Archiv Bosnien-Herzegowinas in Sarajevo vernichtet

Demonstrationen gegen Arbeitslosigkeit und gegen die fortgesetzte Verelendung in Bosnien sind am 7.2.2014 in blutige Gewalt umgeschlagen. In der Hauptstadt Sarajevo setzten aufgebrachte Demonstranten das Präsidentschaftsgebäude in Brand, in Tuzla wurde der Sitz der Regionalverwaltung gestürmt und im Gebäude Feuer gelegt. Die Demonstrationen sind die größten seit dem Bosnienkrieg (1992-1995).

Der internationale Bosnien-Beauftragte, Valentin Inzko, teilte im ORF mit, dass ein gesamtes Archiv in Sarajevo verbrannt sei. Das Archiv habe drei Kriege überstanden, „der Schaden ist immens“, zeigte sich Inzko erschüttert. Es handelt sich angeblich um das erste moderne staatliche Archiv Bosnien-Herzegowinas, das sich im Gebäude des beschädigten Staatspräsidiums in Sarajevo befindet. Einige der wichtigsten Archivunterlagen Bosnien-Herzegowinas seien durch die im Gebäude gelegten Brände vernichtet worden. Dies bestätigte laut dem „Standard“ der Direktor des Archivs, Saban Zahirović, gegenüber der Tageszeitung „Dnevni avaz“.

Fotoserie über die unermesslichen Zerstörungen im Archiv Bosnien-Herzegowinas / Nerprocjenjiva šteta u Arhivu Bosne i Hercegovine:

Nerprocjenjiva šteta u Arhivu Bosne i Hercegovine (Abb.: http://www.arhivbih.gov.ba/en/node/165)

Nerprocjenjiva šteta u Arhivu Bosne i Hercegovine (Abb.: http://www.arhivbih.gov.ba/en/node/165)

Das Ausmaß des Schadens müsse erst festgestellt werden, sagte er. Es handle sich um einige sehr wertvolle Unterlagen, unter anderem Mikrofilme, Kopien von Dokumenten aus Wiener Archiven, Unterlagen der Kriegsverbrecherkommission nach dem Zweiten Weltkrieg und anderes mehr. Ein Großteil der Unterlagen sei völlig verbrannt, einiges dürfte aber noch zu retten sein, so Zahirović (siehe auch den Bericht auf 6yka.com).

Das Archiv wurde im Jahr 1947 gegründet. Es enthält Material aus folgenden Bereichen: Öffentliche Verwaltung, Justiz, Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen, Sozialpolitik und Gesundheitswesen, Wirtschaft, Gesellschaftlich-politische Organisationen, Vereine und Verbände, Personen -und Familienfonds, Sammlungen, Bosnisch-herzegowinische Emigration, Ausländische Organisationen in BiH. Das Archiv verfügt u.a. über das Material vom „Nationaltheater Sarajevo“ („Narodno pozorište Sarajevo“, ab dem Jahr 1914) sowie über das Archivmaterial des Nationalmuseums („Zemaljski muzej Bosne i Hercegovine, 1888-). Zu den Sammlungen des Archivs zählen u.a. Kartensammlung, Plakatsammlung (1941-1996) und Stempelsammlung. Außerdem gibt es eine Archivbibliothek.

Der Internationale Archivrat ICA verurteilte am 10.2.2014 in folgender Stellungnahme die Zerstörung des Archivs Bosnien-Herzegowinas:

"ICA condemns the destruction of archives in Bosnia-Herzegovina
On 10 February ICA received confirmation, from the Director of Archives of the Federation of Bosnia and Herzegovina in Sarajevo, that a significant amount of historical archives have been burnt, as a direct result of the actions of protesters on 7 February.
The Archives contain documents from the period from 1878 to 1918, when the Austro-Hungarian Ministry of Finance administered Bosnia, but also earlier archives from the Ottoman period and later archives of the war crimes commission after world war two.
ICA will pass on any more information, which it receives about the extent of the damage, to the global archival community. Meanwhile it condemns unreservedly the destruction that has already taken place, because the memory loss will be permanent. It also trusts that appropriate counter-measures are being taken to prevent any further destruction from occurring. Finally, ICA wishes to express solidarity with colleagues in the Archives of the Federation who will face immense challenges in rebuilding their institution."

Kontakt:
Arhiv Bosne i Hercegovine (Das Archiv Bosnien-Herzegowinas)
Reisa Džemaludina Čauševića 6
71000 Sarajevo
Telefon/Fax: +387 (0) 33 206 492
info(at)arhivbih.gov(dot)ba (derzeit nicht per Mail erreichbar!)
http://www.arhivbih.gov.ba/

Link: http://www.arhivbih.gov.ba

Quelle: Salzburg24.at, 7.2.2014; Der Standard, 8.2.2014; Don Juan Archiv Wien.

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