Forschungsprojekt zu den Opfern des Nationalsozialismus in Ingolstadt

Die Zeit des Nationalsozialismus in Ingolstadt aufarbeiten und vor allem den Opfern der Nazi-Diktatur ein Gesicht geben, das ist das Ziel einer neuen Forschungsgruppe, die am Stadtarchiv Ingolstadt angesiedelt ist. Die Aufgabe übernommen haben Lutz Tietmann und Janina Rummel.


Abb.: Lutz Tietmann und Janina Rummel bei der Eröffnung der Ausstellung »KZ überlebt« (Foto: Ulrich Roessle/Stadt Ingolstadt)

Zwar hat es zu den Ingolstädter Opfern des Nationalsozialismus in der Vergangenheit bereits Forschungen gegeben, die sowohl von städtischen Einrichtungen als auch von engagierten Bürgerinnen und Bürgern unternommen wurden. Diese Forschungen beschränkten sich jedoch bewusst auf ausgewählte Opfergruppen und häufig exemplarisch auf einzelne Personen. Über viele Opfergruppen – beispielsweise die der NS-„Euthanasie“ – liegen allerdings bis heute nur wenige bis gar keine Informationen vor. Dementsprechend groß ist die Lücke auch bei der Aufarbeitung und Vermittlung von Opferbiographien.

Um ein Zeichen für eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur zu setzen, wurde im Frühjahr 2021 durch den Ingolstädter Stadtrat einstimmig die Einrichtung einer Forschungsgruppe zur Aufarbeitung der vielfältigen Schicksale der „Opfer des Nationalsozialismus in Ingolstadt“ beschlossen. Die Projektgruppe ist im Stadtarchiv Ingolstadt verortet und bearbeitet seit Juli 2021 als zentrale Handlungsfelder den Dreiklang aus Forschung, Dokumentation und Vermittlung der Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus.

Das Projekt konzentriert sich auf alle Personen, die vor, während oder nach ihrer Verfolgung in Stadt und Landkreis Ingolstadt entweder geboren sind, gewohnt oder gearbeitet haben oder hier gestorben sind. Die bisherige Beschäftigung mit Opfern der NS-Zeit in Ingolstadt rückte primär die Todesfälle in den Fokus. Für die neue Forschungsgruppe werden als „Opfer“ alle Menschen verstanden, die durch das NS-Regime ihrer Menschenwürde beraubt wurden, Schaden an Leib und Leben, Schaden an ihrem Eigentum, den Verlust ihrer Existenzgrundlage oder den Verlust ihrer Heimat erlitten haben.

Ziele des Projektes sind eine möglichst umfassende Identifikation aller Ingolstädter Opfer und Opfergruppen der NS-Zeit, aufbauend auf einer Sichtung und Revision der bereits schon vorhandenen Ergebnisse, allen voran der Arbeiten von Dr. Theodor Straub. Die Rekonstruktion der jeweiligen Schicksale sowie die Dokumentation von Biographien und Quellen in Form einer archivischen Datenbank sollen als Grundlage für die Konzeption von Vermittlungsangeboten für Schülerinnen und Schüler sowie für Erwachsene dienen.

Das Forschungsprojekt hat eine Laufzeit bis Ende 2026 und wurde mit zwei neuen Kräften besetzt. Lutz Tietmann, Diplom-Soziologe mit dem Schwerpunkt betriebliche Weiterbildung, ist den Themen des Projekts seit über dreißig Jahren tief verbunden und engagierte sich in Ingolstadt insbesondere in den Bereichen der Forschungs- und Vermittlungsarbeit, auch im Rahmen der „Initiative für Mahn- und Gedenkstätten in Ingolstadt“. Seine Themenschwerpunkte lagen bisher im Bereich der NS-Wehrmachtsjustiz und der jüdischen Geschichte Ingolstadts. Er trat die Stelle im Forschungsprojekt im Juli 2021 an.

Im August 2021 folgte ihm die Kunsthistorikerin Janina Rummel, die die Forschungsgruppe vervollständigte. Nachdem sie im Stadtarchiv Nürnberg ein Projekt mit stadthistorischem Schwerpunkt betreute, war sie zuletzt für die Museen der Stadt Nürnberg im Bereich der Sammlungsstrategie und der Entwicklung digitaler Vermittlungsformen tätig. Zudem war sie als Kuratorin an verschiedenen analogen sowie digitalen Ausstellungsprojekten beteiligt. Rummel besetzt nun die Stelle mit Schwerpunkt auf Dokumentation und Vermittlung der Forschungsergebnisse.

Als erste öffentlichkeitswirksame Maßnahme betreuten die beiden die neue Sonderausstellung des Stadtmuseums Ingolstadt „KZ überlebt – Porträts von Stefan Hanke“ (s. Abb. oben), die noch bis 27. März 2022 zu sehen ist. Zudem sollen bereits im Frühjahr 2022 erste Forschungsergebnisse in Form eines Online-Gedenkbuches veröffentlicht werden.

Die Ausstellung „KZ überlebt – Porträts von Stefan Hanke“ widmet sich Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager: Wie lebten diese Menschen mit den erlittenen physischen und psychischen Zerstörungen weiter? Diese Frage begleitete den Regensburger Fotografen Stefan Hanke, als er von 2004 an zehn Jahre lang Betroffene aufsuchte. In seinem Projekt „KZ überlebt“ porträtierte er 121 von ihnen in sieben europäischen Ländern. Das Stadtmuseum Ingolstadt zeigt eine Auswahl von 52 Fotografien aus diesem Konvolut, darunter zwei Porträts von Ingolstädter Überlebenden.

Das Stadtarchiv Ingolstadt befindet sich zusammen mit dem Stadtmuseum, dem Spielzeugmuseum und der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in einem ehemaligen Festungsbau aus dem Jahre 1838/43, dem Kavalier Hepp.

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Auf der Schanz 45
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Telefon: 0841 305-1881
Fax: 0841 305-1888
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Quelle: Stadt Ingolstadt, Aktuelle Meldungen, 5.1.2022; Stadtmuseum Ingolstadt, Ausstellung „KZ überlebt“

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