Ungewisse Wege. Flucht, Vertreibung, Genozid zur Zeit des Ersten Weltkriegs

36. Symposion des NÖ Instituts für Landeskunde gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung und dem Zentrum für Migrationsforschung

Amstetten, 4. bis 6. Juli 2016

Begründung und Zielsetzung des Symposions

An den östlichen und südöstlichen Frontlinien des Ersten Weltkrieges kam es immer wieder zu Phasen, in denen sich die Kampfräume rasch und über weite Distanzen verschoben. Dadurch wurden insbesondere in Gebieten wie Galizien und Russisch-Polen (heute zu Polen bzw. der Ukraine zugehörig), auf der Balkanhalbinsel sowie in Kleinasien wesentlich weitere Teile der Zivilbevölkerung von den direkten Kriegsfolgen getroffen, als dies in den vergleichsweise eng abgegrenzten Aktionsräumen im Westen der Fall war. Diese direkten Kriegsfolgen konnten sehr unterschiedliche Gestalt annehmen. Das Spektrum reichte von Tod und Verwundung im unmittelbaren Gefolge der Kampfhandlungen (Artilleriefeuer auf Städte, Dörfer etc.) über vielfältige Ausformungen von Vertreibung (erzwungene Evakuierung, Deportation, Flucht infolge mehr oder weniger systematischer Vernichtung der Lebensgrundlage) bis zu planmäßigem Massenmord und Genozid nach ethnisch-religiösen Kriterien. Gemeinsam war diesen Phänomenen, dass sie das Ausmaß humanitärer Katastrophen erreichten, wie es sie bis dahin zeitgleich und in derart weiten Gebieten nicht gegeben hatte.

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Abb.: Zivilbevölkerung in Galizien im Frontgebiet (NÖLA)

Das Symposion widmet sich in einem ersten Schwerpunkt den oben kurz beschriebenen direkten Kriegsfolgen, wobei das Massenphänomen Flucht und Vertreibung im Zentrum der Betrachtung steht. Dabei werden dessen unterschiedliche Ausformungen ebenso wie die politisch-administrativen Reaktionsmuster der betroffenen Staaten thematisiert und in Vergleich gesetzt. Österreich Ungarn etwa setzte in Galizien umfangreiche Evakuierungen der ruthenischen Zivilbevölkerung in Gang, wobei es nicht nur um deren Schutz ging, sondern ebenso darum, eine mögliche Kollaboration mit der russischen Armee zu verhindern. Russland wiederum setzte im Falle der Rücknahme seiner Fronten wesentlich weniger administrative Maßnahmen hinsichtlich der eigenen Zivilbevölkerung. Die Menschen blieben weitgehend sich selbst überlassen, zugleich vernichtete die sich zurückziehende Armee deren Lebensmittelvorräte und Ernten um den nachstoßenden Achsenmächten Versorgungsschwierigkeiten zu bereiten. In Anatolien schließlich ging die osmanische Staatsgewalt aktiv gegen ausgewählte Teile der eigenen Zivilbevölkerung vor. Die christlichen Minderheiten der Armenier, Assyrer und Griechen wurden pauschal der Kollaboration mit Russland bzw. der Entente verdächtigt, was den jungtürkischen Machthabern als Vorwand für deren Enteignung und physische Vernichtung diente. Der Hergang dieser genozidalen Ereignisse und deren aktuelle Bewertung werden ebenfalls Thema des Symposiums sein.

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Abb.: Ruthenische (ukrainische) Mädchen im Lager Gmünd (NÖLB, TS 17.538)

Zweitens werden am Beispiel Niederösterreichs die Auswirkungen der erzwungenen Massenbewegungen aus der Perspektive des Hinterlandes betrachtet. Alleine in den Lagern des Landes Niederösterreich hielten sich zeitweilig an die 250.000 Menschen auf, wobei das Spektrum von Kriegsgefangenen über Deportierte („Evakuierte“) bis hin zu Flüchtlingen reichte. Der Großteil dieser Lager verschwand, in Einzelfällen entwickelten sich aus ihnen eigene neue Stadtteile wie dies beispielsweise in Gmünd der Fall war. Das „Ruthenenlager“, das größte seiner Art in der Monarchie, wurde zum heutigen „Gmünd Zwei“.

Einen dritten Schwerpunkt bildet eine offene Diskussionsplattform für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in Form von moderierten Round Table Gesprächen konzipiert ist. Hier erhalten Historiker aus der Region, Heimatforscher, Vertreter der Zivilgesellschaft und die interessierte Öffentlichkeit generell die Möglichkeit, Gespräche mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über das Phänomen der erzwungenen Migration zu diskutieren. Neben der historischen Perspektive werden bewusst aktuelle Bezüge gesucht und angesprochen.

Weitere Informationen und das Programm finden Sie unter:

http://www.noe.gv.at/Bildung/Landeskundliche-Forschung/Aktuelle-Projekte/Symposion_2016.html

Veranstalter:
NÖ Institut für Landeskunde, St. PöltenQR-Symposion_2016

Tagungsleitung
Mag. Elisabeth Loinig, MAS

Veranstaltungsort
3300 Amstetten
Rathaussaal, Rathausstraße 1

Anmeldung
post.k2institut@noel.gv.at

Tagungsbüro
Öffnungszeiten
Mo, Die 8:30–17:30, Mi 8:30–12:30

Teilnahmegebühr
€ 20,– (inkl. Tagungsmappe, Rahmenprogramm);
Studierende (bis 26 Jahre) kostenlos.

Unterkunft
Kultur- und Tourismusbüro Amstetten
Hauptplatz 29, 3300 Amstetten

Öffnungszeiten: Mo–Fr 9-17 Uhr  und Sa 9–12 Uhr
Tel. +43 07472 601-454
info@amstetten.noe.gv.at

Kontakt
NÖ Institut für Landeskunde,
3109 St. Pölten, Landhausplatz 1,
Tel. 02742 9005 16255
post.k2institut@noel.gv.at

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