von Medem soll sich das auch ohne Online-Findbücher ändern. „Das Stadtarchiv Bad Homburg plant für das kommende Jahr eine Tagung, die der Person des Archivrates und den Archivalien seines Nachlasses gewidmet sein wird“, kündigt Jungherr an. Für Historiker ein Termin, der mit Spannung erwartet werden wird.

Kontakt
Stadtarchiv Bad Homburg 
Gotisches Haus 
Tannenwaldweg 102 
61350 Bad Homburg 
Tel: 06172 / 37882 
Fax: 06172 / 937216
stadtarchiv@bad-homburg.de

Quelle: Pressemeldung Stadt Bad Homburg, 1.4.2008

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