Pockenimpfungen und Impfpflicht im 18./19. Jahrhundert

Archivalie des Monats September 2021 des Stadtarchivs Lingen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts lösten Pocken (auch „Blattern“ genannt) die Pest als gefährlichste Krankheit ab. Vor allem viele Kinder starben daran. Manche Überlebende behielten Narben zurück oder erblindeten. Schon früh aber wurde erkannt, dass man nach überstandener Erkrankung immun war. Das ermöglichte eine einfache – und durchaus risikoreiche – Form der Impfung: durch die absichtliche Infektion mit den abgeschwächten Viren von Überlebenden.

1777 erreichte eine Anfrage die Stadt Lingen. Der Magistrat sollte die hiesigen Ärzte fragen, wie viele Menschen in den letzten drei Jahren inokuliert, also geimpft worden seien, als wie wirksam sich die Impfung erwiesen habe und ob es unter den Geimpften Todesfälle zu beklagen gebe. Die Rückmeldungen der angefragten Ärzte Hüllesheim und Donckermann waren ernüchternd. Hüllesheim antwortete, „daß meines Wißens alhier und in hiesiger Grafschaft noch niemahlen eine Pockeninoculation geschehen sey und die Leute hierzulande zu diese Inoculation gar nicht incliniren (= neigen), sondern vielmehr selbige verabscheuen.“ Donckermann äußerte sich ähnlich. Er habe sogar gratis Pockenimpfungen angeboten, doch bisher ohne Erfolg. „Die Ursach hiervon ist wohl, daß auf dem platten Lande, selbst bei natürlichen Blattern, kein vernünftiger Medicus zu Raht gezogen wird.“ Im Übrigen hätten sieben seiner eigenen Kinder die Pocken gut überstanden.


Abb.: Impfschein der einjährigen Marianne Kotte aus der Schlachterstraße, unterzeichnet von Dr. van Nes, 1844 (Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 5637)

So blieb nur Hilfe zur Selbsthilfe. Bereits 1768 hatte das medizinische Oberkollegium in Berlin eine Anleitung herausgegeben, was bei einer Pockenerkrankung zu tun sei, wenn kein Arzt zur Verfügung stünde. Die Schrift unterschied zwischen falschen Pocken (Windpocken) und wahren Pocken. Bei letzteren gebe es einen harmlosen Verlauf mit eitrigen Pusteln, die schließlich platzen und austrocknen, und einen schweren, häufig tödlichen Verlauf mit Gliederschmerzen, Hitzewallungen, Zittern, blutigem Stuhl und flachen, ineinander übergehenden Pocken, die mitunter eine grünliche, violette oder schwarze Färbung annehmen konnten. Empfohlen wurden gut gelüftete Zimmer, Brunnenwasser mit Essig und Honig sowie Rhabarbersaft, keinesfalls aber hitzetreibende Nahrung wie Fleisch, Branntwein oder Säfte aus Schafs- und Gänsekot. 1785 wurde die Schrift in Lingen neu gedruckt und unter den Stadtkorporälen verteilt. Als 1796 in Berlin ein weiteres Heft erschien, wurde es ebenfalls in Lingen verbreitet.

Im selben Jahr 1796 wurden in England erstmals in größerem Umfang Kuhpocken verimpft. Das neue Verfahren erwies sich als deutlich sicherer als das alte, und da die Kuh im Lateinischen „vacca“ heißt, nannte man den Impfstoff „Vakzin“. 1803 sprach sich auch der preußische König für die Impfung mit Kuhpocken aus, starben doch in Preußen – wozu auch Lingen damals gehörte – jährlich über 40.000 Menschen. Neben Ärzten sollten nun notfalls auch Landgeistliche, Lehrer und Hebammen die Impfung übernehmen. Für die Impfung mit Kuhpocken warb 1804 auch ein Doktor Faust aus Bückeburg. Sein Aufruf wurde in den größeren Wirtshäusern Lingens ausgehangen: bei Starosky, Cappenberg, Rademaker, Hüvett, Borg, Determann und Huilmann. Ähnlich verfuhr man in Lingen 1805 mit einer Aufforderung des medizinischen Oberkollegiums. Selbst der König, so hieß es dort, habe inzwischen seine Kinder impfen lassen. Impfaufrufe wurden am Lingener Rathaus angeschlagen und in den Kirchen ausgelegt, und die Pfarrer predigten den Eltern von der Kanzel herab, ihre Kinder durch Verimpfung der „Schutzblattern“ vor einer Ansteckung zu bewahren.


Abb.: Aufforderung des medizinischen Oberkollegiums Berlin von 1805, sich impfen zu lassen (Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 2760)

Zur Bekämpfung der Pocken wurde 1814 in Münster ein Zentralausschuss eingerichtet. Die ihm unterstellten Kreisausschüsse hatten für jede Gemeinde einen Arzt oder Wundarzt mit der Impfung zu beauftragen und waren auch für die Beschaffung von Impfstoff verantwortlich. Die Gemeinden sollten nun regelmäßig Listen mit den noch zu impfenden Kindern aufstellen, die Ärzte hingegen Listen mit den geimpften Kindern. Die erste in Lingen erstellte Liste nannte die Namen von 107 noch nicht immunen Kindern. Brachen fortan in einer Gemeinde die Pocken aus, musste der Bürgermeister über dem Eingang des betroffenen Hauses die Aufschrift „Blattern“ anbringen und sich gemeinsam mit Pfarrer und Schullehrer um die Impfung aller Kinder der Gegend bemühen. Außerdem durfte niemand mehr zur Schule, Konfirmation oder Lehre zugelassen werden, wenn er nicht belegen konnte, dass er entweder geimpft war oder die Pocken überstanden hatte, und zwar „durch ein gehoeriges Certificat“, ausgefertigt vom Arzt und beglaubigt vom Bürgermeister.

Zwei Jahre später kam es in Lengerich zu einem Pockenausbruch. Die betroffenen Familien wurden unter die Aufsicht einer Landsturmwache gestellt und durften weder andere Häuser noch den Gottesdienst besuchen. Wer in Lingen noch nicht geimpft war, sollte es nun dringend nachholen. Die Umsetzung konnte sich im Einzelfall jedoch als durchaus schwierig erweisen. Die Magd des Lingener Bürgers Schnebeck war schon zweimal geimpft, doch ohne jede Wirkung, und nun weigerte sie sich, sich ein drittes Mal impfen zu lassen. Und 1819 klagte der Lingener Kreisphysicus Finke, wie wenig Ärzte „bey manchen der hiesigen Einwohner“ ausrichten könnten. Er habe dem Verzeichnis entnommen, dass die vier Kinder des Putzmachers Grun noch immer ungeimpft seien. Er habe ihn also abends besucht und einen Impftermin ausgemacht. Doch dazu ist Grun niemals erschienen. Und das obwohl die Pocken, wie Finke in einem Brief zwei Tage zuvor bemerkt hatte, in der Lingener Umgebung „jetzt sehr stark um sich greiffen“ würden.

Lingen war inzwischen Teil des Königreichs Hannover. Und dort wurde 1821 die allgemeine Impfpflicht eingeführt. Fortan mussten alle Eltern ihre Kinder mit Kuhpocken impfen lassen. Dazu sollten besondere Impfärzte jährlich in jedem Distrikt eine öffentliche Vaccination durchführen, und nach acht bis zehn Tagen wurde jedes Kind zu Hause besucht, um den Erfolg der Impfung zu untersuchen. Eltern, die sich weigerten und nicht zum Impftermin erschienen, mussten eine Geldstrafe zahlen oder notfalls einen Tag im Gefängnis verbringen.

Dennoch kam es auch weiterhin zu Pockenausbrüchen. 1867 etwa wurden die Pocken bei dem Lingener Kaufmann Isaac Friedland festgestellt. Friedland wird zwar erst zwei Jahre später Vorsitzender der neugegründeten Synagogengemeinde werden, Schulunterricht wurde aber schon jetzt in seinem Hause gegeben. Die Lehrerin Borchers fand kurzfristig im Haus des Buchdruckers Sattler ein Ersatzlokal. Nach drei Wochen war Friedland wieder gesund, und die Sperre des Hauses wurde unter verschiedenen Hygieneauflagen wieder aufgehoben. Vor allem während des Deutsch-Französischen Krieges traten Pockeninfektionen vermehrt auf. Im April 1871 beschloss die Stadt deshalb die Einrichtung eines Pockenlazaretts an der Wallpromenade bei Greving, das von der Bevölkerung großräumig gemieden werden sollte. Auch die bei Hanekenfähr untergebrachten französischen Kriegsgefangenen, die zur Aushebung des Ems-Vechte-Kanals eingesetzt wurden, hatten neben zahlreichen anderen Krankheiten mit Pocken zu kämpfen. Erst durch das Reichsimpfgesetz von 1874 wurden flächendeckend alle Deutschen verpflichtet, ihre Kinder impfen zu lassen. Große Pockenepidemien, wie es sie bisher in Deutschland gegeben hatte, blieben danach aus.

Quellen und Literatur:

  • Stadtarchiv Lingen (StadtA LIN), Altes Archiv, Nr. 472, 2760, 2762, 2765, 2766, 2769, 2772, 5636, 5637
  • StadtA LIN, ev.-ref. Kirchenarchiv (Dep), Nr. 134
  • StadtA LIN, Lingensches Wochenblatt vom 16.4.1871
  • Willich, Friedrich Christoph (Hg.): Des Königreichs Hannover Landes-Gesetze und Verordnungen, insbesondere der Fürstenthümer Calenberg, Göttingen und Grubenhagen, Bd. 3, Göttingen 1826.

Kontakt:
Stadtarchiv Lingen (Ems)
Baccumer Straße 22
49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591 / 91671-11
stadtarchiv@lingen.de

Quelle: Stadtarchiv Lingen, Archivalie des Monats September 2021

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