Das Marienwunder vom Rupertsberg

»Ein Marienbild „aus dem Milch und Blut gerunnen«.

In seiner Reihe „Archivalien erzählen Geschichten“ stellt das Stadtarchiv Bingen das Marienwunder vom Rupertsberg vor. – Die nachfolgende Erzählung des Johannes Trithemius von Sponheim (1462-1516), Abt des Klosters Sponheim bis 1506, danach Abt des Schottenklosters Würzburg, stammt aus dem Jahr 1495.
Es begab sich Anno 1301. Bingen wurde ab dem 13. August durch die Truppen König Albrecht I. belagert, als dieser gegen den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Gerhard II. von Eppenstein kämpfte. Da sich Gerhard II. vorwiegend nicht in Mainz, sondern in Bingen aufhielt, hatte er die Mannschaft zum Schutz der Stadt um 500 Mann verstärkt.

Als Albrecht I. auf Bingen vorrückte, waren die Stadttore natürlich geschlossen und die Mauern und Türme durch die Wachmannschaften bewehrt. So bemächtigte sich Albrecht des Klosters Rupertsberg auf der anderen Naheseite und nahm dort Quartier. Die Klostergebäude wurden als Pferdeställe benutzt und auf den Mauern Vorrichtungen für Wurfgeschosse zum Abschleudern auf die Stadt Bingen angebracht.

Die Nonnen hatten gerade noch rechtzeitig nach Eibingen flüchten können und auch der Erzbischof hatte sich aus Bingen abgesetzt. Letztendlich war die Stadt der Übermacht der königlichen Truppe und dem Beschuss nicht gewachsen. Nach sechs Wochen öffneten die Bürger und Bürgerinnen am 25. September 1301 die Stadttore. Der Schaden und die Spur der Verwüstungen waren groß, als die plündernde Truppe nach der Einnahme der Stadt das Kloster Rupertsberg verließ.


Abb.: Eine Darstellung der 1778 wiedererbauten Marienkapelle. „Prospect“ meint Ansicht, Blickrichtung (Titelbild: Landeshauptarchiv Koblenz)

Zwei Soldaten waren allerdings auf dem Rupertsberg zurückgeblieben. In einer Seitenkapelle, der Marienkapelle, entdeckten sie ein Wandbild der Heiligen Jungfrau Maria, das mit fünf kristallenen Steinen auf der Krone und auf der Brust verziert war. Flugs stieg einer auf den Altar, um die Steine herauszubrechen. Den zweiten befielen aber Skrupel, und er soll gerufen haben „Was machst du, o Elender, was machst du? Höre auf die Mutter der Barmherzigkeit zu berauben“. Doch der erste ließ sich nicht beirren und war gerade am fünften Stein angelangt, der über dem Herzen von Maria angebracht war, als das Bild angefangen habe über und über zu schwitzen. Als der Landsknecht jenen fünften Stein herausriss, floss Blut und Milch in großer Menge aus der Wunde. Vor Schreck bebend versuchte nun der Unglückliche die Stelle mit Staub zu schließen. Doch je stärker er sich darum bemühte, umso reichlicher flossen Blut und Milch aus der Stelle. Geschockt über seinen Frevel, stürzte er sich in den nahen Fluss und ertränkte sich.

Fake News oder einfach eine gute Story?
Ob sich alles so zugetragen hat, wie es Trithemius fast zweihundert Jahre später niedergeschrieben hatte, ist zu bezweifeln. Historiker und Historikerinnen vermuten, dass Trithemius aus zwei Elementen eine Legende schuf: Einerseits die Belagerung 1301 und auf der anderen Seite eine päpstliche Urkunde von 1342, die ein Blutwunder am Rupertsberg dokumentiert. Der Rest ist eine hollywoodreife Legende. Eine Legende, wie sie vielfach am Ende des Mittelalters entstand.

Bildfrevellegenden waren ein fester Bestandteil der damaligen Volksfrömmigkeit. Die Erzählung des Trithemius‘ folgt einem damals gängigen Erzählmuster. Die Bildfrevler wurden unmittelbar durch einen Blut- oder Milchfluss mit ihrer Tat konfrontiert und drastisch bestraft. Allerdings ist nur im Fall des Rupertsberger Bildes die Rede von Blut und Milch, also mit einer sehr heftigen „Körperreaktion“ eines Heiligenbildes und damit auch mit einer besonders starken Mirakelgeschichte.

Wunder sind schon länger Forschungsgegenstand der Medizingeschichte, die insbesondere in den letzten Jahren durch neue Untersuchungsmethoden an Fahrt aufnahm. Sofern kein bewusster Betrug vorlag, waren die verwendeten Materialien entscheidend – und die Ursachen sind entsprechend sehr vielfältig. Relativ häufig war Pilzbefall für Blutwunder (insbesondere im Teig für Hostien) und Kondenswasser für Milchwunder entscheidend.


Abb.: Eine päpstliche Urkunde von 1342 beglaubigt ein Blutwunder am Rupertsberg (Quelle: Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 164, Nr. 65)

Am 12. Juni 1342 wurde den Nonnen des Klosters Rupertsberg von der päpstlichen Kurie eine Ablassurkunde mit prächtigen Miniaturen ausgestellt, wo auf wundersame Weise – wie es in der Ablassurkunde wörtlich heißt – aus dem Herzen eines Marienbildes Blut geflossen war („ubi sanguis fluebat ex corde ymaginis beate Marie“). Anlass und Zeitpunkt hier erstmals belegter mirakulöser Ereignisse, die dem Bild widerfahren seien, überliefern die zeitgenössischen Quellen indes nicht. Bereits 1324 hatte das Kloster um ein Ablassprivileg beim Papst nachgesucht. Von einem besonders heilsvermittelnden, mirakulösen Marienbild in den Mauern ihres Klosters ist in dem Gesuch keine Rede.

Es wird daher heute vermutet, dass sich die damalige außerordentliche Bedeutung, die der Rupertsberger Madonna im Jahre 1342 mit der Ablassurkunde erwiesen wurde, wohl noch nicht allzu lange vor jenem Jahr ergeben hat.

Inhalt der Urkunde: Eine Zusammenfassung (Landeshauptarchiv Koblenz)

„Eine Gruppe von 12 genannten Erzbischöfen und Bischöfen gewährt der Marienkapelle des Benediktinerklosters Rupertsberg, wo auf wundersame Weise aus dem Herzen eines Marienbildes Blut geflossen war, einen Ablass, damit die Kapelle von zahlreichen Gläubigen besucht werde. Alle Büßer, die an den Festen der Kirchenpatrone, am Kirchweihtag und an weiteren Festen, nämlich Weihnachten, Beschneidung des Herrn, Erscheinung des Herrn, Karfreitag, Pfingsten, Trinitatis, Fronleichnam, Kreuzauffindung, Kreuzerhöhung, allen Marienfesten, den Festen Johannes d. Täufers und Johannes d. Evangelisten, der Apostel Petrus und Paulus und aller Apostel und Evangelisten sowie namhafter aufgezählter Heiliger und während der Oktav der genannten Feste, die Kapelle zum Gebet und als Pilger aufsuchen oder die Messen, Predigten, die Matutin, die Vesper oder andere Gottesdienste besuchen, ferner die, die den Leib Christi oder das heilige Öl als Kranke empfangen, diejenigen, die mit gebeugten Knien dreimal Ave Maria beten, die zum Bau, zur Beleuchtung und zum Kirchenschmuck der Kapelle beitragen oder sie irgendwo anders unterstützen, diejenigen, die ihr in Testamenten Gold, Silber und Paramente vermachen oder andere mildtätige Stiftungen an die Kapelle leisten, alle die, die vor dem Marienbild knien und es mit Gebeten grüßen oder Spenden geben, also jeden, der das Vorgenannte oder etwas davon ehrerbietig vollzieht, erhält 40 Tage Ablass von allen auferlegten Bußen.
Siegler: die 12 Aussteller“ (zitiert nach dem Regest des Landeshauptarchivs Koblenz)

Glasreliquiar heute noch im Rupertusschrein?
Den Pilgern und Pilgerinnen, die in den folgenden Jahrhunderten zu dem wundertätigen Marienbild wallfahrten, wurde auch ein Glasreliquiar gezeigt mit der – wie Trithemius in seiner Schrift wörtlich festhält – „schon […] lange Zeit eingetrockneten[n] Flüssigkeit […] aus der verwundeten Brust“ gezeigt.

Wie der Chronist weiterhin berichtet, sei kurze Zeit nach der Freveltat ein Geistlicher in die Kirche gekommen und habe den Strom von Blut und Milch in einem Corporale (Kelchtuch) aufgefangen. Das getränkte Tuch werde in jenem Glas aufbewahrt, das er, Trithemius, auf Bitten der damaligen Äbtissin habe neu fassen lassen. Es wird vermutet, dass der Inhalt des Reliquiars eine weißliche sowie rötliche Färbung aufwies und so die Assoziation von Milch und Blut stützte oder ihren Grund haben dürfte.

Anders als das Rupertsberger Marienbild ist das Glas offenbar erhalten geblieben. Im Eibinger Reliquienschatz von 1709 ist es als „Milch und Blut“ aufgeführt. Seit 1814 soll es sich im Rupertusschrein der Rochuskapelle befinden.


Abb.: Das spätgotische „Portal“ an der Villa Rupertsberg ist ursprünglich wohl die Umfassung des Gnadenbildes (Quelle: Stadt Bingen)

Zeichnungen von dem originalen Marienbild existieren nicht. Erhalten blieb aber wohl seine Umfassung, wie die heutige Forschung annimmt. Sie ist heute in der Villa am Rupertsberg verbaut.

30 Wunder wurden dokumentiert
Die Verehrung des Rupertsberger Marienbildes blieb bis in das 15. Jahrhundert überaus populär. Insgesamt 30 Wunder aus den Jahren 1465 bis 1469 werden in einem Heft dokumentiert, das sich im Landeshauptarchiv in Koblenz befindet. Berichtet wird dort von Blinden, die plötzlich wieder sehen oder Gelähmten, die wieder gehen konnten, Schwerkranken, die wieder Genesung fanden und viele andere Heilungen von Gebrechen und Hilfe in großer Not sind dort notiert.

Ob es diese Wunder wirklich gab und auf die Heilwirkung des Bildes zurückzuführen lassen? Das werden wir nicht mehr erfahren. Die besagte Urkunde sowie viele weitere Urkunden des Klosters Rupertsberg wurden seitens des Landeshauptarchives eingescannt und über den virtuellen Lesesaal der staatlichen Archive von Rheinland-Pfalz öffentlich zugänglich gemacht (der dortige Bestand 164 enthält alle Archivalien des Klosters Rupertsberg, die im Landeshauptarchiv in Koblenz aufbewahrt werden).

Kontakt:
Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz
Landeshauptarchiv Koblenz
Karmeliterstr. 1/3
56068 Koblenz
Tel.: 0261 / 9129-0
Fax: 0261 / 9129-112
post@landeshauptarchiv.de

Stadtarchiv Bingen
Herterstraße 35
55411 Bingen-Bingerbrück
Tel.: 06721 / 184-354
Fax: 06721 / 184-35

Quelle: Stadtarchiv Bingen, Archivalien erzählen Geschichte(n)

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