Blog zu Ostwestfalen-Lippe und den Ersten Weltkrieg 1914-1918

Der „Arbeitskreis ostwestfälisch-lippische Archive“ konnte seit 2007 bereits zwei gemeinsame Wanderausstellungen erarbeiten: zur Pogromnacht 1938 sowie zur Einwanderung nach OWL seit 1945. Mit seinem aktuellen Projekt zum Ersten Weltkrieg beschreitet der Arbeitskreis einen anderen Weg: Als reine Internetpräsentation von Quellen aus der Region OWL zum Ersten Weltkrieg ist es möglich, ganz unterschiedliche, jeweils digitalisierte Quellen aus den OWL-Archiven vorzustellen und zu edieren. Zugleich werden sie niederschwellig für die Nutzung zur Verfügung gestellt.

Schulen und Universitäten, Volkshochschulen und Geschichtsvereine können die Materialien von der Webseite www.owl-archive.de herunterladen und in eigenen Veranstaltungen nutzen. Sie können eine thematische, pädagogische oder örtliche Auswahl treffen, können die Quellen kommentieren und auch weitergehend zu ihrer Erschließung beitragen. Als Web 2.0-Projekt bietet die Online-Präsentation der OWL-Archive zum Ersten Weltkrieg ein Forum für kontinuierlichen fachlichen Austausch, der Nutzern wie Archiven zugute kommt.

Abb.: 'Kriegszug Warburg - Altenbeken - Paris', 20.8.1914 (Foto: Kreisarchiv Paderborn/ Heinrich Müller)

Abb.: „Kriegszug Warburg – Altenbeken – Paris“, 20.8.1914 (Foto: Kreisarchiv Paderborn/ Heinrich Müller); Screenshot der Webseite www.owl-archive.de

Die Quellen werden in der Online-Präsentation als Digitalisate eingestellt, durch eine Transkription oder eine kurze Zusammenfassung inhaltlich vorgestellt sowie historisch eingeordnet. Durch die Verschlagwortung der einzelnen Dokumente, Bilder und Akten können die Quellen unterschiedlich angeordnet werden, so dass die Nutzer eigenen Interessensgebieten nachgehen können und die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Überlieferung kennenlernen.

Dabei ist es ein Kennzeichen des Ersten Weltkriegs, dass es neben dem militärischen Geschehen an der Front zur Einbeziehung der frontfernen Zivilbevölkerung, auch in Ostwestfalen-Lippe, in die Kriegshandlungen kam. Es gab gleichsam eine Tendenz zur Totalisierung des Krieges, indem alle Lebensbereiche, alle gesellschaftlichen Klassen und Altersgruppen in den Krieg involviert wurden, z.B. Schüler als Sammlungshelfer oder in der vormilitärischen Ausbildung. Der Heimat kam eine strategische Rolle als materielles und immaterielles Reservoir für die Kriegsführung zu. Diese Funktion nahm sie entweder aktiv war oder sie war passiv davon betroffen: Als „leidende Heimatfront“ spürte sie die Folgen und Lasten der Kriegsführung und der Kriegsdauer, z.B. durch Bombenangriffe und kriegerische Handlungen hinter der Front, durch Hungersnöte, Versorgungsengpässe, durch die stete Angst und Sorge um Angehörige und Freunde. Als „dienende Heimatfront“ war sie der Ort für Lazarette, Sanatorien, für das Einwerben von Spenden, für Sammelstellen, für die Rüstungsindustrie und die Arbeit in der militärischen Logistik, sie war Nachrichtenbörse (durch Post, Gemeindebriefe etc.) und sah die Trostspendeaufgaben der Kirchen (Trauerfeiern, Seelsorge etc.) und die Gedenkveranstaltungen (auch nach dem Kriege), sie fungierte als Familie als privater Schutzraum (für Soldaten auf „Fronturlaub“) etc. – Intensivstes Medium für den Austausch zwischen Front und Heimatfront war die millionenfache Feldpost.

Die online präsentierte Sammlung „OWL und der Erste Weltkrieg“ resultiert aus unterschiedlichen Provenienzen, Zuständigkeiten und Tätigkeitsfeldern. Sie kann zu neuen lokal- und regionalgeschichtlichen Erkenntnissen verhelfen, z.B. über die Qualität und die Häufigkeit der Kommunikation untereinander (im Ort und in den Familien). Sie kann z.B. über den Umgang mit den Kriegsgefangenen informieren, sie verdeutlicht die Lebensbedingungen während des Kriegsverlaufs und dokumentiert die Gedenkkultur während des Krieges und in der Nachkriegszeit.

Die Dokumente ermöglichen es, einen Zusammenhang von „großer Politik“ und lokalem Geschehen zu erkennen. So schreibt zum Beispiel Pfarrer Ernst Hartmann aus Rödinghausen am 10.11.1918, also am Ende des Krieges in sein Tagebuch: „In Herford hat der Aufruhr ebenfalls gesiegt. Man sagt, der Kaiser & Kronprinz hätten abgedankt. Ebert (Soz[ialdemokrat]) sei Reichskanzler. Lieschen Meier, die von der Beerdigung ihrer Schwester bis Bünde hatte fahren können, war mit ihrem Koffer über Börningh[ausen] zu Fuß nach Oldendorf gegangen, da weiter kein Zug verkehrte. Sie hat selbst gesehen, wie ein Soldat dem Andern die Kokarde [Uniformabzeichen] abgerissen hat.“ – Dies umreißt den Horizont der Menschen an der Heimatfront OWL, so wie es bei Kriegsbeginn auch aus dem Abituraufsatz des Bielefelder Schülers Heinrich Thöne hervorgeht. Über mögliche Konsequenzen, die aus den Kriegserklärungen resultieren könnten, schrieb er bemerkenswert hellsichtig: „Hierdurch ist für uns die Lage sehr ernst geworden. Englands Flotte ist der unsrigen überlegen, wiewohl Deutsche Seeoffiziere im Ringen mit England siegreich zu bestehen glauben. Verbindet sich gar Englands Flotte mit der französischen – woran sich doch kaum zweifeln läßt – so ist die Aussicht auf Sieg sehr gering. Und sollten wir besiegt werden, so wird zweifellos Rußland, dieser slawische Staat, eine Großmachtstellung in Europa einnehmen. Deutschlands Größe wäre dahin, Elsaß-Lothringen gingen verloren, verloren die Deutschen Ostseeprovinzen, sein Handel läge danieder, ungeheure Kriegskosten müßten wir aufbringen.“

Die Online-Präsentation „OWL und der Erste Weltkrieg. Ostwestfalen-Lippe zwischen Front und Heimatfront“ ist am 29. August 2014 gestartet worden. Sie wird in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und dessen Auswirkungen auf Ostwestfalen-Lippe sukzessive um digitalisierte Materialien ergänzt werden. Die OWL-Archive wiederum sind interessiert an Hinweisen der Besucher auf Quellen aus privater Hand, Feldpostbriefe und Fotos beispielsweise, aber auch Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsberichte von Zeitgenossen über die damalige Front und die Heimatfront.

Der AK OWL-Archive ist ein projektbezogener Verbund regionaler Archive vor allem staatlicher, kommunaler und kirchlich-diakonischer Provenienz. An dem Projekt zum Ersten Weltkrieg beteiligten sich bei Beginn folgende Archive:

Kontakt:
Arbeitskreis ostwestfälisch-lippische Archive
c/o Dr. Bärbel Sunderbrink
Stadtarchiv Detmold
Willi-Hofmann-Straße 2
32756 Detmold
05231 / 766110
baerbel.sunderbrink@lav.nrw.de

www.owl-archive.de

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