Mit Bergungsbauwerk die restlichen Kölner Archivalien retten

Die Stadt Köln will mit Hilfe eines Bergungsbauwerks auch die letzten Archivalien des Historischen Archivs in Köln aus dem Einbruchtrichter holen. Der Stadtvorstand unter der Leitung von Oberbürgermeister Jürgen Roters hat sich jetzt für die Bergung innerhalb eines 22 mal 16 Meter großen, wasserdichten Bergungs- und Besichtigungsbauwerks ausgesprochen. Grundsätzlich hatte der Hauptausschuss des Rates grünes Licht für ein solches Bauwerk gegeben. Mit der jetzt ins Auge gefassten Variante wird ein Unterwasser-Aushub bis 10 Meter unter dem mittleren Grundwasserstand möglich. Die Bergung erfolgt seit dem Einsturz unter der Leitung der Kölner Berufsfeuerwehr. Sie wurde in den ersten Wochen von rund 1.800 Einsatzkräften anderer Feuerwehren, Rettungsdiensten sowie freiwilligen Helferinnen und Helfern unterstützt. Insgesamt wurden an der Einsturzstelle von allen beteiligten Organisationen bis heute circa 27.000 Einsatzstunden geleistet.

Die in der so genannten „Variante 2a“ von mehreren geprüften Entwürfen zusammengefasste Vorgehensweise stellt sicher, dass alle für die Ursachenforschung notwendigen Untersuchungsmöglichkeiten gesichert sind und damit die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft unterstützt werden. Es werden noch ungefähr 5 bis 10 Prozent der insgesamt 30 Regalkilometer umfassenden Archivbestände in diesem Bereich vermutet. Nach dem jetzt vorgelegten Zeitplan könnten die restlichen Archivalien im Frühjahr 2010 aus dem Grundwasser geborgen werden.

Etwa 85 Prozent des Archivmaterials sind seit dem 3. März 2009 unterstützt durch freiwillige Helferinnen und Helfer geborgen, gesichert und einer ersten Behandlung unterzogen worden. 19 Archive sowie zahlreiche Archivarinnen und Archivare aus der gesamten Bundesrepublik haben in einer einzigartigen Hilfsaktion die Bestände vorübergehend aufgenommen. Ab 2010 werden die Archivalien in einem angemieteten Hochregallager in Köln-Porz untergebracht und anschließend in einem Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum restauriert.

Bis zur Fertigstellung des neuen Historischen Archivs am Eifelwall wird die Verwaltung des Archivs in einem Gebäude am Heumarkt 14 untergebracht. Dort soll es dann auch wieder eine Ausstellung geben und einen digitalen Lesesaal. Die Mikrofilme des Archivs werden derzeit digitalisiert. Von den bisher geborgenen Archivalien weisen 35 Prozent schwerste Schäden auf, 40 bis 50 Prozent mittlere Schäden und 15 bis 25 Prozent leichte Schäden. Beispielsweise haben einige wertvolle Pergamenturkunden zum Teil nur leichte Beschädigungen, manche Siegel und Tonträger weisen schwere Schäden auf, und es gibt zahlreiche Einzelfragmente jeglicher Art.

Die Kosten der Restaurierungsarbeiten werden derzeit auf rund 350 bis 400 Millionen Euro geschätzt, der Gesamtschaden für die Stadt Köln wird auf eine halbe Milliarde Euro kalkuliert. Unabhängig von Schadensersatzforderungen an den noch durch die Staatsanwaltschaft zu ermittelnden Verursacher wird die erste Versicherungsleistung mit 61 Millionen Euro kurzfristig erwartet, eine Stiftung „StadtGedächtnis“ wird durch die Stadt Köln vorbereitet. Der städtische Etat des nächsten Jahres weist außerdem zunächst 10 Millionen Euro für die ersten Restaurierungsarbeiten auf. Die Stadt Köln verhandelt derzeit mit Bund und Land über finanzielle Beiträge. Das Kölner Archiv gilt als das größte deutsche kommunale Archiv. Unter anderem besitzt das Kölner Stadtarchiv rund 30 Regalkilometer Akten und Amtsbücher, 65.000 Urkunden ab dem Jahr 922, 1.800 Handschriften, 200.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate, 5.000 Tonträger, Filme und Videos, mehr als 500.000 Fotos zu Kölner Ereignissen, mehr als 800 Sammlungen und Nachlässe, darunter die des Komponisten Jacques Offenbach, des Schriftstellers Heinrich Böll und des Reichskanzlers Wilhelm Marx. Für den Wiederaufbau des Historischen Archivs hat die Verwaltung inzwischen verschiedene, parallel arbeitende Projektgruppen gebildet.

„Es fällt schwer, angesichts der Dimension des Unglücks eine Zwischenbilanz zu den Maßnahmen, Folgen und zur Ursachenforschung zum Einsturz des Historischen Archivs in der gebotenen Kürze vorzulegen. Die Ursache und damit die Verantwortung für dieses Unglück und den Tod von zwei jungen Menschen ist noch nicht ermittelt und die Auswirkungen für die Menschen und das Gedächtnis dieser Stadt sind so tiefgreifend und vielschichtig, dass nüchterne Bilanzen nur einen Teil des Geschehens abbilden können. Denn man muss auch darstellen, dass in der Bewältigung der Katastrophe Köln Herausragendes geleistet hat. Die spontane und anhaltende Hilfsbereitschaft, das Können der Fachleute, der menschliche Zuspruch der betreuenden Helferinnen und Helfer, der unermüdliche Einsatz von Firmen, Organisationen und Freiwilligen, die Unterstützung, die Solidarität, die unmittelbar nach dem Unglück in Köln einsetzte und bis heute anhält – das ist das Herausragende in der Bewältigung des Geschehens“, so Oberbürgermeister Jürgen Roters in einem Vorwort zu einem speziellen Jahresrückblick zum Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln.

Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln als Folge unterirdischer Massebewegungen ein und sackte mit insgesamt 30 Kilometern Archivmaterial in den unterirdischen Trichter. Teile des Bauwerks kippten in das unterirdische Gleisbauwerk der im Bau befindlichen Nord-Süd-U-Bahn. Gleichzeitig stürzte ein benachbartes Wohngebäude in den Trichter und riss zwei Menschen in den Tod.

Unter Lebensgefahr hatten sowohl Bauarbeiter aus der Baugrube als auch der Haustechniker und die Aufsicht des Lesesaals des Historischen Archivs Besucherinnen und Besucher sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs und auf der Straße befindliche Passanten vor dem absackenden Untergrund warnen können und hatten auf diese Weise über 30 Personen, die sich im Historischen Archiv befanden, und eine nicht bezifferbare Anzahl von Menschen auf der Straße das Leben gerettet.

Das Unglück forderte zwei Todesopfer, den 17-jährigen Auszubildenden Kevin und den 23-jährigen Geschäftsmann Khalil. Beide bewohnten das Nachbarhaus, das mit dem Archiv in den Trichter stürzte. 47 Haushalte aus den benachbarten Häusern, die wegen Standunsicherheit im Laufe der nächsten Stunden und Tage abgerissen werden mussten, verloren ihre Wohnungen. Wertvollste Dokumente, Urkunden, Siegel, Noten, komplette Privatarchive, Zeugnisse aus allen Jahrhunderten der 2.000 Jahre alten Stadt Köln vermischten sich mit dem Schutt der eingestürzten Wände, Dächer und Geröll und fielen teilweise bis in eine Tiefe von zehn Metern unterhalb der Grundwasseroberkante. Über 1.200 Kölner Schülerinnen und Schüler aus dem benachbarten Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, der Kaiserin-Augusta-Schule und der Schule für Sehbehinderte des Landschaftsverbandes mussten kurzfristig in anderen Gebäuden untergebracht werden. Bürogebäude wurden zerstört, Bewohnerinnen und Bewohner eines benachbarten Altenheimes und weiter entfernt liegender Wohngebäude mussten übergangsweise ihre Räume verlassen und konnten erst Tage später wieder zurückkehren.

In einer Leitentscheidung des Krisenstabes entschloss sich die Stadt Köln, die Suche nach den damals Vermissten beiden Bewohnern des eingestürzten Wohngebäudes von Anfang an ohne Zeiteinbuße mit der Bergung des Archivmaterials zu verbinden und stellte damit die Rettungskräfte vor eine extrem hohe Anforderung. Diese Entscheidung wurde ermöglicht durch eine eigene hochqualifizierte Führungscrew im Rettungswesen, die auf Hilfskräfte aus der Region und der gesamten Bundesrepublik bei der Suche nach den Vermissten und der Bergung des Archivgutes zurückgreifen konnte.

Innerhalb weniger Stunden wurden die ersten Sicherungsmaßnahmen zur Stabilisierung der mit Archivalien vermischten Schuttberge eingeleitet und die Maßnahmen zum Bau von Notdächern begonnen. Von Beginn an wurden alle Rettungsmaßnahmen durch Spezialistinnen und Spezialisten, unabhängige Gutachterinnen und Gutachter sowie Beraterinnen und Berater begleitet.

Am dritten und am neunten Tag nach dem Einsturz des Archivs konnten die beiden vermissten Personen tot in dem Schuttberg und in dem inzwischen auf 9 Meter unter Straßenniveau abgegrabenen Schuttkegel geborgen werden.

1.800 freiwillige Helferinnen und Helfer nahmen teilweise weite Anreisen, unter anderem aus der Tschechischen Republik, den Niederlanden und Belgien, in Kauf, um die „Erstversorgung“ der Archivalien zu unterstützen. Sie wurden von der Stadt in besonderen Unterkünften aufgenommen und versorgt.

Die Stadt Köln hat in einem offiziellen Empfang allen Helferinnen und Helfern sowie den Einsatzkräften für ihren beispiellosen Einsatz gedankt.

Quelle: Stadt Köln, Pressemitteilung, 18.12.2009

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