Die Archive der jüdischen Gemeinden Griechenlands kehren heim

Gegen Ausgleichsleistungen gibt Russland Dokumente der jüdischen Gemeinden des Landes zurück.

Fast 80 Jahre nach dem Raub durch die deutschen Nationalsozialisten am 11. Juli 1942 kehren die Archive der jüdischen Gemeinden Griechenlands sowie Kultusgegenstände und Bücher aus jüdischen Stiftungen in ihre Heimat zurück, wie die Jüdische Allgemeine berichtet. Diese Überlieferung befand sich seit Mai 1945 zunächst im Besitz der Sowjetunion und später der Russischen Föderation.

Das Archiv zum jüdischen Leben in Griechenland war von Soldaten der Roten Armee durch Zufall entdeckt worden. Verhandlungen auf höchster Ebene entwickelten sich im Lauf der vergangenen Jahrzehnte zu einer Prestigefrage für Russland wie für Griechenland. Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis konnte bei seinem Besuch in Moskau im Dezember 2021 zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Schlusspunkt unter das schwierige Kapitel setzen.


Abb.: Der russische Präsident Wladimir Putin kündigt während einer Pressekonferenz am 8.12.2021 mit dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis die Übergabe der Archive der jüdischen Gemeinden an, die 1945 nach Moskau verbracht worden waren (Foto: KIS.gr)

Griechenland muss dafür, dass das russische Militärarchiv in Moskau das Archiv der griechischen Juden jahrzehntelang »aufbewahrt« hat, Entschädigungszahlungen an Moskau leisten. Und Griechenland wird im Gegenzug für die Rückgabe der jüdischen Archivalien das Archiv des zaristischen Konsulats in Chania auf der Insel Kreta an Russland übergeben. – Das Archiv wird, wenn das Holocaust-Museum in Thessaloniki fertiggestellt sein wird, allen Interessierten zur Verfügung stehen. Die Geschichte des Judentums in Griechenland reicht mehr als 2500 Jahre zurück.

Heute leben noch rund 5.000 Juden in Griechenland. Während der Schoa wurden 70.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder, knapp 70 Prozent der damaligen Gemeindemitglieder, ermordet. Am schlimmsten traf es die zu fast 95 Prozent ausgelöschte Gemeinde von Thessaloniki. „Für uns, die Israelitische Gemeinde Thessalonikis, ist die Rückkehr der Archive aus Moskau etwas sehr Wichtiges, es ist unsere Geschichte. Wir alle müssen wissen, was passiert ist, das Verbrechen, wie es passiert ist, und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir florierende Gemeinden, die eine große Rolle im Handel, in der Buchproduktion und in der Musik spielen, fast vollständig verloren haben“, kommentierte der Vorsitzende des Zentralrats und der Gemeinde von Thessaloniki, David Saltiel, gegenüber der Nachrichtenagentur AMNA die frohe Kunde von der Rückkehr des Archivs.


Abb.: Erfassung jüdischer Männer zur Zwangsarbeit, Propagandaaufnahme der Wehrmacht (Juli 1942) (Bundesarchiv, Bild 101I-168-0894-19A / Dick / CC-BY-SA 3.0)

Die Archivbestände, Bücher und Kultgegenstände der jüdischen Gemeinde waren von deutschen Einheiten am 11. Juli 1942 geraubt worden, als 30 Synagogen, Bibliotheken und Gemeindeeinrichtungen in Thessaloniki geplündert worden sind. – Am 7. Juli 1942 hatte der Befehlshaber Saloniki-Ägäis, General Curt von Krenzki, die Anordnung zur Zwangsarbeit für alle männlichen unbeschäftigten Juden griechischer Staatsangehörigkeit im Alter von 18 bis 45 Jahren erlassen. Am 11. Juli 1942, einem Sabbath, hatten sie sich auf dem Freiheitsplatz zur Musterung und Erfassung zur Zwangsarbeit versammeln („Schwarzer Sabbath“). Etwa 3.500 von rund 8.000 Juden, die kein Beschäftigungsverhältnis nachweisen konnten, wurden zwangsverpflichtet und vorwiegend im Straßenbau eingesetzt, dafür in malariaverseuchte Sümpfe geschickt, oder sie mussten Schwerarbeit in Chrombergwerken leisten. Die gesamte Aktion trug alle Merkmale der „Vernichtung durch Arbeit“.

Quelle: Wassilis Aswestopoulos: Ein Archiv kehrt heim, in: Jüdische Allgemeine, 3.1.2022; greekreporter.gr, 8.12.2021; The Central Board of Jewish Communities in Greece / KIS.gr, 8.12.2021; Central Board of Jewish Communities in Greece, Pressemitteilung, 9.12.2021; Israelischer Botschafter in Griechenland begrüßt die Rückgabe der Archive der jüdischen Gemeinden (engl.), in: ANA-MPA, 9.12.2021; Art. Jüdische Gemeinde Thessaloniki, in: Wikipedia, 17.6.2021; Holocaust Memorial Thessalonikis, in: Gedenkorte Europa.eu

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