Handschrift von Mittelalter-Mathematiker Francisco de Mello im Stadtarchiv Stralsund entdeckt

Im Stadtarchiv Stralsund sind fast alle älteren Archiv- und Bibliotheksbestände katalogisiert und für die Nutzung zugänglich. In diesen Beständen befinden sich zahlreiche Raritäten aus unterschiedlichen Jahrhunderten wie Urkunden, Bibeln, Breviere, Inkunabeln, Karten und Chroniken. "Jahrhunderte lang lagerte aber im Bestand eine Handschrift aus dem Jahre 1521, dessen außergewöhnliche Bedeutung wir erahnt, aber erst jetzt hinreichend belegen können. Bei dieser Analyse unterstützte uns maßgeblich der Fachmann auf dem Gebiet mittelalterlicher Handschriften, Dr. Jürgen Geiß, von der Staatsbibliothek zu Berlin", so die Leiterin des Stadtarchivs Dr. Regina Nehmzow.

Die Handschrift mit Kommentaren zur antiken Perspektiven- und Spiegellehre sowie zur Hydrostatik von Euklid bzw. Archimedes stammt aus der Privatsammlung des ehemaligen schwedischen Generalgouverneurs Axel Graf von Löwen, der diese 1761 testamentarisch der Stadt Stralsund übereignete.

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Abb.: Die Eingangsseite der Handschrift von Francisco de Mello (1490-1536) © dapd

Der Verfasser des auf Pergament geschriebenen außergewöhnlichen Buches ist der Portugiese Francisco de Mello. Er wurde 1490 in Lissabon als Sohn eines angesehenen Adligen geboren. Die Familie pflegte enge Kontakte zum portugiesischen Königshaus und Manuel I. (Regierungszeit 1489-1521) schickte den begabten jungen Mann nach Paris zum Studium, wo er von 1512 bis 1521 an der Artistenfakultät Mathematik und Theologie studierte. Sein Lehrer war Pierre Brissot, der ihm Grundlagenwissen in der Arbeit mit den Werken von Euklid und Archimedes vermittelte.

In Paris schloss er sich Personen an, die humanistisches Gedankengut vertraten. Zu seinen Freunden zählte u.a. der Mathematiker Gaspar de Lax, der Philosoph, Mathematiker und Schriftsteller Nicolas Clenard und der Philosoph, Jurist und Pädagoge Juan Luis Vivès. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich wurde de Mello Lehrer der königlichen Nachkommen. Darüber hinaus war er auch als Mathematiker und Geograph an der Universität in Lissabon tätig, wo er zeitweilig auch als Rektor amtierte. De Mello gilt als wichtigster Mathematiker Portugals vor Pedro Nunes, dem bedeutendsten portugiesischen Astronomen des 16. Jahrhunderts. Er starb in seiner Heimat am 27.4.1536 kurz nach seiner Ernennung zum Bischof der portugiesischen Kolonie Goa in Westindien.

Während seines Studiums beschäftigte sich de Mello insbesondere mit Euklids Optik und der Hydrostatik von Archimedes und schrieb zu diesen Themen das vorliegende Buch, das nach jüngsten Untersuchungen als Widmungsexemplar für den portugiesischen König angefertigt wurde. Die Handschrift mit prachtvollen Ausschmückungen ist in einem professionellen Schreib- und Malatelier in Paris angefertigt worden.

Die ursprüngliche These, dass das Buch nach der Zerstörung der Königlichen Bibliothek durch das Erdbeben in Lissabon von 1755 dort entwendet wurde und auf bislang unbekanntem Weg in den Besitz des schwedischen Feldherren und späteren Generalgouverneurs von Schwedisch-Pommern Axel Graf von Löwen gelangte, kann nach neueren Untersuchungen nicht mehr bestätigt werden. Nach Kontakten mit Prof. Henrique Leitão vom Institut für die Geschichte der Naturwissenschaften der Universität Lissabon gilt als gesichert, dass die außergewöhnliche Handschrift im 17. Jahrhundert an einen portugiesischen Mathematiker verkauft wurde. Später ist sie dann in den antiquarischen Buchhandel gelangt.

Zu welchem Zeitpunkt das Buch durch den Bibliophilen Axel Graf von Löwen angekauft wurde, ist bislang ungeklärt. Inzwischen gibt es Kontakte zu portugiesischen Wissenschaftlern und Medien, die großes Interesse an der Handschrift bekunden. Die Frage nach einem möglichen Verkauf an den portugiesischen Staat wurde abschlägig beantwortet.

Am 28.6.2012 wird die Handschrift um 17 Uhr im Kapitelsaal des Johannisklosters der Öffentlichkeit präsentiert. Danach ist sie bis zum 15.7.2012 durch alle Interessierten zu besichtigen.

Kontakt:
Hansestadt Stralsund
Stadtarchiv
Am Johanniskloster 35
18439 Stralsund
Tel.: (0 38 31) 66 64 66 und 66 64 88
Fax: (0 38 31) 66 64 64
stadtarchiv@stralsund.de
www.stralsund.de/stadtarchiv

Quelle: Hansestadt Stralsund, Pressemitteilung, 24.5.2012

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