Das feministische Archiv FFBIZ ist in Gefahr

Einladung zur Unterzeichnung eines Offenen Briefes an die Berliner Politik.

Hunderte Frauen wollten 1978 in Berlin eine der wichtigsten Sammlungen der historischen Frauenbewegung retten. Sie gründeten dafür ein autonomes Bildungs- und Forschungszentrum, das Frauen jeden Alters und Bildungsgrads offenstand. Die turbulente Geschichte des feministischen Archivs FFBIZ dauert bis heute an und steht exemplarisch für ein feministisches Projekt zwischen Existenzkampf und Selbstermächtigung. – Nun wendet sich das FFBIZ mit einem Offenen Brief an die Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Landespolitik, an den Senat und an die Bürgermeisterkandidatinnen – und bittet zugleich um dessen Unterzeichnung:

Das das feministische Archiv FFBIZ ist eines der ältesten und bedeutendsten Frauenbewegungsarchive in Deutschland und die bestandsgrößte Einrichtung ihrer Art. Es dokumentiert die Geschichte der Frauenbewegungen seit 1968 sowie die Entwicklungen, die von ihnen ausgingen. Gesammelt werden Dokumente, Bücher, Fotos, Audios und Videos sowie Objekte zu Frauenbewegungen, Feminismus und Queerfeminismus. Die Materialien stammen aus Berlin, der Bundesrepublik und der ganzen Welt. Das Archivgut, das in traditionellen Einrichtungen lange als nicht archivwürdig galt, wird kontinuierlich erschlossen, professionell archiviert und zur öffentlichen Nutzung bereitgestellt. Genutzt wird es von Forschenden, Kurator*innen, Studierenden, Schüler*innen, Journalist*innen oder Aktivist*innen. Sie kommen aus ganz Deutschland, Europa und auch aus dem außereuropäischen Ausland nach Berlin, um das feministische Archiv FFBIZ zu nutzen.

Bereits jetzt läuft unser Archivbetrieb am Limit. Mit drei Teilzeitstellen entsprechend einem Stellenvolumen von nicht einmal 2 Vollzeitstellen bewältigen wir ständig wachsende Nutzungszahlen, erschließen und archivieren. Unser Magazin platzt aus allen Nähten, es gibt kaum noch Platz für neue Materialzugänge, wir brauchen dringend neue Räume. Mitten in dieser ohnehin kritischen Lage hat der Senat im Juni 2021 einen Haushaltsentwurf verabschiedet, der vorsieht die Zuwendungen für das FFBIZ um 20% zu kürzen. Eine Teilzeitstelle müsste dann ganz wegfallen. Die beiden anderen Teilzeitstellen müssten weiter gekürzt werden. Das Archiv soll mit etwas mehr als einer Vollzeitstelle betrieben werden. Das ist im bisherigen Umfang schlicht nicht möglich. Die Kürzungen würden daher konkret bedeuten:
– stark reduzierte Öffnungszeiten
– eingeschränkte Erreichbarkeit
– nur noch vereinzelt Bearbeitung von neuen Beständen
– keine Veranstaltungen mehr
– Suche nach größeren Räumen würde unmöglich, daher perspektivisch keine Annahme von Materialspenden mehr.

Auch wenn dieser Haushaltsentwurf vom neuen Berliner Senat noch einmal nachverhandelt wird, steht fest: Kürzungen in diesem Ausmaß gefährden aktiv die Überlieferung von feministischer und Frauenbewegungsgeschichte in Berlin und dürfen so nicht umgesetzt werden. Die Bewahrung feministischer Geschichte hat ihren Preis. Wir sind ein essentielles Stück feministischer Bewegung und Berliner Geschichte, das eine stabile Arbeitsgrundlage braucht. Wir schließen uns den Forderungen des Berliner Frauennetzwerk bfn an und fordern für das FFBIZ eine verlässliche und bessere Finanzierung durch das Land Berlin, um endlich in angemessenere Räume umziehen sowie eine sichere Arbeitsgrundlage mit mindestens zwei Vollzeitstellen realisieren zu können.

Das FFBIZ bittet um das Unterschreiben und Teilen des offenen Briefes an die Berliner Bürgermeisterkandidat*innen, die gleichstellungs- und haushaltspolitischen Sprecher*innen und die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung: https://ffbiz.de/offenerbrief

Über die Geschichte des FFBIZ – das feministische Archiv schreibt Friederike Mehl auf dessen Homepage:

Im Laufe der 1980er Jahre entwickelte sich das FFBIZ zu einem festen Bestandteil der feministischen Infrastruktur West-Berlins und war in Bezirk und Stadt wie auch als Teil westdeutscher und internationaler Bündnisse vernetzt. Die FFBIZ-Frauen wirkten bei etlichen Kampagnen mit: Anti-AKW und für Frauenhäuser, gegen die Volkszählung 1987 und für feministische Medien, Anti-§ 218 und für Frauenmärsche, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zentraler Bestandteil des Zentrums waren die Arbeitsgruppen: Lesben, Buchfrauen und VHS-Dozentinnen trafen sich zum Austausch, Frauen beschäftigten sich mit dem Archiv, der Bibliothek und Medien, mit Frauenarbeit, -erwerbslosigkeit und der sogenannten „Dritten Welt“, sie betrieben Zeitzeuginnenprojekte zu Frauen in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus und in der Neuen Frauenbewegung. Kurzum: die Themen der Bewegung fanden durch AGs ihren Platz im FFBIZ – und damit auch in dessen Archiv.

Jahrelang forderten die FFBIZ-Frauen finanzielle Unterstützung vom Berliner Senat. Dies bedurfte politischen Taktierens, starken Rückhalts in der Community und viel Geduld. Die Miete zahlten sie zunächst aus Mitglieds- und Kursgebühren, Raummieten von Gruppen und Spenden. Schließlich revidierten die Frauen ihre Ablehnungshaltung gegenüber dem sogenannten ‚Fink-Topf‘, einem in der Alternativszene umstrittenen Förderinstrument für Selbsthilfeprojekte des Berliner Senats (benannt nach Senator Ulf Fink). Ab 1985 erhielten sie daraus Mietzuschüsse, Sachmittel und eine Stelle „mit untertariflicher Bezahlung“. Die Gelder standen jedoch in keinem Verhältnis zum Bedarf. Zum zehnten FFBIZ-Geburtstag resümierte Mitfrau Gisela Vollradt: „der größte Teil unserer Arbeit […] ist pure Selbstausbeutung“.

Bis Ende der 1990er konnte sich das FFBIZ trotz finanzieller und interner Turbulenzen gut halten. Im Jahr 2003 drohte der Berliner Senat schließlich seine ohnehin geringen Zuschüsse substanziell zu kürzen. Die FFBIZ-Frauen warteten nicht auf Gewissheit und suchten neue Räume. Schließlich gingen sie eine Kooperation mit dem Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung ein, das ihnen einen Büroplatz und ein professionelles Archivmagazin anbot. Die Charlottenburger Instanz konnte damit als unabhängige Einrichtung fortbestehen, musste aber die Heimatgefilde verlassen.

Mit dem Umzug in den Osten Berlins verlor das FFBIZ eine entscheidende Ressource: den Anschluss an die Frauen, die die Frauenbewegung getragen hatten (die sich ihrerseits in den 1990er Jahren stark gewandelt hatte). Der Verlust der Basis bedeutete einen Bruch mit dem Selbstverständnis des Zentrums, das sich nun vollkommen auf die Archiv- und Bibliotheksarbeit konzentrierte. Auf den örtlichen folgte 2011 der Generationenwechsel, als die Mitgründerin und langjährige Leiterin, Ursula Nienhaus, in den Ruhestand ging.

Orts- und Generationenwechsel stellten das FFBIZ vor eine – für Bewegungsarchive typische – Herausforderung: „Archivarbeit [lebt] doch davon, Teil einer oder mehrerer ‚Bewegungen‘ zu sein“, schrieb Roman Klarfeld, nachdem er die Leitung des FFBIZ übernommen hatte. In Anbetracht der jüngeren Umbrüche gelte es, das Archiv als ein Zentrum weiterzuentwickeln, das „zur Vermittlung zwischen feministischen Generationen und feministischen Strömungen beiträgt.“ Um diese Rolle auszufüllen, hat das FFBIZ-Team begonnen im Kontext der Debatten um einen intersektionalen Feminismus die eigene Sammlungspraxis offensiver als politisches Projekt einer mehrheitlich weißen Frauenbewegung zu problematisieren. Außerdem werden Kontakte zu ehemaligen und gegenwärtigen feministischen Aktivist*innen und Interessierten gestärkt, etwa durch Lesekreise, Filmreihen und Zeitzeug*innen-Interviews. Um aktuelle Bewegungen im Archiv abzubilden, sind neben neuen Begegnungen auch neue Ansätze in der Archivarbeit notwendig. Es bedarf technischer (und rechtlicher) Lösungen, etwa um Netzdebatten abzubilden, die aktuelle Diskurse maßgeblich prägen.

Auch jenseits analoger und digitaler Archivarbeit bleibt das FFBIZ ein politisches Projekt – mit offenen Forderungen. Die Förderung des Senats ist bis heute nicht gesichert, sondern wird jährlich neu entschieden. Zudem stößt das Magazin aufgrund des massiv wachsenden Bestands an seine Grenzen. Aus diesen Gründen ist das FFBIZ eins der Projekte, die sich für ein Elberskirchen-Hirschfeld-Haus in Berlin – einen Ort der Dokumentation und Erforschung queerer und feministischer Geschichte – einsetzen. 40 Jahre nach dem ersten Aufruf bleibt die Vision eines lebendigen und autonomen FFBIZ damit so aktuell wie am ersten Tag.

Kontakt:
Das feministische Archiv FFBIZ
Eldenaer Straße 35
10247 Berlin
+49 30 95 61 26 78
info@ffbiz.de
www.ffbiz.de

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