Handschriftliche Kostbarkeiten im Stadtarchiv Fulda

Geschichte hat viele "Gesichter". Akten, Urkunden, Siegel, Bilder sind Teil dieses kollektiven historischen Gedächtnisses. Hüter dieser je nach Perspektive mehr oder weniger kostbaren "Schätze" sind die Archive wie das Stadtarchiv Fulda. Was in ihren Tausenden von Regalkilometern Wertvolles schlummert, ist spätestens seit dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln der Öffentlichkeit schmerzhaft bewusst geworden.

Unikate
In Köln sind im Gegensatz zur Weimarer Anna Amalia Bibliothek unschätzbare "Unikate" verloren gegangen. Das wäre auch in Fulda der Fall, wenn zum Beispiel Ratsprotokolle verbrennen würden. "Denn sie gibt es nur einmal, so wie auch die Gründungsurkunde des Fuldaer Stadtrats von 1384, das älteste Gerichtsprotokoll der Stadt von 1494 oder das älteste Ratsprotokoll aus dem Jahr 1530″, sagt Archivleiter Dr. Thomas Heiler und beschreibt, was wäre, wenn es im Stadtarchiv zum Ernstfall kommen würde. Eine Gutenberg Bibel, so die schlichte Erkenntnis, sei ersetzbar, weil sie laut Heiler "weltweit glücklicherweise noch mehrfach vorkommt."

Umdenken
Die Geschichte hat viele Beispiele des Verlusts von bedeutendem Archivgut geliefert. In den Bauernaufständen haben marodierende Haufen zielgerichtet die adligen Archive verbrannt und damit den Nachweis ihrer Bringschuld gegenüber dem Lehnsherrn. Folglich standen Brandkatastrophen und die Beseitigung der Löschwasserschäden bislang stets im Focus des Interesses von Archivaren und zuständiger Stellen – weniger der Einsturz eines ganzen Gebäudes wie im tragischen Unglücksfall von Köln. Umdenken ist deshalb angesagt.

Erbe schützen
Seit 1961 gibt es ein Bundesprogramm zum Schutz kostbaren Kulturgutes. Der leitende Gedanke damals: Das Erbe der Republik vor dem Atomkrieg zu schützen und zu bewahren. Deshalb ist seiner Zeit "massenweise Archivgut verfilmt worden." Angefragt wurden jedoch nur die großen Archive. Das Fuldaer Stadtarchiv nicht, wie dessen Leiter bedauert. Die Archivalien der Fürstabtei und des Fürstbistums Fulda, die im Marburger Staatsarchiv lagern, sind verfilmt. Päpstliche und kaiserliche Privilegien sowie die Hammelburger Schenkungsurkunde von Karl dem Großen von 777 finden sich in diesen Beständen ebenso wie alle Protokollbände oder Akten, die die fürstäbtliche oder bischöfliche Verwaltung hervorgebracht haben. Somit sind sämtliche Quellen vor 1803 auf Film gesichert, von dem das Stadtarchiv jeweils eine Kopie besitzt.

Im Netz
"Highlights" dieser Bestände sind als Projekt des Marburger Staatsarchivs ins Netz gestellt worden, so exakt 2439 Urkunden des Fuldaer Reichsklosters aus der Zeit von 751-1837. Auch alle Fuldaer Urkunden vor 1803 mit Kurzbeschreibungen und hoch aufgelösten Bildern sollen in den nächsten Wochen folgen. Urkunden machen laut Heiler jedoch nur "ein Prozent der Bestände" aus. Die weitaus größere Menge bilden die Akten. "Sie sind oft nicht auf Mikrofilmen oder in digitalisierter Form gesichert", räumt der Leiter des Stadtarchivs ein.

Sichern
Ein zusätzliches Problem: Das papierlose Büro sei "ferner denn je", beschreibt Thomas Heiler die Entwicklung. Dem Stadtarchiv sei es dennoch gelungen, die Bestände der Stadt auf 40 Prozent ihres Volumens zu reduzieren, indem sie "durchforstet und auf die archivwürdigen reduziert worden sind." "Jetzt, wo wir das Archivgut bestimmt haben, müssen wir es durch Digitalisieren und Mikroverfilmen sichern." Das zumindest ist Heilers Wunsch. Und ein Projekt, das auf 10 Jahre angelegt wäre. Ansonsten drohe Gefahr für das wertvolle Archivgut, das stolze 600 Regalmeter hinter den historischen Mauern des Stadtarchivs füllt und von 1945 bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Bei der Langzeitsicherung "schwören" Archivare übrigens anstelle des Digitalisierens auf die Mikroverfilmung, ein ebenso günstiges wie einfach zu handhabendes Verfahren. Filme sollen nämlich eine Zeitspanne von mindestens 500 Jahren überdauern können. Wie beständig das Material ist, belegen bereits bis zu 150 Jahre alte Filme.

Goldenes Buch
Im Falle Fuldas wäre das "Goldene Buch" der Stadt zu sichern, das wohl verwahrt im Safe schlummert. Aber auch weitere "Schätze" seines Archivs wie die Gründungsurkunde des Fuldaer Stadtrats von 1384, das älteste Gerichtsprotokoll der Stadt von 1494 oder das älteste Ratsprotokoll aus dem Jahr 1530 müssen nach Worten Heilers verfilmt werden. Diese städtischen Unterlagen sind leider "noch nicht für die Ewigkeit" aufgehoben wie die Staatakten der Fürstabtei, die auch als Kopien in luftdicht verschlossenen Behältern im Oberrieder Stollen im Schwarzwald lagern.

Päpstliche Urkunde
Um zu zeigen, worüber er wacht, führt mich Thomas Heiler ins Obergeschoss des Stadtarchivs. Dort reiht sich ein graues Stahlregal ans andere. Behutsam lässt er eines zur Seite gleiten und greift nach einem der vielen sorgsam gestapelten "säurefreien" Kartons. Zum Vorschein kommt eine Bischofsernennungsurkunde von Papst Leo XIII. in filigraner, fein verzierter Handschrift und mit päpstlichem Siegel. Stück um Stück präsentiert Heiler weitere Meisterwerke aus der Feder geschickter meist mittelalterlicher Schreiber.

Kontakt:
Magistrat der Stadt Fulda
Stadtarchiv
Bonifatiusplatz 1+3
36037 Fulda
Leitung:
Dr. Thomas Heiler
Tel.: (06 61) 1 02 – 14 50
Fax: (06 61) 1 02 – 24 51
stadtarchiv@fulda.de

Quelle: Stadt Fulda / Magistratspressestelle, Pressemeldung, 27.3.2012

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