München (SZ). Schon die Zeitgenossen scheint der um 1408/10 verfasste „Ring“ des Toggenburgischen Advokaten Heinrich Wittenwiler eher irritiert als begeistert zu haben: Es existiert nur eine autornahe Handschrift dieser Geschichte von Bertschi Triefnas und Mätzli Rüerenzumph, dem bäurischen Liebespaar aus Lappenhausen, das höfische Lebensform imitieren will und dabei grandios scheitert: ein zweispaltiger Pergamentcodex mit einer einzigen, stilistisch bescheidenen, ikonographisch jedoch eher unüblichen Illustration.
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im Besitz der Herzöge von Sachsen-Meiningen, 1946 vor dem Abtransport in die Sowjetunion gerettet und bis zum Inkrafttreten des Ausgleichsleistungsgesetzes 1994 im Meininger Staatsarchiv verwahrt, konnte nun dieser außergewöhnliche Zeuge eines außergewöhnlichen Texts von der Bayerischen Staatsbibliothek – mit tatkräftiger Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Bayerischen Landesstiftung und des Bundes – erworben werden.
Diese Vermehrung des Bestands an mittelalterlichen Handschriften gab Anlass, einem breiteren Publikum den Blick zu gestatten auf einige der spektakulärsten, gewöhnlich im Tresor schlummernden Überlieferungszeugen deutscher Literatur des Mittelalters: 33 exemplarische Handschriften, durchweg Gipfelwerke, bieten sich im gedämpften Licht der Schatzkammer dem Auge des Betrachters, – ein beeindruckender Querschnitt durch die deutsche Literatur vom Früh- bis ins Spätmittelalter,darunter solche Zimelien wie das „Wessobrunner Gebet“ und der „Heliand“ aus dem 9. oder der Freisinger Codex von Otfrids von Weißenburg „Evangelienharmonie“ vom Anfang des 10. Jahrhunderts, das „Nibelungenlied“ oder die legendäre Handschrift der „Carmina burana“, über die der vorbildliche Katalog ausführlich informiert.
Mittelalterliche volkssprachliche Literatur, so zeigt diese Ausstellung, wurde nicht allein als Text, sondern auch ikonographisch ans Publikum vermittelt. Die Gleichberechtigung von Bild- und Textmedium als Informationsinstanzen ist keineswegs eine Errungenschaft unseres medialen Zeitalters; schon die mittelalterliche Handschrift setzt auf die Deutungsmöglichkeiten beider Medien, wie die preziösen, oberitalienisch beeinflussten Miniaturen im „Jüngeren Titurel“ zeigen, oder die 1455 von dem Augsburger Ratsherrn Hector Mülich in seine Handschrift der Alexanderdichtung des Münchner Hofarztes Johannes Hartlieb eingefügten Federzeichnungen, die den Lektürehorizont in die eigene Gegenwart überführen: Alexander findet das Denkmal seines Vaters nicht, wie im Text, in Ägypten, sondern vor dem Augsburger Rathaus.
Die den Textspalten zugeordneten, in Zeilen gegliederten Bildspalten der „Willehalm“-Fragmente von etwa 1275, die wie ein aus Schriftzeichen komponierter Text „gelesen“ werden müssen, zitieren sogar die Vortragssituation mittelalterlicher Epik herbei. Mit beiden Händen auf die Figuren seiner Erzählung verweisend, steht der Erzähler mitten in der Illustration: Im Bildmedium materialisiert sich die flüchtige Mündlichkeit der Aufführung, in der der geschriebene Text immer wieder neu entsteht.
Bayerische Staatsbibliothek
Ludwigstraße 16,
bis 24.8.2003
täglich 10-17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.
Katalog 12 Euro.
Aus: Süddeutsche Zeitung vom 6.6.2003
