Ulmer Gedenkbuch erinnert an 220 Juden

Als Höhepunkt der Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar in Ulm präsentierte Ingo Bergmann sein Buch \“Und erinnere Dich immer an mich\“. Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner würdigte die Arbeit des jungen Historikers mit den Worten: \“Dieses Buch gibt den Opfern ein Gesicht\“. Unter den Gästen waren auch Nachkommen ehemaliger Ulmer Bürgerinnen und Bürger aus Australien, Amerika und England.

\“Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, ist ein Gedenktag, der sich schwer durchsetzt, aber ein unendlich wichtiger\“, so Ivo Gönner. Erinnere er doch an die geschichtliche Wahrheit, dass sich das deutsche Volk nicht aus eigener Kraft von der Diktatur befreit hat. \“Und er ist bis heute Mahnung an alle, sich immer wieder zu prüfen, ob er wachsam genug ist\“. Ivo Gönner ist überzeugt, dass die Ulmer am 1. Mai, wenn die NPD aufmarschieren will, wachsam sein und die \“Antwort darauf geben werden, was sie halten von Unmenschlichem, Undemokratischem, Unbürgerschaftlichem\“.

Das Gedenkbuch – dieses \“Stück gut dokumentierte Stadtgeschichte\“ (Gönner) – wurde präsentiert durch den Autor, durch Lesungen einiger der 220 Biografien jüdischer Ulmer Holocaust-Opfer von Annegret Taube und Henry Braun (Akademie für darstellende Kunst), umrahmt mit passender Musik Jochen Angers (Klarinette) und Markus Munzer-Dorns (Gitarre). Bereits im Vorfeld begrüßte Ivo Gönner die jüdischen Gäste im Ulmer Rathaus. Su Goldfish aus Australien, Richard, Ethan und Rebecca Serkey aus USA und Nicola Tautscher aus England haben Ulmer Wurzeln, denn ihre Vorfahren lebten hier. Teile ihrer Familie wurden Opfer des Holocaust. Die Übergabe der Bücher an die Nachkommen der Opfer bereiteten Gästen und Gastgebern einen bewegenden Moment.

Auftraggeber der biografischen Aufarbeitung eines Teil der jüdischen Geschichte Ulms waren die Stadt und ihr Oberbürgermeister Gönner. Schon dessen Vor-Vor-Vorgänger Theodor Pfizer hatte vergleichsweise früh nach dem Krieg eine Spurensuche veranlasst. Sie führte 1961 zu Heinz Keils mehr als 400 Seiten dicker "Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm". Es war bundesweit eines der ersten Standardwerke, in dem die Judenverfolgung am lokalen Beispiel aufgearbeitet wurde; vielen anderen Städten und Gemeinden diente es als Vorbild. Silvester Lechner, Leiter des Dokumentationszentrums im ehemaligen KZ Oberer Kuhberg in Ulm, sagt, die Keil-Schrift bleibe nicht zuletzt deshalb \“völlig unersetzlich\“, weil sie unzählige amtliche Dokumente und Erlasse oder Zeitungsberichte aus der NS-Presse enthalte.

Ingo Bergmanns Buch ist die zeitgemäße Ergänzung dazu. Es basiert auf neuen historischen Erkenntnissen und auf den Möglichkeiten der internationalen Recherche übers Internet. Außer dem Stadtarchiv Ulm und dem Doku-Zentrum haben viele weitere Institutionen zum Gelingen dieses \“Gemeinschaftswerks\“ (Bergmann) beigetragen. 

Info:
Ingo Bergmann \“Und erinnere Dich immer an mich\“, Verlag Klemm-Oelschläger, 184 Seiten, 26,80 Euro.

Quelle: Stadt Ulm, Pressemitteilung, 28.1.2009; Bönnigheimer Zeitung, Südwestumschau, 28.1.2009

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