In italienischer Kriegsgefangenschaft – Korrespondenzkarten von Richard Müller an seine Frau

Archivale des Monats Januar 2019 des Südtiroler Landesarchivs

Bis Ende Oktober 1918 hatte die italienische Seite etwa 180.000 auf zahlreiche, über die ganze Halbinsel und die Inseln verstreute Lager aufgeteilte Kriegsgefangene verzeichnet. Nach Unterzeichnung der Waffenstillstandserklärung am 3. November 1918 und dem unmittelbar darauf folgenden ungeordneten Rückzug der österreichisch-ungarischen Truppen, fielen den rasch nachstoßenden italienischen und alliierten Truppen weitere 300.000 österreichische Militärangehörige in die Hände, was nicht zuletzt eine gewaltige logistische Herausforderung bedeutete.

Die Bedingungen in den Lagern waren sehr unterschiedlich, in einigen führten die Gefangenen ein erträgliches Leben und waren gut versorgt, in anderen dagegen starben die Soldaten auf Grund von Kälte, Unterernährung oder Krankheiten (Cholera, Ruhr) zu Tausenden – so etwa auf der Insel Asinara. Zu den physischen Leiden kamen bei vielen Soldaten auch seelische Qualen: Das Gefühl der Isolation, die Traumatisierung durch extreme Gewalterfahrungen, Schikanen durch Mitgefangene, endloses Warten auf Entlassung und vor allem die Sorge um die Angehörigen trieben viele Gefangene in Resignation, Depression bis hin zum Wahnsinn.

Abb.: Nachlass Helene und Richard Müller, Nr. 6 (Südtiroler Landesarchiv)

Richard Müller hatte als Leutnant augenscheinlich mehr Glück als viele einfache Soldaten. Er scheint nicht schlecht behandelt worden zu sein und genügend Nahrung erhalten zu haben. Die höheren Dienstgrade wurden meist bevorzugt behandelt, waren besser untergebracht, genossen verschiedene „Privilegien“ und waren von Zwangsarbeit befreit. Was Müller in seinen Karten jedoch erwähnt, das ist die auch für ihn zermürbende Sorge um das Wohlergehen seiner Familie, von der er mehr als zwei Monate ohne Nachricht war, da die im Spätherbst/Winter 1918/19 von ihm verschickten Korrespondenzkarten ihr Ziel augenscheinlich nicht erreicht hatten.

Wie viele andere Angehörige der k. u. k. Truppen war der 1883 in Wien geborene und seit 1913 mit Helene Hinträger aus Gries verheiratete Richard Wilhelm Müller, von 1915 bis 1918 Landsturm-Ingenieur an der Südwestfront im Einsatz, kurz nach dem Waffenstillstand in italienische Gefangenschaft geraten. Müller musste mehrmals Lager wechseln, so war er nach eigenen Angaben zunächst in Verona, sodann in Bellagio am Comer See und S. Pellegrino di Bergamo interniert gewesen, während er seine Karte Anfang Februar 1919 aus dem Lager in Portoferraio auf der Insel Elba schrieb. In einer seiner Karten deutete er an, dass vor 1885 Geborene bevorzugt entlassen werden sollten und tatsächlich konnte Müller bereits Ende März 1919 nach Bozen zurückkehren, während der Großteil der österreichisch-ungarischen Truppen erst ab Juli 1919 heimkehren durfte. Nach seiner Rückkehr unterrichtete Müller wie schon vor dem Krieg an der Staatsgewerbeschule in Bozen. Zwischen 1935 und 1939 durchlebte er auf Grund verschiedener Auseinandersetzungen mit den lokalen faschistischen Behörden einige Jahre der Strafversetzung in Süd- und Mittelitalien, nach seiner Rückkehr nach Bozen war er von 1940 bis 1943 Mitglied der sogenannten Kulturkommission des SS-Ahnenerbes und wirkte an der Erhebung der Baudenkmäler Südtirols mit. Nach Kriegsende unterrichtete Richard Müller wieder an der Gewerbeschule in Bozen, der er bis zu seinem Tod im Dezember 1954 auch als Direktor vorstand.

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Quelle: Südtiroler Landesarchiv, Archivale des Monats, 18.1.2019

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