Ausstellung zu Preußens Spuren in Minden-Ravensberg

Hunderttausende Autofahrer benutzen jedes Jahr die B 61 zwischen Minden und Wiedenbrück. Wissen sie, dass sie auf einer preußischen Chaussee fahren, die in den 1830er Jahren angelegt worden ist? Ähnlich unvermutet tritt auch an anderen Punkten die preußische Vergangenheit der Region Ostwestfalen zu Tage.

1609 war der letzte Herzog von Jülich-Kleve kinderlos gestorben. Sein bedeutendes Territorium umfasste die niederrheinischen Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg sowie die Grafschaften Mark und Ravensberg. Der Kurfürst von Brandenburg und der Herzog von Pfalz-Neuburg beanspruchten als Erben zunächst die Gebiete gemeinschaftlich, kamen nach manchen Streitigkeiten jedoch zu einer Teilung. Brandenburg-Preußen erhielt dabei Kleve, Mark und Ravensberg. Im Westfälischen Frieden 1648 gewann es das ehemalige Bistum Minden hinzu. Im Rückblick waren diese Erwerbungen von historisch entscheidender Bedeutung. Der im Konzert der Mächte wenig zählende Mittelstaat Brandenburg, an der östlichen Peripherie des Heiligen Römischen Reiches gelegen, griff damit weit nach Westen aus und legte den Grundstein für die spätere Ausdehnung Preußens hin zum Rhein.

Grund genug also für fünf Museen, die in den seit dem 17. Jahrhundert von Brandenburg-Preußen geprägten Gebieten liegen, gefördert vom Land Nordrhein-Westfalen 2009 mit Ausstellungen auf das historische Datum hinzuweisen. Die Ausstellung "Preußens Spuren in Minden-Ravensberg" im Historischen Museum der Stadt Bielefeld geht von Spuren Preußens aus, die noch heute in den Orten und in der Landschaft Ostwestfalens sichtbar sind. Studierende des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld haben sie fotografisch dokumentiert. Sie stellen den Ausgangspunkt dar für eine Reise in die preußische Vergangenheit der Region.

Die beiden benachbarten Gebiete Ravensberg und Minden wurden 1719 unter gemeinsamer Verwaltung zusammengeschlossen und führten bis zur Reichsgründung 1870/71, umgeben von fremden Territorien, ein Leben als preußischer Außenposten im Westen. Wie sah der Alltag unter dem preußischen Adler in dieser Zeit aus? Wie und wo griff der Staat in das Leben seiner Untertanen ein? War es von Militarismus und Gehorsam erfüllt, wie die Klischees von Preußen es nahe legen, oder gab es Freiräume, Widerständigkeit gar?

Dynastie und Herrschaft, Militär, Religion und Toleranz, Gewerbeförderung und Verwaltung, Rechtswesen und Sozialfürsorge sind nur einige der Themen, die die Ausstellung aufgreift und mit wertvollen Leihgaben aus zahlreichen Museen und Sammlungen darstellt. Sie zeigt die Auswirkungen des staatlichen Handelns auf die Menschen und lässt Entwicklungen erkennen, die noch heute die Region prägen. Dabei wird deutlich, dass Preußen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein Patchwork-Staat war, dessen Landesteile, vielfach durch fremde Territorien getrennt, ihre gewachsenen Eigentümlichkeiten gegenüber der Zentralgewalt geltend machten. Der preußische Staat trat häufig als Modernisierer auf, sei es bei der Feuerversicherung, bei der Mechanisierung des Leinengewerbes oder bei der medizinischen Versorgung, traf aber auf Beharrung und Widerstände, die erst allmählich überwunden wurden. Erstaunlich oft wandten sich Bürger und Bauern direkt an den König, wenn sie Konflikte mit der preußischen Verwaltung oder dem Adel hatten, und nicht selten entschied der Monarch zu ihren Gunsten.

Die Exponate der Ausstellung decken das gesamte historische Territorium Minden-Ravensberg ab, von Schlüsselburg an der Weser bis in den heutigen Landkreis Gütersloh. Sie machen Geschichte lebendig und haben selbst eine faszinierende Geschichte wie der berühmte Codex Wittekindeus, der vermutlich als Huldigungsgeschenk der Stadt Herford an den Großen Kurfürsten im 17. Jahrhundert nach Berlin gelangte und jetzt nach mehr als 300 Jahren erstmals wieder in seine Herkunftsregion zurückkehrt. Neben Leihgaben aus großen Museen wie z. B. dem Deutschen Historischen Museum Berlin oder der Klassik Stiftung Weimar stehen Objekte aus Kirchen und privaten Sammlungen der Region, die noch nie in einer Ausstellung zu sehen waren. So entsteht ein historisches Kaleidoskop, das farbige und neuartige Innenansichten eines Staates zeigt, bezogen auf die Lebenswirklichkeit seiner Bewohner.

Neben dem Begleitbuch zum Jubiläumsjahr "Wir sind Preußen. Die preußischen Kerngebiete in NRW 1609-2009", erschienen im Klartext-Verlag Essen 2009, 263 S., 19,95 Euro erscheint ein Exkursionsführer "Preußen in Minden-Ravensberg. Eine Spurensuche" im tpk-Regionalverlag.

Stumme Zeugen der Geschichte Preußens

"20 Taler Geldstrafe oder vier Wochen Gefängnis bei Wasser und Brot" – diese drastische Strafe galt im 18. Jahrhundert für das vorsätzliche Beseitigen eines Grenzsteins oder -baums. Das traf auch für die östliche Grenze Bielefelds zu, die schon seit 1491 besteht und sich seitdem in ihrer Lage kaum verändert hat. Allerdings wandelte sie sich von der streitbaren Herrschaftsgrenze der Grafschaft Ravenberg zur friedlichen Verwaltungsgrenze der Stadt Bielefeld.

Zur Sonderausstellung "Spuren Preußens in Westfalen", die am Sonntag, 25 Oktober 2009, im Historischen Museum beginnt, kommt die erweiterte Präsentation der ravensbergisch-lippischen Grenze im Internet unter www.bielefeld.de (Daten und Fakten > Geschichte) gerade recht. In dieser Rubrik wird die über 500 Jahre alte Grenzziehung vom Lockhauser Baum bis zum Vierländereck in Dalbke nun entsprechend gewürdigt. Ausführlich zeigen Fotos, Karten und Skizzen die Entwicklung der Grenze zwischen der Grafschaft Ravensberg und dem Fürstentum Lippe.

Auf einem Stadtplanausschnitt wird an 22 Stationen der Grenzverlauf erklärt. Aber nicht nur die schönen historischen Grenzsteine, mit preußischen Adlern und lippischen Rosen verziert, kommen dabei zur Geltung. Die Besucher erfahren auch, was ein Schnatgang ist, dass die Grenze Dörfer und Gehöfte, ja sogar Häuser teilte und wieviel Zoll für Paderbornsches Bier am Senner Hellweg gezahlt werden musste. Auf einer fast drei Meter langen Karte hat der Landvermesser Johann Ludwig Graf im Jahre 1784 alle 63 Grenzsteine kartiert. Diese Karte ist in den Online-Kartendienst der Stadt Bielefeld eingestellt und kann dort bis ins kleinste Detail betrachtet werden. Die Grenzsteine, aus Sandstein gefertigt, stehen heute allesamt unter Denkmalschutz. Mit dieser Internetpräsentation, die vom Vermessungs- und Katasteramt inhaltlich betreut wird, kann der historische Grenzverlauf nun von allen Geschichtsinteressierten nachvollzogen werden.

Info:
Preußens Spuren in Minden-Ravensberg
Ausstellung im Historischen Museum Bielefeld (25. Oktober 2009 bis 14. Februar 2010)
geöffnet Mi – Fr 10-17 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr

Link: www.1609-nrw.de

Kontakt:
Historisches Museum der Stadt Bielefeld
Ravensberger Park 2
33607 Bielefeld
www.historisches-museum-bielefeld.de

Quelle: Historisches Museum Bielefeld, Pressemitteilung; Stadt Bielefeld, Pressemitteilung, 21.10.2009

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